Leitungsschutz & Überstromschutz
Leitungen können brennen – wenn zu viel Strom durch sie fließt und kein Schutzorgan rechtzeitig trennt. Dieser Kurs erklärt, welche Schutzorgane es gibt, wie sie funktionieren, wie man sie richtig dimensioniert und wann welches Gerät zum Einsatz kommt.
Was ist Überstrom – und warum ist er gefährlich für Leitungen?
Jede elektrische Leitung hat einen elektrischen Widerstand. Fließt Strom durch einen Widerstand, entsteht Wärme – das ist das Joulesche Gesetz: P = I² × R. Das bedeutet: Verdoppelt sich der Strom, vervierfacht sich die entstehende Wärmeleistung. Zu viel Wärme zerstört die Isolierung der Leitung, was im schlimmsten Fall zu einem Kabelbrand führt.
Als Überstrom bezeichnet man jeden Strom, der dauerhaft den zulässigen Belastungsstrom IZ der Leitung überschreitet. Man unterscheidet zwei Arten:
- PWärme
- = Wärmeleistung in der Leitung [W]
- I
- = Strom [A]
- R
- = Leitungswiderstand [Ω]
Jede Leitung hat eine maximal zulässige Betriebstemperatur: Bei PVC-Isolation sind das 70 °C, bei Gummi-Isolation 90 °C. Wird diese dauerhaft überschritten, altert die Isolierung, verliert ihre dielektrischen Eigenschaften und kann zu einem Brandgeschehen führen. Das Schutzorgan (Sicherung oder LS-Schalter) muss sicherstellen, dass dieser Temperaturgrenzwert nicht dauerhaft überschritten wird.
Sicherungen schützen nicht den Menschen – sie schützen die Leitung! Eine 16-A-Sicherung brennt nicht durch, weil 16 A für Menschen gefährlich wären, sondern weil ein 1,5-mm²-Kabel bei mehr als 16 A dauerhaft zu heiß wird. Der Personenschutz ist Aufgabe des RCD-Schutzschalters.
Eine Leitung führt statt der erlaubten 16 A plötzlich 32 A. Um welchen Faktor steigt die Wärmeleistung in der Leitung?
Wie funktioniert eine Schmelzsicherung – und welche Typen gibt es?
Eine Schmelzsicherung besteht aus einem Schmelzleiter – einem dünnen Metalldraht, der bei Überstrom durch die entstehende Wärme schmilzt und so den Stromkreis unterbricht. Einmal ausgelöst, muss sie ersetzt werden. Sie ist das älteste und einfachste Schutzorgan der Elektrotechnik.
Der Schmelzleiter ist so bemessen, dass er bei seinem Nennstrom IN dauerhaft betrieben werden kann, bei einem höheren Strom aber innerhalb einer definierten Zeit abschaltet. Die Schmelzzeit hängt dabei stark vom Überstrom ab: Je größer der Strom, desto schneller löst die Sicherung aus.
| Typ | Vollbezeichnung | Einsatzbereich | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| gG | general purpose (Ganzbereichs-Schmelzeinsatz) | Allgemeine Leitungsschutz-Anwendungen | Schützt gegen Überlast UND Kurzschluss. Standard in Hausinstallationen. |
| aM | accompagnying Motor (begleitende Motorschutz-Sicherung) | Motorstromkreise | Nur Kurzschlussschutz! Kein Überlastschutz – toleriert hohe Anlaufströme. |
| gR / gS | Halbleiterschutz | Frequenzumrichter, Thyristoren | Extrem schnell – schützt empfindliche Halbleiter. |
| gL | Leitungsschutz (ältere Bezeichnung für gG) | Leitungsschutz allgemein | Weitgehend synonym mit gG, ältere Norm. |
In Österreich und ganz Europa werden drei Baugrössen unterschieden:
- D-Elemente (Diazed): Schraubsicherungen, zylindrisch, farb-codiert nach Nennstrom, bis 100 A.
- NEOZED: Modernere Schraubsicherung, kleinere Baugrösse, bis 125 A.
- NH-Sicherungen (Niederspannungs-Hochleistungssicherungen): Messersicherungen für hohe Ströme (bis 1250 A), typisch in Unterverteilern und Industrieanlagen.
Die Sicherungseinsätze sind nach Nennstrom farbcodiert: rosa = 2A, braun = 4A, grün = 6A, rot = 10A, grau = 16A, blau = 20A, gelb = 25A, schwarz = 35A, weiß = 50A, kupfer = 63A. Nur passende Sicherungselemente passen in das zugehörige Passstück – das verhindert das versehentliche Einsetzen zu großer Sicherungen.
A 2.1Wärmeleistung in einer gesicherten Leitung▾
Gegeben: I = 16 A, ρ = 12,1 Ω/km, lgesamt = 80 m = 0,08 km
Gesucht: P in Watt
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Schritt 1 – Leitungswiderstand berechnen:
R = 12,1 Ω/km × 0,08 km = 0,968 Ω
Schritt 2 – Wärmeleistung:
P = I² × R = 16² × 0,968 = 256 × 0,968
P ≈ 247,8 W ≈ 248 W
Hinweis: Rechnen Sie mit dem exakten R-Wert. Rundungen können das Ergebnis leicht verschieben. Akzeptiert wird 245–252 W.
A 2.2Abschmelzvielfaches bestimmen▾
Gegeben: IFehler = 137,5 A, IN = 25 A
Gesucht: Vielfaches n = IFehler / IN
💡 Lösungsweg anzeigen▾
n = IFehler / IN = 137,5 A / 25 A = 5,5
n = 5,5 × I_N
Bei 5,5-fachem Nennstrom löst eine gG-Sicherung laut Kennlinie in ca. 0,5–2 Sekunden aus – das ist noch kein blitzschnelles Abschalten. Für sehr schnelle Abschaltung (<0,1s) braucht man das 10-fache oder mehr.
Ein Elektriker ersetzt eine ausgebrannte gG-Sicherung 16A durch eine gG-Sicherung 25A, weil „die größere nicht mehr durchbrennt“. Was ist daran falsch?
Was ist ein Leitungsschutzschalter und worin unterscheiden sich die Charakteristiken B, C, D und K?
Der Leitungsschutzschalter (LS-Schalter) – umgangssprachlich „Sicherungsautomat“ oder MCB (Miniature Circuit Breaker) – ist das moderne Pendant zur Schmelzsicherung. Er hat zwei entscheidende Vorteile: Er kann nach dem Auslösen wieder eingeschaltet werden, und er zeigt durch seine Position (oben/unten) eindeutig an, ob er ausgelöst hat.
Ein LS-Schalter hat zwei Auslösemechanismen:
- Thermischer Auslöser (Bimetall): Reagiert träge auf Überlast. Das Bimetallstreifen verbiegt sich durch Erwärmung und löst bei 1,13–1,45 × IN innerhalb von Minuten aus. Dieser Mechanismus ist bei allen Charakteristiken (B, C, D) identisch.
- Magnetischer Auslöser (Elektromagnet): Reagiert blitzschnell auf Kurzschluss (in Millisekunden). Die Auslöseschwelle unterscheidet die Charakteristiken!
A 3.1Auslösestrom eines LS-C16 berechnen▾
Gegeben: IN = 16 A, Charakteristik C → Faktor 5 (untere Grenze)
Gesucht: Ia,min in Ampere
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Formel:
Ia,min = Faktormin × IN
Einsetzen (C-Charakteristik, untere Grenze = Faktor 5):
Ia,min = 5 × 16 A = 80 A
Ia,min = 80 A
Der LS-Schalter C16 löst magnetisch (blitzschnell) aus, sobald der Strom 80 A überschreitet. Unterhalb dieser Grenze greift nur der thermische Auslöser (langsam).
A 3.2Richtige Charakteristik auswählen▾
Gegeben: IN = 10 A, IEinschalt = 110 A (10 ms)
Gesucht: Mindestfaktor = IEinschalt / IN → passende Charakteristik
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Vielfaches berechnen:
n = 110 A / 10 A = 11
Charakteristik auswählen:
B: mag. Auslösung ab 3–5 × 10 = 30–50 A → würde bei 110 A sofort auslösen ✗
C: mag. Auslösung ab 5–10 × 10 = 50–100 A → 110 A liegt knapp über Obergrenze → zu riskant ✗
D: mag. Auslösung ab 10–20 × 10 = 100–200 A → 110 A liegt INNERHALB des zulässigen Bereichs ✓
Charakteristik D10 erforderlich!
A 3.3Maximale Schleifenimpedanz für LS-B16▾
Gegeben: IN = 16 A, Faktor B-min = 5, U = 230 V
Gesucht: Zs,max in Ohm
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Schritt 1 – Mindest-Auslösestrom:
Ia,min = 5 × 16 A = 80 A
Schritt 2 – Max. Schleifenimpedanz:
Zs,max = U / Ia,min = 230 V / 80 A
Zs,max = 2,875 Ω
Die gemessene Schleifenimpedanz der Anlage muss kleiner als 2,875 Ω sein, damit der B16 den Fehlerstrom sicher und schnell genug unterbricht.
In einer Werkstatt soll eine Kreissäge mit hohem Anlaufstrom angeschlossen werden. Welche LS-Charakteristik ist am besten geeignet?
Wie dimensioniert man Leitungsquerschnitt und Absicherung richtig?
Die Dimensionierung folgt einem klaren Regelwerk, verankert in der ÖVE/ÖNORM HD 60364-5-52. Das Grundprinzip lautet:
- IB
- = Betriebsstrom (tatsächlicher Strom des Verbrauchers) [A]
- IN
- = Nennstrom der Schutzeinrichtung (Sicherung / LS-Schalter) [A]
- IZ
- = Zulässiger Belastungsstrom der Leitung (aus Tabelle, abhängig von Querschnitt und Verlegeart) [A]
Die Strombelastbarkeit IZ hängt stark von der Verlegeart ab, weil diese bestimmt, wie gut sich die Leitung abkühlen kann:
| Querschnitt Cu | Verlegeart A1 (im Rohr in Wand) | Verlegeart B2 (im Rohr auf Wand) | Verlegeart C (auf Wand, frei) | Max. Absicherung |
|---|---|---|---|---|
| 1,5 mm² | 11 A | 13 A | 15 A | 16 A (B2/C) |
| 2,5 mm² | 15 A | 18 A | 21 A | 20 A |
| 4 mm² | 20 A | 24 A | 27 A | 25 A |
| 6 mm² | 25 A | 31 A | 36 A | 32 A |
| 10 mm² | 34 A | 42 A | 50 A | 50 A |
| 16 mm² | 45 A | 56 A | 66 A | 63 A |
Werden mehrere Leitungen gebündelt verlegt (z.B. im Kabelkanal), kühlen sie sich gegenseitig schlechter ab. Die Strombelastbarkeit muss dann mit einem Häufungsfaktor f < 1 multipliziert werden. Bei 2 Leitungen: f ≈ 0,80, bei 3: f ≈ 0,70, bei 4–6: f ≈ 0,65. Immer in der ÖVE/ÖNORM HD 60364-5-52 nachschlagen!
A 4.1Leitungsquerschnitt für eine Steckdosengruppe bestimmen▾
Gegeben: P = 3000 W, U = 230 V, cos φ = 1 (ohmsche Last), Verlegeart A1
Gesucht: IB in Ampere
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Schritt 1 – Betriebsstrom:
IB = P / (U × cos φ) = 3000 W / (230 V × 1) = 13,04 A
Schritt 2 – Querschnitt wählen (Verlegeart A1):
1,5 mm² → IZ = 11 A → zu klein (11 < 13,04)!
2,5 mm² → IZ = 15 A → ausreichend (15 > 13,04) ✓
Schritt 3 – Absicherung:
IB ≤ IN ≤ IZ → 13,04 ≤ IN ≤ 15 A
Nächste genormte Größe: 16 A passt nicht (16 > 15 A = I_Z!)
Absicherung: LS-B13 oder Sicherung 13 A
I_B = 13,04 A → 2,5 mm², max. 13A Absicherung bei Verlegeart A1
Hinweis: In der Praxis würde man hier 2,5 mm² mit 16A nur bei freier Verlegung (Verlegeart C) wählen. Unter Putz (A1) ist I_Z = 15A, also muss I_N ≤ 15A bleiben.
A 4.2Absicherung eines Drehstrommotors▾
Gegeben: IB = 11,5 A, IZ = 24 A
Gesucht: Zulässiger Bereich IN (Minimum und Maximum)
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Regel:
I_B ≤ I_N ≤ I_Z
11,5 A ≤ I_N ≤ 24 A
Genormte Werte in diesem Bereich: 13 A, 16 A, 20 A
Praxiswahl: LS-C16 (C wegen Motoranlaufstrom, 16 A liegt im Bereich)
I_N,max = 24 A (entspricht I_Z der Leitung)
In der Praxis würde man LS-C16 wählen – ausreichend Reserve über dem Betriebsstrom und C-Charakteristik für den Motoranlauf.
Was bedeutet die Bedingung IB ≤ IN ≤ IZ in einfachen Worten?
Was ist Selektivität – und warum ist sie in einer Anlage unverzichtbar?
Selektivität (auch: Staffelung) bedeutet, dass bei einem Fehler in einem Anlagenteil immer nur das dem Fehler am nächsten liegende Schutzorgan auslöst – und keines der übergeordneten. So bleibt die restliche Anlage in Betrieb, während nur der betroffene Stromkreis abgetrennt wird.
Praxisbeispiel: In einem Gebäude brennt eine Sicherung im Unterverteiler einer Wohnung durch. Bei guter Selektivität bleibt der Hauptverteiler und alle anderen Wohnungen in Betrieb. Bei schlechter Selektivität fliegt der Hauptschalter heraus – und das gesamte Gebäude ist ohne Strom.
Selektivität erreicht man durch Staffelung der Nennströme: Jedes übergeordnete Schutzorgan muss einen deutlich höheren Nennstrom haben als das untergeordnete. Als Faustregel gilt: der Faktor zwischen zwei Stufen sollte mindestens 1,6 : 1 betragen (z.B. 25 A → 16 A → 10 A). Bei LS-Schaltern gleicher Charakteristik ist volle Selektivität nur bis zum Nennstrom des nachgeordneten Schalters sicher garantiert.
ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-43: Schutz gegen Überstrom. Fordert, dass die Koordination von Schutzeinrichtungen so gewählt wird, dass bei einem Fehler nur das dem Fehler am nächsten liegende Schutzorgan ansprechen muss.
ÖVE/ÖNORM EN 60898-1: Leitungsschutzschalter für Hausinstallationen. Enthält Anhang D mit Informationen zur Selektivitätskoordination.
A 5.1Selektivitätsprüfung: Ist diese Staffelung selektiv?▾
Gegeben: IN,HV = 35 A, IN,UV = 25 A
Gesucht: Staffelungsfaktor = IN,HV / IN,UV (auf 2 Dezimalstellen)
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Faktor = 35 A / 25 A = 1,4
Faktor = 1,4 → unter der Faustregel von 1,6!
Die Staffelung ist nicht ideal selektiv. Bei einem hohen Kurzschlussstrom (nahe dem Endstromkreis) könnten sowohl LS-B25 als auch die gG35A gleichzeitig ansprechen. Besser wäre: HV gG 40A oder UV LS-B20 (Faktor 2,0) oder HV gG 50A (Faktor 2,0).
In welchem Fall liegt Selektivität vor?
Wie schützt man Motoren vor Überstrom – und was ist ein Motorschutzschalter?
Motoren haben besondere Anforderungen an den Überstromschutz, die sich von normalen Stromkreisen unterscheiden:
- Hoher Anlaufstrom: Beim Einschalten fließen für kurze Zeit (0,3–5 s) Ströme vom 4–8-fachen des Nennstroms.
- Blockierstrom: Wenn der Motor mechanisch blockiert wird (z.B. Keilriemen), fließt dauerhaft der Anlaufstrom → Motorwicklung überhitzt schnell.
- Schieflast: Fällt eine Phase aus, versucht der Motor weiterzudrehen und überhitzt ebenfalls.
Der Motorschutzschalter (MSS) ist ein speziell auf Motoren abgestimmtes Schutzgerät mit drei Funktionen:
| Funktion | Mechanismus | Schutz gegen |
|---|---|---|
| Überlastschutz | Einstellbares Bimetall, direkt auf IN,Motor einstellbar | Dauerhafter Überstrom, Blockierung |
| Kurzschlussschutz | Magnetischer Schnellauslöser | Direktkurzschluss |
| Phasenausfallschutz | Differenzialbimetall | Schieflast durch Phasenausfall |
Der entscheidende Vorteil gegenüber einem normalen LS-Schalter: Der Auslösestrom des Motorschutzschalters ist stufenlos auf den tatsächlichen Motornennstrom einstellbar (z.B. 6–10 A). So löst er bei 10 % Überlast aus, toleriert aber den kurzen Anlaufstrom.
In der Praxis wird ein Motorstromkreis meist durch eine Kombination aus aM-Sicherung und Motorschutzschalter geschützt: Die aM-Sicherung übernimmt den Kurzschlussschutz (sehr schnell, hohe Schaltvermögen), der MSS den Überlastschutz (einstellbar, mit Phasenausfallschutz). Alternativ wird ein MPCB (Motor Protective Circuit Breaker) nach EN 60947-2 eingesetzt, der beide Funktionen vereint.
A 6.1Motornennstrom aus Typenschild berechnen▾
Gegeben: P = 4000 W, U = 400 V, cos φ = 0,82, η = 0,88
Gesucht: IN in Ampere
Formel: IN = P / (√3 × U × cos φ × η)
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Formel:
IN = P / (√3 × U × cos φ × η)
Einsetzen:
IN = 4000 / (1,732 × 400 × 0,82 × 0,88)
= 4000 / (1,732 × 400 × 0,7216)
= 4000 / 499,7 ≈ 8,0 A
I_N ≈ 8,0 A → MSS auf 8A einstellen
Auf dem Motorschutzschalter stellt man den Auslösestrom auf ca. 8A ein (oder den nächsten einstellbaren Wert). Eine aM-Sicherung oder LS-D10 übernimmt den Kurzschlussschutz.
A 6.2Anlaufstrom und Schutzauswahl▾
Gegeben: IN = 8,0 A, Anlaufstrom = 6 × IN
LS-C10: magnetisch auslösen ab 5 × 10 A = 50 A
Gesucht: Anlaufstrom Ian in Ampere
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Ian = 6 × IN = 6 × 8,0 A = 48 A
I_an = 48 A
Auslöseprüfung LS-C10:
Magnetische Auslöseschwelle: 5 × 10 A = 50 A
Anlaufstrom 48 A < 50 A → LS-C10 löst beim Anlauf nicht sofort aus ✓
Der LS-C10 wäre hier gerade noch geeignet. In der Praxis empfiehlt man etwas Sicherheitsreserve und würde einen Motorschutzschalter auf 8A einstellen und einen LS-D10 oder aM-Sicherung für den Kurzschlussschutz verwenden.
Was unterscheidet eine aM-Sicherung von einer gG-Sicherung?
Was sind Abschaltzeiten – und warum hängen sie vom Netzsystem ab?
Ein Schutzorgan muss im Fehlerfall nicht nur auslösen – es muss schnell genug auslösen. Denn solange ein Fehler besteht, steht am berührbaren Gehäuse eine gefährliche Spannung an. Die maximale Abschaltzeit ist die Zeitspanne, in der das Schutzorgan spätestens den Stromkreis trennen muss, bevor der Körperstrom lebensgefährlich wird.
Die vorgeschriebenen Abschaltzeiten sind in der ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-41 geregelt und hängen vom verwendeten Netzsystem ab:
| Netzsystem | Endstromkreise ≤ 32 A | Verteilerstromkreise | Warum der Unterschied? |
|---|---|---|---|
| TN-System (häufigste Anlage in AT) | 0,4 s bei 230V gegen Erde | 5 s | Im TN-System bildet PE die Fehlerschleife → hoher Kurzschlussstrom → Schutzorgan löst schnell aus |
| TT-System | 0,2 s bei 230V | 1 s | Im TT-System ist Erdwiderstand hoch → kleiner Fehlerstrom → LS-Schalter löst oft gar nicht aus → RCD zwingend |
| IT-System | Kein erster Erdschluss kritisch | Isolationsüberwachung | Kein Erdpfad → erster Fehler unkritisch, zweiter Fehler gefährlich |
In Österreich gilt nach ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-41 (nationale Ergänzung E 8101-411.4.4.002.2.AT): Die Ausschaltzeit darf 0,4 s für Stromkreise mit 230 V gegen Erde und 0,2 s für Stromkreise mit 400 V gegen Erde nicht überschreiten (Endstromkreise bis 32 A im TN-System). Diese Abschaltzeit gilt für den Fehlerschutz (indirektes Berühren), nicht für den Leitungsschutz (Überhitzungsschutz).
In der Praxis werden diese Zeiten von einem korrekt dimensionierten LS-Schalter oder einer Sicherung weit unterschritten: Bei einem satten Kurzschluss löst der magnetische Auslöser in unter 10 ms aus. Die Abschaltzeit wird nur dann zum Problem, wenn die Schleifenimpedanz zu hoch ist – z.B. bei sehr langen Leitungen –, weil dann der Kurzschlussstrom zu klein ist und nur noch der träge thermische Auslöser reagiert.
Gegeben: TN-S-Netz, Endstromkreis 230 V, LS-Schalter B16, gemessene Schleifenimpedanz Zs = 1,8 Ω
Schritt 1 – Fehlerstrom: IK = 230 V / 1,8 Ω = 127,8 A
Schritt 2 – Vielfaches: 127,8 A / 16 A = 7,99 × IN → liegt im magnetischen Auslösebereich von B (3–5×) → Auslösung in <10 ms ✓
Schritt 3 – Vergleich mit Grenzimpedanz: Zs,max = 230 V / (5 × 16 A) = 230 / 80 = 2,875 Ω → 1,8 Ω < 2,875 Ω ✓ Bedingung erfüllt
A 7.1Abschaltbedingung prüfen – TN-System▾
Gegeben: U = 230 V, Zs = 2,2 Ω, IN = 20 A, Char. B → Mindestfaktor 3
Gesucht: Fehlerstrom IK in Ampere
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Fehlerstrom:
IK = U / Zs = 230 V / 2,2 Ω = 104,5 A
Vielfaches prüfen:
104,5 A / 20 A = 5,23 × IN
B-Charakteristik löst magnetisch ab 3 × I_N = 60 A aus. 104,5 A > 60 A ✓
Bedingung erfüllt – magnetische Abschaltung in <0,4 s gesichert ✓
Zur Sicherheit: Max. Schleifenimpedanz = 230 / (3 × 20) = 3,83 Ω → 2,2 Ω deutlich darunter.
Warum sind die vorgeschriebenen Abschaltzeiten im TT-System kürzer als im TN-System?
Warum gibt es maximale Leitungslängen – und wie berechnet man sie?
Jede Leitung hat einen elektrischen Widerstand. Je länger die Leitung, desto größer der Widerstand – und damit die Schleifenimpedanz des Fehlerstromkreises. Ab einer bestimmten Länge ist der Kurzschlussstrom so klein, dass der magnetische Auslöser des LS-Schalters nicht mehr schnell genug reagiert. Die Anlage wäre bei einem Isolationsfehler dauerhaft gefährlich.
Die maximale Leitungslänge ergibt sich aus der Bedingung, dass der minimale Kurzschlussstrom (= Netzspannung / max. Schleifenimpedanz) den magnetischen Auslöser des Schutzorgans sicher erreichen muss.
- lmax
- = Maximale Leitungslänge [m] (Einfachleiter, Hin- und Rückleiter)
- U
- = Netzspannung [V] (230 V bei Einphasen)
- A
- = Leiterquerschnitt [mm²]
- ρ (Cu)
- = Spezifischer Widerstand Kupfer = 0,0175 Ω·mm²/m
- Ia,min
- = Mindest-Auslösestrom des Schutzorgans [A] (z.B. 5 × IN für B-Char.)
Der Faktor 2 im Nenner berücksichtigt, dass der Strom sowohl durch den Außenleiter (Hin) als auch durch den Schutzleiter (Rück) fließen muss – also doppelte Leitungslänge als elektrischer Weg.
Gegeben: U = 230 V, A = 2,5 mm², LS-B16 → Ia,min = 3 × 16 = 48 A, ρ(Cu) = 0,0175
Rechnung:
lmax = (230 × 2,5) / (2 × 0,0175 × 48) = 575 / 1,68 = 342 m
Diese Länge klingt üppig – aber in der Praxis zählt auch der Widerstand der Vorimpedanz (Netz, Transformator, Zuleitung). Damit reduziert sich die effektive Länge oft auf 50–100 m in der Realität.
Neben der Abschaltbedingung gibt es noch eine zweite Begrenzung der Leitungslänge: den Spannungsabfall. Nach ÖVE/ÖNORM HD 60364-5-52 darf der Spannungsabfall vom Anschlusspunkt bis zum letzten Verbraucher maximal 4 % der Nennspannung betragen (empfohlen: ≤ 3 % für Endstromkreise).
- ΔU
- = Spannungsabfall [V]
- l
- = Leitungslänge [m]
- I
- = Betriebsstrom [A]
- cos φ
- = Leistungsfaktor (ohmsch = 1)
- A
- = Querschnitt [mm²]
A 8.1Maximale Länge für LS-C16 auf 1,5 mm²▾
Gegeben: U = 230 V, A = 1,5 mm², IN = 16 A, Char. C → Faktor 5
Gesucht: lmax in Metern
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Mindest-Auslösestrom:
Ia,min = 5 × 16 A = 80 A
Maximale Länge:
lmax = (U × A) / (2 × ρ × Ia,min)
lmax = (230 × 1,5) / (2 × 0,0175 × 80)
= 345 / 2,8 = 123,2 m
l_max ≈ 123 m (theoretisch)
In der Praxis reduziert sich das durch die Vorimpedanz (Netz + Zuleitung) auf ca. 60–80 m. Bei C-Charakteristik und 1,5mm² ist die Länge also begrenzt – bei langen Leitungen besser B-Charakteristik oder größeren Querschnitt wählen.
A 8.2Spannungsabfall berechnen▾
Gegeben: A = 2,5 mm², l = 35 m, I = 13 A, cos φ = 1, ρ(Cu) = 0,0175
Gesucht: ΔU in Volt
💡 Lösungsweg anzeigen▾
Formel:
ΔU = (2 × ρ × l × I × cos φ) / A
Einsetzen:
ΔU = (2 × 0,0175 × 35 × 13 × 1) / 2,5
= (2 × 0,0175 × 35 × 13) / 2,5
= 15,925 / 2,5 = 6,37 V
ΔU = 6,37 V
Prozentualer Spannungsabfall:
ΔU% = 6,37 / 230 × 100 = 2,77 %
2,77 % liegt unter dem Grenzwert von 3 % für Endstromkreise ✓. Die Spannung an der Steckdose beträgt somit mindestens 230 – 6,37 = 223,6 V.
Welche zwei voneinander unabhängige Bedingungen begrenzen die maximale Leitungslänge?
Was ist das Schaltvermögen – und was ist ein AFDD-Lichtbogenschutzschalter?
Zwei wichtige Eigenschaften von Schutzorganen, die in der Praxis oft unterschätzt werden:
1. Schaltvermögen (Bemessungskurzschlussschaltvermögen Icn)
Jeder LS-Schalter kann nur Kurzschlussströme bis zu einem bestimmten Maximalwert sicher unterbrechen. Wird dieser Wert überschritten, kann der LS-Schalter beim Abschalten zerstört werden oder den Stromkreis nicht vollständig unterbrechen – mit der Gefahr eines Dauerbrandes. Das Schaltvermögen wird in kA angegeben:
| Schaltvermögen | Typische Anwendung | Kennzeichnung |
|---|---|---|
| 3 kA | Einfache Hausinstallationen, Unterverteilungen am Ende langer Zuleitungen | Blauer Kreis auf LS-Schalter |
| 6 kA | Standard-Hausinstallation, Wohngebäude, Gewerbe | Standard, keine besondere Kennzeichnung |
| 10 kA | Industrie, netznähe Unterverteilungen, Hauptverteiler | Häufig erforderlich bei kurzem Abstand zum Trafo |
| 15–25 kA | Leistungsschalter für Hauptstromversorgung, Industrie | Leistungsschalter nach EN 60947-2 |
Ein LS-Schalter mit 3 kA Schaltvermögen, der in einer Anlage mit 10 kA Kurzschlussstrom eingebaut ist, kann beim Kurzschluss explodieren oder versagen. Vor der Auswahl muss der prospektive Kurzschlussstrom am Einbauort bekannt sein. Dieser kann grob aus der Transformatorleistung und der Kabelimpedanz abgeschätzt werden.
2. AFDD – Lichtbogen-Fehlerschutzschalter
Ein AFDD (Arc Fault Detection Device) erkennt fehlerhafte Lichtbögen in der Leitungsanlage – z.B. durch angeknabberte Kabelisolierungen, lockere Klemmen oder alterungsbedingte Kriechströme. Solche Lichtbögen sind die häufigste Ursache von Wohnungsbränden durch Elektroinstallation, werden aber von LS-Schaltern und RCDs nicht erkannt, weil der Strom dabei nicht wesentlich erhöht ist.
Durch die Elektrotechnikverordnung 2020 (ETV 2020, BGBl. II Nr. 308/2020) und die darin kundgemachte ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-42 sind AFDD-Schutzschalter in Österreich für Neuinstallationen in Schlafzimmern und Kinderzimmern seit 2020 vorgeschrieben. Die Norm ÖVE/ÖNORM EN 62606 regelt die technischen Anforderungen an AFDDs. Ziel: Brandschutz durch frühzeitige Erkennung von Lichtbogenfehlern, die weder LS noch RCD detektieren können.
Ein Elektriker baut in einem Neubau-Schlafzimmer einen normalen LS-Schalter B16 ein. Was fehlt laut ETV 2020 in Österreich?
Abschlusstest
12 Fragen zu allen Kapiteln. Jede Frage sofort auswerten, am Ende Gesamtergebnis abrufen.
Fragen bei mündlicher Prüfung
Typische Prüfungsfragen mit vollständigen Musterantworten.
01Erklären Sie den Unterschied zwischen Überlast und Kurzschluss.▾
Überlast entsteht, wenn mehr Strom fließt als die Leitung dauerhaft verträgt, aber deutlich weniger als ein Kurzschlussstrom. Beispiel: an einem 16A-Stromkreis werden Geräte mit 20A Gesamtleistung betrieben. Die Erwärmung ist langsam – die Sicherung löst thermisch (über das Bimetall) in Minuten aus.
Kurzschluss entsteht bei direkter niederohmiger Verbindung zweier Leiter verschiedenen Potentials. Der Strom steigt auf ein Vielfaches des Nennstroms (oft hunderte oder tausende Ampere). Die Wärmeentwicklung ist extrem – der Schaden entsteht in Millisekunden. Die Sicherung muss magnetisch (blitzschnell) auslösen.
02Welche Auslösecharakteristiken gibt es beim Leitungsschutzschalter und wo werden sie eingesetzt?▾
Charakteristik B (3–5 × I_N): Empfindlichste Variante. Für rein ohmsche Lasten ohne Einschaltströme: Beleuchtung, Steckdosen im Wohnbereich, Elektroheizungen.
Charakteristik C (5–10 × I_N): Standard im Gewerbe. Für Verbraucher mit mäßigem Einschaltstrom: kleine Motoren, Kompressoren, Leuchtstoffröhren, Klimaanlagen.
Charakteristik D (10–20 × I_N): Für sehr hohe Einschaltströme: Transformatoren, Schweißgeräte, USV-Anlagen, Großmotoren.
Charakteristik K (8–14 × I_N, nach EN 60947-2): Speziell für Motorschutz mit langen Anlaufzeiten.
03Erklären Sie die Grundregel für die Leitungsdimensionierung I_B ≤ I_N ≤ I_Z.▾
Die Bedingung stellt sicher, dass zwei Fehler gleichzeitig vermieden werden: Erstens muss I_N größer als I_B (Betriebsstrom) sein, damit die Sicherung im Normalbetrieb nicht auslöst. Zweitens muss I_N kleiner oder gleich I_Z (Kabelbelastbarkeit) sein, damit die Sicherung auslöst, bevor das Kabel durch Überstrom zu heiß wird. Die Kabelbelastbarkeit I_Z hängt von Querschnitt, Material und Verlegeart ab und ist in der ÖVE/ÖNORM HD 60364-5-52 tabelliert.
04Was ist Selektivität und wie erreicht man sie?▾
Selektivität bedeutet, dass bei einem Fehler nur das dem Fehler nächstgelegene Schutzorgan auslöst und alle übergeordneten in Betrieb bleiben. Sie verhindert, dass ein Fehler in einer Unterverteilung das gesamte Gebäude vom Netz trennt. Man erreicht Selektivität durch: 1) Staffelung der Nennströme (Faktor ≥ 1,6 zwischen zwei Stufen), 2) Abstimmung der Auslösecharakteristiken (z.B. gG-Sicherung vor LS-Schalter), 3) Verwendung von Selektivschutzschaltern (zeitverzögert) in großen Anlagen. Die normative Grundlage ist ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-43.
05Warum wird bei Motorstromkreisen eine aM-Sicherung mit Motorschutzschalter kombiniert?▾
Eine aM-Sicherung (accompagnying Motor) schützt nur gegen Kurzschlüsse – sie hat eine träge Kennlinie, die hohe kurzzeitige Anlaufströme toleriert, ohne auszulösen. Sie übernimmt den Kurzschlussschutz mit hohem Schaltvermögen. Der Motorschutzschalter dagegen ist stufenlos auf den Motornennstrom einstellbar und schützt gegen Überlast, thermische Überlastung bei Blockierung und Phasenausfall (durch Differenzialbimetall). Die Kombination bietet den vollständigen Schutz: schnell beim Kurzschluss (aM), präzise beim Überlast (MSS).
06Was ist der Häufungsfaktor und wann muss er berücksichtigt werden?▾
Der Häufungsfaktor f (kleiner als 1) berücksichtigt die verminderte Wärmeabgabe, wenn mehrere Leitungen gebündelt verlegt werden. Je mehr Leitungen nebeneinander liegen, desto schlechter kühlen sie ab und desto kleiner ist ihre Belastbarkeit. Die tatsächliche Belastbarkeit ergibt sich aus: I_Z = I_Z,Tabelle × f. Bei 2 Leitungen f ≈ 0,80, bei 3 f ≈ 0,70, bei 4–6 f ≈ 0,65. Berücksichtigt werden muss er immer bei Leitungen im Kabelkanal, in Rohren mit mehreren Leitungen oder in Kabelbündeln. Die Werte sind in ÖVE/ÖNORM HD 60364-5-52 tabelliert.
07Nennen Sie den Unterschied zwischen D-Element (Diazed), NEOZED und NH-Sicherung.▾
D-Element (Diazed): Zylindrische Schmelzsicherung in Schraubsockel. Farbcodiert nach Nennstrom. Bis 100 A. Standard in Hausinstallationen. Passstücksystem verhindert zu große Sicherungen.
NEOZED: Modernere Schraubsicherung, kleinere Baugröße als Diazed, bis 125 A. Ebenfalls farbcodiert. Weit verbreitet in Unterverteilungen.
NH-Sicherung (Niederspannungs-Hochleistungssicherung): Messersicherung, großes Schaltvermögen (bis 120 kA), für hohe Ströme bis 1250 A. Typisch in Hauptverteilungen, Industrieanlagen, Trafoabgängen. Nicht laienhand-habbar – nur von Fachkräften zu wechseln.
08Was sind Abschaltzeiten und welche gelten im TN- und TT-System?▾
Die Abschaltzeit ist die maximale Zeit, in der ein Schutzorgan im Fehlerfall den Stromkreis trennen muss, damit keine lebensgefährliche Berührungsspannung dauerhaft ansteht. Die Werte sind in ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-41 festgelegt.
TN-System: Endstromkreise bis 32 A → max. 0,4 s bei 230 V gegen Erde, max. 0,2 s bei 400 V. Verteilerstromkreise → 5 s.
TT-System: Endstromkreise → max. 0,2 s. Verteilerstromkreise → 1 s. Die kürzere Zeit gilt, weil im TT-System der Fehlerstrom durch den Erdwiderstand begrenzt ist und ein LS-Schalter allein oft nicht ausreicht – deshalb ist der RCD zwingend.
In der Praxis werden diese Zeiten bei korrekt dimensionierten Anlagen weit unterschritten: Ein magnetischer Auslöser eines LS-Schalters schaltet in unter 10 ms ab.
09Warum gibt es maximale Leitungslängen und wie berechnet man sie?▾
Zwei Bedingungen begrenzen die maximale Leitungslänge: Erstens die Abschaltbedingung: Je länger die Leitung, desto größer die Schleifenimpedanz und desto kleiner der Kurzschlussstrom. Ist der Kurzschlussstrom zu klein, löst das Schutzorgan nicht schnell genug aus. Die Maximallänge ergibt sich aus: l_max = (U × A) / (2 × ρ × I_a,min), wobei I_a,min der Mindest-Auslösestrom ist.
Zweitens der Spannungsabfall: ΔU = (2 × ρ × l × I × cos φ) / A. Nach ÖVE/ÖNORM HD 60364-5-52 darf der Spannungsabfall vom Anschlusspunkt bis zum Verbraucher max. 4% der Nennspannung betragen (empfohlen ≤3% für Endstromkreise). In der Praxis ist oft der Spannungsabfall die begrenzende Größe bei kleinen Querschnitten.
10Was ist ein AFDD-Schutzschalter und wann ist er in Österreich vorgeschrieben?▾
Ein AFDD (Arc Fault Detection Device) ist ein Schutzschalter, der fehlerhafte Lichtbögen in der Leitungsanlage erkennt. Solche Lichtbögen entstehen durch beschädigte Kabelisolierungen, lockere Klemmen, Nagetierverbiss oder Alterung. Sie führen zu Hochtemperaturen (bis 4000°C) am Fehlerpunkt und können Kabelbrände auslösen, werden aber von LS-Schaltern und RCDs nicht erkannt, weil der Strom nicht wesentlich erhöht ist.
Der AFDD analysiert das Frequenzspektrum des Stromes – Lichtbögen erzeugen charakteristische Hochfrequenzanteile. In Österreich ist der AFDD nach ETV 2020 (BGBl. II Nr. 308/2020) in Verbindung mit ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-42 für Neuinstallationen in Schlafzimmern und Kinderzimmern vorgeschrieben. Die technischen Anforderungen sind in ÖVE/ÖNORM EN 62606 geregelt.
Formelsammlung
Wärmeleistung in der Leitung
- P
- Wärmeleistung [W]
- I
- Strom [A]
- R
- Leitungswiderstand [Ω]
Grundregel Leitungsbemessung
- I_B
- Betriebsstrom [A]
- I_N
- Nennstrom Schutzorgan [A]
- I_Z
- Zulässiger Belastungsstrom [A]
Leitungsbelastbarkeit mit Häufung
- I_Z,Tab
- Tabellenwert [A]
- f
- Häufungsfaktor (2 Ltg: 0,80 | 3: 0,70 | 4–6: 0,65)
Magnetischer Auslösestrom LS-Schalter
- n
- B: 3–5 | C: 5–10 | D: 10–20 | K: 8–14
- I_N
- Nennstrom LS-Schalter [A]
Max. Schleifenimpedanz
- U
- Netzspannung 230 V
- I_a,min
- Mindest-Auslösestrom [A]
Motornennstrom (Drehstrom)
- P
- Nennleistung [W]
- U
- Leiterspannung [V]
- η
- Wirkungsgrad [–]
Leitungswiderstand
- ρ (Cu)
- 0,0175 Ω·mm²/m
- l
- Länge [m]
- A
- Querschnitt [mm²]
Betriebsstrom (Einphasig)
- P
- Leistung [W]
- U
- 230 V
- cos φ
- Leistungsfaktor [–]
Maximale Leitungslänge
- I_a,min
- Mindest-Auslösestrom [A]
- Faktor 2
- Hin- und Rückleiter
Spannungsabfall
- ΔU%
- ≤ 3% empfohlen, max. 4%
- ΔU%
- = ΔU / U_N × 100
Abschaltzeiten (ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-41)
- TT
- 0,2 s Endstromkr. / 1 s Verteil.
- TN AT
- 0,2 s bei 400 V gegen Erde
Glossar
- Abschaltzeit Maximale Zeit, in der ein Schutzorgan bei einem Fehler den Stromkreis trennen muss. TN-System Endstromkreis 230V: 0,4 s. TT-System: 0,2 s. Verteilerstromkreise: TN 5 s, TT 1 s. (ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-41)
- AFDD Arc Fault Detection Device – Lichtbogen-Fehlerschutzschalter. Erkennt fehlerhafte Lichtbögen durch beschädigte Kabelisolierungen. In AT seit ETV 2020 für Schlaf- und Kinderzimmer in Neubauten vorgeschrieben. Norm: ÖVE/ÖNORM EN 62606.
- aM-Sicherung Accompagnying Motor – Schmelzsicherung nur für Kurzschlussschutz in Motorstromkreisen. Toleriert hohe Anlaufströme. Kein Überlastschutz! Muss immer mit Motorschutzschalter kombiniert werden.
- Betriebsstrom (I_B) Der tatsächliche Nennstrom des angeschlossenen Verbrauchers im Normalbetrieb. Grundlage für die Dimensionierung der Absicherung.
- Charakteristik (LS-Schalter) Kennzeichnung des magnetischen Auslösebereichs eines Leitungsschutzschalters. B=3–5×, C=5–10×, D=10–20× des Nennstroms.
- D-Element (Diazed) Zylindrische Schmelzsicherung mit Schraubsockel. Farbcodiert nach Nennstrom. Passstücksystem verhindert überdimensionierte Sicherungen.
- gG-Sicherung General purpose – Ganzbereichs-Schmelzsicherung. Schützt gegen Überlast UND Kurzschluss. Standard für Leitungsschutz in Gebäuden.
- Häufungsfaktor (f) Korrekturfaktor (<1) für die Strombelastbarkeit bei gebündelter Verlegung mehrerer Leitungen. Berücksichtigt reduzierte Wärmeabgabe.
- Kurzschluss Direktverbindung zweier Leiter unterschiedlichen Potentials mit sehr niedrigem Widerstand. Führt zu sehr hohen Strömen und extrem schneller Wärmeentwicklung.
- Leitungsschutzschalter (LS) Rückstellbares Schutzorgan mit thermischem (Überlast) und magnetischem (Kurzschluss) Auslöser. Auch: Sicherungsautomat, MCB (Miniature Circuit Breaker).
- MCB Miniature Circuit Breaker – internationale Bezeichnung für den Leitungsschutzschalter.
- Motorschutzschalter (MSS / MPCB) Auf Motoren abgestimmtes Schutzgerät mit einstellbarem Überlastschutz, Kurzschlussschutz und Phasenausfallschutz.
- NEOZED Modernere Schmelzsicherung in Schraubbauform, kleiner als Diazed, bis 125 A. Weit verbreitet in Unterverteilungen.
- NH-Sicherung Niederspannungs-Hochleistungssicherung. Messersicherung für Ströme bis 1250 A und hohes Schaltvermögen bis 120 kA. In Hauptverteilungen und Industrieanlagen.
- RCBO Residual Current Circuit Breaker with Overload protection – kombinierter LS-Schalter und RCD in einem Gehäuse. Schützt gegen Überlast, Kurzschluss und Erdschluss.
- Schaltvermögen (I_cn) Maximaler Kurzschlussstrom, den ein LS-Schalter sicher unterbrechen kann (in kA). Übliche Werte: 3 kA, 6 kA, 10 kA. Muss mindestens dem prospektiven Kurzschlussstrom am Einbauort entsprechen.
- Selektivität Koordination von Schutzorganen so, dass bei einem Fehler nur das dem Fehler nächste Organ auslöst. Verhindert unnötig große Stromunterbrechungen.
- Spannungsabfall (ΔU) Spannungsverlust in der Leitung durch den Leitungswiderstand. Maximal 4% der Nennspannung nach ÖVE/ÖNORM HD 60364-5-52, empfohlen ≤ 3% für Endstromkreise.
- Staffelungsfaktor Verhältnis der Nennströme zweier aufeinanderfolgender Schutzorgane. Faustregel: ≥ 1,6 für sichere Selektivität.
- Überlast Strom größer als der zulässige Belastungsstrom I_Z der Leitung, aber kleiner als Kurzschlussstrom. Erwärmung langsam, thermischer Auslöser reagiert.
- Zulässiger Belastungsstrom (I_Z) Maximaler Dauerstrom einer Leitung gemäß ÖVE/ÖNORM HD 60364-5-52, abhängig von Querschnitt, Material und Verlegeart.
Stand & Quellen
- OVE EN 60898-1:2021 – Leitungsschutzschalter für Hausinstallationen (Austrian Standards Institute)
- ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-41 – Schutzmaßnahmen: Automatische Abschaltung der Stromversorgung (Abschaltzeiten)
- ÖVE/ÖNORM HD 60364-4-43 – Schutz gegen Überstrom in Niederspannungsanlagen
- ÖVE/ÖNORM HD 60364-5-52 – Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel – Leitungsanlagen (Spannungsabfall, Belastbarkeit)
- ÖVE/ÖNORM EN 60947-2 – Niederspannungsschaltgeräte, Leistungsschalter (K-Charakteristik)
- ÖVE/ÖNORM EN 60269-1 / -2 – Niederspannungssicherungen (gG, aM, NH)
- ÖVE/ÖNORM EN 62606 – Allgemeine Anforderungen an AFDD-Schutzschalter
- ETV 2020 (BGBl. II Nr. 308/2020) – Elektrotechnikverordnung 2020 (AFDD-Pflicht Schlafzimmer)
- Austrian Standards Institute (ASI) – www.austrian-standards.at | Kursstand: April 2026
