Einphasen-Asynchronmotor: Kondensatormotor
Der Kondensatormotor ist der am weitesten verbreitete Einphasenmotor in Industrie und Haustechnik. Hinter seinem unscheinbaren Äußeren steckt ein cleverer Trick: Ein Kondensator erzeugt den Phasenversatz, den der Motor braucht, um überhaupt anzulaufen. Wer diesen Trick versteht, versteht auch, warum es drei verschiedene Bauarten gibt — und welche für welche Aufgabe taugt.
Vorwissen
- Elektromagnetische Induktion
- Wechselspannung und ihre Kenngrößen
- Drehstrom-Asynchronmotor – Aufbau und Funktion
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- erklären, warum ein Einphasenmotor ohne Hilfsmittel nicht anläuft
- das Prinzip der Hilfsphase und den Phasenversatz durch den Kondensator beschreiben
- die drei Kondensatormotoren-Bauarten unterscheiden und ihren Einsatzbereich nennen
- die Betriebskapazität und die erforderliche Spannungsfestigkeit eines Kondensators berechnen
- die Drehrichtungsumkehr erklären und den sicheren Umgang mit Kondensatoren in der Praxis beschreiben
1. Das Anlaufproblem des Einphasenmotors
Ein Drehstrommotor hat es leicht: Die drei um je 120° versetzten Phasen erzeugen im Stator ein rotierendes Magnetfeld — das Drehfeld — das den Läufer mitnimmt. Der Einphasenmotor hat nur eine einzige Wechselspannung zur Verfügung. Was entsteht dabei?
Eine einzelne Wechselspannung erzeugt ein pulsierendes Magnetfeld: Es wächst und schrumpft im Rhythmus der Netzfrequenz, wechselt die Polarität, aber dreht sich nicht. Ein stehender Läufer spürt dieses pulsierende Feld aus beiden Richtungen gleich stark — das resultierende Drehmoment im Stillstand ist null. Der Motor kommt alleine nicht vom Fleck.
Die Doppelfeld-Theorie beschreibt das mathematisch: Ein pulsierendes Feld lässt sich in zwei gleichgroße, gegenläufige Drehfelder zerlegen. Im Stillstand heben sie sich auf. Sobald der Läufer aber angedreht wird — egal in welche Richtung — wird das Gleichgewicht gebrochen und der Motor zieht in die angedrehte Richtung weiter. Früher hat man Einphasenmotoren tatsächlich per Hand angestoßen; heute übernimmt das die Hilfswicklung.
Wie ein echtes Drehfeld im Drehstromsystem entsteht, behandelt der Beitrag „Drehfeld“ ausführlich.
Warum entwickelt ein Einphasen-Asynchronmotor im Stillstand kein Anzugsdrehmoment?
- a) Weil das pulsierende Magnetfeld aus zwei gleich großen, entgegengesetzten Drehfeldern besteht, die sich aufheben
- b) Weil die Netzspannung zu niedrig ist
- c) Weil der Widerstand der Wicklung zu groß ist
- d) Weil die Wicklung falsch gewickelt ist
Richtig: a)
Das pulsierende Feld lässt sich in zwei gleichgroße, gegenläufige Drehfelder zerlegen. Im Stillstand wirken beide gleich stark — die resultierenden Drehmomente heben sich auf. Erst wenn der Läufer bewegt wird, kippt das Gleichgewicht. Netzspannung und Wicklungswiderstand sind für diesen grundsätzlichen Effekt nicht verantwortlich.
2. Lösung: Hilfsphase und Phasenversatz mit Kondensator
Die Idee ist denkbar einfach: Wenn eine Phase kein Drehfeld erzeugt, baut man sich eine zweite. Im Stator sitzen zwei Wicklungen, räumlich um 90° (elektrisch) versetzt: die Hauptwicklung und die Hilfswicklung. Allein der räumliche Versatz reicht noch nicht — die Ströme in beiden Wicklungen müssen auch zeitlich gegeneinander verschoben sein.
Genau dafür sorgt der Kondensator in der Hilfsphase. Ein Kondensator bewirkt im Wechselstromkreis eine Phasenverschiebung: Der Strom eilt der Spannung voraus — idealerweise um 90°. Liegt der Strom in der Hilfswicklung 90° vor dem Strom in der Hauptwicklung, entsteht ein nahezu kreisförmiges Drehfeld — der Motor läuft an.
Die Grundlagen zur Phasenverschiebung durch einen Kondensator — Blindwiderstand, Zeigerbild — behandelt der Beitrag „Kondensator im Wechselstromkreis“ ausführlich. Zeigerdiagramme werden im Beitrag „Phasenverschiebung und Zeigerdiagramme“ erklärt.
Welche Aufgabe übernimmt der Kondensator im Kondensatormotor?
- a) Er erhöht die Netzspannung für die Hilfswicklung
- b) Er speichert elektrische Energie für den Anlaufmoment-Stoß
- c) Er begrenzt den Anlaufstrom der Hauptwicklung
- d) Er verschiebt den Strom in der Hilfswicklung gegenüber dem der Hauptwicklung um etwa 90°
Richtig: d)
Der Kondensator erzeugt im Wechselstromkreis eine kapazitive Phasenverschiebung: Der Strom eilt der Spannung vor. Dadurch fließen in Haupt- und Hilfswicklung Ströme mit einem zeitlichen Versatz — das erzeugt zusammen mit dem räumlichen Versatz der Wicklungen ein Drehfeld. Spannungserhöhung, Energiespeicher oder Strombegrenzung für die Hauptwicklung sind nicht die Funktion des Kondensators in diesem Kontext.
3. Anlaufkondensator-Motor
Der Anlaufkondensator-Motor ist die einfachste Variante, bei der ein hohes Anlaufmoment im Vordergrund steht. Der Kondensator ist nur während des Anlaufvorgangs active — sobald der Motor eine bestimmte Drehzahl erreicht hat, wird er abgetrennt.
Das Abtrennen übernimmt ein Fliehkraftschalter (manchmal auch ein Strömungsrelais oder ein Zeitrelais). Der Fliehkraftschalter sits auf der Motorwelle: Bei ausreichender Drehzahl — typisch bei 75–80 % der Nenndrehzahl — öffnet er durch die Fliehkraft den Hilfswicklungskreis. Ab diesem Moment läuft der Motor als einfacher Einphasenmotor auf der Hauptwicklung weiter.
Warum der Kondensator danach nicht mehr gebraucht wird: Mit bereits drehendem Läufer reicht das asymmetrische Feld der Hauptwicklung aus, um den Motor in Gang zu halten — die Doppelfeld-Theorie erklärt, warum das Netto-Drehmoment dann in Drehrichtung positiv bleibt.
Für den Anlauf wird eine große Kapazität benötigt — typisch 100 µF bis mehrere hundert µF. Anlaufkondensatoren sind in der Regel Elektrolyt-Kondensatoren (Elkos), ausgelegt nur für kurzzeitigen Betrieb (wenige Sekunden). Dauerhaft eingeschaltet würden sie überhitzen und zerstört werden.
Bei welchem Drehzahlbereich schaltet ein typischer Fliehkraftschalter beim Anlaufkondensator-Motor die Hilfswicklung ab?
- a) Sofort beim Anlauf, noch vor dem Losdrehen
- b) Bei etwa 75–80 % der Nenndrehzahl
- c) Erst genau bei 100 % der Nenndrehzahl
- d) Bei Überschreitung der Nenndrehzahl um 10 %
Richtig: b)
Der Fliehkraftschalter ist so ausgelegt, dass er bei 75–80 % der Nenndrehzahl öffnet. Zu diesem Zeitpunkt ist der Anlaufvorgang abgeschlossen und der Motor kann auf der Hauptwicklung alleine weiterlaufen. Ein zu frühes Abschalten (vor dem Losdrehen) würde den Anlaufeffekt verhindern; ein zu spätes Abschalten wäre für die meisten Auslegungen nicht zweckmäßig und würde den Kondensator thermisch belasten.
4. Betriebskondensator-Motor
Beim Betriebskondensator-Motor bleibt der Kondensator dauerhaft in der Hilfswicklung eingeschaltet — es gibt keinen Fliehkraftschalter und keine Schaltmechanik. Das klingt einfacher, ist aber ein Kompromiss: Ein Kondensator, der für gute Betriebseigenschaften ausgelegt ist, liefert beim Anlauf nur ein bescheidenes Drehmoment.
Der Grund liegt in der Physik: Für ein optimales Drehfeld beim Anlauf (Stillstand) wäre eine andere Kapazität notwendig als für den optimalen Betrieb bei Nenndrehzahl. Beim Betriebskondensator-Motor wird der Wert auf den Betrieb optimiert — der Anlauf läuft mit, nimmt aber in Kauf, dass das Anzugsdrehmoment geringer ist als beim Anlaufkondensator-Motor.
Was der Betriebskondensator-Motor dafür mitbringt: Er ist laufruhig, geräuscharm und wartungsarm. Kein beweglicher Schalter bedeutet kein Verschleiß, keine Kontaktprobleme, keine Fehlerquelle durch einen defekten Fliehkraftschalter.
Die Kapazitätswerte sind kleiner als beim Anlaufkondensator: typisch 2 µF bis 50 µF, je nach Motorgröße. Betriebskondensatoren sind Folienkondensatoren — sie sind für Dauerbetrieb ausgelegt und deutlich robuster als Elektrolyt-Kondensatoren.
Warum eignet sich der Betriebskondensator-Motor besonders für Lüfteranwendungen?
- a) Weil Lüfter beim Anlauf wenig Last haben und der geräuscharme Dauerbetrieb wichtiger ist als hohes Anzugsdrehmoment
- b) Weil er das höchste Anlaufmoment aller Einphasenmotoren hat
- c) Weil er ohne Kondensator betrieben werden kann
- d) Weil er nur mit Gleichspannung funktioniert
Richtig: a)
Ein Lüfterflügel hat beim Anlaufen praktisch keinen Widerstand — die Last wächst erst mit zunehmender Drehzahl. Das geringe Anzugsdrehmoment des Betriebskondensator-Motors ist für diese Anwendung kein Nachteil. Dafür bietet er geräuscharmen, wartungsfreien Dauerbetrieb ohne Schaltmechanik. Option b) stimmt nicht — das höchste Anlaufmoment hat der Zweikondensator-Motor.
5. Zweikondensator-Motor
Der Zweikondensator-Motor vereint das Beste beider Varianten: Beim Anlauf steht ein großer Anlaufkondensator (parallel zum kleinen Betriebskondensator) zur Verfügung, der nach dem Hochlaufen vom Fliehkraftschalter abgetrennt wird. Im Betrieb übernimmt dann der kleinere Betriebskondensator allein.
Die Logik dahinter: Der Anlaufkondensator sorgt für das hohe Anzugsdrehmoment, das nötig ist, um eine schwere Last in Bewegung zu setzen. Der Betriebskondensator ist dann so dimensioniert, dass er im Nennbetrieb ein möglichst rundes Drehfeld erzeugt — mit gutem Wirkungsgrad und niedrigem Geräuschpegel.
Das Ergebnis ist der leistungsfähigste Einphasenmotor:
- Hohes Anlaufmoment (vergleichbar mit dem Anlaufkondensator-Motor)
- Gute Betriebseigenschaften (vergleichbar mit dem Betriebskondensator-Motor)
- Nachteil: höherer Aufwand durch zwei Kondensatoren und Fliehkraftschalter
Was unterscheidet den Anlaufkondensator vom Betriebskondensator im Zweikondensator-Motor konstruktiv?
- a) Der Anlaufkondensator ist ein Elektrolyt-Kondensator für kurzzeitigen Betrieb, der Betriebskondensator ein Folienkondensator für Dauerbetrieb
- b) Der Anlaufkondensator is ein Folienkondensator, der Betriebskondensator ein Elektrolyt-Kondensator
- c) Beide sind baugleich, nur der Kapazitätswert unterscheidet sich
- d) Der Betriebskondensator wird durch den Fliehkraftschalter abgetrennt
Richtig: a)
Elektrolyt-Kondensatoren (Elkos) erreichen sehr hohe Kapazitätswerte, sind aber nur für kurzzeitigen Wechselstrombetrieb ausgelegt. Folienkondensatoren haben kleinere Kapazitäten, sind aber dauerbetriebsfest. Daher: Elko für den Anlauf (kurz), Folie für den Betrieb (dauernd). Option d) ist falsch: Der Fliehkraftschalter trennt den Anlaufkondensator ab, nicht den Betriebskondensator.
6. Kondensatorberechnung und Kenngrößen
Wenn ein Kondensatormotor neu in Betrieb genommen oder ein defekter Kondensator ersetzt werden soll, braucht man zwei Kennwerte: die richtige Kapazität und die passende Spannungsfestigkeit. Beide stehen auf dem Typenschild des Kondensators, und beide müssen stimmen — einer allein reicht nicht.
Betriebskapazität
Die Betriebskapazität lässt sich aus dem Strom der Hilfswicklung, der Netzfrequenz und der Netzspannung berechnen. In der Praxis dient die Netzspannung als Rechengröße für die grobe Dimensionierung:
C = I_HiW / (2 * pi * f * U_N)
- C … Kapazität in Farad (F), in der Praxis µF
- I_HiW … Strom der Hilfswicklung in Ampere (A)
- f … Netzfrequenz in Hertz (Hz), in Österreich 50 Hz
- U_N … Netzspannung in Volt (V)
Den genauen Kapazitätswert entnimmt man in der Praxis dem Typenschild des Motors oder dem Ersatzteilkatalog des Herstellers. Die Formel hilft beim Verständnis und bei der Nachkontrolle.
Anlaufkapazität: Die Kapazität des Anlaufkondensators liegt typisch beim 5- bis 10-Fachen der Betriebskapazität. Ein Motor mit 8 µF Betriebskapazität benötigt also grob 40 bis 80 µF als Anlaufkondensator.
Spannungsfestigkeit: warum mehr als Netzspannung nötig ist
Hier liegt einer der häufigsten Fehler bei der Ersatzteilauswahl: Wer einen defekten Kondensator aus einem 230-V-Motor ersetzt und einfach einen 250-V-Kondensator einbaut, riskiert einen schnellen Folgedefekt.
Der Grund: In der Reihenschaltung aus Hilfswicklung und Kondensator entsteht durch die Phasenverschiebung eine Spannungsüberhöhung am Kondensator — die sogenannte Resonanzüberhöhung. Die Spannung am Kondensator liegt im Betrieb deutlich über der Netzspannung, typisch 400 V bis 450 V bei einem 230-V-Netz. Der Effekt entsteht, weil sich die Spannung an der Wicklung (induktiv) und die Spannung am Kondensator (kapazitiv) je nach Phasenlage addieren können.
Die Mindest-Spannungsfestigkeit des Ersatzkondensators muss daher deutlich über der Netzspannung liegen. Folienkondensatoren für Einphasenmotoren sind standardmäßig mit 400 V oder 450 V angegeben — das ist kein Zufall, sondern trägt diesem Effekt Rechnung.
Drehzahl
Die Synchrondrehzahl hängt von der Polpaarzahl ab:
n_s = 60 * f / p
- n_s … Synchrondrehzahl in Umdrehungen pro Minute (U/min)
- f … Netzfrequenz in Hertz (Hz)
- p … Polpaarzahl (1, 2, 3, …)
Der Einphasen-Asynchronmotor läuft — wie sein Drehstrom-Pendant — mit einem kleinen Schlupf unterhalb der Synchrondrehzahl. Für die Schlupf-Berechnung und die M-n-Kennlinie verweist der Beitrag „Schlupf und M-n-Kennlinie beim ASM“ auf die Grundlagen, die genauso für den Einphasenmotor gelten.
Gelöstes Beispiel
Ein Einphasen-Asynchronmotor wird am 230-V/50-Hz-Netz betrieben. Der Strom durch die Hilfswicklung beträgt im Betrieb 1,5 A. Welche Betriebskapazität ist erforderlich, und welche Mindest-Spannungsfestigkeit muss der Kondensator haben?
Gegeben: I_HiW = 1,5 A; f = 50 Hz; U_N = 230 V
Gesucht: C in µF, U_C_min in V
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Betriebskapazität:
C = I_HiW / (2 · π · f · U_N)
C = 1,5 / (2 · 3,1416 · 50 · 230)
C = 1,5 / 72.257
C ≈ 0,00002076 F = 20,8 µF - Schritt 2 — Mindest-Spannungsfestigkeit (Faustregel: ca. 1,9 × U_N):
U_C_min ≈ 1,9 · 230 V = 437 V
→ nächste Normgröße: 450 V wählen
Ergebnis: C ≈ 20,8 µF; Spannungsfestigkeit mindestens 450 V
Übungen
Ein Motor hat I_HiW = 0,8 A bei 230 V / 50 Hz. Berechne die Betriebskapazität.
C = 0,8 / (2 · π · 50 · 230) ≈ 11,1 µF
Ein Zweipol-Motor (p = 1) läuft am 50-Hz-Netz. Wie groß ist die Synchrondrehzahl?
n_s = 60 · 50 / 1 = 3000 U/min
Ein Vierpol-Motor (p = 2) läuft am 50-Hz-Netz mit einem Schlupf von 5 %. Wie groß ist die tatsächliche Drehzahl?
n_s = 60 · 50 / 2 = 1500 U/min; n = 1500 · (1 − 0,05) = 1425 U/min
Welche Anlaufkapazität (Bereich) ist für den Motor aus Übung 1 zu erwarten?
C_A = 5 bis 10 × 11,1 µF = ca. 55 µF bis 111 µF; nächste Normwerte wählen
Ein Motor hat laut Typenschild einen Betriebskondensator mit 16 µF / 400 V. Erkläre, warum 400 V und nicht 250 V angegeben ist, obwohl der Motor am 230-V-Netz betrieben wird.
Durch Resonanzüberhöhung in der Reihenschaltung aus Hilfswicklung und Kondensator liegt die Spannung am Kondensator im Betrieb deutlich über der Netzspannung (typisch 400–450 V). Ein 250-V-Kondensator würde überlastet und schnell zerstört.
Warum muss ein Betriebskondensator für einen 230-V-Motor eine Spannungsfestigkeit von 400 V oder mehr haben?
- a) Wegen der Resonanzüberhöhung in der Reihenschaltung aus Hilfswicklung und Kondensator liegt die Spannung am Kondensator im Betrieb bei 400–450 V
- b) Weil 230 V der Effektivwert ist und der Spitzenwert 325 V beträgt, was auf 400 V aufgerundet wird
- c) Weil Folienkondensatoren grundsätzlich nur in 400-V-Klassen gefertigt werden
- d) Weil der Motor auch am Drehstromnetz betrieben werden kann
Richtig: a)
Die Spannungsüberhöhung am Kondensator is eine Folge der Phasenverschiebung: Induktive (Wicklung) und kapazitive Spannung addieren sich je nach Phasenlage, statt sich aufzuheben. Die Kondensatorspannung liegt daher typisch bei 400–450 V, obwohl die Netzspannung nur 230 V beträgt. Option b) ist ein realer Effekt (Spitzenwert = 325 V), aber nicht der entscheidende Grund für die 400-V-Klasse.
7. Drehrichtungsumkehr und Praxis
Drehrichtungsumkehr
Die Drehrichtung des Kondensatormotors ist durch die Verschaltung von Haupt- und Hilfswicklung festgelegt. Wer sie umkehren will, muss die Anschlüsse der Hilfswicklung vertauschen — damit dreht der erzeugte Phasenversatz in die Gegenrichtung, das Drehfeld dreht sich um und der Motor läuft in die andere Richtung. Das Umkehren der Netzspannung (L und N tauschen) hat keinen Einfluss auf die Drehrichtung.
Bei manchen Motoren sind die Hilfswicklungsanschlüsse im Klemmenkasten zugänglich und beschriftet — dann ist die Umkehr einfach. Bei anderen ist die Wicklung fest verdrahtet und eine Drehrichtungsumkehr nicht ohne Weiteres möglich.
Häufige Fehlerbilder in der Praxis
Motor läuft nicht an, brummt aber:
Klassisches Symptom eines defekten Kondensators. Das Hauptfeld ist vorhanden (der Motor brummt), aber das Drehfeld fehlt (kein Anlaufmoment). Kondensator messen oder tauschen.
Motor läuft an, wird aber heiß und läuft langsam:
Mögliche Ursache: Fliehkraftschalter öffnet nicht — die Hilfswicklung bleibt dauerhaft im Stromkreis. Hilfswicklungen sind nicht für Dauerbetrieb ausgelegt und überhitzen. Fliehkraftschalter prüfen.
Motor läuft rund, aber Kondensator ist defekt geworden:
Häufige Ursache: falscher Ersatzkondensator mit zu geringer Spannungsfestigkeit. Immer die vorgeschriebene Spannungsklasse beachten.
Verweise auf verwandte Motortypen:
Der Spaltpolmotor ist eine deutlich einfachere (und günstigere) Variante des Einphasenmotors ohne Kondensator — mit sehr kleinem Anlaufmoment, ausreichend für Lüfter in Kleingeräten. Die Steinmetzschaltung ermöglicht es, einen Drehstrommotor ersatzweise an einem Einphasennetz zu betreiben. Der Universalmotor ist ebenfalls ein Einphasenmotor, funktioniert aber grundlegend anders (Reihenschluss-Kommutatorprinzip). Alle drei werden in eigenen Beiträgen ausführlich behandelt.
Sicheres Entladen des Kondensators
Das ist der sicherheitskritische Punkt bei jeder Wartung oder Fehlersuche am Kondensatormotor: Kondensatoren können nach dem Abschalten des Motors noch lange Zeit elektrische Ladung speichern — auch Betriebskondensatoren, besonders aber große Anlaufkondensatoren. Die Spannung kann dabei im Bereich von mehreren hundert Volt liegen, was lebensgefährlich ist.
Wichtigste Regel: Vor dem Berühren des Kondensators oder der Hilfswicklungsanschlüsse immer prüfen, ob der Kondensator entladen ist. Netzstecker ziehen oder Sicherung ausschalten allein reicht nicht.
Vorgehen beim sicheren Entladen:
- Motor vom Netz trennen
- Mit einem Voltmeter prüfen, ob noch Spannung an den Kondensatorklemmen anliegt
- Falls ja: Kondensator über einen geeigneten Entladewiderstand entladen (nicht kurzschließen — das kann den Kondensator beschädigen und Funkenbildung verursachen)
- Erst nach Messung auf 0 V weiterarbeiten
Dieser Schritt gilt auch dann, wenn der Motor erst seit Sekunden vom Netz getrennt ist.
Welche Maßnahme ist zwingend erforderlich, bevor an einem Kondensatormotor gearbeitet wird?
- a) Den Motor 10 Minuten abkühlen lassen
- b) Den Fliehkraftschalter manuell öffnen
- c) Kondensatorspannung messen und Kondensator entladen, da nach dem Abschalten noch lebensgefährliche Restspannung vorhanden sein kann
- d) Die Sicherung im Verteilerkasten nicht betätigen, da sonst der Kondensator beschädigt wird
Richtig: c)
Kondensatoren speichern elektrische Ladung auch nach dem Abschalten der Stromversorgung. Die Restspannung kann mehrere hundert Volt betragen und ist lebensgefährlich. Vor allen Arbeiten Spannung messen, dann über Entladewiderstand entladen und erneut messen. Abkühlen ist für die Sicherheit irrelevant, das manuelle Öffnen des Fliehkraftschalters ändert nichts an der Kondensatorspannung, und die Sicherung muss ausgeschaltet werden — das reicht aber alleine nicht aus.
Abschlusstest
Aufgabe 1: Ein Einphasen-Asynchronmotor läuft am 230-V/50-Hz-Netz. Der gemessene Strom der Hilfswicklung beträgt 2,0 A. Berechne:
a) die erforderliche Betriebskapazität in µF
b) den Bereich der empfohlenen Anlaufkapazität in µF
c) die Mindest-Spannungsfestigkeit des Betriebskondensators
Gegeben: I_HiW = 2,0 A; f = 50 Hz; U_N = 230 V
Gesucht: C_B, C_A (Bereich), U_C_min
Lösungsweg:
- C_B = 2,0 / (2 · π · 50 · 230) = 2,0 / 72.257 ≈ 27,7 µF
- C_A = 5 bis 10 × 27,7 µF = 138 µF bis 277 µF (nächste Normwerte wählen)
- U_C_min ≈ 1,9 · 230 V ≈ 437 V → 450 V wählen
Ergebnis: C_B ≈ 27,7 µF; C_A ≈ 138–277 µF; mindestens 450 V Spannungsfestigkeit
Aufgabe 2: Ein Sechspolmotor (p = 3) wird am 50-Hz-Netz betrieben. Der gemessene Schlupf beträgt 4 %. Wie groß ist die tatsächliche Drehzahl des Läufers?
Gegeben: p = 3; f = 50 Hz; s = 0,04
Gesucht: n in U/min
Lösungsweg:
- n_s = 60 · 50 / p = 60 · 50 / 3 = 1000 U/min
- n = n_s · (1 − s) = 1000 · (1 − 0,04) = 960 U/min
Ergebnis: n = 960 U/min
Ein Kondensatormotor brummt beim Einschalten laut, dreht sich aber nicht. Was ist die wahrscheinlichste Ursache?
- a) Der Kondensator ist defekt — das Drehfeld fehlt, aber das Hauptfeld pulsiert
- b) Die Netzspannung ist zu niedrig
- c) Der Fliehkraftschalter ist dauerhaft geschlossen
- d) Die Hauptwicklung ist offen (Leitungsbruch)
Richtig: a)
Das Brummen zeigt, dass das Hauptfeld vorhanden ist. Das fehlende Drehfeld (kein Anlaufmoment) deutet auf einen Ausfall der Hilfsphase hin — am häufigsten durch einen defekten Kondensator. Bei offenem Hauptwicklungs-Leitungsbruch würde gar nichts passieren. Ein dauerhaft geschlossener Fliehkraftschalter würde die Hilfswicklung im Betrieb halten, nicht den Anlauf verhindern.
Was unterscheidet den Betriebskondensator-Motor vom Anlaufkondensator-Motor grundlegend?
- a) Der Betriebskondensator-Motor hat keinen Kondensator
- b) Beim Betriebskondensator-Motor wird der Kondensator bei 50 % der Nenndrehzahl abgetrennt
- c) Beim Betriebskondensator-Motor bleibt der Kondensator dauerhaft im Stromkreis — es gibt keinen Fliehkraftschalter
- d) Der Betriebskondensator-Motor kann nur mit Gleichspannung betrieben werden
Richtig: c)
Der wesentliche Unterschied ist die fehlende Schaltmechanik: Kein Fliehkraftschalter, kein Relais — der Kondensator ist permanent eingeschaltet. Das macht den Motor wartungsärmer und geräuschärmer, erkauft aber ein geringeres Anlaufmoment.
Warum darf ein Anlaufkondensator (Elektrolyt-Typ) nicht dauerhaft in Betrieb bleiben?
- a) Weil er zu viel Kapazität hat und den Motor überdreht
- b) Weil er nur für kurzzeitigen Betrieb ausgelegt ist und im Dauerbetrieb überhitzt
- c) Weil er Gleichspannung erzeugt, die die Wicklung beschädigt
- d) Weil er den Fliehkraftschalter blockiert
Richtig: b)
Elektrolyt-Kondensatoren (Elkos) sind für kurzzeitigen Wechselstrombetrieb ausgelegt — typisch wenige Sekunden. Im Dauerbetrieb entwickeln sie zu viel Wärme und werden zerstört. Folienkondensatoren (Betriebskondensatoren) hingegen sind dauerbetriebsfest. Kapazitätsüberschuss führt nicht zum Überdrehen; der Fliehkraftschalter arbeitet mechanisch, unabhängig vom Kondensator.
Ein Techniker tauscht einen defekten 16 µF / 400 V Betriebskondensator durch einen 16 µF / 250 V Kondensator. Was wird wahrscheinlich passieren?
- a) Der Motor läuft normal, da die Kapazität identisch ist
- b) Der Motor dreht langsamer, weil die Spannung niedriger ist
- c) Der Motor dreht in die falsche Richtung
- d) Der Ersatzkondensator wird durch die Spannungsüberhöhung überlastet und schnell zerstört
Richtig: d)
Die Spannungsfestigkeit muss zur tatsächlichen Kondensatorspannung passen, nicht zur Netzspannung. Durch Resonanzüberhöhung liegt die Spannung am Kondensator bei 400–450 V. Ein 250-V-Kondensator ist damit dauerhaft überlastet und fällt früher oder später aus. Die Kapazität allein ist kein ausreichendes Kriterium beim Ersatz.
Wie wird die Drehrichtung eines Kondensatormotors umgekehrt?
- a) Durch Vertauschen von L und N am Netzanschluss
- b) Durch Änderung der Netzfrequenz
- c) Durch Erhöhung der Kondensatorkapazität
- d) Durch Vertauschen der Anschlüsse der Hilfswicklung
Richtig: d)
Die Drehrichtung hängt davon ab, in welche Richtung das erzeugte Drehfeld dreht. Das wiederum hängt davon ab, ob der Strom in der Hilfswicklung vor- oder nacheilend zum Hauptwicklungsstrom ist. Durch Vertauschen der Hilfswicklungsanschlüsse dreht sich die Phasenlage um — und damit die Drehrichtung. Das Vertauschen von L und N ändert am Drehfeld nichts, da beide Wicklungen betroffen wären.
Welcher Motortyp ist für einen Kältekompressor mit hohem Anlaufdrehmoment am besten geeignet?
- a) Zweikondensator-Motor
- b) Betriebskondensator-Motor
- c) Spaltpolmotor
- d) Anlaufkondensator-Motor mit dauerhaft zugeschaltetem Anlaufkondensator
Richtig: a)
Der Zweikondensator-Motor bietet das höchste Anlaufmoment (durch den großen Anlaufkondensator) und gleichzeitig gute Betriebseigenschaften im Dauerlauf (durch den Betriebskondensator). Ein Kältekompressor muss gegen den Systemdruck anlaufen — hoher Anlaufdrehmomentbedarf. Der Betriebskondensator-Motor hat zu geringes Anlaufmoment; der Spaltpolmotor hat das geringste von allen; Option d) wäre nicht zulässig, da der Elko-Anlaufkondensator im Dauerbetrieb zerstört würde.
Was ist der elektrische Unterschied zwischen dem Strom in der Haupt- und in der Hilfswicklung beim Betriebskondensator-Motor im Nennbetrieb?
- a) Beide Ströme sind phasengleich — der Kondensator hat keine Wirkung im Betrieb
- b) Der Strom in der Hauptwicklung eilt dem der Hilfswicklung um 180° nach
- c) Der Strom in der Hilfswicklung ist immer kleiner als der in der Hauptwicklung
- d) Der Strom in der Hilfswicklung eilt dem der Hauptwicklung durch den Kondensator um etwa 90° voraus
Richtig: d)
Der Kondensator erzeugt eine kapazitive Phasenverschiebung: Der Strom eilt der Spannung vor. Damit eilt der Strom in der Hilfswicklung dem der Hauptwicklung (der nahezu mit der Netzspannung in Phase liegt) um annähernd 90° vor. Genau diese zeitliche Verschiebung erzeugt zusammen mit dem räumlichen Versatz der Wicklungen das Drehfeld.
Ein Betriebskondensator-Motor wird eingeschaltet und läuft nicht an. Bei manuell angedrehtem Läufer läuft er weiter. Was schlussfolgert der Techniker?
- a) Der Kondensator ist defekt — es gibt kein Drehfeld, aber das Hauptfeld ist vorhanden
- b) Der Motor hat eine defekte Hauptwicklung
- c) Das Netz hat zu geringe Spannung
- d) Der Fliehkraftschalter ist offen und muss geschlossen werden
Richtig: a)
Das ist das klassische Symptom eines defekten Kondensators beim Betriebskondensator-Motor: Im Stillstand kein Anlaufmoment (Kondensator fehlt → kein Drehfeld), aber sobald der Läufer angedreht wird, läuft er weiter (das Hauptfeld allein reicht bei bereits drehendem Läufer). Da es beim Betriebskondensator-Motor kein Fliehkraftschalter gibt, scheidet Option d) aus.
Warum genügt das Abschalten des Motors allein nicht, um sicher am Kondensator arbeiten zu können?
- a) Weil der Motor noch mechanisch nachläuft und Spannung induziert
- b) Weil der Fliehkraftschalter den Kondensator automatisch wieder einschaltet
- c) Weil die Sicherung im Verteilerkasten noch unter Spannung steht
- d) Weil der Kondensator nach dem Abschalten noch Ladung gespeichert hat, die lebensgefährliche Spannungen von mehreren hundert Volt führen kann
Richtig: d)
Kondensatoren speichern elektrische Ladung. Nach dem Abschalten entlädt sich ein Kondensator nur, wenn ein Entladepfad vorhanden ist. Ist keiner da, bleibt die Spannung über lange Zeit auf dem gespeicherten Wert — bei Betriebskondensatoren im Bereich von 400–450 V. Das ist lebensgefährlich. Vor der Arbeit Spannung messen, dann über Entladewiderstand entladen, erneut messen.
Welche Aussage zur Synchrondrehzahl eines Zweipol-Kondensatormotors (p = 1) am 50-Hz-Netz ist korrekt?
- a) n_s = 1500 U/min, weil der Motor immer mit Schlupf läuft
- b) n_s = 3000 U/min und der Läufer dreht genau mit dieser Drehzahl
- c) n_s hängt beim Einphasenmotor nicht von der Polpaarzahl ab
- d) n_s = 3000 U/min, wobei der tatsächliche Läufer mit Schlupf darunter dreht
Richtig: d)
n_s = 60 · f / p = 60 · 50 / 1 = 3000 U/min. Das ist die Synchrondrehzahl des Drehfelds. Der Läufer eines Asynchronmotors (Ein- wie Dreiphasig) dreht immer mit einem kleinen Schlupf unterhalb dieser Drehzahl — bei Nennlast typisch 2–8 %. Ohne Schlupf würde keine Induktionswirkung entstehen und damit kein Drehmoment.
Glossar
- Anlaufkondensator
- Kondensator in der Hilfsphase eines Kondensatormotors, der nur während des Anlaufs aktiv ist und danach vom Fliehkraftschalter abgetrennt wird. Ausgeführt als Elektrolyt-Kondensator mit großer Kapazität.
- Betriebskondensator
- Kondensator in der Hilfsphase, der dauerhaft im Betrieb bleibt. Ausgeführt als Folienkondensator, ausgelegt für Dauerbetrieb.
- Doppelfeld-Theorie
- Beschreibung des pulsierenden Magnetfelds eines Einphasenmotors als Überlagerung zweier gleich großer, gegenläufiger Drehfelder. Erklärt das fehlende Anlaufmoment im Stillstand.
- Drehfeld
- Rotierendes Magnetfeld im Stator, das den Läufer mitnimmt. Beim Kondensatormotor durch räumlichen und zeitlichen Versatz von Haupt- und Hilfswicklung erzeugt.
- Fliehkraftschalter
- Mechanischer Schalter auf der Motorwelle, der bei Erreichen einer bestimmten Drehzahl (typisch 75–80 % der Nenndrehzahl) öffnet und damit die Hilfswicklung bzw. den Anlaufkondensator abtrennt.
- Folienkondensator
- Kondensatorbauart mit Kunststofffolie als Dielektrikum, dauerbetriebsfest. Wird als Betriebskondensator in Kondensatormotoren eingesetzt.
- Hauptwicklung
- Die im Dauerbetrieb aktive Statorwicklung des Einphasenmotors, direkt am Netz.
- Hilfswicklung
- Zweite Statorwicklung, räumlich um 90° zur Hauptwicklung versetzt. Dient dem Anlauf; im Betrieb je nach Motorvariante weiter aktiv oder abgetrennt.
- Pulsierendes Magnetfeld
- Magnetfeld, das seine Größe und Polarität rhythmisch wechselt, aber nicht rotiert. Entsteht durch eine einzelne Wechselspannungswicklung.
- Resonanzüberhöhung
- Spannungserhöhung am Kondensator in der Reihenschaltung mit der Hilfswicklung. Führt dazu, dass die Kondensatorspannung im Betrieb deutlich über der Netzspannung liegt (typisch 400–450 V bei 230-V-Netz).
- Schlupf
- Drehzahldifferenz zwischen dem Drehfeld und dem Läufer, ausgedrückt relativ zur Synchrondrehzahl. Beim Asynchronmotor notwendig für die Drehmomenterzeugung.
- Spannungsfestigkeit
- Maximale Spannung, für die ein Kondensator dauerhaft ausgelegt ist. Muss beim Ersatz eines Kondensators der tatsächlichen Betriebsspannung (inklusive Resonanzüberhöhung) entsprechen.
- Zweikondensator-Motor
- Kondensatormotor mit zwei Kondensatoren: großem Anlaufkondensator (parallel, mit Fliehkraftschalter) und kleinem Betriebskondensator (dauerhaft aktiv). Kombination aus hohem Anlaufmoment und guten Betriebseigenschaften.
