Leitungsschutz
Ohne Leitungsschutz wäre jede elektrische Anlage ein Brandrisiko: Überlast und Kurzschluss sind die zwei häufigsten Ursachen für Kabelbrände und Geräteausfälle. In diesem Kurs lernst du den vollständigen Leitungsschutz von der einfachen Schmelzsicherung über NH-Elemente bis hin zum modernen Leitungsschutzschalter – inklusive Auslösecharakteristiken, Farbcodes und den rechtlichen Grundlagen nach ÖVE/ÖNORM E 8001.
Warum braucht eine elektrische Leitung Schutz?
Stell dir eine Wasserleitung vor: Fließt zu viel Wasser durch ein zu enges Rohr, baut sich Druck auf – das Rohr kann platzen. Bei elektrischen Leitungen ist es ähnlich: Fließt mehr Strom durch einen Leiter, als dieser dauerhaft ableiten kann, erwärmt er sich. Überschreitet diese Erwärmung bestimmte Grenzwerte, schmilzt die Isolation, und es entsteht Brandgefahr. Genau hier setzt der Leitungsschutz an.
Es gibt zwei grundlegend verschiedene Ursachen, die ein Leitungsschutzelement zum Auslösen bringen:
Überlast entsteht, wenn an einen Stromkreis mehr Verbraucher angeschlossen werden, als er für seinen Nennstrom ausgelegt ist. Ein typisches Beispiel aus dem Alltag: Eine Steckdosenleiste mit Wasserkocher, Toaster und Mikrowelle gleichzeitig. Der Strom überschreitet den Nennwert des Leiters, aber nicht so dramatisch wie beim Kurzschluss. Die Leitung erwärmt sich langsam und kontinuierlich. Ein Überstrom von 20 % über dem Nennwert kann durchaus mehrere Minuten lang fließen, bevor das Schutzelement reagiert – dafür sorgt die sogenannte zeitverzögerte Auslösung.
Kurzschluss dagegen ist ein plötzliches, unkontrolliertes Zusammenbrechen des Leitungswiderstandes – etwa wenn Phase und Neutralleiter direkt miteinander verbunden werden. Der Widerstand sinkt nahezu auf null, der Strom steigt innerhalb von Millisekunden auf das Vielfache des Nennwerts (in Niederspannungsnetzen teils auf mehrere Kiloampere). Hier muss das Schutzelement blitzschnell reagieren, sonst schmelzen Leiter und Geräte in Sekunden. Für diesen Fall ist die unverzögerte Schnellauslösung zuständig.
Die ÖVE/ÖNORM E 8001 legt fest, welche Schutzeinrichtungen in österreichischen Gebäudeinstallationen eingesetzt werden müssen und wie deren Bemessung zu erfolgen hat. Sie bildet die rechtliche und normative Grundlage für alle Entscheidungen rund um den Leitungsschutz.
? Verständnisfrage: Was unterscheidet Überlast von Kurzschluss hinsichtlich der Auslösezeit? ›
Wie funktionieren Schmelzsicherungen und welche Bauformen gibt es?
Das Prinzip einer Schmelzsicherung ist so einfach wie genial: Ein dünner Metalldraht – der Schmelzleiter – wird so bemessen, dass er bei Überschreitung eines definierten Stroms schmilzt und damit den Stromkreis dauerhaft unterbricht. Man denke an das schwächste Glied in einer Kette: Der Schmelzleiter ist bewusst das schwächste Element der elektrischen Installation, damit er zerstört wird – und nicht die viel teurere Leitung oder das angeschlossene Gerät.
Innerhalb einer modernen Schmelzsicherungspatrone ist der Schmelzleiter häufig in Quarzsand eingebettet. Dieser hat eine wichtige Doppelfunktion: Er leitet die im normalen Betrieb entstehende Wärme ab und verhindert so vorzeitiges Auslösen. Im Kurzschlussfall absorbiert er die beim Schmelzen entstehende Energie und kühlt den entstehenden Lichtbogen ab, sodass dieser sicher gelöscht wird. Ohne Quarzsand könnte der Lichtbogen unkontrolliert weiterbrennen und schwere Schäden verursachen.
DIAZED-Sicherung
Die DIAZED-Sicherung ist die klassische Schraubsicherung in österreichischen Hausinstallationen. Ihr kegelförmiger Sockel und der charakteristische Passeinsatz (Passhülse) machen sie unverwechselbar. Der Schmelzleiter in der Sicherungspatrone ist profiliert: Er besitzt einen langen, dünnen Abschnitt, der bei anhaltendem Überstrom thermisch träge aufschmilzt (Überlastabsicherung), sowie eine oder mehrere enge Einschnürungen, an denen bei hohem Kurzschlussstrom das Metall explosionsartig verdampft (Kurzschlussabsicherung). Durch diese Kombination in einem einzigen Schmelzleiter deckt die DIAZED-Sicherung beide Fehlerfälle zuverlässig ab.
Der Passeinsatz (auch Passhülse genannt) ist ein farbcodiertes Kunststoffelement, das in den Sockel eingesetzt wird. Er verhindert mechanisch, dass eine Sicherung mit zu hohem Nennstrom eingeschraubt wird – ein 25-A-Passeinsatz lässt nur Patronen bis 25 A einsetzen. So ist ein versehentliches „Reparieren“ mit einer überdimensionierten Sicherung ausgeschlossen.
NEOZED-Sicherung
Die NEOZED-Sicherung ist die kompaktere, modernere Variante. Ihr Aufbau entspricht dem DIAZED-Prinzip, jedoch ist die Bauform wesentlich kleiner und für den Einsatz auf Hutschienen (DIN-Schienen) konzipiert. Sie eignet sich besonders für den Einsatz in Unterverteilungen und Schaltschränken, wo Platzbedarf ein kritischer Faktor ist. Auch hier verhindert ein Passeinsatz die Verwendung überdimensionierter Sicherungen.
Glasrohrsicherung
Die Glasrohrsicherung besteht aus einem zylindrischen Glasrohr mit Metallkappen an beiden Enden, durch das der Schmelzdraht sichtbar gespannt ist. Ihr größter Vorteil: Man sieht auf den ersten Blick, ob sie defekt ist. Sie wird hauptsächlich in Geräten (Messgeräte, Laborausstattung, Kfz-Elektronik) und kleinen Anlagen eingesetzt, nicht jedoch in der Gebäude-Hauptverteilung.
Auslösecharakteristiken bei Glasrohrsicherungen
Glasrohrsicherungen werden nach ihrer Auslösegeschwindigkeit klassifiziert. Die Buchstabenkürzel beschreiben, wie schnell der Schmelzleiter auf einen Überstrom reagiert:
| Kürzel | Bezeichnung | Auslöseverhalten | Typischer Einsatz |
|---|---|---|---|
| FF | Superflink | Auslösung bei geringstem Überstrom, extrem schnell | Empfindliche Halbleiterbauelemente |
| F | Flink | Schnelle Auslösung ohne Anlaufstromtoleranz | Messgeräte, Elektronik |
| M | Mittelträge | Kurze Anlaufstromtoleranz | Motoren mit kleinem Anlaufstrom |
| T | Träge | Toleriert kurze Überstromspitzen (Einschaltstrom) | Transformatoren, Motoren |
| TT | Superträge | Toleriert längere und höhere Überstromspitzen | Schweißgeräte, Motoren mit hohem Anlaufstrom |
Farbcode der Schmelzsicherungen
Um die Größe einer Sicherung auch ohne Lesen der Aufschrift zu erkennen, gibt es eine genormte Farbcodierung nach ÖVE/ÖNORM EN 60269. Wichtig: Einige Farben kommen doppelt vor – die Unterscheidung erfolgt dann über die Baugröße (z. B. DIAZED-Größe DII vs. DIII):
| Farbe | Nennstrom | Hinweis |
|---|---|---|
| Rosa | 2 A | |
| Braun | 4 A | |
| Grün | 6 A | |
| Rot | 10 A | |
| Grau | 16 A | |
| Blau | 25 A | |
| Gelb | 35 A | |
| Schwarz | 50 A | |
| Weiß | 63 A | |
| Kupfer / Bronze | 80 A | |
| Silber | 100 A | |
| Rot | 125 A | Doppelt – Unterscheidung über Baugröße (größer als 10-A-Rot) |
? Verständnisfrage: Welche Funktion hat der Quarzsand in einer Schmelzsicherung? ›
? Verständnisfrage: Wofür wird der Passeinsatz bei DIAZED-Sicherungen verwendet? ›
Was sind NH- und HH-Sicherungen und wer darf sie tauschen?
NH steht für Niederspannungs-Hochleistungs-Sicherung. Der Begriff beschreibt treffend, worum es geht: Diese Sicherungsbauform ist für den Einsatz in Niederspannungsnetzen (bis 1.000 V Wechselspannung) ausgelegt, kann jedoch sehr hohe Kurzschlussströme sicher abschalten – bis zu 120 kA. Das entspricht dem 7.500-fachen eines typischen Haushalts-Nennstroms von 16 A. Zum Vergleich: Ein Blitzeinschlag erzeugt Ströme in ähnlichen Größenordnungen.
HH steht für Hochspannungs-Hochleistungs-Sicherung und wird in Mittel- und Hochspannungsanlagen eingesetzt. Im Ausbildungskontext des Mechatronikers ist die NH-Sicherung die relevante Bauform.
Aufbau einer NH-Sicherung
Der Aufbau ist dem Grundprinzip einer Schmelzsicherung ähnlich, jedoch erheblich robuster: Ein keramisches Gehäuse (Sicherungseinsatz) enthält mehrere parallel geschaltete Schmelzleiter aus Kupfer oder Silber, die in Quarzsand eingebettet sind. An beiden Enden des quaderförmigen Einsatzes befinden sich Messerklemmkontakte aus Kupfer, die für einen niederohmigen, sicheren Kontaktschluss in den NH-Sicherungsunterteilen sorgen. An der Schmalseite befindet sich der farbcodierte Kennmelder (Schlagbolzen), der beim Auslösen sichtbar herausspringt und die defekte Phase anzeigt – ein schnelles Diagnosemerkmal bei Sammelschienensystemen.
NH-Sicherungen werden nach Verwendungskategorie unterschieden: gG (allgemeine Verwendung: Kabel- und Leitungsschutz) und aM (begleitender Motorschutz: nur Kurzschlussschutz, kein Überlastschutz). In der Gebäude- und Industrieinstallation ist gG der Regelfall.
| NH-Größe | Nennstrombereich | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Größe 00 | bis 100 A | Unterverteilungen, Abgänge |
| Größe 0 | bis 160 A | Unterverteilungen, Abzweige |
| Größe 1 | bis 250 A | Hauptverteilungen, Trafostationen |
| Größe 2 | bis 400 A | Hauptverteilungen, Einspeisungen |
| Größe 3 | bis 630 A | Transformatorabsicherung, Industrieanlagen |
| Größe 4 | bis 1.250 A | Großanlagen, Netzeinspeisungen |
Wer darf NH-Sicherungen tauschen?
Hier gilt in Österreich eine klare Regel nach ÖVE/ÖNORM EN 50110 und der ESV 2012: NH-Sicherungen dürfen ausschließlich von elektrotechnischen Fachkräften oder unter ihrer Aufsicht getauscht werden. Eine Fachkraft ist eine Person, die durch ihre Ausbildung, ihr Wissen und ihre Erfahrung Gefahren erkennen und vermeiden kann.
- Lichtbogenschutzkleidung (nach Lichtbogenkennzeichnung der Anlage)
- Isolierende Handschuhe (Spannungsklasse entsprechend der Anlagenspannung)
- Gesichtsschutzschild (Lichtbogenschutz)
- Isolierendes Schuhwerk
- Sicherheitszange (NH-Sicherungszange)
Der Grund für die PSA-Pflicht liegt in der enormen Energie, die im Netz gespeichert ist: Auch bei nominell „kleinen“ 230 V / 400 V kann ein Lichtbogen Temperaturen von über 20.000 °C erreichen und schwere Verbrennungen verursachen. Die Schutzausrüstung muss auf die mögliche Lichtbogenenergie der jeweiligen Anlage abgestimmt sein – diese wird in Joule angegeben und bestimmt die Schutzklasse der Kleidung.
? Verständnisfrage: Wann darf beim Tauschen einer NH-Sicherung auf PSA verzichtet werden? ›
Wie ist ein Leitungsschutzschalter aufgebaut und wie löst er aus?
Der Leitungsschutzschalter (LSS) ist heute das am weitesten verbreitete Schutzelement in Niederspannungsanlagen. Im Gegensatz zur Schmelzsicherung zerstört er sich beim Auslösen nicht selbst – er kann nach Beseitigung des Fehlers einfach wieder eingeschaltet werden. Stell dir ihn wie einen selbst reparierenden Sicherungsdraht vor, der zusätzlich noch zwischen „zu viel für zu lang“ und „viel zu viel auf einmal“ unterscheiden kann.
Aufbau des Leitungsschutzschalters
Ein LSS vereint mehrere funktionale Baugruppen in einem kompakten Gehäuse:
| Bauteil | Funktion |
|---|---|
| Schaltmechanismus (Kipphebel) | Manuelles Ein- und Ausschalten; zeigt Auslösezustand an (Mittelstellung = ausgelöst) |
| Bimetallauslöser | Thermische Überlastauslösung – reagiert auf langanhaltenden Überstrom |
| Elektromagnetischer Auslöser (Magnetspule) | Schnellauslösung bei Kurzschluss – reagiert auf sehr hohe Stoßströme |
| Lichtbogenlöschkammer | Kühlt und löscht den beim Öffnen entstehenden Lichtbogen sicher |
| Klemmen (oben/unten) | Anschluss der Leitung (Einspeise- und Abgangsseite) |
| Verklinkungsmechanismus | Hält den Schalter in der EIN-Position; gibt bei Auslösung frei |
Auslösung bei Überlast – der Bimetallauslöser
Das Bimetall besteht aus zwei fest verbundenen Metallstreifen mit unterschiedlichem Wärmeausdehnungskoeffizienten – ähnlich einem Thermostat im Backofen. Fließt zu viel Strom, erwärmt sich der Bimetallstreifen durch den Joule’schen Effekt (P = I² · R). Da sich beide Metalle unterschiedlich stark ausdehnen, biegt sich der Streifen. Ab einem definierten Durchbiegungswinkel gibt er den Verklinkungsmechanismus frei – der Schalter öffnet. Dieser Vorgang dauert bei knapper Überlast mehrere Sekunden bis Minuten. Der Bimetallauslöser ist temperaturkompensiert, d. h. er berücksichtigt die Umgebungstemperatur, um korrekt anzusprechen.
Auslösung bei Kurzschluss – der Magnetauslöser
Die Magnetspule im LSS erzeugt bei hohem Strom ein starkes Magnetfeld, das einen Eisenkern anzieht. Dieser Eisenkern schlägt mechanisch auf den Verklinkungsmechanismus und öffnet den Schalter innerhalb von Millisekunden. Das Ansprechen erfolgt schlagartig, sobald der Strom den Vielfachen des Nennstroms übersteigt (je nach Typ B, C oder D). Nach dem Auslösen – egal ob thermisch oder magnetisch – steht der Kipphebel in einer Mittelstellung zwischen EIN und AUS. Das ist das sichtbare Signal, dass ausgelöst wurde. Vor dem Wiedereinschalten muss der Kipphebel zunächst vollständig in die AUS-Stellung gedrückt werden (Verklinkung zurücksetzen), erst dann kann wieder eingeschaltet werden.
? Verständnisfrage: Was ist der Unterschied zwischen dem Bimetall- und dem Magnetauslöser im LSS? ›
Was bedeuten die Auslösecharakteristiken B, C und D beim LSS?
Nicht jeder elektrische Verbraucher verhält sich beim Einschalten gleich. Ein Heizungsstab zieht sofort seinen vollen Nennstrom; ein Elektromotor hingegen nimmt beim Anlauf kurzzeitig das 5- bis 10-fache seines Nennstroms auf. Würde man einen für ruhige Lasten ausgelegten Schutzschalter an einem Motor einsetzen, würde er bei jedem Einschalten unnötig auslösen. Die Auslösecharakteristik des LSS muss daher zur Art der Last passen – wie ein Schuh, der zur Fußgröße passt.
Die Charakteristik beschreibt den Strombereich, bei dem der magnetische Schnellauslöser anspricht (in Vielfachen des Nennstroms I_N). Der thermische Bimetallauslöser verhält sich bei allen Typen ähnlich.
| Typ | Magnetisches Ansprechen | Typische Anwendung | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| B | 3–5 × I_N | Ohmsche Lasten: Heizungen, Beleuchtung, Steckdosen in Wohnbereichen | Empfindlichster Typ – schaltet bei relativ kleinen Kurzschlussströmen |
| C | 5–10 × I_N | Motoren mit mittlerem Anlaufstrom, Leuchtstofflampen, gemischte Anlagen | Universeller Standardtyp in gewerblichen/industriellen Anlagen |
| D | 10–20 × I_N | Motoren mit hohem Anlaufstrom, Transformatoren, Schweißgeräte | Trägster Typ – toleriert sehr hohe kurzzeitige Einschaltströme |
Kenndaten eines Leitungsschutzschalters – vollständige Übersicht
| Kenngröße | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Nennstrom I_N | Dauerstrom, den der LSS ohne Auslösung führen kann | 16 A |
| Nennspannung U_N | Bemessungsspannung für den Einsatz | 230/400 V |
| Auslösecharakteristik | Empfindlichkeit des Magnetauslösers | C (= 5–10 × I_N) |
| Bemessungsschaltvermögen I_cn | Max. Kurzschlussstrom, den der LSS sicher abschalten kann | 6 kA, 10 kA, 25 kA |
| Polzahl | Anzahl der geschalteten Leiter | 1P, 2P, 3P, 4P |
| Frequenz | Nennfrequenz | 50 Hz |
Gib Nennstrom und Auslösetyp ein – der Rechner zeigt, ob der Magnetauslöser bei deinem Strom anspricht.
? Verständnisfrage: Was beschreibt das „Bemessungsschaltvermögen“ (I_cn) eines LSS? ›
Abschlusstest
14 Fragen zum gesamten Kursinhalt – Leitungsschutz, Schmelzsicherungen, NH-Sicherungen und Leitungsschutzschalter.
Welche zwei Ursachen können dazu führen, dass ein Leitungsschutzelement auslöst?
Was ist der Abschaltstrom?
Welche Funktion hat der Quarzsand in einer Schmelzsicherung?
Wofür dient der Passeinsatz bei DIAZED-Sicherungen?
Was bedeutet die Abkürzung „NH“ bei NH-Sicherungen?
Wer darf NH-Sicherungen unter Spannung tauschen?
Welche Auslösung im LSS ist für die Überlastabsicherung zuständig?
Ein B16-LSS ist eingebaut. Bei welchem Strom löst der Magnetauslöser (Schnellauslösung) sicher an?
Für welchen Einsatzbereich ist ein LSS Typ D ausgelegt?
Welche Glasrohrsicherungs-Charakteristik ist für empfindliche Halbleiterbauelemente geeignet?
Was beschreibt das Bemessungsschaltvermögen (I_cn) eines LSS?
Welche österreichische Norm regelt Schutzmassnahmen und den Einsatz von Leitungsschutzelementen in Gebäudeinstallationen?
Was bedeutet die Verwendungskategorie „gG“ bei NH-Sicherungen?
Welche Grundbedingung muss beim Leitungsschutz nach ÖVE/ÖNORM E 8001 eingehalten werden?
Fragen bei mündlicher Prüfung
Typische Prüfungsfragen mit vollständigen Musterantworten – für die Vorbereitung auf die Gesellenprüfung.
1 Welche zwei Ursachen können ein Leitungsschutzelement zum Auslösen bringen? Beschreiben Sie beide! ›
Ein Leitungsschutzelement löst bei zwei grundlegend verschiedenen Fehlerzuständen aus:
- Überlast: An den Stromkreis werden mehr Verbraucher angeschlossen, als er für seinen Nennstrom ausgelegt ist. Der Strom überschreitet den Nennwert mäßig. Die Leitung erwärmt sich langsam. Das Schutzelement reagiert zeitverzögert (Bimetall im LSS, Schmelzdraht in der Sicherung).
- Kurzschluss: Phase und Neutralleiter werden direkt (oder über sehr niederohmigen Pfad) verbunden. Der Strom steigt schlagartig auf ein Vielfaches des Nennwerts. Das Schutzelement muss unverzögert reagieren (Magnetauslöser im LSS, Einschnürung im Schmelzdraht).
Der Unterschied liegt in der Stromhöhe und der erforderlichen Auslösezeit: Überlast → mäßig erhöht, zeitverzögert. Kurzschluss → vielfach erhöht, sofort.
2 Beschreiben Sie den Aufbau einer DIAZED-Sicherung und erklären Sie, welcher Teil für Überlast und welcher für Kurzschluss zuständig ist! ›
Eine DIAZED-Sicherung besteht aus folgenden Teilen:
- Sicherungssockel: Kegelförmige Schraubbasis mit Passeinsatz
- Sicherungspatrone: Keramikgehäuse, gefüllt mit Quarzsand und Schmelzleiter
- Passeinsatz (Passhülse): Verhindert mechanisch das Einsetzen überdimensionierter Patronen
- Schmelzleiter: Profilierter Metalldraht (Kupfer oder Zinn/Blei-Legierung) mit zwei funktionalen Zonen:
- Langer, dünner Abschnitt → Überlastabsicherung: reagiert thermisch träge auf dauerhaften Überstrom, schmilzt langsam
- Einschnürung(en) im Leiter → Kurzschlussabsicherung: verdampft explosionsartig bei hohem Kurzschlussstrom
Quarzsand: Doppelfunktion – Wärmeableitung im Normalbetrieb + Lichtbogenlöschung im Fehlerfall.
3 Worin unterscheiden sich DIAZED, NEOZED und Glasrohrsicherung? ›
Die drei Bauformen unterscheiden sich in Größe, Einsatzbereich und Aufbau:
- DIAZED: Klassische, größere Schraubsicherung für Hausinstallationen. Kegelförmiger Sockel, Passeinsatz, Quarzsandfüllung. Nennströme bis 100 A. Für Zählerkästen und Unterverteilungen.
- NEOZED: Kompaktere Version, für Hutschienenmontage in Unterverteilungen und Schaltschränken. Gleiches Wirkprinzip wie DIAZED, aber platzsparender. Nennströme bis 100 A.
- Glasrohrsicherung: Zylindrisches Glasrohr, Schmelzdraht sichtbar, ohne Quarzsand. Klein und leicht. Für Geräte und Messeinrichtungen. Nennströme typisch bis 20 A. Verschiedene Charakteristiken (FF, F, M, T, TT).
Merkregel: DIAZED = groß + Haus. NEOZED = kompakt + Schaltschrank. Glasrohr = Gerät + Werkzeug.
4 Was bedeuten die Auslösecharakteristiken B, C und D beim Leitungsschutzschalter? Für welche Lasten ist jeweils welcher Typ geeignet? ›
Die Charakteristik beschreibt den magnetischen Ansprechbereich des Schnellauslösers:
Magnetische Ansprechbereiche
- Typ B: Für ohmsche Lasten ohne Einschaltstromspitze (Heizungen, Beleuchtung, Steckdosen im Wohnbereich). Empfindlichster Typ.
- Typ C: Für Motoren mit mittlerem Anlaufstrom, Leuchtstofflampen, gewerbliche Allgemeinanlagen. Universeller Standardtyp.
- Typ D: Für Verbraucher mit sehr hohem Anlaufstrom: Kompressoren, Schweißgeräte, große Motoren, Transformatoren.
Wichtig: Der thermische Bimetallauslöser arbeitet bei allen Typen ähnlich – er sichert die Überlast ab. Der Unterschied liegt nur im Magnetauslöser.
5 Wie ist ein Leitungsschutzschalter aufgebaut? Beschreiben Sie alle funktionalen Teile! ›
Ein LSS besteht aus folgenden Hauptkomponenten:
- Kipphebel (Betätigungsgriff): Manuelles Ein/Ausschalten. Zeigt in Mittelstellung an, dass der LSS ausgelöst hat.
- Verklinkungsmechanismus: Hält den Schalter in EIN-Position. Wird durch Auslöser freigegeben.
- Bimetallauslöser: Thermischer Auslöser für Überlast. Zwei Metallstreifen verschiedener Wärmedehnung biegen sich bei Erwärmung durch → verzögerte Auslösung.
- Elektromagnetischer Auslöser (Magnetspule): Schnellauslöser für Kurzschluss. Magnetfeld bei hohem Strom zieht Eisenkern an → instantane Auslösung.
- Lichtbogenlöschkammer: Mehrere metallische Platten kühlen und teilen den Lichtbogen beim Öffnen der Kontakte auf.
- Schaltkontakte: Feste und bewegliche Kontaktbrücke – werden beim Auslösen getrennt.
- Klemmen: Obere (Einspeisung) und untere (Abgang) für den Leiteranschluss.
6 Was ist die Funktion des Bimetallauslösers im LSS? Erklären Sie den physikalischen Effekt! ›
Der Bimetallauslöser nutzt den Joule’schen Effekt: Strom erzeugt Wärme proportional zum Quadrat des Stroms:
Joule’sche Erwärmung
Das Bimetall besteht aus zwei Metallstreifen (z.B. Invar + Messing) mit unterschiedlichem Wärmeausdehnungskoeffizienten, die fest miteinander verbunden sind. Erwärmt sich das Bimetall, dehnt sich ein Metall stärker aus → der Streifen biegt sich. Ab einem definierten Biegewinkel gibt er den Verklinkungsmechanismus frei → der LSS öffnet.
- Je größer der Überstrom, desto schneller die Erwärmung → desto schneller die Auslösung
- Der Bimetall ist temperaturkompensiert, um Umgebungstemperatureinflüsse zu minimieren
7 Was versteht man unter dem „Bemessungsschaltvermögen“ (I_cn) und warum ist dieser Wert bei der Planung wichtig? ›
Das Bemessungsschaltvermögen I_cn ist der maximale Kurzschlussstrom, den ein LSS sicher und vollständig abschalten kann, ohne dabei selbst zu versagen.
- Typische Werte: 6 kA, 10 kA, 25 kA
- Angabe in kA auf dem Typenfeld des LSS
Warum wichtig? Bei der Anlagenplanung muss der am Einbauort mögliche Kurzschlussstrom (I_K) berechnet werden. Es muss gelten:
Ist der Kurzschlussstrom am Einbauort höher als I_cn, kann der LSS den Kurzschluss nicht sicher abschalten → er kann explodieren oder in Brand geraten. Besonders in der Nähe von Transformatoren sind hohe Kurzschlussströme zu erwarten – dort sind LSS mit hohem Bemessungsschaltvermögen erforderlich.
8 Welche PSA ist beim Tauschen von NH-Sicherungen unter Spannung erforderlich und warum? ›
Beim Tauschen unter Spannung ist folgende persönliche Schutzausrüstung nach ÖVE/ÖNORM EN 50110 erforderlich:
- Lichtbogenschutzkleidung (klassifiziert nach Lichtbogenenergie der Anlage in cal/cm²)
- Isolierende Handschuhe der passenden Spannungsklasse
- Gesichtsschutzschild mit Lichtbogenschutz
- Isolierendes Schuhwerk
- NH-Sicherungszange (isoliertes Werkzeug)
Begründung: Im Fehlerfall (z.B. Kurzschluss beim Einsetzen) kann ein Lichtbogen mit Temperaturen über 20.000 °C entstehen. Die Lichtbogenenergie hängt vom Kurzschlussstrom und der Abschaltzeit ab. Ein solcher Lichtbogen verursacht schwere Verbrennungen, Blendung und Druckwellen. Die PSA muss der Lichtbogenkennzeichnung der Anlage entsprechen.
Keine PSA erforderlich: Nur wenn die Anlage vollständig freigeschaltet und nach den fünf Sicherheitsregeln gesichert ist.
9 Was bedeuten die Verwendungskategorien gG und aM bei NH-Sicherungen? Wann setzt man welche ein? ›
NH-Sicherungen werden nach ihrer Funktion in zwei Hauptkategorien eingeteilt:
- gG (allgemeine Verwendung, general purpose): Schützt gegen Überlast und Kurzschluss. Standardkategorie für Kabel- und Leitungsschutz in Verteilungen. Der Schmelzleiter ist so ausgelegt, dass er bei anhaltendem Überstrom thermisch und bei Kurzschluss instantan abschaltet.
- aM (begleitender Motorschutz, accompanying motor protection): Schützt nur gegen Kurzschluss – toleriert die hohen Anlaufströme von Motoren. Der Überlastschutz muss separat durch ein Motorschutzrelais realisiert werden. aM-Sicherungen dürfen nicht alleine als vollständiger Leitungsschutz eingesetzt werden.
Einsatzregel
Praxisregel: In Motorsteuerschränken mit vorhandenem Motorschutzrelais ist aM die wirtschaftlichere Wahl, da die Sicherung nicht auf den hohen Anlaufstrom ausgelegt werden muss. Ohne Motorschutzrelais ist gG vorgeschrieben.
Formelsammlung
Glossar
- Leitungsschutz – Oberbegriff für alle Einrichtungen (Sicherungen, LSS), die elektrische Leitungen vor Überstrom schützen und den Stromkreis im Fehlerfall unterbrechen.
- Überlast – Betriebszustand, bei dem der fließende Strom den Nennstrom des Leiters oder Schutzelements dauerhaft überschreitet, ohne dass ein Kurzschluss vorliegt.
- Kurzschluss – Ungewollte, niederohmige Verbindung zwischen Leitern unterschiedlichen Potenzials; führt zu sehr hohen Strömen in kürzester Zeit.
- Abschaltstrom – Der Strom, bei dem ein Schutzelement den Stromkreis sicher und vollständig unterbricht.
- Schmelzleiter – Das eigentliche Schutzelement in einer Schmelzsicherung: ein Metalldraht definierter Querschnitts, der bei Überstrom schmilzt und den Stromkreis unterbricht.
- DIAZED-Sicherung – Klassische Schraubsicherung mit kegelförmigem Sockel und Passeinsatz; typisch für österreichische Hausinstallationen.
- NEOZED-Sicherung – Kompaktere Version der DIAZED-Sicherung für Hutschienenmontage in Schaltschränken.
- Glasrohrsicherung – Zylindrische Sicherung mit sichtbarem Schmelzdraht im Glasrohr; für Geräte und Messeinrichtungen.
- Passeinsatz (Passhülse) – Codiertes Kunststoffelement im Sicherungssockel, das mechanisch verhindert, dass Patronen mit zu hohem Nennstrom eingesetzt werden.
- Quarzsand – Füllmaterial in Schmelzsicherungen; leitet Wärme ab und löscht den beim Schmelzen entstehenden Lichtbogen.
- NH-Sicherung – Niederspannungs-Hochleistungs-Sicherung; für hohe Kurzschlussströme bis 120 kA in Hauptverteilungen und industriellen Anlagen. Verwendungskategorien: gG (allgemeiner Leitungsschutz, Überlast + Kurzschluss) und aM (begleitender Motorschutz, nur Kurzschluss). Baugrößen 00 bis 4 (bis 1.250 A).
- HH-Sicherung – Hochspannungs-Hochleistungs-Sicherung; für Mittel- und Hochspannungsanlagen.
- Kennmelder (Schlagbolzen) – Farb-codierter Anzeigebolzen an NH-Sicherungen, der beim Auslösen sichtbar herausspringt und die defekte Phase markiert.
- Leitungsschutzschalter (LSS) – Rückstellbares Schutzelement mit thermischem Bimetallauslöser (Überlast) und elektromagnetischem Schnellauslöser (Kurzschluss). Nach dem Auslösen zeigt der Kipphebel eine Mittelstellung an; erst nach vollständigem Zurückdrücken in AUS-Stellung kann wieder eingeschaltet werden.
- Bimetallauslöser – Thermisches Auslöseelement im LSS: zwei Metallstreifen mit unterschiedlicher Wärmedehnung biegen sich bei Erwärmung und lösen verzögert aus.
- Magnetauslöser – Elektromagnetisches Auslöseelement im LSS: spricht bei hohem Kurzschlussstrom instantan an und öffnet den Schalter in Millisekunden.
- Lichtbogenlöschkammer – Bauteil im LSS mit mehreren Metallplatten, die den beim Öffnen entstehenden Lichtbogen kühlen, teilen und sicher löschen.
- Auslösecharakteristik (B/C/D) – Kennwert des LSS, der den Strombereich definiert, bei dem der Magnetauslöser anspricht (in Vielfachen des Nennstroms).
- Bemessungsschaltvermögen (I_cn) – Maximaler Kurzschlussstrom, den ein LSS sicher abschalten kann, ohne selbst zu versagen; Angabe in kA auf dem Typenschild.
- PSA (persönliche Schutzausrüstung) – Gesamtheit der Schutzausrüstung (Handschuhe, Schutzkleidung, Gesichtsschutz), die Fachkräfte beim Arbeiten unter Spannung tragen müssen.
- Joule’scher Effekt – Physikalisches Prinzip: Strom erzeugt Wärme in einem Leiter (P = I² · R); Grundlage des thermischen Bimetallauslösers.
- I_B (Betriebsstrom) – Der tatsächlich fließende Strom im Betrieb; muss kleiner-gleich dem Nennstrom des Schutzelements sein (I_B ≤ I_N).
- I_Z (Leiterbelastbarkeit) – Der maximale Dauerstrom, den ein Leiter ohne unzulässige Erwärmung führen darf; abhängig von Querschnitt, Material und Verlegeart.
- I_2 (Auslösestrom) – Der Strom, bei dem das Schutzelement innerhalb der Konventionszeit sicher auslöst; Bedingung: I_2 ≤ 1,45 × I_Z.
- gG (Verwendungskategorie) – Allgemeine NH-Sicherung: schützt gegen Überlast und Kurzschluss. Standardkategorie für Kabel- und Leitungsschutz.
- aM (Verwendungskategorie) – NH-Sicherung für begleitenden Motorschutz: nur Kurzschlussschutz, muss immer mit Motorschutzrelais kombiniert werden.
- Fünf Sicherheitsregeln – Normierte Reihenfolge für spannungsfreies Arbeiten nach ÖVE/ÖNORM EN 50110: (1) Freischalten – (2) Gegen Wiedereinschalten sichern – (3) Spannungsfreiheit feststellen – (4) Erden und Kurzschließen – (5) Benachbarte unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken.
Stand & Quellen
- ÖVE/ÖNORM E 8001 – Errichtung von elektrischen Anlagen mit Nennspannungen bis AC 1000 V und DC 1500 V (Teile 1–6)
- ÖVE/ÖNORM EN 50110 – Betrieb von elektrischen Anlagen
- ESV 2012 – Elektroschutzverordnung (BGBl. II Nr. 33/2012)
- ASchG – ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (BGBl. Nr. 450/1994 idgF)
- ÖVE/ÖNORM EN 60269 – Niederspannungssicherungen (Schmelzsicherungen), Teil 1 und Teil 2
- ÖVE/ÖNORM EN 60898-1 – Leitungsschutzschalter für Hausinstallationen und ähnliche Anwendungen
- Moeller: Handbuch Schaltanlagen. VDE-Verlag, Berlin/Offenbach.
- Tkotz, Klaus et al.: Fachkunde Elektrotechnik. Europa-Lehrmittel, Haan-Gruiten.
