Isolationsmessung
Eine mangelhafte Isolation ist eine der häufigsten Ursachen für Stromunfälle und Brände in elektrischen Anlagen – und bleibt dabei oft unsichtbar, bis es zu spät ist. In diesem Kurs lernst du, wie du mit dem Isolationstester systematisch und normgerecht vorgehst, Messwerte fachkundig bewertest und Anlagen sicher in Betrieb nimmst oder stilllegst. Von der Messpannung bis zur lückenlosen Dokumentation – hier bekommst du das vollständige Handwerkszeug für die Praxis.
Warum messen wir die Isolation überhaupt?
Stell dir vor, du hältst ein Wasserschlauch in der Hand, dessen Gummimantel an einer Stelle porös geworden ist – das Wasser tropft heraus, bevor es am Ziel ankommt. Genauso verhält es sich mit dem elektrischen Strom in einer Leitung: Die Isolierhülle um den Leiter soll verhindern, dass der Strom einen unerwünschten Weg nimmt. Ist diese Hülle beschädigt, gealtert oder feucht geworden, fließt ein Teil des Stroms dort, wo er nichts zu suchen hat – über das Gehäuse, durch den Boden oder durch einen Menschen.
Genau hier setzt die Isolationsmessung an. Sie ist ein zentrales Werkzeug der vorbeugenden Instandhaltung und der Abnahmeprüfung elektrischer Anlagen. Ihr Ziel ist es, den Zustand der Isolierung zwischen spannungsführenden Teilen und Erde – oder zwischen einzelnen Leitern – zu beurteilen, bevor es zu einem Defekt kommt. Im Gegensatz zur Sicherung, die erst nach einem Fehler auslöst, gibt die Isolationsmessung frühzeitig Auskunft darüber, ob sich ein Problem anbahnt.
In Österreich ist die Pflicht zur Isolationsprüfung in mehreren Normen und Gesetzen verankert. Die ÖVE/ÖNORM E 8001 (Errichtung von Starkstromanlagen mit Nennspannungen bis 1 kV) schreibt Prüfungen vor der Inbetriebnahme sowie nach Änderungen vor. Die ESV 2012 (Elektroschutzverordnung) fordert regelmäßige Wiederholungsprüfungen ortsfester und ortsveränderlicher Betriebsmittel. Für Arbeitsgeräte ist das ASchG (ArbeitnehmerInnenschutzgesetz) maßgeblich. Wer ohne gültige Prüfnachweise arbeitet oder eine Anlage mit mangelhafter Isolation in Betrieb lässt, handelt grob fahrlässig und haftet im Schadensfall persönlich.
Man unterscheidet grundsätzlich drei Anlässe für eine Isolationsmessung: die Erstprüfung bei Neuanlagen oder nach Umbauten, die Wiederholungsprüfung in festgelegten Zeitintervallen (je nach Anlage und Betriebsbedingung) sowie die Fehlersuche, wenn Schutzschalter unerklärlicherweise auslösen oder sich Geräte unerwartet verhalten. In jedem Fall liefert das Messergebnis eine objektive Aussage über den Isolationszustand – und damit eine wichtige Grundlage für Entscheidungen über Reparatur, Tausch oder Weiterbetrieb einer Anlage.
? Verständnisfrage: Wann ist eine Isolationsmessung nach ÖVE/ÖNORM E 8001 zwingend vorgeschrieben? ›
Was ist der Isolationswiderstand Riso und wie verhält er sich?
Der Isolationswiderstand Riso ist der elektrische Widerstand, den das Isoliermaterial zwischen einem spannungsführenden Leiter und der Erde (oder einem benachbarten Leiter) darstellt. Er wird in Megaohm (MΩ) oder sogar Gigaohm (GΩ) angegeben – denn eine gute Isolation muss Millionen von Ohm aufweisen, um den Ableitstrom auf einen ungefährlichen Wert zu begrenzen. Zum Vergleich: Ein normaler Metalldraht hat einen Widerstand von Bruchteilen eines Ohm – der Isolationswiderstand muss also um einen Faktor von mindestens einer Million größer sein.
Die physikalische Grundlage bildet das Ohmsche Gesetz: Legt man die Messspannung U an die Isolation an und misst den fließenden Ableitstrom IL, so ergibt sich Riso = U / IL. Da dieser Ableitstrom im Mikroampere-Bereich liegt, braucht man ein sehr empfindliches Messwerk – das ist der Grund, warum man keinen gewöhnlichen Multimeter verwenden kann, sondern einen speziellen Isolationstester benötigt.
Ein wichtiger und oft unterschätzter Aspekt ist die Temperaturabhängigkeit der Isolation. Viele Isolierstoffe – insbesondere Kunststoffe und Gummiverbindungen – werden bei Erwärmung leitfähiger, das heißt ihr Isolationswiderstand sinkt. Messungen an warmen Betriebsmitteln liefern daher niedrigere Werte als Messungen im abgekühlten Zustand. Die Norm fordert bei Bedarf eine Temperaturkorrektur: Der gemessene Wert wird auf eine Bezugstemperatur (meist 20 °C) umgerechnet, um vergleichbare Ergebnisse über die Zeit zu erhalten.
Ebenso entscheidend ist die Feuchtigkeitsabhängigkeit. Wasser leitet Strom – nicht zufällig ist Feuchtigkeit die häufigste Ursache für plötzlich schlechte Isolationswerte. Eine Anlage, die nach dem Abkühlen über Nacht Kondenswasser angesetzt hat, kann am Morgen Isolationswerte aufweisen, die weit unter dem Grenzwert liegen. Nach dem Trocknen können diese Werte wieder steigen. Dieser Effekt zeigt, dass ein einzelner schlechter Messwert nicht automatisch bedeutet, dass die Anlage defekt ist – er ist aber immer ein Hinweis, den man ernst nehmen muss.
Grundformel
- Riso
- Isolationswiderstand [MΩ]
- UMess
- Messspannung des Testers [V]
- IAbleit
- gemessener Ableitstrom [µA]
? Verständnisfrage: Warum sinkt Riso bei steigender Temperatur? ›
Wie funktioniert ein Isolationstester (Megger)?
Der Begriff „Megger“ ist ursprünglich ein Markenname des britischen Herstellers Megger Group, hat sich aber in der Praxis als Gattungsname für Isolationsmessgeräte durchgesetzt – ähnlich wie „Tempo“ für Taschentücher. Das Gerät ist im Wesentlichen ein hochohmiges Voltmeter mit eingebauter Hochspannungsquelle. Früher erzeugte ein Handkurbelgenerator die nötige Gleichspannung; heute übernimmt das eine elektronische Schaltung (DC/DC-Wandler), die aus einer 9-V- oder Akkubatterie eine stabile Gleichspannung von z. B. 250 V, 500 V, 1000 V oder 2500 V erzeugt.
Das Messprinzip ist einfach, aber genial: Die erzeugte Hochspannung wird an den zu prüfenden Leiter angelegt, während der andere Anschluss mit Erde oder einem Bezugsleiter verbunden ist. Das Messwerk misst dann den fließenden Strom – typischerweise im Nanound Mikroampere-Bereich – und berechnet daraus den Widerstand. Das Ergebnis wird direkt in MΩ oder GΩ angezeigt. Moderne Geräte haben zudem Timerfunktionen (z. B. automatische 1-Minuten-Messung) und speichern die Werte intern oder übertragen sie per Bluetooth ans Smartphone.
Ein qualitatives Merkmal guter Isolationstester ist der sogenannte Polarisationsindex (PI). Dabei wird das Verhältnis des nach 10 Minuten gemessenen Widerstands zum nach 1 Minute gemessenen Widerstand gebildet: PI = R(10 min) / R(1 min). Bei einer guten Isolation steigt der Widerstand im Zeitverlauf an, weil sich die freien Ladungsträger im Isolierstoff langsam an den Polen aufstauen – ein Effekt, der als dielektrische Absorption bezeichnet wird. Ein PI-Wert unter 1,5 gilt als Warnsignal; über 2,0 ist die Isolation als gut zu bewerten. Diese Methode ist besonders bei großen Maschinen, Transformatoren und Kabeln sinnvoll.
Neben dem PI gibt es den Absorptionskoeffizienten (DAR – Dielectric Absorption Ratio), der das Verhältnis R(60 s) / R(30 s) verwendet – eine schnellere Variante desselben Grundprinzips. Für die tägliche Praxis in der Werkstatt reicht jedoch oft die klassische Einzelmessung nach 60 Sekunden, wie sie in der ÖVE/ÖNORM E 8001 als Standardverfahren angegeben ist.
? Verständnisfrage: Was beschreibt der Polarisationsindex (PI)? ›
Welche Messspannungen und Grenzwerte schreibt die Norm vor?
Die Wahl der richtigen Messspannung ist nicht dem Zufall oder der persönlichen Vorliebe überlassen – sie ist normativ geregelt und hängt von der Nennspannung der zu prüfenden Anlage ab. Das Grundprinzip dahinter ist intuitiv: Eine Anlage, die im Betrieb mit 400 V belastet wird, muss auch mit einer höheren Prüfspannung auf ihre Isolationsfestigkeit getestet werden. Würde man eine Niederspannungsanlage nur mit 12 V messen, blieben viele Schwachstellen unentdeckt, die sich erst bei Betriebsspannung zeigen.
Die ÖVE/ÖNORM E 8001-6-61 gibt folgende Zuordnung vor: Für Stromkreise bis 50 V (Schutzkleinspannung, SELV/PELV) wird eine Prüfspannung von 250 V DC verwendet. Für Stromkreise im Bereich 50 V bis 500 V – das ist das klassische Niederspannungsnetz mit 230 V / 400 V – gilt eine Messspannung von 500 V DC. Für Anlagen im Bereich 500 V bis 1 kV werden 1000 V DC eingesetzt. Bei Mittel- und Hochspannungsanlagen kommen 2500 V oder 5000 V zum Einsatz, was jedoch außerhalb des Bereichs der normalen Elektrotechnik-Ausbildung liegt.
Zum Mindestwert des Isolationswiderstands: Die Norm fordert für Niederspannungsanlagen einen Isolationswiderstand von mindestens 1 MΩ pro Stromkreis (bei 500 V Messspannung). Für SELV/PELV-Stromkreise gilt ein Mindestwert von 0,5 MΩ (bei 250 V Messspannung). Diese Werte sind absolute Untergrenzen – in der Praxis sollen neue Anlagen Werte zeigen, die weit darüber liegen. Eine neue Anlage mit 1,1 MΩ sollte kritisch beäugt werden, auch wenn sie formal die Norm erfüllt.
Für elektrische Maschinen (Motoren, Generatoren) gelten gesonderte Regelungen gemäß ÖNORM EN 60034. Als Faustregel gilt hier: Riso [MΩ] ≥ Nennspannung [kV] + 1. Eine 400-V-Maschine (0,4 kV) sollte also mindestens 1,4 MΩ aufweisen. Großmaschinen und Hochspannungsmotoren werden nach wesentlich strengeren Kriterien bewertet, und der Trendverlauf über mehrere Messungen spielt eine entscheidende Rolle.
| Nennspannung der Anlage | Prüfspannung (DC) | Mindest-Riso | Norm |
|---|---|---|---|
| SELV/PELV ≤ 50 V | 250 V | ≥ 0,5 MΩ | ÖVE/ÖNORM E 8001-6-61 |
| 50 V bis 500 V (z. B. 230/400 V) | 500 V | ≥ 1 MΩ | ÖVE/ÖNORM E 8001-6-61 |
| 500 V bis 1000 V | 1000 V | ≥ 1 MΩ | ÖVE/ÖNORM E 8001-6-61 |
| Elektrische Maschinen (allg.) | 1000 V (Wicklung) | ≥ (UN/kV + 1) MΩ | ÖNORM EN 60034 |
? Verständnisfrage: Mit welcher Messspannung wird ein 400-V-Drehstrommotor geprüft? ›
Wie führt man die Messung sicher und korrekt durch?
Die Isolationsmessung gehört zu den potenziell gefährlichsten Routinemessungen in der Elektrotechnik – paradoxerweise gerade deshalb, weil sie so alltäglich erscheint. Der Tester erzeugt Spannungen von bis zu 5000 V, und auch wenn die verfügbare Energie begrenzt ist, können große Kabel oder Maschinenwicklungen erhebliche Ladungsmengen speichern. Wer nach der Messung unvorbereitet einen Leiter anfasst, kann einen schmerzhaften – und unter Umständen lebensgefährlichen – Stromschlag erhalten.
Die Vorbereitung beginnt damit, die Anlage allpolig spannungsfrei zu schalten und gegen Wiedereinschalten zu sichern (5 Sicherheitsregeln nach ÖVE/ÖNORM EN 50110: Freischalten – Gegen Wiedereinschalten sichern – Spannungsfreiheit feststellen – Erden und Kurzschließen – Benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdecken). Erst wenn diese Regeln vollständig eingehalten sind, darf mit der Messung begonnen werden. Alle elektronischen Bauteile, die die Prüfspannung nicht vertragen (Frequenzumrichter, PLC, Überspannungsableiter, Kondensatoren), sind vor der Messung abzuklemmen.
Die Messung selbst läuft standardmäßig so ab: Messleitung (rot/+) an den zu prüfenden Leiter, Erdungsleitung (schwarz/–) an PE oder an die Metallhülle des Gerätes. Am Tester wird die passende Messspannung eingestellt. Dann wird die Messung gestartet und der Wert nach 60 Sekunden abgelesen (Standardmesszeit). Bei der Mehrfachmessung (PI) wird nach 1 Minute und nach 10 Minuten abgelesen, ohne die Messung zu unterbrechen.
Nach der Messung ist Entladen Pflicht: Moderne Tester entladen automatisch beim Abschalten, aber man sollte sich nicht blind darauf verlassen. Die Entladezeit beträgt mindestens die vierfache Ladezeit (Faustregel: 1 Minute bei langen Kabeln), bevor Leitungen berührt oder Klemmen angefasst werden dürfen. Das Gerät zeigt dabei die verbleibende Restspannung an – erst wenn diese unter 50 V gesunken ist, gilt die Anlage als sicher berührbar.
Bei der Messung an mehrpoligen Leitungen ist jeder Leiter einzeln gegen Erde zu messen, dann alle Leiter gemeinsam gegen Erde und abschließend je zwei Leiter gegeneinander. Nur so lassen sich Isolationsfehler zwischen zwei Adern zuverlässig erkennen. Für die Protokollierung ist außerdem die Umgebungstemperatur und die relative Luftfeuchtigkeit festzuhalten, da diese die Messwerte erheblich beeinflussen können.
? Verständnisfrage: Warum muss nach der Isolationsmessung die Restladung entladen werden? ›
Wie dokumentiert und bewertet man die Messwerte richtig?
Ein Messwert ohne Dokumentation ist in der Elektrotechnik praktisch wertlos – nicht weil der Wert selbst falsch wäre, sondern weil er ohne Kontext nicht interpretierbar und vor Gericht nicht verwertbar ist. Die Dokumentation der Isolationsmessung dient drei gleichwertigen Zielen: dem Nachweis der Normkonformität gegenüber Behörden und Versicherungen, der Trendanalyse über den Zustand der Anlage im Zeitverlauf, und der Planung vorbeugender Instandhaltung, bevor ein Fehler zur Ausfallzeit führt.
Ein vollständiges Messprotokoll enthält: Datum und Uhrzeit, Namen des Prüfers, Bezeichnung des Prüfobjekts (Anlagen-ID, Kabelbezeichnung, Motorkennung), Nennspannung und verwendete Messspannung, die gemessenen Riso-Werte je Leiter (L-PE, N-PE und L-L), Umgebungstemperatur, relative Luftfeuchtigkeit, ggf. den Polarisationsindex sowie die abschließende Bewertung (bestanden / nicht bestanden) mit Unterschrift.
Bei der Bewertung eines Messwertes unterscheidet man zwischen einem einmaligen Messwert und dem Trendverlauf. Ein Wert von 5 MΩ kann für eine alte Anlage zufriedenstellend sein – wenn er aber vor drei Jahren noch bei 200 MΩ lag, ist er ein deutliches Alarmsignal. Die sogenannte Trendanalyse ist deshalb bei wiederkehrenden Prüfungen immer wichtiger als der absolute Einzelwert. Sinkt der Isolationswiderstand von Messung zu Messung kontinuierlich, deutet das auf fortschreitende Alterung, Feuchtigkeitseintrag oder mechanische Beschädigung hin – und gibt dem Instandhaltungsplaner die Möglichkeit, präventiv einzugreifen, statt reaktiv nach einem Defekt.
Fällt eine Messung unter den Grenzwert, ist die Anlage sofort außer Betrieb zu setzen und zu kennzeichnen. Die Ursache ist systematisch zu suchen: Oft lässt sich durch Aufteilung der Messung auf einzelne Abschnitte (Kabel, Anschlussklemmen, Gerät selbst) der Fehlerort eingrenzen. Nach Behebung des Mangels ist eine Wiederholungsmessung und eine neue Freigabedokumentation erforderlich.
? Verständnisfrage: Eine Anlage misst 3,5 MΩ – der Vorjahreswert war 250 MΩ. Was unternimmst du? ›
Abschlusstest
12 Fragen zum gesamten Kursinhalt – alle Kapitel werden abgedeckt.
Wofür steht der Begriff „Megger“ in der Elektrotechnik?
Welche Messspannung ist für eine 230/400-V-Niederspannungsanlage normgerecht?
Welcher Mindestisolationswiderstand gilt für eine 230/400-V-Niederspannungsanlage?
Was muss VOR einer Isolationsmessung zwingend sichergestellt werden?
Welche Norm regelt in Österreich die Erstprüfung von Niederspannungsanlagen?
Was ist der Polarisationsindex (PI) bei der Isolationsmessung?
Ein Tester legt 500 V an und misst einen Ableitstrom von 5 µA. Wie groß ist Riso?
Warum darf man Frequenzumrichter nicht angeschlossen lassen, wenn man die Motorwicklung mit 1000 V misst?
Welche Aussage zum Temperatureinfluss auf die Isolation ist korrekt?
Welches Dokument ist nötig, um den Trendverlauf einer Anlage über Jahre nachzuverfolgen?
Für eine 400-V-Motorwicklung gilt nach ÖNORM EN 60034 folgender Mindestisolationswiderstand:
Eine Anlage misst 0,8 MΩ. Was ist die korrekte Maßnahme?
Fragen bei mündlicher Prüfung
Typische Prüfungsfragen mit vollständigen Musterantworten – so wie ein Prüfer sie stellen würde.
1 Erklären Sie den Zweck der Isolationsmessung und welche Normen in Österreich gelten. ›
Die Isolationsmessung dient dazu, den Zustand der elektrischen Isolation zwischen spannungsführenden Leitern und Erde zu beurteilen. Ziele sind:
- Schutz vor Personenschäden: Eine beschädigte Isolation kann zu Körperdurchströmung führen.
- Brandschutz: Ableitströme erzeugen Wärme, die Isolierstoffe und Gebäudeteile entzünden kann.
- Präventive Instandhaltung: Frühzeitige Erkennung von Alterung und Feuchtigkeitseinfluss.
- Normkonformität und Haftungsabsicherung.
Maßgebliche österreichische Normen:
- ÖVE/ÖNORM E 8001-6-61: Erstprüfung und Wiederholungsprüfung von Niederspannungsanlagen
- ÖVE/ÖNORM EN 50110: Betrieb elektrischer Anlagen, 5 Sicherheitsregeln
- ESV 2012: Elektroschutzverordnung, Pflicht zur Wiederholungsprüfung
- ASchG: ArbeitnehmerInnenschutzgesetz – Schutzpflichten des Arbeitgebers
- ÖNORM EN 60034: Elektrische Maschinen – Isolationsprüfung von Wicklungen
2 Berechnen Sie den Isolationswiderstand, wenn bei 500 V Messspannung ein Ableitstrom von 10 µA gemessen wird. Ist die Anlage normgerecht? ›
Der Isolationswiderstand berechnet sich nach dem Ohmschen Gesetz:
Bewertung: Der Grenzwert nach ÖVE/ÖNORM E 8001 beträgt 1 MΩ. Mit 50 MΩ ist dieser um das 50-fache überschritten → bestanden, Anlage normgerecht. Für eine Erstprüfung einer neuen Anlage ist der Wert jedoch eher niedrig – hier wäre eine Ursachenanalyse sinnvoll.
3 Beschreiben Sie den korrekten Messablauf einer Isolationsmessung an einem 400-V-Kabel, von der Vorbereitung bis zur Freigabe. ›
- 1. Vorbereitung: 5 Sicherheitsregeln nach ÖVE/ÖNORM EN 50110 einhalten: Freischalten – Gegen Wiedereinschalten sichern – Spannungsfreiheit feststellen – Erden und Kurzschließen – Benachbarte Teile abdecken. Empfindliche Elektronik abklemmen.
- 2. Tester einstellen: Messspannung 500 V DC (für 400-V-Anlage, gemäß ÖVE/ÖNORM E 8001-6-61). Messzeit 60 s.
- 3. Anschließen: Rot (+) an L1, Schwarz (–) an PE. Jede Ader einzeln messen: L1/L2/L3/N gegen PE, dann alle Adern gemeinsam gegen PE, dann je zwei Adern gegeneinander.
- 4. Messen: Messung starten, nach 60 s Wert ablesen. Keine Berührung während der Messung!
- 5. Entladen: Tester abschalten, Restspannung beobachten. Erst bei U < 50 V Leiter berühren.
- 6. Protokollieren: Wert, Datum, Temperatur, Feuchte, Messgerät, Prüfer unterschreiben. Anlage bei R ≥ 1 MΩ freigeben.
4 Was ist der Polarisationsindex und wann wird er angewendet? ›
Der Polarisationsindex (PI) ist ein Kennwert für die Qualität der Isolation bei größeren Maschinen, Transformatoren und Kabeln. Er ergibt sich aus:
Hintergrund: Eine gute, trockene Isolation zeigt das Phänomen der dielektrischen Absorption – freie Ladungsträger werden zunehmend an den Polen gebunden, der Widerstand steigt im Zeitverlauf. Bei feuchter oder stark gealterter Isolation bleibt der Widerstand konstant oder sinkt sogar.
- PI ≥ 2,0: Isolation gut und trocken
- PI 1,5–2,0: Warnsignal, Ursache untersuchen
- PI < 1,5: Isolation kritisch – Instandsetzung prüfen
Anwendung: Vor Erstinbetriebnahme und bei Wiederholungsprüfungen von Großmaschinen, Transformatoren und langen Kabeln.
5 Warum ist nach einer Isolationsmessung die Entladung des Prüfobjekts zwingend vorgeschrieben? ›
Kabel, Wicklungen und andere kapazitive Betriebsmittel verhalten sich elektrisch wie Kondensatoren. Während der Messung mit Hochspannung (bis zu 5000 V) werden diese Kapazitäten aufgeladen.
Nach dem Abschalten des Testers bleibt diese Ladung im Objekt gespeichert. Die gespeicherte Energie berechnet sich zu:
- W
- Energie [J]
- C
- Kapazität [F]
- U
- Spannung [V]
Bei einem langen Kabel mit z. B. C = 1 µF und U = 1000 V wären das 0,5 J – genug für einen schmerzhaften Schlag. Die Entladung erfolgt durch:
- Automatische Entladefunktion des Testers (Pflicht bei modernen Geräten)
- Zusätzliche manuelle Entladung über geerdetem Erdungsstab, mindestens 1 Minute Entladezeit
- Freigabe erst wenn Restspannung < 50 V laut Anzeige
6 Erklären Sie den Einfluss von Temperatur und Feuchtigkeit auf den Isolationswiderstand. ›
Temperatur: Mit steigender Temperatur erhöht sich die Beweglichkeit von Ladungsträgern (Ionen, Elektronen) im Isolierstoff. Dadurch steigt die Leitfähigkeit des Isolierstoffs und Riso sinkt. Messungen an warmen Betriebsmitteln liefern daher systematisch niedrigere Werte als im abgekühlten Zustand. Norm-Empfehlung: Messwerte auf 20 °C Bezugstemperatur korrigieren.
Feuchtigkeit: Wasser leitet Strom. Kondensiertes Wasser auf der Oberfläche von Isolierstoffen bildet leitfähige Pfade. Selbst geringe Mengen Feuchtigkeit können Riso um mehrere Größenordnungen absenken. Nach dem Trocknen steigt der Wert wieder.
- Immer Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Protokoll festhalten
- Bei auffällig niedrigen Werten: Prüfobjekt trocknen und erneut messen
- Bei Außeninstallationen: nicht bei Regen oder Tau messen
7 Was enthält ein vollständiges Messprotokoll für eine Isolationsmessung? ›
Ein normgerechtes Messprotokoll enthält:
- Datum und Uhrzeit der Messung
- Name und Qualifikation des Prüfers
- Bezeichnung des Prüfobjekts (Anlagen-ID, Kabelbezeichnung, Motorkennung)
- Nennspannung der Anlage
- Messspannung des Testers (DC)
- Messzeit (in der Regel 60 s)
- Gemessene Riso-Werte je Leiter (L1-PE, L2-PE, L3-PE, N-PE, L-L)
- Umgebungstemperatur und relative Luftfeuchtigkeit
- Polarisationsindex (wenn ermittelt)
- Bewertung: bestanden / nicht bestanden
- Unterschrift des Prüfers
- Gerätebezeichnung und Kalibrierstatus des Messgeräts
8 Welche Messspannung wird für einen 400-V-Drehstrommotor verwendet, und wie berechnet sich der Mindestisolationswiderstand? ›
Für Motorwicklungen gilt die ÖNORM EN 60034. Die Messspannung beträgt:
- Nennspannung bis 1 kV: 1000 V DC
- Nennspannung 1 kV bis 6,6 kV: 2500 V DC
- Nennspannung über 6,6 kV: 5000 V DC
Der Mindest-Isolationswiderstand ergibt sich aus der Faustformel:
Für einen 400-V-Motor (UN = 0,4 kV):
Praxishinweis: Ein neuer Motor sollte Werte von mehreren hundert MΩ zeigen. Werte nahe am Mindestwert erfordern sofortige Trendbeobachtung und Ursachenanalyse.
Formelsammlung
Isolationswiderstand aus Messspannung und Ableitstrom [MΩ]
Ableitstrom bei bekannter Messspannung und Riso [µA]
Polarisationsindex: ≥ 2,0 gut · 1,5–2,0 Warnung · < 1,5 kritisch
Dielectric Absorption Ratio (schnelle Variante des PI)
Mindestisolationswiderstand elektrischer Maschinen (ÖNORM EN 60034)
Gespeicherte Energie im Kabel/Wicklung nach der Messung [J]
Prüfspannung Spannungsfestigkeitsprüfung (Hochspannungsprüfung – andere Prüfart!)
Glossar
- Ableitstrom (IL) – Der kleine Strom, der durch den Isolationswiderstand von einem spannungsführenden Leiter zur Erde fließt. Wird in µA oder mA gemessen.
- ASchG – ArbeitnehmerInnenschutzgesetz: Österreichisches Gesetz, das Schutzpflichten des Arbeitgebers regelt, darunter die regelmäßige Prüfung elektrischer Betriebsmittel.
- DAR (Dielectric Absorption Ratio) – Verhältnis R(60 s) / R(30 s); schnelle Variante des Polarisationsindex zur Beurteilung der Isolationsqualität.
- Dielektrische Absorption – Physikalisches Phänomen: Freie Ladungsträger in einem Isolierstoff werden bei angelegter Spannung schrittweise an den Polen gebunden; der Widerstand steigt im Zeitverlauf an.
- ESV 2012 – Elektroschutzverordnung: Österreichische Verordnung, die Wiederholungsintervalle für Prüfungen elektrischer Anlagen und Betriebsmittel festlegt.
- Isolationswiderstand (Riso) – Elektrischer Widerstand des Isolierstoffs zwischen spannungsführenden Teilen und Erde. Einheit: MΩ oder GΩ. Maß für die Qualität der Isolation.
- Megger – Ursprünglicher Markenname (Megger Group), der als Gattungsname für Isolationsmessgeräte verwendet wird.
- ÖNORM EN 60034 – Österreichische Norm für elektrische Maschinen; regelt u. a. Isolationsprüfungen an Motorwicklungen.
- ÖVE/ÖNORM E 8001 – Österreichische Normenreihe für die Errichtung und Prüfung von Niederspannungsanlagen. Teil -6-61 betrifft Erstprüfungen.
- ÖVE/ÖNORM EN 50110 – Österreichische Norm für den Betrieb elektrischer Anlagen; enthält u. a. die 5 Sicherheitsregeln.
- PELV – Protective Extra-Low Voltage: Schutzkleinspannung mit Schutzleiter; Nennspannung ≤ 50 V AC.
- Polarisationsindex (PI) – Verhältnis R(10 min) / R(1 min) bei Isolationsmessungen; Werte ≥ 2,0 zeigen eine gute Isolation an.
- SELV – Safety Extra-Low Voltage: Sicherheitskleinspannung ohne Schutzleiter; Nennspannung ≤ 50 V AC.
- 5 Sicherheitsregeln – Verbindliche Arbeitsschutzregeln nach ÖVE/ÖNORM EN 50110: (1) Freischalten, (2) Gegen Wiedereinschalten sichern, (3) Spannungsfreiheit feststellen, (4) Erden und Kurzschließen, (5) Benachbarte spannungsführende Teile abdecken.
- Trendanalyse – Auswertung des zeitlichen Verlaufs von Isolationsmesswerten über mehrere Prüfperioden, um frühzeitig Alterungstendenzen zu erkennen.
Stand & Quellen
- ÖVE/ÖNORM E 8001-6-61: Prüfungen von elektrischen Installationen – Erstprüfungen (aktuelle Ausgabe)
- ÖVE/ÖNORM EN 50110-1: Betrieb elektrischer Anlagen – Allgemeine Anforderungen
- ÖNORM EN 60034-1: Drehende elektrische Maschinen – Bemessung und Betriebsverhalten
- ESV 2012: Elektroschutzverordnung, BGBl. II Nr. 33/2012 (Österreich)
- ASchG: ArbeitnehmerInnenschutzgesetz, BGBl. Nr. 450/1994 i. d. g. F. (Österreich)
- Megger Group Ltd.: Getting the Most from Insulation Resistance Testing – Application Guide
- Moser, G. / Österreichisches Normungsinstitut: Kommentar zur ÖVE/ÖNORM E 8001
- Erstellt: April 2025 – Mechatronik Lernportal Österreich
