Asynchronmotor – Schleifringläufer
Der Schleifringläufermotor ist eine besondere Bauart des Drehstrom-Asynchronmotors, bei der der Rotor über Schleifringe zugänglich ist. Diese Bauart ermöglicht es, den Rotorwiderstand gezielt zu verändern und damit das Anlaufverhalten, die Drehzahl und das Drehmoment zu beeinflussen. In diesem Kurs lernst du den Aufbau, die Funktionsweise und die typischen Anwendungen des Schleifringläufermotors kennen.
Was ist ein Schleifringläufermotor und wie unterscheidet er sich vom Käfigläufer?
Der Schleifringläufermotor ist eine Bauart des Drehstrom-Asynchronmotors, bei der die Rotorwicklung nicht kurzgeschlossen ist, sondern über Schleifringe nach außen geführt wird. Im Gegensatz dazu hat der Käfigläufermotor einen kurzgeschlossenen Rotor, dessen Wicklung fest mit dem Rotor verbunden und nicht zugänglich ist.
Hauptunterschiede zum Käfigläufer
| Merkmal | Käfigläufer | Schleifringläufer |
|---|---|---|
| Rotorwicklung | Kurzgeschlossene Stäbe (Käfig) | Drehstromwicklung, über Schleifringe zugänglich |
| Anlaufmoment | Gering (ca. 1,5- bis 2,5-faches Nennmoment) | Hoch (bis 3-faches Nennmoment möglich) |
| Anlaufstrom | Hoch (5- bis 8-faches Nennstrom) | Reduziert durch Anlasswiderstand |
| Drehzahlstellung | Nicht möglich (ohne Frequenzumrichter) | Über Rotorwiderstand stufenlos einstellbar |
| Wartungsaufwand | Gering (wartungsfrei) | Höher (Schleifringe, Kohlebürsten) |
| Wirkungsgrad | Hoch (keine Verluste im Rotor) | Etwas geringer (Verluste im Anlasswiderstand) |
| Anschaffungskosten | Niedriger | Höher |
? Verständnisfrage: Warum hat der Schleifringläufer ein höheres Anlaufmoment als der Käfigläufer? ›
Wie ist der Rotor eines Schleifringläufers aufgebaut?
Der Rotor eines Schleifringläufers unterscheidet sich grundlegend vom Käfigläufer. Statt eines einfachen Kurzschlusskäfigs besitzt er eine vollwertige Drehstromwicklung, die der Statorwicklung sehr ähnlich ist.
Aufbau der Rotorwicklung
Die Rotorwicklung besteht aus drei separaten Wicklungssträngen (U₂, V₂, W₂), die in Nuten im Rotorblechpaket untergebracht sind. Diese drei Wicklungen werden in Sternschaltung verbunden. Die drei Wicklungsenden werden auf die Schleifringe geführt, die auf der Rotorwelle montiert sind.
Die Schleifringe
Die Schleifringe sind auf der Rotorwelle montierte, elektrisch leitfähige Ringe (meist aus Messing oder Kupfer), die sich mit dem Rotor drehen. Auf jedem Schleifring liegt eine feststehende Kohlebürste auf, die über Federdruck einen sicheren Kontakt gewährleistet. So entsteht eine dauerhafte elektrische Verbindung zwischen dem rotierenden Rotor und den feststehenden Anschlüssen.
Sternschaltung der Rotorwicklung
Die drei Wicklungsstränge im Rotor sind intern im Sternpunkt verbunden. Die drei Außenleiter (U₂, V₂, W₂) werden über die Schleifringe nach außen geführt. Der Sternpunkt ist nicht zugänglich und liegt isoliert im Rotor.
? Verständnisfrage: Warum werden beim Schleifringläufer genau drei Schleifringe benötigt? ›
Wie funktioniert der Anlasswiderstand beim Schleifringläufer?
Der Anlasswiderstand (auch Anfahrwiderstand genannt) ist ein außerhalb des Motors angeordneter Widerstand, der über die Schleifringe in den Rotorkreis geschaltet wird. Seine Hauptaufgaben sind:
- Begrenzung des Anlaufstroms: Beim Start wird der Rotor mit hohem Widerstand betrieben, was den Stromfluss im Rotor und damit auch im Stator begrenzt.
- Erhöhung des Anlaufmoments: Durch den erhöhten Rotorwiderstand wird das Kippmoment (maximales Drehmoment) in den Stillstandsbereich verschoben, sodass beim Anlauf ein sehr hohes Drehmoment zur Verfügung steht.
- Sanfter Hochlauf: Der Widerstand wird während des Hochlaufs stufenweise verringert, bis der Motor nahezu Nenndrehzahl erreicht hat und der Rotor kurzgeschlossen wird.
Aufbau des Anlasswiderstands
Der Anlasswiderstand besteht meist aus mehreren Widerstandsstufen, die über Schütze oder Stufenschalter nacheinander kurzgeschlossen werden können. Typisch sind 3 bis 5 Stufen. Jede Stufe reduziert den Gesamtwiderstand im Rotorkreis.
Warum erhöht der Anlasswiderstand das Anlaufmoment?
Das mag zunächst widersprüchlich klingen: Mehr Widerstand → weniger Strom → weniger Drehmoment? Das stimmt beim Käfigläufer, aber beim Schleifringläufer verschiebt sich durch den erhöhten Rotorwiderstand die Drehmoment-Drehzahl-Kennlinie.
Das Kippmoment (Mkipp) ist das maximale Drehmoment, das der Motor liefern kann. Bei einem Käfigläufer liegt dieses Kippmoment bei etwa 70–80 % der Nenndrehzahl. Beim Anlauf (n = 0) ist das Moment deutlich kleiner. Durch Erhöhung des Rotorwiderstands wird das Kippmoment in Richtung Stillstand verschoben – im Extremfall liegt Mkipp genau bei n = 0, was das höchste mögliche Anlaufmoment ergibt.
? Verständnisfrage: Warum wird der Anlasswiderstand nach dem Hochlauf kurzgeschlossen? ›
Wie beeinflusst der Rotorwiderstand die Anlaufkennlinie?
Die Drehmoment-Drehzahl-Kennlinie (auch M-n-Kennlinie genannt) zeigt, wie viel Drehmoment der Motor bei unterschiedlichen Drehzahlen erzeugt. Diese Kennlinie ändert sich deutlich, wenn man den Rotorwiderstand verändert.
Kennlinie beim Käfigläufer (RRotor klein)
Beim Käfigläufer ist der Rotorwiderstand sehr klein (typisch < 0,1 Ω). Die Kennlinie zeigt:
- Geringes Anlaufmoment MA (etwa 1,5 × MN)
- Kippmoment Mkipp bei etwa 70–80 % der Nenndrehzahl
- Steiler Anstieg des Moments nach dem Anlauf
- Hoher Anlaufstrom (5- bis 8-faches IN)
Kennlinie beim Schleifringläufer (RRotor groß)
Durch Hinzufügen eines Anlasswiderstands wird RRotor deutlich erhöht (z. B. auf 2–5 Ω). Die Kennlinie ändert sich:
- Das Kippmoment verschiebt sich zu niedrigeren Drehzahlen
- Bei optimalem Widerstand liegt Mkipp genau bei n = 0 (Stillstand)
- Das Anlaufmoment MA kann bis zu 3 × MN erreichen
- Der Anlaufstrom wird begrenzt (etwa 2- bis 3-faches IN)
- Die Kennlinie wird flacher → größerer Schlupf bei gleicher Last
- Ranl,opt
- Optimaler Anlasswiderstand (bei dem Mkipp im Stillstand liegt) [Ω]
- X2
- Reaktanz der Rotorwicklung [Ω]
Unterschiedliche Anlaufszenarien
| Szenario | Rotorwiderstand | Anlaufmoment MA | Anlaufstrom IA | Anwendung |
|---|---|---|---|---|
| Käfigläufer | Sehr klein (fest) | Niedrig (1,5–2 × MN) | Hoch (5–8 × IN) | Pumpen, Lüfter (leichter Anlauf) |
| Schleifringläufer, R klein | Klein (kurzgeschlossen) | Wie Käfigläufer | Wie Käfigläufer | Normalbetrieb nach Hochlauf |
| Schleifringläufer, R mittel | Mittel (1–3 Ω) | Mittel (2–2,5 × MN) | Mittel (3–4 × IN) | Zwischenstufe beim Hochlauf |
| Schleifringläufer, R optimal | Groß (≈ X2) | Maximal (bis 3 × MN) | Begrenzt (2–3 × IN) | Kräne, Aufzüge, Walzwerke |
? Verständnisfrage: Was passiert mit dem Kippmoment, wenn der Rotorwiderstand vergrößert wird? ›
Wie kann die Drehzahl beim Schleifringläufer gestellt werden?
Ein großer Vorteil des Schleifringläufermotors ist die Möglichkeit zur Drehzahlstellung ohne teure Frequenzumrichter. Dies geschieht durch permanente Zuschaltung eines Widerstands im Rotorkreis.
Prinzip der Drehzahlstellung
Die Drehzahl eines Asynchronmotors hängt vom Schlupf ab. Der Schlupf wiederum wird durch den Rotorwiderstand beeinflusst:
- s
- Schlupf (dimensionslos, 0 bis 1) [1]
- n₀
- Synchrondrehzahl (Drehfeld) [min⁻¹]
- n
- Läuferdrehzahl [min⁻¹]
Beim Käfigläufer ist der Rotorwiderstand fest und sehr klein → der Schlupf bei Nennlast liegt typisch bei 2–5 %, die Drehzahl ist nahezu konstant.
Beim Schleifringläufer kann durch Zuschaltung eines externen Widerstands der Schlupf gezielt erhöht werden → die Drehzahl sinkt. Je größer der zugeschaltete Widerstand, desto größer der Schlupf und desto niedriger die Drehzahl.
Verlustleistung bei Drehzahlstellung
Die Verlustleistung im Rotorwiderstand berechnet sich aus:
- PVerlust
- Verlustleistung im Widerstand [W]
- Pmech
- Mechanische Abgabeleistung [W]
- s
- Schlupf [1]
Beispiel: Bei 50 % Drehzahl (s = 0,5) und Pmech = 10 kW beträgt die Verlustleistung:
PVerlust = 10.000 W · 0,5 / (1 – 0,5) = 10.000 W · 0,5 / 0,5 = 10.000 W = 10 kW
→ Die Verlustleistung ist genauso groß wie die Nutzleistung! Der Wirkungsgrad liegt nur bei 50 %.
? Verständnisfrage: Warum ist die Drehzahlstellung über Rotorwiderstände bei Dauerbetrieb ungünstig? ›
Wo werden Schleifringläufermotoren eingesetzt?
Der Schleifringläufermotor wird überall dort eingesetzt, wo seine spezifischen Vorteile die Nachteile (höhere Kosten, Wartungsaufwand) überwiegen. Die typischen Anwendungsgebiete sind:
Hauptanwendungen
1. Kräne und Hebezeuge
Kräne benötigen beim Anheben schwerer Lasten ein hohes Anlaufmoment aus dem Stillstand. Der Schleifringläufer bietet hier gegenüber dem Käfigläufer entscheidende Vorteile:
- Hohes Anzugsmoment: Bis zu 3 × MN bereits beim Anlauf
- Begrenzter Anlaufstrom: Schonung der Netzversorgung
- Sanfter Hochlauf: Stufenweises Beschleunigen vermeidet ruckartige Bewegungen
- Drehzahlstellung: Verschiedene Hubgeschwindigkeiten ohne Frequenzumrichter
2. Aufzüge (ältere Anlagen)
In älteren Aufzugsanlagen wurden Schleifringläufermotoren eingesetzt, um eine stufenlose Geschwindigkeitsregelung zu ermöglichen. Heute werden neue Aufzüge fast ausschließlich mit Frequenzumrichtern und Käfigläufermotoren ausgestattet, da diese wartungsärmer und effizienter sind.
3. Walzwerke und Antriebe mit hoher Massenträgheit
In der Stahlindustrie müssen große Massen (Walzen, Bandmaterial) beschleunigt werden. Der Schleifringläufer ermöglicht:
- Hohe Anzugsmomente zum Überwinden der Trägheit
- Kontrollierten Hochlauf ohne Stromspitzen
- Grobe Drehzahlstellung für unterschiedliche Walzgeschwindigkeiten
4. Windkraftanlagen (doppelt gespeiste Asynchronmaschine)
Eine besondere Anwendung ist die doppelt gespeiste Asynchronmaschine (DFIG – Doubly Fed Induction Generator) in modernen Windkraftanlagen. Hier wird der Schleifringläufer als Generator betrieben:
- Der Stator ist direkt ans Netz angeschlossen
- Der Rotor wird über einen Umrichter gespeist
- Durch Steuerung des Rotorstroms kann die Drehzahl in einem weiten Bereich variiert werden
- Die Schlupfleistung wird über den Umrichter ins Netz zurückgespeist (kein Widerstandsverlust!)
- Dadurch können Windgeschwindigkeitsschwankungen optimal genutzt werden
5. Weitere Anwendungen
| Anwendung | Grund für Schleifringläufer |
|---|---|
| Bandantriebe | Hohes Anzugsmoment, Drehzahlstellung |
| Mühlen, Brecher | Hohe Anlaufmomente bei schweren Lasten |
| Kompressoren (alte Bauart) | Sanfter Anlauf, Strombegrenzung |
| Prüfstände | Variable Drehzahl, Drehmomentregelung |
Wann NICHT verwenden?
Der Schleifringläufer ist nicht geeignet für:
- Einfache Dauerlauf-Anwendungen (Pumpen, Lüfter) → Käfigläufer ist besser
- Hochdynamische Antriebe mit häufigen Lastwechseln → Servomotoren sind besser
- Staubige oder explosive Umgebungen → Funkenbildung an Bürsten problematisch
- Wartungsfreie, langlebige Installationen → Käfigläufer mit Frequenzumrichter ist besser
? Verständnisfrage: Warum wird der Schleifringläufer bei modernen Aufzügen kaum noch eingesetzt? ›
Abschlusstest
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Fragen bei mündlicher Prüfung
Typische Prüfungsfragen mit vollständigen Musterantworten. Klappe die Fragen auf, um die Antworten zu sehen.
01 Erklären Sie den grundlegenden Aufbau eines Schleifringläufermotors. ›
Der Schleifringläufermotor besteht aus zwei Hauptteilen:
- Stator: Wie beim Käfigläufer – enthält die Drehstromwicklung, die das Drehfeld erzeugt
- Rotor: Besitzt eine vollwertige Drehstromwicklung mit drei Strängen (U₂, V₂, W₂), die in Stern geschaltet sind
Die Rotorwicklung wird über drei Schleifringe nach außen geführt. Die Schleifringe sind auf der Rotorwelle montiert und drehen sich mit. Darauf liegen feststehende Kohlebürsten, die über Federdruck einen elektrischen Kontakt herstellen.
Über die Schleifringe kann ein Anlasswiderstand in den Rotorkreis geschaltet werden, um das Anlaufverhalten zu verbessern und die Drehzahl zu stellen.
02 Warum werden beim Schleifringläufer genau drei Schleifringe benötigt? ›
Die Rotorwicklung ist eine Drehstromwicklung mit drei Strängen, die in Sternschaltung verbunden sind.
- Die drei Außenleiter (U₂, V₂, W₂) müssen einzeln zugänglich sein
- Der Sternpunkt ist intern im Rotor verbunden und nicht zugänglich
- Daher werden genau drei Schleifringe benötigt – einer pro Außenleiter
Würde man eine Dreieckschaltung verwenden, bräuchte man ebenfalls drei Schleifringe, da auch hier drei Knotenpunkte zugänglich sein müssen.
03 Wie funktioniert der Anlasswiderstand und warum erhöht er das Anlaufmoment? ›
Der Anlasswiderstand ist ein außerhalb des Motors angeordneter, meist stufbarer Widerstand, der über die Schleifringe in den Rotorkreis geschaltet wird.
Funktionsweise:
- Beim Start ist der Widerstand maximal eingeschaltet
- Während des Hochlaufs wird er stufenweise kurzgeschlossen
- Bei Nenndrehzahl ist der Rotor komplett kurzgeschlossen
Warum erhöht er das Anlaufmoment?
Durch den erhöhten Rotorwiderstand verschiebt sich das Kippmoment (maximales Drehmoment) in Richtung Stillstand. Bei optimalem Widerstand liegt Mkipp genau bei n = 0, was das höchste mögliche Anlaufmoment ergibt.
Gleichzeitig wird der Anlaufstrom begrenzt, da der höhere Widerstand den Stromfluss im Rotor reduziert.
04 Beschreiben Sie den typischen Ablauf beim Anlassen eines Schleifringläufermotors. ›
Schritt 1 – Vorbereitung:
- Alle Widerstandsstufen sind eingeschaltet (maximaler Widerstand im Rotorkreis)
- Motor ist noch im Stillstand
Schritt 2 – Einschalten:
- Stator wird ans Netz geschaltet
- Motor startet mit hohem Anlaufmoment und begrenztem Strom
Schritt 3 – Stufenweises Kurzschließen:
- Sobald der Motor eine bestimmte Drehzahl erreicht, wird die erste Widerstandsstufe kurzgeschlossen
- Der Rotor beschleunigt weiter
- Nacheinander werden alle Stufen kurzgeschlossen
Schritt 4 – Normalbetrieb:
- Bei Nenndrehzahl ist der Rotor vollständig kurzgeschlossen
- Der Motor verhält sich wie ein Käfigläufer
- Maximaler Wirkungsgrad im Betrieb
Die Umschaltung erfolgt meist automatisch über eine Zeitsteuerung oder drehzahlabhängig.
05 Wie kann mit einem Schleifringläufer die Drehzahl verstellt werden und welche Nachteile hat diese Methode? ›
Prinzip der Drehzahlstellung:
Durch dauerhafte Zuschaltung eines Widerstands im Rotorkreis wird der Schlupf erhöht und damit die Drehzahl verringert.
Je größer der Widerstand, desto größer der Schlupf, desto niedriger die Drehzahl.
Nachteile dieser Methode:
- Hohe Verluste: Die Schlupfleistung wird im Widerstand in Wärme umgesetzt
- Schlechter Wirkungsgrad: Bei 50 % Drehzahl sinkt der Wirkungsgrad auf etwa 50 %
- Erwärmung: Der Widerstand muss für die Dauerbelastung ausgelegt sein
- Nur für kurzzeitigen Betrieb geeignet oder geringe Leistungen
Moderne Alternative: Frequenzumrichter oder Schleifringläufer-Kaskade mit Rückspeisung der Schlupfleistung ins Netz (z. B. bei Windkraftanlagen).
06 Vergleichen Sie Schleifringläufer und Käfigläufer hinsichtlich Anlaufmoment, Wartungsaufwand und Wirkungsgrad. ›
Anlaufmoment:
- Käfigläufer: Gering (1,5- bis 2,5-faches Nennmoment)
- Schleifringläufer: Hoch (bis 3-faches Nennmoment möglich)
- → Vorteil: Schleifringläufer bei schweren Lasten
Wartungsaufwand:
- Käfigläufer: Praktisch wartungsfrei (nur Lager)
- Schleifringläufer: Regelmäßige Wartung nötig (Kohlebürsten, Schleifringe reinigen)
- → Vorteil: Käfigläufer ist wartungsärmer
Wirkungsgrad:
- Käfigläufer: Hoch (92–96 %), keine zusätzlichen Verluste
- Schleifringläufer (Rotor kurzgeschlossen): Vergleichbar mit Käfigläufer
- Schleifringläufer (mit Anlasswiderstand): Deutlich geringer durch Verluste im Widerstand
- → Vorteil: Käfigläufer bei Dauerbetrieb
Fazit: Der Schleifringläufer wird nur dort eingesetzt, wo seine Vorteile (hohes Anlaufmoment, einfache Drehzahlstellung) die Nachteile überwiegen.
07 Nennen Sie typische Anwendungen für Schleifringläufermotoren und begründen Sie, warum sie dort eingesetzt werden. ›
Kräne und Hebezeuge:
- Hohes Anlaufmoment zum Anheben schwerer Lasten
- Sanfter, kontrollierter Hochlauf
- Begrenzter Anlaufstrom schont das Netz
Walzwerke:
- Große Massenträgheit der Walzen muss überwunden werden
- Hohe Anzugskräfte erforderlich
- Kontrollierter Anlauf ohne Stromspitzen
Windkraftanlagen (DFIG):
- Variable Drehzahl zur Anpassung an Windgeschwindigkeit
- Rückspeisung der Schlupfleistung ins Netz über Umrichter
- Nur Teilumrichter nötig (ca. 30 % der Leistung) → kostengünstiger als Vollumrichter
Aufzüge (ältere Anlagen):
- Früher für sanften Anlauf und Drehzahlstellung eingesetzt
- Heute meist durch Frequenzumrichter + Käfigläufer ersetzt
08 Was ist eine doppelt gespeiste Asynchronmaschine (DFIG) und wo wird sie eingesetzt? ›
DFIG steht für Doubly Fed Induction Generator (doppelt gespeiste Asynchronmaschine).
Funktionsprinzip:
- Der Stator ist direkt ans Netz angeschlossen
- Der Rotor wird über einen Frequenzumrichter gespeist
- Durch Steuerung des Rotorstroms (Frequenz, Amplitude, Phase) kann die Drehzahl in einem weiten Bereich variiert werden
- Die Schlupfleistung wird über den Umrichter ins Netz zurückgespeist, nicht in Widerständen verheizt
Vorteile:
- Variable Drehzahl bei hohem Wirkungsgrad
- Nur ein Teilumrichter nötig (ca. 30 % der Generatorleistung)
- Deutlich günstiger als ein Vollumrichter
Hauptanwendung: Windkraftanlagen
Die DFIG-Technik ermöglicht es, die Generatordrehzahl an wechselnde Windgeschwindigkeiten anzupassen und dabei immer mit optimaler Effizienz zu arbeiten. Diese Bauart war lange Zeit Standard bei Windkraftanlagen im Megawatt-Bereich.
09 Welche Wartungsarbeiten sind bei einem Schleifringläufermotor erforderlich? ›
Regelmäßige Wartungsarbeiten:
1. Kontrolle und Austausch der Kohlebürsten:
- Verschleiß der Kohlebürsten prüfen (Mindestlänge beachten)
- Bei zu kurzen Bürsten: Austausch erforderlich
- Federnd der Bürsten kontrollieren (ausreichender Anpressdruck)
2. Reinigung der Schleifringe:
- Bürstenabrieb (Kohlestaub) von den Schleifringen entfernen
- Oberfläche der Schleifringe auf Riefen oder Verschleiß prüfen
- Bei starker Verschmutzung oder Beschädigung: Schleifen oder Austausch
3. Prüfung der elektrischen Verbindungen:
- Anschlüsse am Anlasswiderstand kontrollieren
- Bürstenkontakte auf festen Sitz prüfen
4. Lager und mechanische Teile:
- Lagergeräusche prüfen
- Schmierung kontrollieren
- Welle auf Schlag oder Unwucht prüfen
Wartungsintervalle:
- Abhängig von Betriebsstunden und Einsatzbedingungen
- Typisch: alle 500–2.000 Betriebsstunden Sichtkontrolle
- Bei hoher Beanspruchung: kürzere Intervalle
10 Welche österreichischen Normen sind beim Betrieb von Schleifringläufermotoren relevant? ›
ÖVE/ÖNORM EN 60034-1:
- Drehende elektrische Maschinen – Bemessung und Betriebsverhalten
- Definiert Kennwerte wie Nennmoment, Kippmoment, Anlaufmoment
- Anforderungen an Isolierung und Kennzeichnung
ÖVE/ÖNORM EN 50110:
- Betrieb von elektrischen Anlagen
- Sicherheitsanforderungen beim Arbeiten an elektrischen Betriebsmitteln
- Wichtig bei Wartung und Instandhaltung
ESV 2012 (Elektroschutzverordnung):
- Nationale Verordnung für elektrische Betriebsmittel in Österreich
- Anforderungen an Schutzmaßnahmen
- Prüfpflichten für elektrische Anlagen
ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG):
- Arbeitsschutzanforderungen bei Installation und Wartung
- Persönliche Schutzausrüstung
Maschinen-Sicherheitsverordnung (MSV):
- Gilt für Maschinen mit Schleifringläuferantrieb
- Sicherheitsanforderungen an Antriebssysteme
Formelsammlung
n₀: Synchrondrehzahl [min⁻¹]
n: Läuferdrehzahl [min⁻¹]
n₀: Synchrondrehzahl [min⁻¹]
s: Schlupf [1]
f: Netzfrequenz [Hz]
p: Polpaarzahl [1]
X₂: Reaktanz der Rotorwicklung [Ω]
Pmech: Mechanische Leistung [W]
s: Schlupf [1]
P: Leistung [W]
n: Drehzahl [s⁻¹]
Glossar
- Anlasswiderstand: Externer, meist stufbarer Widerstand, der beim Anlauf in den Rotorkreis geschaltet wird, um das Anlaufmoment zu erhöhen und den Anlaufstrom zu begrenzen.
- Asynchronmotor: Elektromotor, bei dem die Drehzahl des Läufers (Rotor) niedriger ist als die Synchrondrehzahl des Drehfelds. Die Differenz wird als Schlupf bezeichnet.
- DFIG: Doubly Fed Induction Generator – doppelt gespeiste Asynchronmaschine, bei der sowohl Stator als auch Rotor (über Umrichter) gespeist werden. Hauptanwendung: Windkraftanlagen.
- Drehmoment-Drehzahl-Kennlinie (M-n-Kennlinie): Grafische Darstellung des Drehmomentverlaufs über der Drehzahl. Zeigt Anlaufmoment, Kippmoment und Betriebsbereich.
- Käfigläufer: Bauart des Asynchronmotors mit kurzgeschlossenem Rotor (Käfigwicklung). Einfach, robust und wartungsfrei.
- Kippmoment (Mkipp): Maximales Drehmoment, das der Motor liefern kann. Bei Überschreitung kippt der Motor ab (bricht zusammen).
- Kohlebürsten: Feststehende, federnd gelagerte Kontaktelemente aus Kohle oder Graphit, die auf den rotierenden Schleifringen aufliegen und die elektrische Verbindung herstellen.
- Rotorwicklung: Beim Schleifringläufer: Drehstromwicklung im Rotor, die über Schleifringe zugänglich ist. Beim Käfigläufer: Kurzschlusswicklung (Käfig).
- Schleifringläufer: Bauart des Asynchronmotors, bei der die Rotorwicklung über Schleifringe nach außen geführt ist. Ermöglicht Zuschaltung von Anlasswiderständen und Drehzahlstellung.
- Schleifringe: Auf der Rotorwelle montierte, elektrisch leitfähige Ringe (meist aus Messing oder Kupfer), auf denen die Kohlebürsten schleifen. Dienen zur Übertragung elektrischer Signale vom rotierenden auf den feststehenden Teil.
- Schlupf (s): Differenz zwischen Synchrondrehzahl und Läuferdrehzahl, bezogen auf die Synchrondrehzahl. s = (n₀ – n) / n₀
- Sternschaltung: Schaltungsart, bei der die drei Wicklungsstränge an einem gemeinsamen Sternpunkt verbunden sind. Die drei Außenleiter sind zugänglich.
- Synchrondrehzahl (n₀): Drehzahl des magnetischen Drehfelds im Stator. Hängt ab von Netzfrequenz und Polpaarzahl: n₀ = f / p
Stand & Quellen
- Normen: ÖVE/ÖNORM EN 60034-1 (Drehende elektrische Maschinen), ÖVE/ÖNORM EN 50110 (Betrieb elektrischer Anlagen), ESV 2012 (Elektroschutzverordnung)
- Gesetze: ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG), Maschinen-Sicherheitsverordnung (MSV)
- Erstellungsdatum: April 2026
- Zielgruppe: Mechatroniker-Lehrlinge, Elektrotechniker in Ausbildung
