Wirk-, Blind- und Scheinleistung
Beim Gleichstrom ist Leistung eine einfache Sache: Spannung mal Strom, fertig. Im Wechselstromkreis wird es kniffliger. Sobald Spulen oder Kondensatoren im Spiel sind, fließt ein Teil der Leistung gar nicht in nutzbare Arbeit, sondern pendelt nur zwischen Quelle und Verbraucher hin und her. Genau deshalb braucht es drei verschiedene Begriffe: Wirkleistung, Blindleistung und Scheinleistung.
Diese Unterscheidung ist keine theoretische Spielerei. Sie entscheidet, wie groß ein Transformator ausgelegt werden muss, wie dick ein Kabel sein darf und – in gewerblichen Anlagen – wie hoch die Stromrechnung ausfällt. Wer das Leistungsdreieck verstanden hat, kann all das einordnen.
Vorwissen
- Wechselspannung und ihre Kenngrößen (Effektivwert, Frequenz)
- Phasenverschiebung zwischen Strom und Spannung
- Trigonometrie am rechtwinkligen Dreieck (Sinus, Cosinus, Satz des Pythagoras)
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- erklären, warum im Wechselstromkreis zwischen Wirk-, Blind- und Scheinleistung unterschieden wird
- Wirkleistung P, Blindleistung Q und Scheinleistung S aus Spannung, Strom und Phasenwinkel berechnen
- die drei Leistungsarten im Leistungsdreieck geometrisch zueinander in Beziehung setzen
- die Einheiten W, var und VA korrekt zuordnen und unterscheiden
- erklären, warum Blindleistung in der gewerblichen Praxis Kosten verursacht
1. Warum drei verschiedene Leistungen?
Bei einem reinen Wirkwiderstand – etwa einer Heizwendel – sind Strom und Spannung im gleichen Takt. Beide erreichen gleichzeitig ihren Höchstwert, beide gehen gleichzeitig durch null. Die Leistung in jedem Augenblick ist das Produkt der beiden Momentanwerte:
p = u · i
- p … Momentanleistung in W
- u … Momentanwert der Spannung in V
- i … Momentanwert des Stroms in A
Solange Strom und Spannung im Gleichtakt schwingen, ist dieses Produkt immer positiv oder null. Auch wenn beide gleichzeitig negativ werden, ergibt das Produkt einen positiven Wert. Der Verbraucher nimmt durchgehend Energie auf.
Anders wird es, sobald eine Spule oder ein Kondensator im Stromkreis sitzt. Diese Bauteile speichern Energie und geben sie wieder ab. Dadurch verschiebt sich der Strom zeitlich gegen die Spannung – es entsteht eine Phasenverschiebung, beschrieben durch den Winkel φ (phi). Der Strom „hinkt nach“ oder „eilt voraus“.
Was passiert dann mit dem Produkt u · i? In den Zeitabschnitten, in denen Spannung und Strom unterschiedliche Vorzeichen haben, wird das Produkt negativ. Negative Leistung bedeutet: In diesem Moment fließt Energie nicht zum Verbraucher, sondern wieder zurück zur Quelle. Der Energiespeicher gibt zurück, was er kurz zuvor aufgenommen hat.
Über eine ganze Periode gemittelt bleibt nur der Teil übrig, der tatsächlich beim Verbraucher „hängenbleibt“. Der hin- und herpendelnde Anteil mittelt sich weg. Genau aus dieser Beobachtung entstehen die drei Leistungsbegriffe: ein Anteil, der wirklich arbeitet, ein Anteil, der nur pendelt, und die Summe, die die Leitung trotzdem führen muss.
Die folgende Grafik zeigt qualitativ den Verlauf über eine Periode. Entscheidend ist nicht die genaue mathematische Form, sondern die Aussage: Bei Phasenverschiebung wandert die Leistungskurve zeitweise unter die Nulllinie.
Die rote Leistungskurve liegt überwiegend im positiven Bereich, taucht aber bei jeder Halbwelle kurz unter die Nulllinie. Diese negativen Abschnitte sind die zurückgespeiste Energie. Je größer die Phasenverschiebung, desto tiefer und länger taucht die Kurve nach unten – und desto kleiner wird der nutzbare Mittelwert.
In einem Wechselstromkreis mit ohmsch-induktiver Last wird die Momentanleistung p(t) in bestimmten Zeitabschnitten negativ. Was bedeutet das physikalisch?
- a) Im Magnetfeld der Spule gespeicherte Energie fließt kurzzeitig zur Quelle zurück
- b) Der Verbraucher ist defekt und nimmt keine Leistung mehr auf
- c) Die Spannung hat in diesem Moment ihr Vorzeichen verloren
- d) Es liegt ein Kurzschluss im Stromkreis vor
Richtig: a)
Negative Momentanleistung bedeutet, dass der Energiefluss seine Richtung umkehrt – die zuvor im Magnetfeld der Spule gespeicherte Energie wird an die Quelle zurückgegeben. Antwort a und d beschreiben Defekte, die mit der normalen Energiependelung nichts zu tun haben. Antwort c verwechselt den negativen Augenblickswert der Leistung mit dem Vorzeichen der Spannung; die Spannung schwingt unabhängig weiter.
Warum genügt im reinen Gleichstromkreis die einfache Beziehung Leistung = Spannung · Strom, während im Wechselstromkreis drei Leistungsbegriffe nötig werden?
- a) Weil im Gleichstromkreis keine Spannung anliegt
- b) Weil im Gleichstromkreis der Strom konstant null ist
- c) Weil im Gleichstromkreis keine zeitliche Phasenverschiebung zwischen Strom und Spannung auftreten kann
- d) Weil Gleichstrom grundsätzlich keine Leistung übertragen kann
Richtig: c)
Im Gleichstromkreis gibt es keine periodisch wechselnden Größen und damit keine Phasenverschiebung – Strom und Spannung sind konstant, ihr Produkt ist die gesamte Leistung. Die drei Leistungsbegriffe entstehen erst durch die zeitliche Verschiebung zwischen Strom und Spannung im Wechselstromkreis. Die Antworten a, b und d sind sachlich falsch, da im Gleichstromkreis sowohl Spannung als auch Strom vorhanden sind und Leistung übertragen wird.
2. Wirkleistung P
Die Wirkleistung is der Teil der Leistung, der tatsächlich umgesetzt wird – in Wärme, Licht, Bewegung. Das ist die Leistung, die „etwas tut“ und die man auf dem Stromzähler eines Haushalts bezahlt. Sie entspricht dem Mittelwert der Momentanleistung über eine Periode.
Berechnet wird sie aus Effektivwert der Spannung, Effektivwert des Stroms und dem Cosinus des Phasenwinkels:
P = U · I · cos φ
- P … Wirkleistung in W (Watt)
- U … Effektivwert der Spannung in V
- I … Effektivwert des Stroms in A
- cos φ … Leistungsfaktor (Verhältniszahl ohne Einheit)
Der Faktor cos φ beschreibt, welcher Anteil der insgesamt transportierten Leistung wirklich arbeitet. Bei reinem Wirkwiderstand ist φ = 0°, also cos φ = 1 – die gesamte Leistung ist Wirkleistung. Je größer die Phasenverschiebung, desto kleiner wird cos φ and desto weniger der transportierten Leistung kommt als Arbeit an. Der Leistungsfaktor ist ein eigenes, größeres Thema; hier genügt es, ihn als diesen „Arbeitsanteil“ zu verstehen.
Die Einheit der Wirkleistung ist das Watt (W), bei größeren Anlagen Kilowatt (kW).
Gelöstes Beispiel
Ein Verbraucher liegt an 230 V und nimmt einen Strom von 8 A auf. Der Leistungsfaktor beträgt cos φ = 0,85. Wie groß ist die Wirkleistung?
Gegeben: U = 230 V, I = 8 A, cos φ = 0,85
Gesucht: P in W
Lösungweg:
- Formel ansetzen: P = U · I · cos φ
- Werte einsetzen: P = 230 V · 8 A · 0,85
Ergebnis: P = 1564 W ≈ 1,56 kW
Übungen
Eine Glühlampe (rein ohmsch) liegt an 230 V und nimmt 0,26 A auf. Wie groß ist die Wirkleistung?
Bei rein ohmscher Last ist cos φ = 1. P = 230 V · 0,26 A · 1 = 59,8 W ≈ 60 W.
Ein Gerät zieht an 230 V einen Strom von 5 A bei cos φ = 0,92. Berechne die Wirkleistung.
P = 230 V · 5 A · 0,92 = 1058 W.
Ein Motor nimmt an 400 V einen Strom von 12 A auf, cos φ = 0,8. Wie groß ist die aufgenommene Wirkleistung (einphasige Betrachtung)?
P = 400 V · 12 A · 0,8 = 3840 W = 3,84 kW.
Ein Verbraucher hat eine Wirkleistung von 2200 W bei 230 V und cos φ = 0,95. Welcher Strom fließt?
Aus P = U · I · cos φ folgt I = P / (U · cos φ) = 2200 / (230 · 0,95) = 10,07 A.
Zwei Verbraucher sind parallel an 230 V: einer rein ohmsch mit 1000 W, einer mit 800 W bei cos φ = 0,7. Wie groß ist die gesamte Wirkleistung?
Wirkleistungen addieren sich direkt, unabhängig vom Phasenwinkel: P_ges = 1000 W + 800 W = 1800 W.
Ein Elektromotor und eine gleich große Heizwendel nehmen beide denselben Strom bei gleicher Spannung auf. Welche Aussage über die Wirkleistung ist korrekt?
- a) Motor und Heizwendel haben dieselbe Wirkleistung, weil Spannung und Strom gleich sind
- b) Der Motor hat die höhere Wirkleistung, weil er mechanische Arbeit leistet
- c) Die Wirkleistung lässt sich ohne Kenntnis des Wirkungsgrades nicht vergleichen
- d) Die Heizwendel hat die höhere Wirkleistung, weil ihr cos φ größer ist
Richtig: d)
Bei gleicher Spannung und gleichem Strom entscheidet allein der Leistungsfaktor über die Wirkleistung. Die Heizwendel ist rein ohmsch (cos φ = 1), der Motor hat durch seine Induktivität ein cos φ < 1. Damit ist P = U · I · cos φ bei der Heizwendel größer. Antwort a ignoriert den Faktor cos φ. Antwort b verwechselt „leistet Arbeit“ mit höherer Wirkleistung. Antwort c ist falsch, weil zur Wirkleistung kein Wirkungsgrad nötig ist.
Ein Verbraucher nimmt 1500 W Wirkleistung an 230 V auf. Der Leistungsfaktor sinkt von 0,95 auf 0,80, die Wirkleistung bleibt gleich. Was passiert mit dem aufgenommenen Strom?
- a) Der Strom bleibt unverändert, weil die Wirkleistung gleich bleibt
- b) Der Strom sinkt, weil cos φ kleiner wird
- c) Der Strom steigt, weil bei gleicher Wirkleistung ein kleineres cos φ mehr Strom erfordert
- d) Der Strom halbiert sich
Richtig: c)
Aus I = P / (U · cos φ) folgt: Wird cos φ kleiner, während P und U gleich bleiben, steigt der Strom. Bei 0,95 sind es rund 6,9 A, bei 0,80 rund 8,2 A. Antwort a übersieht die Abhängigkeit vom Leistungsfaktor. Antwort b dreht die Richtung um. Antwort d nennt einen willkürlichen Wert ohne Grundlage.
3. Blindleistung Q
Die Blindleistung ist der Teil, der zwischen Quelle und Energiespeicher hin- und herpendelt, ohne je in nutzbare Arbeit überzugehen. Sie ist genau jener Anteil, der im Diagramm aus Kapitel 1 für die negativen Abschnitte der Leistungskurve sorgt. Über eine ganze Periode gemittelt ist ihr Beitrag zur verrichteten Arbeit null – und trotzdem ist sie da und belastet das Netz.
Berechnet wird sie mit dem Sinus des Phasenwinkels:
Q = U · I · sin φ
- Q … Blindleistung in var (Voltampere reaktiv)
- U … Effektivwert der Spannung in V
- I … Effektivwert des Stroms in A
- sin φ … Sinus des Phasenwinkels
Die Einheit ist das var (Voltampere reaktiv), um sie klar von der Wirkleistung in Watt zu trennen. Bei größeren Anlagen kvar.
Blindleistung tritt in zwei Ausprägungen auf. Induktive Blindleistung entsteht an Spulen – also an Motoren, Transformatoren, Drosseln. Hier eilt der Strom der Spannung nach. Kapazitive Blindleistung entsteht an Kondensatoren, hier eilt der Strom voraus. Die beiden wirken einander entgegen: Kapazitive Blindleistung kann induktive ganz oder teilweise ausgleichen. Genau das nutzt man bei der Blindleistungskompensation, einem eigenen Thema.
Auch wenn Blindleistung keine Arbeit verrichtet – kostenlos ist sie nicht. Der Blindstrom fließt real durch Leitungen, Wicklungen und Schaltgeräte. Er erzeugt dort Verluste und belegt Übertragungskapazität, die dann für Wirkleistung fehlt. Eine Anlage mit viel Blindleistung braucht dickere Kabel und größere Trafos als eine gleich „starke“ Anlage ohne Blindanteil.
Gelöstes Beispiel
Ein Motor liegt an 230 V und nimmt 10 A auf. Der Phasenwinkel beträgt φ = 36,87° (entspricht cos φ = 0,8). Wie groß ist die Blindleistung?
Gegeben: U = 230 V, I = 10 A, φ = 36,87°, also sin φ = 0,6
Gesucht: Q in var
Lösungsweg:
- Formel ansetzen: Q = U · I · sin φ
- Werte einsetzen: Q = 230 V · 10 A · 0,6
Ergebnis: Q = 1380 var ≈ 1,38 kvar
Übungen
Eine Drossel liegt an 230 V, der Strom beträgt 4 A, sin φ = 0,9. Wie groß ist die Blindleistung?
Q = 230 V · 4 A · 0,9 = 828 var.
Ein Verbraucher zieht an 400 V einen Strom von 6 A, φ = 30° (sin φ = 0,5). Berechne die Blindleistung.
Q = 400 V · 6 A · 0,5 = 1200 var = 1,2 kvar.
Ein rein ohmscher Verbraucher liegt an 230 V mit 3 A. Wie groß ist seine Blindleistung?
Bei rein ohmscher Last ist φ = 0°, sin φ = 0. Q = 230 · 3 · 0 = 0 var. Ein ohmscher Verbraucher hat keine Blindleistung.
Ein Motor nimmt an 230 V einen Strom von 9 A bei cos φ = 0,7 auf. Wie groß ist die Blindleistung? (Hinweis: sin φ aus cos φ bestimmen.)
sin φ = √(1 − 0,7²) = √(1 − 0,49) = √0,51 = 0,714. Q = 230 · 9 · 0,714 = 1478 var ≈ 1,48 kvar.
Zu einer Anlage mit 2000 var induktiver Blindleistung wird ein Kondensator mit 1500 var kapazitiver Blindleistung parallelgeschaltet. Welche Blindleistung verbleibt im Netz?
Kapazitive und induktive Blindleistung wirken gegeneinander: Q_rest = 2000 var − 1500 var = 500 var (induktiv). Genau dieses Prinzip nutzt die Kompensation.
Eine Anlage enthält Motoren mit insgesamt 5 kvar induktiver Blindleistung. Es werden Kondensatoren mit 5 kvar kapazitiver Blindleistung parallelgeschaltet. Was geschieht mit der vom Netz gelieferten Blindleistung?
- a) Sie wird im Idealfall null, weil sich induktive und kapazitive Blindleistung aufheben
- b) Sie verdoppelt sich auf 10 kvar
- c) Sie bleibt unverändert bei 5 kvar
- d) Sie wird in Wirkleistung umgewandelt
Richtig: a)
Induktive und kapazitive Blindleistung haben entgegengesetzte Wirkung. Sind sie gleich groß, heben sie sich auf, und das Netz muss im Idealfall keine Blindleistung mehr liefern – die Energie pendelt nur noch zwischen Spulen und Kondensatoren innerhalb der Anlage. Antwort b addiert fälschlich Beträge gleicher Art. Antwort c ignoriert die Kompensation. Antwort d ist physikalisch unmöglich, da Blindleistung nicht in Wirkleistung übergeht.
Warum verursacht Blindleistung Kosten und technischen Aufwand, obwohl sie im Mittel keine Arbeit verrichtet?
- a) Weil Blindleistung direkt in Wärme umgesetzt wird
- b) Weil der zugehörige Blindstrom real durch Leitungen fließt, dort ohmsche Verluste erzeugt und Übertragungskapazität belegt
- c) Weil Blindleistung den Leistungsfaktor über 1 anhebt
- d) Weil Blindleistung die Spannung im Netz erhöht
Richtig: b)
Der Blindstrom ist ein echter Strom in den Leitern. Er erzeugt dort ohmsche Verluste (Wirkleistung) und belegt Querschnitt, der dann für Wirkstrom fehlt – deshalb müssen Kabel und Trafos größer ausgelegt werden. Antwort a verwechselt Blindleistung mit den durch sie verursachten Verlusten. Antwort c ist falsch, da cos φ nie größer als 1 wird. Antwort d beschreibt keinen allgemein gültigen Zusammenhang.
4. Scheinleistung S und das Leistungsdreieck
Die Scheinleistung ist das, was die Leitung wirklich führen muss – das schlichte Produkt aus Spannung und Strom, ohne Rücksicht auf die Phasenlage:
S = U · I
- S … Scheinleistung in VA (Voltampere)
- U … Effektivwert der Spannung in V
- I … Effektivwert des Stroms in A
Die Einheit ist das Voltampere (VA), bei größeren Anlagen kVA. Die Scheinleistung ist immer mindestens so groß wie die Wirkleistung. Nur bei rein ohmscher Last sind beide gleich.
Wirk-, Blind- und Scheinleistung hängen geometrisch zusammen. Trägt man Wirkleistung und Blindleistung als zwei rechtwinklig zueinander stehende Strecken auf, ist die Scheinleistung die Hypotenuse. Das ist das Leistungsdreieck:
Aus dem rechtwinkligen Dreieck folgt direkt der Satz des Pythagoras:
S² = P² + Q²
- S … Scheinleistung in VA
- P … Wirkleistung in W
- Q … Blindleistung in var
Und der Leistungsfaktor ist das Verhältnis von Wirk- zu Scheinleistung:
cos φ = P / S
- cos φ … Leistungsfaktor (ohne Einheit)
- P … Wirkleistung in W
- S … Scheinleistung in VA
Damit schließt sich der Kreis: cos φ aus Kapitel 2 ist nichts anderes als der Anteil, den die Wirkleistung an der Scheinleistung hat.
In der Praxis: Transformatoren und Generatoren werden in VA bzw. kVA bemessen, nicht in Watt. Der Grund liegt im Leistungsdreieck: Das Gerät muss den gesamten Strom führen können, der sich aus der Scheinleistung ergibt – egal, wie viel davon Wirk- und wie viel Blindanteil ist. Ein 100-kVA-Trafo kann bei cos φ = 0,8 nur 80 kW Wirkleistung liefern, der Rest seiner Kapazität geht für die Blindleistung drauf.
Mit den folgenden Eingaben lassen sich alle drei Leistungen und der Leistungsfaktor gleichzeitig berechnen. So wird sichtbar, wie sich beim Verstellen des Winkels die Aufteilung zwischen Wirk- und Blindanteil verschiebt, während die Scheinleistung nur von U und I abhängt.
Gelöstes Beispiel
Ein Verbraucher liegt an 230 V und nimmt 16 A auf, cos φ = 0,8. Berechne Scheinleistung, Wirkleistung und Blindleistung.
Gegeben: U = 230 V, I = 16 A, cos φ = 0,8, also sin φ = 0,6
Gesucht: S, P, Q
Lösungsweg:
- Scheinleistung: S = U · I = 230 V · 16 A = 3680 VA
- Wirkleistung: P = S · cos φ = 3680 VA · 0,8 = 2944 W
- Blindleistung: Q = S · sin φ = 3680 VA · 0,6 = 2208 var
Ergebnis: S = 3680 VA, P = 2944 W, Q = 2208 var
Übungen
Ein Verbraucher zieht an 230 V einen Strom von 20 A. Wie groß ist die Scheinleistung?
S = U · I = 230 V · 20 A = 4600 VA = 4,6 kVA.
Eine Anlage hat P = 6 kW Wirkleistung und Q = 8 kvar Blindleistung. Wie groß ist die Scheinleistung?
S = √(P² + Q²) = √(6² + 8²) = √(36 + 64) = √100 = 10 kVA.
Ein Verbraucher hat S = 5000 VA und P = 4000 W. Wie groß ist der Leistungsfaktor?
cos φ = P / S = 4000 / 5000 = 0,8.
Eine Anlage hat S = 12 kVA bei cos φ = 0,9. Berechne Wirk- und Blindleistung.
P = S · cos φ = 12 · 0,9 = 10,8 kW. sin φ = √(1 − 0,9²) = √0,19 = 0,436. Q = S · sin φ = 12 · 0,436 = 5,23 kvar. Kontrolle: √(10,8² + 5,23²) = √(116,6 + 27,4) = √144 = 12 kVA. ✓
Ein Drehstromtransformator liefert maximal 250 kVA. Ein Betrieb belastet ihn mit 200 kW Wirkleistung bei cos φ = 0,7. Reicht der Trafo aus?
Benötigte Scheinleistung S = P / cos φ = 200 / 0,7 = 285,7 kVA. Das übersteigt die 250 kVA des Trafos – er reicht nicht aus. Erst eine Kompensation auf besseres cos φ würde die benötigte Scheinleistung senken.
Ein 100-kVA-Transformator versorgt einen Betrieb. Bei welchem Leistungsfaktor kann er die größte Wirkleistung abgeben?
- a) Bei cos φ = 0,5
- b) Bei cos φ = 0,7
- c) Der Leistungsfaktor hat keinen Einfluss auf die abgebbare Wirkleistung
- d) Bei cos φ = 1,0
Richtig: d)
Aus P = S · cos φ folgt: Je näher cos φ bei 1 liegt, desto mehr der Scheinleistung wird als Wirkleistung nutzbar. Bei cos φ = 1 wäre die volle Scheinleistung von 100 kVA als 100 kW Wirkleistung verfügbar. Die Antworten a und b liefern kleinere Wirkleistungen (50 kW bzw. 70 kW). Antwort c widerspricht der Grundbeziehung des Leistungsdreiecks.
Eine Anlage hat P = 9 kW und S = 15 kVA. Wie groß ist die Blindleistung?
- a) 6 kvar
- b) 12 kvar
- c) 24 kvar
- d) 18 kvar
Richtig: b)
Aus S² = P² + Q² folgt Q = √(S² − P²) = √(15² − 9²) = √(225 − 81) = √144 = 12 kvar. Antwort a (6 kvar) entsteht durch fälschliche einfache Subtraktion 15 − 9. Antwort c und d ergeben sich aus falschen Rechenwegen und halten der Pythagoras-Kontrolle nicht stand.
Warum ist die Scheinleistung niemals kleiner als die Wirkleistung?
- a) Weil die Blindleistung immer größer als die Wirkleistung ist
- b) Weil S die Hypotenuse im Leistungsdreieck ist und damit nie kürzer als eine Kathete sein kann
- c) Weil die Scheinleistung in einer kleineren Einheit gemessen wird
- d) Weil cos φ immer kleiner als 1 ist
Richtig: b)
Im rechtwinkligen Leistungsdreieck ist S die Hypotenuse, P und Q sind die Katheten. Die Hypotenuse ist immer mindestens so lang wie jede Kathete – im Grenzfall Q = 0 sind S und P gleich groß. Antwort a ist falsch, Blindleistung kann auch null sein. Antwort c ist sachlich unsinnig. Antwort d gilt nicht allgemein, da cos φ bei ohmscher Last genau 1 ist.
5. Leistungen im praktischen Zusammenhang
Die drei Leistungen sind keine getrennten Welten, sondern drei Blickwinkel auf dasselbe Geschehen. Die Scheinleistung sagt, was die Anlage technisch fordert. Die Wirkleistung sagt, was nutzbar ankommt. Die Blindleistung ist die Differenz, die das System mitschleppen muss. Über das Leistungsdreieck lässt sich jederzeit von zwei bekannten Größen auf die dritte schließen:
P = S · cos φ
Q = S · sin φ
S = √(P² + Q²)
- P … Wirkleistung in W
- Q … Blindleistung in var
- S … Scheinleistung in VA
Auf dem Motortypenschild findet man diese Größen wieder. Angegeben ist die mechanische Abgabeleistung in kW (eine Wirkleistung) und der Leistungsfaktor cos φ. Daraus lässt sich rückrechnen, welchen Strom der Motor zieht und welche Scheinleistung das Netz bereitstellen muss. Ein Motor mit schlechtem cos φ braucht für dieselbe mechanische Leistung mehr Strom – und damit größer dimensionierte Zuleitungen und Schutzorgane.
Für den Energieversorger ist die Blindleistung ein wirtschaftlicher Hebel. Der Blindstrom belastet die Netze und erzeugt Leitungsverluste, ohne dass dabei verkaufbare Arbeit entsteht. Deshalb wird in gewerblichen Anlagen nicht nur die Wirkarbeit abgerechnet: Der Netzbetreiber stellt Scheinleistung bereit (Netzbereitstellung) und verrechnet darüber hinaus bezogene Blindarbeit gesondert. Üblich ist die Vorgabe eines Mindest-Leistungsfaktors – häufig cos φ = 0,9. Unterschreitet ein Betrieb diesen Wert, fallen für die übersteigende Blindarbeit zusätzliche Kosten an.
Genau hier setzt die Blindleistungskompensation an: Sie hebt den Leistungsfaktor an, sodass der Blindarbeitsbezug unter die Verrechnungsgrenze sinkt. Das ist ein eigenes Thema und wird dort ausführlich behandelt.
Gelöstes Beispiel
Ein Betrieb bezieht 50 kW Wirkleistung bei cos φ = 0,75. Der Netzbetreiber verlangt mindestens cos φ = 0,9. Wie groß ist die aktuelle Scheinleistung, und welche Scheinleistung ergäbe sich bei cos φ = 0,9 (gleiche Wirkleistung)?
Gegeben: P = 50 kW, cos φ_alt = 0,75, cos φ_neu = 0,9
Gesucht: S_alt, S_neu
Lösungsweg:
- Scheinleistung aktuell: S_alt = P / cos φ_alt = 50 / 0,75 = 66,7 kVA
- Scheinleistung nach Kompensation: S_neu = P / cos φ_neu = 50 / 0,9 = 55,6 kVA
Ergebnis: Die Scheinleistung sinkt von 66,7 kVA auf 55,6 kVA – das Netz und die Betriebsmittel werden um rund 11 kVA entlastet, bei gleicher nutzbarer Wirkleistung.
Übungen
Ein Motor hat laut Typenschild 7,5 kW Abgabeleistung bei cos φ = 0,82 and einem Wirkungsgrad, der hier vernachlässigt wird (Aufnahme = Abgabe angenommen). Wie groß ist die aufgenommene Scheinleistung?
S = P / cos φ = 7,5 / 0,82 = 9,15 kVA.
Eine Anlage bezieht 30 kW bei cos φ = 0,7. Wie groß ist die Blindleistung?
S = 30 / 0,7 = 42,86 kVA. sin φ = √(1 − 0,7²) = 0,714. Q = S · sin φ = 42,86 · 0,714 = 30,6 kvar.
Ein Betrieb hat S = 80 kVA und P = 64 kW. Erfüllt er einen geforderten Mindest-cos φ von 0,9?
cos φ = P / S = 64 / 80 = 0,8. Das liegt unter 0,9 – die Vorgabe ist nicht erfüllt, Blindarbeitskosten drohen.
Eine Anlage mit 40 kW Wirkleistung soll von cos φ = 0,72 auf 0,95 verbessert werden. Wie groß sind die Scheinleistungen vorher und nachher?
S_alt = 40 / 0,72 = 55,6 kVA; S_neu = 40 / 0,95 = 42,1 kVA. Entlastung rund 13,5 kVA.
Ein Trafo mit 160 kVA versorgt einen Betrieb mit 120 kW bei cos φ = 0,75. Wie stark ist der Trafo ausgelastet, und reicht er bei einer Verbesserung auf cos φ = 0,95 mit Reserve?
S_alt = 120 / 0,75 = 160 kVA → Auslastung 100 %, keine Reserve. S_neu = 120 / 0,95 = 126,3 kVA → Auslastung rund 79 %, also deutliche Reserve. Die Kompensation schafft hier Platz für weitere Verbraucher.
Ein Betrieb verbessert durch Kompensation seinen Leistungsfaktor von 0,75 auf 0,95, ohne die Wirkleistung zu ändern. Welche Aussage trifft zu?
- a) Die benötigte Scheinleistung sinkt, wodurch Netz und Betriebsmittel entlastet werden
- b) Die benötigte Scheinleistung steigt, weil mehr Kondensatoren mehr Strom ziehen
- c) Die Wirkleistung steigt automatisch mit
- d) Der Strom bleibt gleich, weil die Wirkleistung gleich bleibt
Richtig: a)
Aus S = P / cos φ folgt: Steigt cos φ bei gleichbleibender Wirkleistung, sinkt die benötigte Scheinleistung – und damit der aus dem Netz bezogene Strom. Antwort b verkennt, dass die Kondensatoren induktive Blindleistung kompensieren und so den Netzstrom verringern. Antwort c ist falsch, da die Wirkleistung durch Kompensation unverändert bleibt. Antwort d übersieht, dass der Strom mit der Scheinleistung sinkt.
Warum ein Netzbetreiber in Österreich bei gewerblichen Anlagen die bezogene Blindarbeit gesondert verrechnet, sobald ein Mindest-cos φ unterschritten wird?
- a) Weil Blindleistung mehr nutzbare Arbeit liefert als Wirkleistung
- b) Weil der Blindstrom die Netze belastet und Leitungsverluste verursacht, ohne verkaufbare Arbeit zu erzeugen
- c) Weil Blindleistung die Netzspannung gefährlich erhöht
- d) Weil Blindleistung nur in der Nacht auftritt
Richtig: b)
Blindstrom fließt real durch die Netze, belegt Übertragungskapazität und erzeugt ohmsche Verluste – ohne dass dabei verkaufbare Wirkarbeit entsteht. Über die gesonderte Verrechnung schafft der Netzbetreiber einen Anreiz zur Kompensation. Antwort a ist physikalisch falsch. Antwort c beschreibt keinen allgemein gültigen Effekt. Antwort d ist frei erfunden.
Ein 250-kVA-Trafo versorgt einen Betrieb mit 180 kW Wirkleistung. Bei welchem Leistungsfaktor ist der Trafo gerade voll ausgelastet?
- a) cos φ = 0,60
- b) cos φ = 0,72
- c) cos φ = 0,90
- d) cos φ = 1,00
Richtig: b)
Voll ausgelastet ist der Trafo, wenn die benötigte Scheinleistung 250 kVA erreicht. Es gilt cos φ = P / S = 180 / 250 = 0,72. Bei höherem cos φ (Antworten c, d) wäre die benötigte Scheinleistung kleiner, der Trafo also nicht voll ausgelastet. Bei cos φ = 0,60 (Antwort a) ergäbe sich S = 300 kVA, was den Trafo bereits überlasten würde.
Abschlusstest
Aufgabe 1: Ein Verbraucher liegt an 230 V und nimmt 14 A bei cos φ = 0,85 auf. Berechne Wirkleistung, Scheinleistung und Blindleistung.
Gegeben: U = 230 V, I = 14 A, cos φ = 0,85
Gesucht: P, S, Q
Lösungsweg:
- S = U · I = 230 · 14 = 3220 VA
- P = S · cos φ = 3220 · 0,85 = 2737 W
- sin φ = √(1 − 0,85²) = √(1 − 0,7225) = √0,2775 = 0,527
- Q = S · sin φ = 3220 · 0,527 = 1697 var
Ergebnis: P = 2737 W, S = 3220 VA, Q ≈ 1697 var
Aufgabe 2: Ein Motor nimmt an 400 V einen Strom von 25 A bei cos φ = 0,8 auf (einphasige Betrachtung). Berechne P, Q und S.
Gegeben: U = 400 V, I = 25 A, cos φ = 0,8 (sin φ = 0,6)
Gesucht: P, Q, S
Lösungsweg:
- S = 400 · 25 = 10 000 VA = 10 kVA
- P = 10 000 · 0,8 = 8000 W = 8 kW
- Q = 10 000 · 0,6 = 6000 var = 6 kvar
Ergebnis: P = 8 kW, Q = 6 kvar, S = 10 kVA
Aufgabe 3: Eine Anlage hat P = 12 kW and Q = 9 kvar. Berechne Scheinleistung und Leistungsfaktor.
Gegeben: P = 12 kW, Q = 9 kvar
Gesucht: S, cos φ
Lösungsweg:
- S = √(P² + Q²) = √(12² + 9²) = √(144 + 81) = √225 = 15 kVA
- cos φ = P / S = 12 / 15 = 0,8
Ergebnis: S = 15 kVA, cos φ = 0,8
Aufgabe 4: Ein Betrieb bezieht 75 kW bei cos φ = 0,7. Wie groß sind Scheinleistung und Blindleistung, und welche Scheinleistung ergäbe sich bei cos φ = 0,95?
Gegeben: P = 75 kW, cos φ_alt = 0,7, cos φ_neu = 0,95
Gesucht: S_alt, Q_alt, S_neu
Lösungsweg:
- S_alt = P / cos φ_alt = 75 / 0,7 = 107,1 kVA
- sin φ_alt = √(1 − 0,49) = 0,714; Q_alt = S_alt · sin φ_alt = 107,1 · 0,714 = 76,5 kvar
- S_neu = 75 / 0,95 = 78,9 kVA
Ergebnis: S_alt = 107,1 kVA, Q_alt ≈ 76,5 kvar, S_neu = 78,9 kVA (Entlastung rund 28 kVA)
Welche Einheit gehört zur Blindleistung?
- a) Watt (W)
- b) Voltampere (VA)
- c) Voltampere reaktiv (var)
- d) Wattstunde (Wh)
Richtig: c)
Die Blindleistung trägt die Einheit var (Voltampere reaktiv), um sie eindeutig von der Wirkleistung (Watt) und der Scheinleistung (VA) zu unterscheiden. Watt gehört zur Wirkleistung, VA zur Scheinleistung, Wattstunde ist eine Energie-, keine Leistungseinheit.
Bei welcher Last sind Wirkleistung und Scheinleistung gleich groß?
- a) Bei rein ohmscher Last
- b) Bei rein induktiver Last
- c) Bei rein kapazitiver Last
- d) Bei jeder gemischten Last
Richtig: a)
Bei rein ohmscher Last ist φ = 0°, also cos φ = 1 und sin φ = 0. Damit ist Q = 0 und S = P. Bei rein induktiver oder kapazitiver Last (b, c) ist umgekehrt P = 0 und die gesamte Leistung Blindleistung. Bei gemischter Last (d) ist S stets größer als P.
Eine Anlage hat S = 20 kVA und Q = 12 kvar. Wie groß ist die Wirkleistung?
- a) 8 kW
- b) 32 kW
- c) 24 kW
- d) 16 kW
Richtig: d)
Aus S² = P² + Q² folgt P = √(S² − Q²) = √(20² − 12²) = √(400 − 144) = √256 = 16 kW. Antwort a entsteht durch falsche Subtraktion 20 − 12. Die Antworten b und c halten der Pythagoras-Kontrolle nicht stand.
Der Leistungsfaktor cos φ eines Verbrauchers beträgt 1. Was folgt daraus?
- a) Der Verbraucher nimmt nur Blindleistung auf
- b) Die gesamte aufgenommene Leistung ist Wirkleistung
- c) Die Scheinleistung ist doppelt so groß wie die Wirkleistung
- d) Der Verbraucher zieht keinen Strom
Richtig: b)
cos φ = 1 bedeutet φ = 0°, also keine Phasenverschiebung. Dann ist Q = 0 und P = S – die gesamte Leistung ist Wirkleistung. Antwort a beschreibt den Gegenfall (cos φ = 0). Antwort c widerspricht S = P. Antwort d ist falsch, da auch ein rein ohmscher Verbraucher Strom zieht.
Warum werden Transformatoren in kVA und nicht in kW bemessen?
- a) Weil der Trafo den gesamten Strom aus Wirk- und Blindanteil führen muss, der sich aus der Scheinleistung ergibt
- b) Weil kVA eine größere Einheit als kW ist
- c) Weil Transformatoren keine Wirkleistung übertragen
- d) Weil der Leistungsfaktor eines Trafos immer 1 ist
Richtig: a)
Die thermische Belastung eines Trafos hängt vom tatsächlich fließenden Strom ab – und der ergibt sich aus der Scheinleistung, unabhängig vom cos φ der Last. Deshalb ist die VA-Angabe sinnvoll. Antwort b ist sachlich falsch (W und VA sind dimensionsgleich). Antwort c ist falsch, Trafos übertragen sehr wohl Wirkleistung. Antwort d trifft nicht zu.
Ein Verbraucher mit cos φ = 0,6 wird durch Kompensation auf cos φ = 0,95 verbessert. Die Wirkleistung bleibt konstant. Was geschieht mit dem aus dem Netz bezogenen Strom?
- a) Er steigt, weil die Kondensatoren zusätzlichen Strom ziehen
- b) Er bleibt unverändert
- c) Er wird negativ
- d) Er sinkt, weil die benötigte Scheinleistung kleiner wird
Richtig: d)
Der Netzstrom ist proportional zur Scheinleistung. Da S = P / cos φ bei steigendem cos φ sinkt, sinkt auch der bezogene Strom. Antwort a verkennt das Prinzip der Kompensation. Antwort b ignoriert die Abhängigkeit. Antwort c ist physikalisch sinnlos.
Welche der folgenden Größen addieren sich bei mehreren parallelen Verbrauchern direkt (arithmetisch), ohne Berücksichtigung der Phasenlage?
- a) Die Scheinleistungen
- b) Die Ströme
- c) Die Wirkleistungen
- d) Die Leistungsfaktoren
Richtig: c)
Wirkleistungen addieren sich direkt, weil sie alle dieselbe „Richtung“ im Leistungsdreieck haben (die P-Achse). Scheinleistungen und Ströme dürfen nicht einfach addiert werden, da ihre Phasenlage berücksichtigt werden muss – hier ist die geometrische bzw. komplexe Addition nötig. Leistungsfaktoren sind Verhältniszahlen und werden grundsätzlich nicht addiert.
Eine Anlage hat eine Scheinleistung von 50 kVA bei einem Leistungsfaktor von 0,8. Wie groß ist die Blindleistung?
- a) 30 kvar
- b) 40 kvar
- c) 10 kvar
- d) 50 kvar
Richtig: a)
Bei cos φ = 0,8 ist sin φ = 0,6. Damit ist Q = S · sin φ = 50 · 0,6 = 30 kvar. Antwort b (40 kvar) wäre die Wirkleistung P = S · cos φ. Antwort c und d ergeben sich aus falschen Ansätzen.
Was beschreibt der Phasenwinkel φ im Zusammenhang mit den drei Leistungen?
- a) Den Wirkungsgrad des Verbrauchers
- b) Die Frequenz der Wechselspannung
- c) Das Verhältnis von Spannung zu Strom
- d) Die zeitliche Verschiebung zwischen Strom und Spannung, aus der sich die Aufteilung in Wirk- und Blindleistung ergibt
Richtig: d)
φ ist der Winkel der Phasenverschiebung zwischen Strom und Spannung. Über cos φ and sin φ bestimmt er, wie sich die Scheinleistung in Wirk- und Blindanteil aufteilt. Antwort a verwechselt φ mit dem Wirkungsgrad. Antwort b betrifft die Frequenz, nicht die Phasenlage. Antwort c beschreibt den Widerstand, nicht den Winkel.
Ein Betrieb hat einen geforderten Mindest-Leistungsfaktor von 0,9 zu erfüllen. Gemessen werden P = 90 kW und Q = 60 kvar. Erfüllt der Betrieb die Vorgabe?
- a) Ja, denn cos φ ist größer als 0,9
- b) Nein, denn cos φ liegt unter 0,9
- c) Die Angabe reicht nicht zur Beurteilung aus
- d) Ja, weil die Wirkleistung größer als die Blindleistung ist
Richtig: b)
S = √(90² + 60²) = √(8100 + 3600) = √11 700 = 108,2 kVA. cos φ = P / S = 90 / 108,2 = 0,832. Das liegt unter 0,9 – die Vorgabe ist nicht erfüllt. Antwort a rechnet falsch. Antwort c ist nicht zutreffend, da P und Q zur Berechnung genügen. Antwort d ist kein gültiges Kriterium für die Einhaltung des Mindest-cos φ.
Glossar
- Wirkleistung (P)
- Der tatsächlich in nutzbare Arbeit (Wärme, Licht, Bewegung) umgesetzte Anteil der Leistung im Wechselstromkreis. Einheit Watt (W), berechnet mit P = U · I · cos φ.
- Blindleistung (Q)
- Leistung, die zwischen Quelle und Energiespeicher (Spule oder Kondensator) hin- und herpendelt, ohne im Mittel Arbeit zu verrichten. Einheit Voltampere reaktiv (var), berechnet mit Q = U · I · sin φ.
- Scheinleistung (S)
- Das Produkt aus Effektivwert von Spannung und Strom, also die Leistung, die eine Leitung oder ein Betriebsmittel tatsächlich führen muss. Einheit Voltampere (VA), berechnet mit S = U · I.
- Leistungsdreieck
- Rechtwinklige geometrische Darstellung, in der Wirkleistung und Blindleistung die Katheten und die Scheinleistung die Hypotenuse bilden. Es gilt S² = P² + Q².
- Induktive Blindleistung
- Blindleistung an Spulen (Motoren, Transformatoren, Drosseln); der Strom eilt der Spannung nach.
- Kapazitive Blindleistung
- Blindleistung an Kondensatoren; der Strom eilt der Spannung voraus. Sie wirkt der induktiven Blindleistung entgegen.
- Blindarbeit
- Über die Zeit aufsummierte Blindleistung; sie wird in gewerblichen Anlagen vom Netzbetreiber gesondert verrechnet, sobald ein Mindest-Leistungsfaktor unterschritten wird.
