Gegenseitige Induktion – Mechatronik Lernportal

Gegenseitige Induktion

Zwei Spulen, die sich nicht berühren – und dennoch kommunizieren: Dieses Phänomen steckt hinter dem Transformator, der drahtlosen Energieübertragung und zahlreichen Sensoren in der Mechatronik. In diesem Kurs lernst du, wie ein veränderlicher Strom in einer Spule eine Spannung in einer benachbarten Spule erzeugt, wie du die Gegeninduktivität berechnest und warum Kopplungsfaktor sowie Wicklungssinn entscheidend für die Praxis sind.

Was ist gegenseitige Induktion – und warum berühren sich die Spulen nicht?

Stell dir zwei Spulen vor, die nebeneinander auf einem Tisch liegen, ohne sich zu berühren. Sobald du durch die erste Spule einen sich verändernden Strom schickst, geschieht in der zweiten Spule etwas Überraschendes: Es entsteht eine Spannung – ganz ohne elektrische Verbindung. Dieses Phänomen nennt sich gegenseitige Induktion (auch: Gegeninduktion oder Transformatorprinzip). Es ist eine der fundamentalen Erscheinungen des Elektromagnetismus und bildet die physikalische Grundlage für Transformatoren, induktive Sensoren und die drahtlose Energieübertragung.

Das Schlüsselprinzip dahinter ist das magnetische Feld. Jede stromdurchflossene Spule erzeugt um sich herum ein Magnetfeld. Ändert sich der Strom – und damit das Magnetfeld –, dann „sieht“ eine benachbarte Spule diese Feldänderung. Nach dem Faradayschen Induktionsgesetz erzeugt jede zeitliche Änderung des magnetischen Flusses durch eine Leiterschleife eine elektromotorische Kraft (EMK), also eine Spannung. Die zweite Spule muss dazu kein eigenes Magnetfeld erzeugen; sie reagiert schlicht auf das fremde, veränderliche Feld.

Eine gute Alltagsanalogie ist das Gespräch in einem Raum: Die erste Spule ist wie ein Lautsprecher – sie sendet Schallwellen (das Magnetfeld) aus. Die zweite Spule ist das Mikrofon – es reagiert auf diese Wellen und wandelt sie in ein elektrisches Signal um. Kein physischer Kontakt nötig, aber eine gemeinsame „Sprache“: das schwankende Feld.

Entscheidend für das Ausmaß der Kopplung ist, wie viel des magnetischen Flusses der ersten Spule tatsächlich durch die zweite Spule hindurchtritt. Sind die Spulen weit voneinander entfernt oder ungünstig ausgerichtet, geht ein Großteil des Flusses als sogenannter Streufluss verloren. Sind sie hingegen auf einen gemeinsamen Eisenkern gewickelt, wird nahezu der gesamte Fluss übertragen – das Grundprinzip des Transformators.

Physikalisches Fundament Faradaysches Induktionsgesetz: Eine Spannung wird immer dann induziert, wenn sich der magnetische Fluss durch eine Leiterschleife mit der Zeit ändert. Bei der gegenseitigen Induktion ist es der Fluss der ersten Spule, der durch die zweite Spule tritt und dort die Spannung verursacht.
Abb. 1 – Gegenseitige Induktion: Magnetischer Fluss zwischen zwei Spulen
Spule 1 (Primär) ~ u₁ magnetischer Fluss Φ₁₂ Spule 2 (Sekundär) u₂ R i₁(t) — Streufluss
? Verständnisfrage: Was ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass in Spule 2 eine Spannung induziert wird?
Ein konstanter Gleichstrom durch Spule 1
Ein zeitlich veränderlicher Strom durch Spule 1
Eine direkte elektrische Verbindung zwischen Spule 1 und Spule 2
Ein eigener Stromfluss in Spule 2

Wie entsteht die induzierte Spannung – und was sagt das Induktionsgesetz genau?

Das Faradaysche Induktionsgesetz ist der mathematische Kern der gegenseitigen Induktion. Es besagt, dass die in einer Leiterschleife induzierte Spannung gleich der negativen zeitlichen Ableitung des magnetischen Flusses durch diese Schleife ist. Für eine Spule mit mehreren Windungen multipliziert sich diese Wirkung: Jede Windung erfährt die gleiche Flussänderung, und die Einzelspannungen addieren sich zum sogenannten Verkettungsfluss Ψ (Psi).

Im Fall der gegenseitigen Induktion erzeugt Spule 1 mit dem zeitveränderlichen Strom i₁(t) einen magnetischen Fluss Φ₁. Ein Teil davon – der Kopplungsfluss Φ₁₂ – tritt durch die Windungen der Spule 2 und wird dort „gesammelt“. Der in Spule 2 verkettete Fluss ist Ψ₂₁ = N₂ · Φ₁₂, wobei N₂ die Windungszahl der Spule 2 ist. Die induzierte Spannung ergibt sich dann als zeitliche Ableitung dieses Verkettungsflusses.

Das negative Vorzeichen in der Formel spiegelt die Lenzsche Regel wider: Die induzierte Spannung (und der daraus folgende Strom, falls ein Stromkreis geschlossen ist) wirkt stets so, dass sie ihrer eigenen Ursache entgegenwirkt. Steigt der Strom in Spule 1 an, so versucht der induzierte Strom in Spule 2 das entstehende Magnetfeld zu schwächen. Diese Eigenschaft ist bei der Auslegung von Transformatoren und der Abschätzung von Übergangseffekten beim Schalten wesentlich.

Eine anschauliche Analogie: Stell dir vor, du drückst eine Luftmatratze zusammen (steigender Fluss). Die Matratze „reagiert“ mit Gegendruck (induzierte Gegenkraft). Lässt du los, federt sie zurück. Genauso reagiert Spule 2 auf das veränderliche Feld von Spule 1 – immer entgegen der verursachenden Änderung.

Grundlegende Formeln der induzierten Spannung

u₂ = –dΨ₂₁/dt = –N₂ · dΦ₁₂/dt
u₂
induzierte Spannung in Spule 2 [V]
Ψ₂₁
mit Spule 2 verketteter Fluss durch Spule 1 [Vs = Wb]
N₂
Windungszahl von Spule 2 [–]
Φ₁₂
Anteil des Flusses von Spule 1, der durch Spule 2 tritt [Wb]
t
Zeit [s]
u₂ = –M · di₁/dt
M
Gegeninduktivität [H]
di₁/dt
zeitliche Änderung des Stroms in Spule 1 [A/s]
Abb. 2 – Zeitverläufe: Primärstrom i₁(t) und induzierte Spannung u₂(t) – 90°-Phasenversatz
Wichtig Bei einem Sinusstrom i₁(t) = Î · sin(ωt) ist die induzierte Spannung u₂(t) = –M · ω · Î · cos(ωt), also um 90° gegenüber dem Strom phasenverschoben. Dies ist entscheidend für die Zeigerdiagrammanalyse im Wechselstromkreis.
? Verständnisfrage: Was passiert mit der induzierten Spannung u₂, wenn der Strom i₁ in Spule 1 konstant ist (di₁/dt = 0)?
u₂ = 0 V, es wird keine Spannung induziert.
u₂ ist proportional zum absoluten Wert von i₁.
u₂ = M (die Gegeninduktivität selbst als Spannung)
u₂ steigt linear mit der Zeit an.
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Beispiele & Rechenaufgaben 1 Beispiel · 3 Aufgaben
Beispiel 1
Durch Spule 1 fließt ein Strom, der sich gleichmäßig von 0 A auf 4 A in 0,02 s ändert. Die Gegeninduktivität beträgt M = 50 mH. Wie groß ist die induzierte Spannung u₂?
Lösung
Gegeben: di₁/dt = ΔI/Δt = 4 A / 0,02 s = 200 A/s; M = 50 mH = 0,05 H
Formel: u₂ = M · di₁/dt (Betrag)
Rechnung: u₂ = 0,05 H · 200 A/s = 10 V
u₂ = 10 V (der negative Anteil aus dem Vorzeichen zeigt die Gegenrichtung)
Aufgabe 1
Spule 1 hat eine Gegeninduktivität M = 120 mH mit Spule 2. Der Strom in Spule 1 steigt in 5 ms von 1 A auf 3 A. Berechne die induzierte Spannung u₂.
Tipp: di₁/dt = ΔI/Δt berechnen.
Lösung
di₁/dt = (3 – 1) A / 0,005 s = 400 A/s
u₂ = M · di₁/dt = 0,12 H · 400 A/s
u₂ = 48 V
Aufgabe 2
Ein Sinusstrom i₁(t) = 2 A · sin(2π · 50 Hz · t) fließt durch Spule 1. M = 80 mH. Berechne den Scheitelwert der induzierten Spannung û₂.
Tipp: Bei i(t) = Î · sin(ωt) gilt di/dt = Î · ω · cos(ωt). Der Scheitelwert ist û₂ = M · ω · Î.
Lösung
ω = 2π · 50 Hz ≈ 314,2 rad/s
û₂ = M · ω · Î = 0,08 H · 314,2 rad/s · 2 A
û₂ ≈ 50,3 V (als Betrag; zeitlicher Verlauf: u₂(t) = –50,3 V · cos(ωt), also 90° gegenüber i₁ voreilend)
Aufgabe 3
Durch Spule 1 fließt ein Dreieckstrom: Der Strom steigt in 10 ms linear von –3 A auf +3 A, dann fällt er in weiteren 10 ms wieder auf –3 A. M = 200 mH. Welche Spannung u₂ wird während des Anstiegs induziert?
Tipp: Beim linearen Anstieg ist di₁/dt konstant.
Lösung
di₁/dt = (3 – (–3)) A / 0,01 s = 6 A / 0,01 s = 600 A/s
u₂ = M · di₁/dt = 0,2 H · 600 A/s
u₂ = 120 V (konstant während des Anstiegs)

Was beschreibt die Gegeninduktivität M – und wie hängt sie von den Spuleneigenschaften ab?

Die Gegeninduktivität M (auch: Koppelinduktivität oder gegenseitige Induktivität) ist die Kenngröße, die beschreibt, wie stark zwei Spulen magnetisch miteinander gekoppelt sind. Ihre Einheit ist das Henry [H] – dieselbe Einheit wie für die Selbstinduktivität L einer einzelnen Spule. Der Wert von M hängt von mehreren Faktoren ab: der Geometrie der Spulen (Form, Größe), ihrer räumlichen Anordnung (Abstand, Ausrichtung) sowie dem Material im Inneren (Permeabilität des Kerns).

Intuitiv lässt sich M so verstehen: Wenn eine Stromänderung von 1 A/s in Spule 1 eine Spannung von 1 V in Spule 2 induziert, dann hat das System eine Gegeninduktivität von M = 1 H. Ein großes M bedeutet eine starke Kopplung – schon kleine Stromänderungen erzeugen beträchtliche Spannungen. Ein kleines M hingegen zeigt eine schwache Kopplung, wie man sie bei weit voneinander entfernten oder senkrecht zueinander stehenden Spulen findet.

Bemerkenswerterweise ist die Gegeninduktivität eine wechselseitige Größe: M₁₂ = M₂₁ = M. Das bedeutet: Dieselbe Kopplung gilt in beide Richtungen. Ein Strom in Spule 1 induziert die gleiche Spannung in Spule 2 (bezogen auf gleiche Stromänderungsraten) wie umgekehrt. Mathematisch folgt dies aus dem Gegeninduktivitätsgesetz, das man auch über das Neumann-Integral herleiten kann – einem Linienintegral über die Geometrie beider Spulen.

Für zwei koaxiale Ringspulen (Toroide) ohne Streufluss vereinfacht sich die Berechnung deutlich. In der Praxis lässt sich M jedoch meist nur durch Messung oder Simulation (z. B. mittels FEM-Software) zuverlässig bestimmen, da reale Geometrien komplex sind. Eine einfache Messmethode ist die Messung der Gesamt-Induktivitäten bei gleich- und gegengeschalteten Spulen (Additionsmethode).

Gegeninduktivität M

M = Ψ₂₁ / i₁ = N₂ · Φ₁₂ / i₁
M
Gegeninduktivität [H]
Ψ₂₁
mit Spule 2 verketteter Fluss durch i₁ [Vs]
N₂
Windungszahl Spule 2 [–]
Φ₁₂
Anteil des Flusses von Spule 1 durch Spule 2 [Wb]
i₁
Strom in Spule 1 [A]
M = k · √(L₁ · L₂)
k
Kopplungsfaktor [0 … 1]
L₁, L₂
Selbstinduktivitäten der Spulen 1 und 2 [H]

Messmethode (Additionsmethode)

M = (L_ges_gleich – L_ges_gegen) / 4
L_ges_gleich
Gesamtinduktivität bei gleichsinniger Reihenschaltung [H]
L_ges_gegen
Gesamtinduktivität bei gegensinniger Reihenschaltung [H]
? Verständnisfrage: Was passiert mit der Gegeninduktivität M, wenn der Abstand zwischen zwei Spulen stark vergrößert wird?
M bleibt konstant, da sie nur von den Windungszahlen abhängt.
M steigt, weil mehr Streufluss entsteht.
M nimmt ab und nähert sich bei sehr großem Abstand dem Wert 0.
M wird negativ, da der Streufluss überwiegt.
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Beispiele & Rechenaufgaben 1 Beispiel · 3 Aufgaben
Beispiel 1
Spule 1 hat L₁ = 400 mH, Spule 2 hat L₂ = 100 mH. Der Kopplungsfaktor beträgt k = 0,8. Berechne M.
Lösung
M = k · √(L₁ · L₂) = 0,8 · √(0,4 H · 0,1 H)
M = 0,8 · √(0,04 H²) = 0,8 · 0,2 H
M = 0,16 H = 160 mH
Aufgabe 1
Durch eine Spule mit N₂ = 200 Windungen tritt ein Fluss Φ₁₂ = 0,5 mWb, wenn Spule 1 einen Strom i₁ = 2 A führt. Wie groß ist M?
Tipp: M = N₂ · Φ₁₂ / i₁
Lösung
M = N₂ · Φ₁₂ / i₁ = 200 · 0,0005 Wb / 2 A
M = 0,05 H = 50 mH
Aufgabe 2
Bei gleichsinniger Reihenschaltung zweier Spulen ergibt sich L_gleich = 800 mH, bei gegensinniger Schaltung L_gegen = 200 mH. Berechne M.
Tipp: Additionsmethode: M = (L_gleich – L_gegen) / 4
Lösung
M = (800 mH – 200 mH) / 4 = 600 mH / 4
M = 150 mH
Aufgabe 3
Zwei identische Spulen haben je L = 250 mH. Die Gegeninduktivität wurde zu M = 100 mH gemessen. Berechne den Kopplungsfaktor k.
Tipp: k = M / √(L₁ · L₂)
Lösung
k = M / √(L₁ · L₂) = 0,1 H / √(0,25 H · 0,25 H)
k = 0,1 H / 0,25 H
k = 0,4

Wie berechnet man den Kopplungsfaktor k – und was verrät er über die Qualität der Kopplung?

Der Kopplungsfaktor k (auch: Koppelkoeffizient) ist eine dimensionslose Zahl zwischen 0 und 1, die beschreibt, welcher Anteil des magnetischen Flusses der primären Spule tatsächlich die sekundäre Spule durchdringt. Bei k = 1 spricht man von einer idealen Kopplung – der gesamte Fluss wird übertragen, es gibt keinen Streufluss. Bei k = 0 sind die Spulen vollständig entkoppelt, kein Fluss wird geteilt.

In der Praxis liegt k für gut konstruierte Eisenkern-Transformatoren sehr nahe an 1 (typisch 0,95 bis 0,999). Bei Luftkern-Anordnungen, wie sie in der HF-Technik oder bei induktiver Energieübertragung (Wireless Charging) auftreten, liegt k oft zwischen 0,1 und 0,6 – je nach Geometrie und Ausrichtung. Der Wert k ist daher ein wichtiges Qualitätsmerkmal für die Effizienz der Energieübertragung.

Man kann k auch geometrisch interpretieren: Zeichne zwei Kreise, die Gesamt-Fluss-Volumen der beiden Spulen repräsentieren. k entspricht dann dem Verhältnis der Schnittmenge (gemeinsamer Fluss) zur geometrischen Mitte (√(L₁·L₂)). Diese Vorstellung hilft zu verstehen, warum koaxiale Spulen mit gleichem Durchmesser eine bessere Kopplung haben als gekreuzte Spulen – die Fluss-Kreise überlappen stärker.

Der Streufluss, also 1 – k², ist der Anteil des Flusses, der „verloren geht“ und nicht zur Energieübertragung beiträgt. Dieser Streufluss verursacht eine Streuinduktivität, die in Ersatzschaltbildern von Transformatoren eigens modelliert wird und bei hohen Schaltfrequenzen zu störenden Spannungsspitzen führen kann.

Kopplungsfaktor

k = M / √(L₁ · L₂)
k
Kopplungsfaktor [–], 0 ≤ k ≤ 1
M
Gegeninduktivität [H]
L₁
Selbstinduktivität Spule 1 [H]
L₂
Selbstinduktivität Spule 2 [H]
Abb. 3 – Kopplungsfaktor k in Abhängigkeit vom relativen Spulenabstand (schematisch-qualitativ; für Eisenkerntransformatoren gilt: k ≈ 1 durch geschlossenen magnetischen Kreis, nicht durch Luftabstand)
d [rel.] k [–] 0 0,25 0,5 0,75 1,0 0 1 2 3 4 Eisenkern / Ferrit (geschl. Kreis) Luftkern (Spulenabstand) k = 1 (ideal) Eisenkern / Ferrit Luftkern
KonfigurationTypischer k-WertAnwendung
Transformator (Eisenkern)0,95 – 0,999Netzversorgung, Schaltnetzteile
Übertrager (Ferritkern)0,8 – 0,99HF-Technik, Gate-Treiber
Wireless Charging (Luftspalt)0,1 – 0,6Induktive Energieübertragung
Koaxiale Luftspulen (nah)0,3 – 0,7Resonanz-Koppler
Orthogonale Spulen (90°)≈ 0entkoppelte Spulen in Messschaltungen
? Verständnisfrage: Ein Transformator hat L₁ = 1 H, L₂ = 1 H und k = 0,9. Welchen Wert hat M?
M = 1 H
M = 0,9 H
M = 0,81 H
M = 0,45 H

Wie wirkt der Wicklungssinn auf das Vorzeichen der induzierten Spannung?

Die Gegeninduktivität M ist immer positiv – aber das Vorzeichen der induzierten Spannung u₂ hängt davon ab, in welcher Richtung die Spulen gewickelt sind. Dieser Sachverhalt wird durch die Punktkonvention (engl.: dot convention) beschrieben, ein standardisiertes Symbol in Schaltplänen.

Die Grundregel lautet: Wenn an der mit einem Punkt markierten Klemme von Spule 1 der Strom hineinfließt (in Pfeilrichtung), dann wird an der punktmarkierten Klemme von Spule 2 eine Spannung mit positivem Vorzeichen induziert. Fließt der Strom hingegen an der nicht markierten Klemme hinein, kehrt sich das Vorzeichen um. In der Formel bedeutet gleichsinnige Wicklung (beide Punkte auf der gleichen Seite): u₂ = +M · di₁/dt, und gegensinnige Wicklung: u₂ = –M · di₁/dt.

Ein Alltagsbeispiel: Stell dir zwei Schrauben vor, eine mit Rechts- und eine mit Linksgewinde. Wenn du beide gleichzeitig im Uhrzeigersinn drehst, bewegen sie sich entgegengesetzt (eine zieht an, die andere drückt ab). Genauso: Bei gegensinniger Wicklung „zieht“ das Magnetfeld der einen Spule das Magnetfeld der anderen in die entgegengesetzte Richtung.

Die Punktkonvention ist besonders wichtig beim Aufstellen von Maschengleichungen (Kirchhoffsche Spannungsregel) für gekoppelte Netzwerke. Sie verhindert Vorzeichenfehler, die sonst zu völlig falschen Ergebnissen führen würden. Die grafische Darstellung der Punktkonvention ist international in der Schaltzeichen-Norm IEC 60617 geregelt; für Transformator-Wicklungsanfänge gilt die Bezeichnungskonvention nach IEC 60076.

Abb. 4 – Punktkonvention: gleichsinnige (links) vs. gegensinnige (rechts) Wicklung
Gleichsinnige Wicklung A i₁ → B +u₂ u₂ = +M · di₁/dt Gegensinnige Wicklung A i₁ → B –u₂ u₂ = –M · di₁/dt
Norm Die Punktkonvention (Wicklungsanfangs-Kennzeichnung) ist in der Schaltzeichen-Norm IEC 60617 (Grafische Symbole für Schaltpläne) festgelegt. Für Leistungstransformatoren regelt IEC 60076 die Polmarkierung der Wicklungsanfänge (Buchstabenbezeichnungen A/B/C primär, a/b/c sekundär). In Österreich wird diese in der nationalen Anwendung der ÖVE/ÖNORM EN 60034-Reihe (elektrische Maschinen) berücksichtigt. Die ÖNORM EN IEC 61131 betrifft demgegenüber SPS-Programmiernormen und nicht die Transformatorkennzeichnung.
? Verständnisfrage: Was bedeutet es, wenn in einem Schaltplan zwei induktiv gekoppelte Spulen Punkte auf entgegengesetzten Seiten (einer oben links, einer unten rechts) haben?
M ist negativ zu verwenden.
Die Wicklungen sind gegensinnig – es gilt u₂ = –M · di₁/dt.
Die Spulen sind entkoppelt (k = 0).
Es besteht eine galvanische Verbindung zwischen den Spulen.

Wie funktioniert der ideale Transformator – und welche Grundgesetze gelten?

Der ideale Transformator ist das konsequenteste Anwendungsbeispiel der gegenseitigen Induktion: zwei Spulen mit perfekter Kopplung (k = 1), unendlichen Induktivitäten, ohne ohmsche Verluste und ohne Streufluss. Obwohl dieser Idealtransformator in der Realität nicht existiert, ist er ein unverzichtbares Denk- und Rechenmodell, das die wesentlichen Transformatorgesetze klar beschreibt.

Das erste Transformatorgesetz beschreibt das Spannungsverhältnis: Die Ausgangsspannung u₂ verhält sich zur Eingangsspannung u₁ wie die Windungszahl N₂ zur Windungszahl N₁. Dieses Verhältnis gilt in beide Richtungen und ist die Grundlage aller Netztransformatoren: Ein Transformator mit N₁ = 2.000 Windungen primär und N₂ = 100 Windungen sekundär setzt 230 V auf 11,5 V herab – exakt proportional.

Das zweite Transformatorgesetz betrifft die Ströme: Während das Spannungsverhältnis sich wie N₂/N₁ verhält, verhält sich das Stromverhältnis umgekehrt wie N₁/N₂. Diese Reziprozität ist eine direkte Folge der Energieerhaltung: Am idealen Transformator gilt P₁ = P₂, also u₁ · i₁ = u₂ · i₂. Wer die Spannung hochtransformiert, verringert gleichzeitig den Strom – und umgekehrt.

Besonders praktisch ist der Transformator zur Impedanzanpassung: Eine Last Z₂ am Sekundärkreis erscheint im Primärkreis mit dem Faktor (N₁/N₂)² transformiert. Dieses Wissen ist essenziell in der Audio- und Leistungselektronik, um maximale Leistungsübertragung zu erzielen.

In der österreichischen Praxis unterliegen alle elektrischen Anlagen, in denen Transformatoren eingesetzt werden, den einschlägigen Normen. Sicherheitsaspekte beim Arbeiten an transformatorgespeisten Anlagen sind in der ÖVE/ÖNORM EN 50110 geregelt, elektrische Maschinen und Transformatoren nach ÖVE/ÖNORM EN 60034. Die Schutzmaßnahmen werden durch die ESV 2012 (Elektroschutzverordnung) vorgeschrieben.

Idealer Transformator – Grundgesetze

ü = N₁ / N₂ = u₁ / u₂ = i₂ / i₁
ü
Übersetzungsverhältnis [–]
N₁, N₂
Windungszahlen Primär- / Sekundärwicklung [–]
u₁, u₂
Primär- / Sekundärspannung [V]
i₁, i₂
Primär- / Sekundärstrom [A]
u₂ = u₁ · N₂ / N₁
i₂ = i₁ · N₁ / N₂
Z’₂ = Z₂ · (N₁ / N₂)²
Z’₂
auf Primärseite transformierte Impedanz [Ω]
Z₂
Sekundärimpedanz [Ω]
⚡ Transformator-Rechner
Sekundärspannung u₂ V
Sekundärstrom i₂ A
Primärstrom i₁ (ideal) A
Z’₂ (auf Primär) Ω
Übersetzung ü
Norm Transformatoren als elektrische Maschinen fallen unter ÖVE/ÖNORM EN 60034. Die sichere Handhabung von Anlagen mit Transformatoren – insbesondere Freischaltung und Überprüfung – richtet sich nach ÖVE/ÖNORM EN 50110. Schutzmaßnahmen (z. B. Schutzkleinspannung SELV) sind in der ESV 2012 (Elektroschutzverordnung) verankert.
? Verständnisfrage: Ein Transformator hat N₁ = 500, N₂ = 50. Die Primärspannung beträgt 230 V. Wie groß ist die Sekundärspannung?
2.300 V
23 V
115 V
46 V
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Beispiele & Rechenaufgaben 1 Beispiel · 3 Aufgaben
Beispiel 1
Ein Transformator wird primärseitig mit 400 V gespeist. N₁ = 800, N₂ = 200. Am Sekundärkreis hängt eine Last von 20 Ω. Berechne u₂, i₂ und die auf die Primärseite transformierte Impedanz Z’₂.
Lösung
ü = N₁/N₂ = 800/200 = 4
u₂ = u₁/ü = 400 V / 4 = 100 V
i₂ = u₂/Z₂ = 100 V / 20 Ω = 5 A
Z’₂ = Z₂ · ü² = 20 Ω · 16 = 320 Ω
u₂ = 100 V, i₂ = 5 A, Z’₂ = 320 Ω
Aufgabe 1
Ein Klingeltrafo liefert 12 V bei N₂ = 60 Windungen. Die Netzspannung beträgt 230 V. Wie viele Primärwindungen N₁ sind erforderlich?
Tipp: ü = u₁/u₂ = N₁/N₂
Lösung
ü = u₁/u₂ = 230 V / 12 V ≈ 19,17
N₁ = ü · N₂ = 19,17 · 60 ≈ 1.150 Windungen
N₁ ≈ 1.150 Windungen
Aufgabe 2
Ein Lautsprecher mit 8 Ω soll über einen Übertrager an eine Verstärkerstufe mit Ausgangsimpedanz 800 Ω angepasst werden. Welches Windungsverhältnis N₁/N₂ ist erforderlich?
Tipp: Z’₂ = Z₂ · (N₁/N₂)² → N₁/N₂ = √(Z’₂/Z₂)
Lösung
N₁/N₂ = √(Z’₂/Z₂) = √(800 Ω / 8 Ω) = √100
N₁/N₂ = 10 (z. B. 1.000 : 100 Windungen)
Aufgabe 3
Primärstrom i₁ = 0,5 A bei einem Transformator mit ü = 20. Wie groß ist der Sekundärstrom i₂?
Lösung
i₂ = i₁ · ü = 0,5 A · 20
i₂ = 10 A

Wo wird gegenseitige Induktion in der Mechatronik-Praxis angewendet?

Die gegenseitige Induktion ist weit mehr als ein theoretisches Konstrukt – sie ist das tragende Funktionsprinzip zahlreicher Baugruppen, die in modernen mechatronischen Systemen täglich eingesetzt werden. Vom Netztransformator im Schaltschrank bis zum Näherungsschalter am Roboterarm: Überall dort, wo kontaktlose Energie- oder Signalübertragung gefragt ist, kommt dieses Prinzip zum Tragen.

Transformatoren und Schaltnetzteile sind die häufigste Anwendung. Im Schaltnetzteil arbeiten Transformatoren bei Frequenzen von 50 kHz bis 2 MHz – bei hohen Frequenzen kann der Eisenkern durch Ferrit ersetzt werden, was die Baugröße drastisch reduziert. Dennoch gelten stets die Grundgesetze der gegenseitigen Induktion. Höhere Frequenz bedeutet kleinere Induktivität für gleiche Spannungsübertragung – das ist der Schlüssel zur Miniaturisierung.

Induktive Näherungsschalter nutzen die Änderung der Gegeninduktivität, wenn ein metallisches Objekt in den Bereich des Sensors eindringt. Die primäre Spule erzeugt ein hochfrequentes Wechselfeld, das in das leitende Objekt Wirbelströme induziert. Diese Wirbelströme wirken wie eine sekundäre Spule und verändern die Impedanz der Primärspule messbar – ein Schaltausgang wird aktiviert. Diese Sensoren sind berührungslos, robust und schnell.

Induktive Energieübertragung (Wireless Charging) überträgt elektrische Energie über einen Luftspalt hinweg. Zwei Resonanzspulen – Sender und Empfänger – werden auf die gleiche Resonanzfrequenz abgestimmt, um trotz niedrigem k (0,1 bis 0,5) hohe Wirkungsgrade zu erzielen. In der Industrieautomation werden so bewegliche Maschinenteile, Rotoren oder fahrerlose Transportsysteme (FTS) berührungslos versorgt.

Strommesszangen und Rogowski-Spulen sind weitere Anwendungen: Sie umschließen einen Leiter ohne Unterbrechung und messen den fließenden Strom über die in der Messspule induzierte Spannung. Dieser Sensortyp ist essenziell für die Strommessung in Hochstrom- und Hochspannungsanlagen, da keine galvanische Verbindung zum Hauptstromkreis besteht.

Netztransformator / Schaltnetzteil
Spannungsanpassung, galvanische Trennung, k nahe 1 (Eisenkern/Ferrit), ü = N₁/N₂
Induktiver Näherungsschalter
Berührungslose Positionsdetektion, Wirbelstrominduktion im Zielobjekt, Impedanzänderung als Signal
Wireless Charging / induktive Energieübertragung
Resonanzkopplung, k = 0,1 bis 0,6 (Luftspalt), Frequenz typisch 85 kHz bis einige MHz
Strommesszange / Rogowski-Spule
Berührungslose Strommessung, keine galvanische Trennung notwendig, sicher in Hochstromanwendungen
LVDT – Linearer Variabler Differentialtransformator
Wegmesssensor, veränderliche gegenseitige Induktivität durch verschiebbaren Ferritkern, hochpräzise und robust
Praxistipp Bei der Montage von Schaltschränken ist darauf zu achten, dass induktive Bauteile (Drosseln, Transformatoren) räumlich so angeordnet werden, dass ihre Streufelder keine benachbarten Leiterbahnen oder Signalkabel beeinflussen. Das Prinzip der gegenseitigen Induktion gilt nämlich auch als Störmechanismus (induktive Einkopplung). Leitungen können als unerwünschte Sekundärspulen fungieren.
? Verständnisfrage: Warum kann ein Schaltnetzteil bei gleicher Leistung deutlich kleiner gebaut werden als ein klassischer Netztransformator (50 Hz)?
Schaltnetzteile haben ein günstigeres Übersetzungsverhältnis ü.
Bei höherer Frequenz wird die gleiche Spannung mit kleinerer Induktivität und kleinerem Kern erzielt.
Schaltnetzteile haben einen viel höheren Wirkungsgrad und verlieren keine Energie als Wärme.
Schaltnetzteile haben einen höheren Kopplungsfaktor k als klassische Transformatoren.

Abschlusstest

12 Fragen zum gesamten Kursinhalt – alle Kapitel werden abgedeckt.

Frage 1

Welche physikalische Größe ist die direkte Ursache für die induzierte Spannung bei gegenseitiger Induktion?

Frage 2

Welche Einheit hat die Gegeninduktivität M?

Frage 3

Die Gegeninduktivität M zweier Spulen beträgt 100 mH. Der Strom in Spule 1 ändert sich mit di₁/dt = 50 A/s. Welchen Betrag hat die in Spule 2 induzierte Spannung |u₂|?

Frage 4

Was bedeutet ein Kopplungsfaktor von k = 0?

Frage 5

Wie lautet die Formel für die Gegeninduktivität M in Abhängigkeit von Kopplungsfaktor und Selbstinduktivitäten?

Frage 6

Was beschreibt die Lenzsche Regel im Kontext der gegenseitigen Induktion?

Frage 7

Ein Transformator hat N₁ = 400 und N₂ = 20. Was ist das Übersetzungsverhältnis ü?

Frage 8

Wofür wird die Punktkonvention in Schaltplänen mit induktiv gekoppelten Spulen verwendet?

Frage 9

Welche Aussage über M₁₂ und M₂₁ ist korrekt?

Frage 10

Wie kann man M mit der Additionsmethode experimentell bestimmen?

Frage 11

Warum arbeiten Transformatoren ausschließlich mit Wechselstrom (oder gepulstem Gleichstrom), nicht mit reinem Gleichstrom?

Frage 12

Welche Norm ist in Österreich für die sichere Handhabung von Anlagen unter Spannung (Freischaltung, Überprüfung) maßgeblich?


Fragen bei mündlicher Prüfung

Typische Prüfungsfragen mit vollständigen Musterantworten – strukturiert und prüfungsreif.

1 Erklären Sie das Prinzip der gegenseitigen Induktion und nennen Sie die physikalische Grundlage.

Grundprinzip: Wenn durch Spule 1 ein zeitlich veränderlicher Strom i₁(t) fließt, entsteht um sie ein sich änderndes Magnetfeld. Ein Teil dieses Feldes tritt durch Spule 2 und induziert dort eine Spannung u₂ – ohne galvanische Verbindung.

Physikalische Grundlage: Faradaysches Induktionsgesetz

u₂ = –dΨ₂₁/dt = –M · di₁/dt
  • Voraussetzung: zeitliche Änderung des Stroms (di₁/dt ≠ 0)
  • Bei konstantem Gleichstrom: kein Feld → keine Spannung
  • Vorzeichen folgt der Lenzschen Regel: induzierte Wirkung wirkt ihrer Ursache entgegen

Praxisbezug: Dieses Prinzip ist die Grundlage jedes Transformators, induktiven Sensors und jedes drahtlosen Ladevorgangs.

2 Was versteht man unter der Gegeninduktivität M? Wie hängt sie von den Spuleneigenschaften ab?

Definition: M ist die Proportionalitätskonstante zwischen der Stromänderungsrate in Spule 1 und der induzierten Spannung in Spule 2:

u₂ = M · di₁/dt    |    M = k · √(L₁ · L₂)
k
Kopplungsfaktor (0 bis 1)
L₁, L₂
Selbstinduktivitäten [H]

Abhängigkeiten:

  • Windungszahlen: mehr Windungen → größeres M
  • Geometrie / Abstand: kleiner Abstand, koaxiale Ausrichtung → großes M
  • Kernmaterial: hohe Permeabilität (Eisen, Ferrit) → großes M
  • Reziprozität: M₁₂ = M₂₁ = M (Kopplung ist symmetrisch)
3 Erklären Sie den Kopplungsfaktor k und nennen Sie typische Werte für verschiedene Anwendungen.

Definition: k gibt an, welcher Anteil des Flusses von Spule 1 durch Spule 2 tritt:

k = M / √(L₁ · L₂)    ,    0 ≤ k ≤ 1
  • k = 1: ideale Kopplung – gesamter Fluss übertragen, kein Streufluss
  • k = 0: keine Kopplung – Spulen vollständig entkoppelt

Typische Werte:

  • Netz-Transformator (Eisenkern): k ≈ 0,95 – 0,999
  • Ferrit-Übertrager: k ≈ 0,8 – 0,99
  • Wireless Charging (Luftspalt): k ≈ 0,1 – 0,5
  • Orthogonale Luftspulen: k ≈ 0
4 Erklären Sie die Punktkonvention bei induktiv gekoppelten Spulen anhand eines Beispiels.

Zweck: Die Punktkonvention legt den Wicklungssinn (Anfang der Wicklung) fest und ermöglicht die richtige Vorzeichen-Zuordnung in Maschengleichungen.

Regel:

  • Gleichsinnige Wicklung (Punkte auf gleicher Seite): fließt i₁ in die punktmarkierte Klemme → u₂ erscheint positiv an der punktmarkierten Klemme von Spule 2 → u₂ = +M · di₁/dt
  • Gegensinnige Wicklung (Punkte auf verschiedenen Seiten): u₂ = –M · di₁/dt

Praxisbezug: Ohne korrekte Punktkonvention können Vorzeichen in Transformator-Ersatzschaltbildern falsch werden, was zu fehlerhaften Berechnungen von Spannungen und Strömen führt.

5 Nennen und erklären Sie die beiden Grundgesetze des idealen Transformators.

Voraussetzung idealer Transformator: k = 1, keine Verluste, unendliche Induktivitäten.

1. Spannungsgesetz

u₂ / u₁ = N₂ / N₁

2. Stromgesetz

i₂ / i₁ = N₁ / N₂

Impedanztransformation

Z’₂ = Z₂ · (N₁ / N₂)²
  • Spannungen verhalten sich gleichsinnig wie die Windungszahlen
  • Ströme verhalten sich umgekehrt zu den Windungszahlen
  • Leistung bleibt erhalten: P₁ = u₁ · i₁ = u₂ · i₂ = P₂
  • Impedanz transformiert mit dem Quadrat des Übersetzungsverhältnisses
6 Wie kann man die Gegeninduktivität M experimentell messen? Beschreiben Sie die Additionsmethode.

Prinzip der Additionsmethode: Man nutzt die Tatsache, dass sich M beim Reihenschalten von Spulen zum Selbstinduktivitätsterm addiert bzw. subtrahiert:

  • Gleichsinnige Reihenschaltung: L_gleich = L₁ + L₂ + 2M
  • Gegensinnige Reihenschaltung: L_gegen = L₁ + L₂ – 2M
M = (L_gleich – L_gegen) / 4

Durchführung:

  • Beide Spulen in Reihe schalten (gleichsinnig) → L_gleich mit LCR-Meter messen
  • Eine Spule umpoLen (gegensinnig) → L_gegen messen
  • M aus obiger Formel berechnen

Vorteil: Keine Kenntnis der Geometrie oder Windungszahlen erforderlich – rein elektrische Messung.

7 Erklären Sie das Funktionsprinzip eines induktiven Näherungsschalters auf Basis der gegenseitigen Induktion.

Aufbau: Eine Schwingspule (Primärspule) erzeugt ein hochfrequentes Wechselfeld im Bereich des Sensors.

Wirkprinzip:

  • Das Wechselfeld induziert in einem leitenden Metallobjekt Wirbelströme
  • Diese Wirbelströme erzeugen ein Gegenfeld (Lenzsche Regel) – das Metallobjekt wirkt wie eine sekundäre Kurzschluss-Spule
  • Die Impedanz der Primärspule ändert sich messbar (Wirkwiderstand steigt, Güte sinkt)
  • Diese Impedanzänderung wird ausgewertet → Schaltausgang aktiv

Vorteile: Berührungslos, robust, kein Verschleiß, schnell schaltend. Einsatz in der Fertigung, Robotik und Automatisierungstechnik.

8 Welche österreichischen Normen sind beim Betrieb und der Wartung von Transformatoranlagen zu beachten?

Relevante österreichische Normen und Rechtsvorschriften:

  • ÖVE/ÖNORM EN 50110: Betreiben elektrischer Anlagen – 5 Sicherheitsregeln (Freischalten, gegen Wiedereinschalten sichern, Spannungsfreiheit feststellen, Erden und Kurzschließen, benachbarte spannungsführende Teile abdecken/absperren)
  • ÖVE/ÖNORM EN 60034 (Reihe): Elektrische Maschinen – gilt auch für Leistungstransformatoren, regelt Bemessungsgrößen, Kühlungsklassen, Prüfverfahren
  • ÖVE/ÖNORM E 8001: Errichtung elektrischer Anlagen in Gebäuden – Transformatorstationen, Schutzmaßnahmen, Netzformen (TN, TT, IT)
  • ESV 2012 (Elektroschutzverordnung): § 6 und § 7 regeln Schutzmaßnahmen (SELV – Schutzkleinspannung, PELV, Schutzabstände, Sicherheitsabstände zu spannungsführenden Teilen) sowie Qualifikationsanforderungen für Elektrofachkräfte
  • ASchG (ArbeitnehmerInnenschutzgesetz): Rechtliche Grundlage der Gefährdungsbeurteilung und der Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz; Basis für ESV 2012

Praxisbezug: Vor jeder Arbeit an Transformatoranlagen sind zwingend die 5 Sicherheitsregeln nach EN 50110 anzuwenden. Für Schalthandlungen an Mittelspannungs-Transformatorstationen ist zusätzlich ein schriftlicher Schaltauftrag erforderlich. Elektrofachkräfte müssen für diese Tätigkeiten nachweislich qualifiziert und befähigt sein.


Formelsammlung

u₂ = –M · di₁/dt
Induzierte Spannung (Gegeninduktion)
u₂ = –dΨ₂₁/dt
Faradaysches Induktionsgesetz (Flussform); Ψ = N·Φ in Wb = Vs
M = N₂ · Φ₁₂ / i₁
Gegeninduktivität (Definition)
M = k · √(L₁ · L₂)
Gegeninduktivität über Kopplungsfaktor
k = M / √(L₁ · L₂)
Kopplungsfaktor (0 ≤ k ≤ 1)
M = (L_gl. – L_geg.) / 4
Additionsmethode (Messung von M)
ü = N₁ / N₂ = u₁ / u₂ = i₂ / i₁
Übersetzungsverhältnis Transformator
u₂ = u₁ · N₂ / N₁
Spannungsgesetz (idealer Trafo)
i₂ = i₁ · N₁ / N₂
Stromgesetz (idealer Trafo)
Z’₂ = Z₂ · (N₁ / N₂)²
Impedanztransformation
L_gl. = L₁ + L₂ + 2M
Gleichsinnige Reihenschaltung
L_geg. = L₁ + L₂ – 2M
Gegensinnige Reihenschaltung

Glossar

  • Gegenseitige Induktion – Phänomen, bei dem ein zeitlich veränderlicher Strom in Spule 1 eine Spannung in der räumlich benachbarten Spule 2 induziert; auch Gegeninduktion oder Transformatorprinzip genannt.
  • Gegeninduktivität M – Kenngröße der magnetischen Kopplung zwischen zwei Spulen, Einheit Henry [H]; gibt an, welche Spannung in Spule 2 pro Einheit der Stromänderungsrate in Spule 1 induziert wird.
  • Kopplungsfaktor k – Dimensionslose Zahl zwischen 0 und 1; gibt an, welcher Anteil des magnetischen Flusses von Spule 1 durch Spule 2 tritt; k = M / √(L₁·L₂).
  • Faradaysches Induktionsgesetz – Grundgesetz der Elektrodynamik: Die induzierte Spannung ist gleich der negativen zeitlichen Ableitung des magnetischen Verkettungsflusses; u = –dΨ/dt.
  • Lenzsche Regel – Die durch Induktion erzeugte Wirkung (Spannung, Strom) wirkt stets ihrer Ursache (der Flussänderung) entgegen; erklärt das negative Vorzeichen im Faradayschen Gesetz.
  • Verkettungsfluss Ψ – Gesamtfluss, der mit allen Windungen einer Spule verkettet ist; Ψ = N · Φ; Einheit Voltsekunde [Vs = Wb].
  • Streufluss – Anteil des magnetischen Flusses, der nicht durch die benachbarte Spule tritt, sondern „verloren geht“; Ursache der Streuinduktivität; bei k = 1 kein Streufluss.
  • Punktkonvention – Standardisiertes Symbol im Schaltplan (Punkt an Spulenklemme), das den Wicklungsanfang kennzeichnet und das Vorzeichen der induzierten Spannung definiert; geregelt in IEC 60617 (Schaltzeichen) und IEC 60076 (Transformator-Polmarkierung).
  • Übersetzungsverhältnis ü – Verhältnis der Windungszahlen N₁/N₂ beim Transformator; bestimmt das Verhältnis von Primär- zu Sekundärspannung und (reziprok) das Stromverhältnis.
  • Idealer Transformator – Theoretisches Modell mit k = 1, verlustfreien Wicklungen und unendlichen Induktivitäten; dient als Grundlage für die Herleitung der Transformatorgesetze.
  • Impedanztransformation – Eigenschaft des Transformators, eine Lastimpedanz Z₂ auf der Primärseite mit dem Faktor ü² transformiert erscheinen zu lassen; Z’₂ = Z₂ · (N₁/N₂)².
  • Additionsmethode – Experimentelle Methode zur Messung von M durch Messung der Gesamtinduktivität bei gleich- und gegensinniger Reihenschaltung; M = (L_gl. – L_geg.) / 4.
  • LVDT – Linear Variable Differential Transformer; Wegmesssensor, der das Prinzip der veränderlichen gegenseitigen Induktivität ausnutzt; hochpräzise und robust.
  • Rogowski-Spule – Ringförmige Messspule zur berührungslosen Strommessung; umschließt den Leiter, in ihr wird eine Spannung proportional zur Stromänderungsrate induziert.
  • Wirbelstrom – Im leitfähigen Material durch ein Wechsel-Magnetfeld induzierter Kreisstrom; Grundlage induktiver Näherungsschalter; verursacht gleichzeitig Erwärmungsverluste.
  • EMK – Elektromotorische Kraft; induzierte Spannung, die durch Flussänderung entsteht; Einheit Volt [V]; treibt im geschlossenen Stromkreis einen Strom an.

Stand & Quellen

  • ÖVE/ÖNORM EN 50110: Betreiben elektrischer Anlagen (österreichische Fassung)
  • ÖVE/ÖNORM EN 60034: Drehende elektrische Maschinen (Normenreihe, österreichische Fassung)
  • IEC 60076: Leistungstransformatoren – Bemessung, Prüfung, Wicklungsbezeichnung
  • IEC 60617: Grafische Symbole für Schaltpläne (Schaltzeichen, Punktkonvention)
  • ÖVE/ÖNORM E 8001: Errichtung von elektrischen Anlagen mit Nennspannungen bis zu 1.000 V AC und 1.500 V DC
  • ESV 2012: Elektroschutzverordnung, BGBl. II Nr. 33/2012 (Österreich)
  • ASchG: ArbeitnehmerInnenschutzgesetz, BGBl. Nr. 450/1994 idgF
  • Clausert, H. / Wiesemann, G.: Grundgebiete der Elektrotechnik, Bd. 1 & 2, De Gruyter
  • Harriehausen, T. / Schwarzenau, D.: Moeller Grundlagen der Elektrotechnik, Springer Vieweg
  • Stöcker, H. (Hrsg.): Taschenbuch der Physik, Harri Deutsch
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