Netzsysteme – Vergleich & Gesamtprüfung

Netzsysteme & netzabhängige Schutzmaßnahmen

Die letzte Seite bringt alle vier Netzsysteme zusammen: TN-C, TN-S, TN-C-S, TT und IT werden direkt verglichen, die Abschaltbedingungen gegenübergestellt und in gemischten Rechenaufgaben geübt. Der Gesamttest prüft das Wissen über alle fünf Seiten.

Kapitel 01

Wie unterscheiden sich alle Netzsysteme auf einen Blick?

Nach vier Seiten haben wir jedes Netzsystem einzeln kennengelernt. Jetzt bringen wir sie in eine direkte Gegenüberstellung. Der schnellste Weg, die Unterschiede zu begreifen, ist der Blick auf drei Kernfragen: Wie ist der Sternpunkt geerdet? Wie sind die Gehäuse geerdet? Und was passiert beim ersten Fehler?

Merkmal TN-C TN-S TN-C-S TT IT
1. Buchstabe T (direkt geerdet) T (direkt geerdet) T (direkt geerdet) T (direkt geerdet) I (isoliert)
2. Buchstabe N (über PEN) N (über sep. PE) N (PEN → PE) T (eig. Erder) T (eig. Erder)
N/PE-Leiter Kombiniert (PEN) Getrennt (N + PE) Erst PEN, dann getrennt Getrennt Getrennt (kein N üblich)
Leitersystem 4-Leiter 5-Leiter 4 → 5-Leiter 5-Leiter 3- oder 4-Leiter
RCD zulässig? ❌ Nein ✔ Ja ✔ Ja (ab Trennpunkt) ✔ Ja (Pflicht!) ⚠ Nur für 2. Fehler
Schutz bei 1. Fehler ÜSE (hoher I_F) ÜSE oder RCD ÜSE oder RCD RCD (Pflicht) Kein Ausfall – IMD-Alarm
Fehlerstrom 1. Fehler Sehr hoch (kA) Sehr hoch (kA) Sehr hoch (kA) Klein (A-Bereich) Winzig (mA, kapazitiv)
Abschaltbedingung Z_s · I_a ≤ U₀ Z_s · I_a ≤ U₀ Z_s · I_a ≤ U₀ R_A · I_Δn ≤ 50 V 2. Fehler: wie TN od. TT
IMD erforderlich? Nein Nein Nein Nein ✔ Ja (Pflicht!)
Typischer Einsatz Alte Industrie, Freileitungen Neuanlagen, EDV, Labore Österr. Hausinstallation Camping, Landwirtschaft OP-Saal, Bergbau, Chemie
Merkhilfe – Die fünf Netzsysteme in einem Satz

TN-C: Altes System, PEN statt N+PE, kein RCD möglich.

TN-S: Moderner Standard, N und PE getrennt, RCD überall möglich.

TN-C-S: Österreichischer Alltag – PEN kommt vom Netz, wird im Haus aufgetrennt.

TT: Eigener Erder, kleiner Fehlerstrom, RCD zwingend nötig.

IT: Isolierter Sternpunkt, erster Fehler harmlos, IMD Pflicht, zweiter Fehler gefährlich.

Verständnisfrage · Kapitel 01

In welchem Netzsystem ist beim ersten Fehler keine automatische Abschaltung vorgesehen – und der Betrieb läuft weiter?


Kapitel 02

Welche Schutzmaßnahme gilt in welchem Netz – und warum kann man sie nicht einfach tauschen?

Schutzmaßnahmen sind nicht beliebig austauschbar. Jede ist auf die spezifischen Eigenschaften ihres Netzsystems abgestimmt. Ein RCD im TN-C-Netz würde gefährliche Zustände erzeugen; eine Sicherung allein im TT-Netz würde niemals auslösen. Die folgende Übersicht zeigt, warum jede Kombination genau so sein muss wie sie ist.

Netz Zwingend Möglich Verboten / Nicht wirksam Begründung
TN-C ÜSE (LSS, Sicherung) RCD (PEN-Unterbrechung!) Niederohmige Fehlerschleife → hoher I_F → ÜSE löst aus
TN-S ÜSE RCD (zusätzlich) Wie TN-C, aber RCD unterbricht nur L+N, PE bleibt – kein Problem
TN-C-S ÜSE RCD ab Trennpunkt RCD vor Trennpunkt (PEN!) Im TN-S-Teil gilt dieselbe Logik wie TN-S
TT RCD (Pflicht!) ÜSE zusätzlich ÜSE allein (I_F zu klein!) Fehlerschleife hat R_A + R_N → I_F nur wenige A → ÜSE löst nie aus
IT (1. Fehler) IMD (Pflicht!) RCD, ÜSE (kein Auslösen) I_F nur wenige mA kapazitiv → keine Schutzeinrichtung spricht an
IT (2. Fehler) ÜSE oder RCD Beide kombiniert Jetzt wie TN- oder TT-Netz – Abschaltung muss erfolgen
Häufige Verwechslung in der Prüfung

Im TT-Netz reicht eine Sicherung nicht! Auch wenn der Fehlerstrom z. B. 5 A beträgt – eine B16-Sicherung löst erst bei 80 A aus. Diese 5 A würden dauerhaft über das Gehäuse fließen, ohne dass irgendetwas abschaltet. Genau deshalb ist der RCD im TT-Netz keine Option, sondern Pflicht nach ÖVE/ÖNORM E 8001-4-41.

Verständnisfrage · Kapitel 02

Warum kann eine Schmelzsicherung im TT-Netz den Personenschutz nicht allein sicherstellen?


Kapitel 03

Wie wähle ich das richtige Netzsystem für eine gegebene Situation?

In der Praxis ist das Netzsystem meist durch den Netzbetreiber oder die bestehende Installation vorgegeben. Dennoch muss ein Elektrotechniker in der Lage sein, das vorliegende System zu erkennen, die richtigen Schutzmaßnahmen zu wählen und bei Erweiterungen die Kompatibilität sicherzustellen.

Abb. 1 – Entscheidungsbaum: Welches Netzsystem liegt vor? Netzsystem bestimmen Ist der Sternpunkt geerdet? Nein IT-Netz Ja Haben die Gehäuse einen eigenen, unabhängigen Erder? Ja TT-Netz Nein (→ TN-Familie) Gibt es einen separaten PE-Leiter (neben N)? Nein TN-C Ja Gibt es einen Trennpunkt PEN → N+PE im Gebäude? Ja TN-C-S Nein (PE durchgehend getrennt) TN-S-Netz
ÖVE/ÖNORM – Netzsysteme in Österreich

ÖVE/ÖNORM E 8001-1: Grundsätze der Errichtung von Niederspannungsanlagen – definiert die zulässigen Netzsysteme und deren Anforderungen

ÖVE/ÖNORM E 8001-4-41: Schutz gegen elektrischen Schlag – Abschaltbedingungen für alle Netzsysteme

ÖVE/ÖNORM EN 61140: Schutz gegen elektrischen Schlag – allgemeine Grundsätze

Normenstände: Austrian Standards Institute (ASI), Wien – e-norm.at

Verständnisfrage · Kapitel 03

Ein Elektriker misst auf einem Campingplatz: Der Sternpunkt des Versorgungstrafos ist geerdet, die Gehäuse haben einen eigenen Erder vor Ort, und es gibt keinen PEN-Leiter. Welches Netzsystem liegt vor?


Kapitel 04

Wie hängen alle Abschaltbedingungen zusammen – und was ist der gemeinsame Nenner?

Hinter den unterschiedlichen Formeln steckt immer dieselbe Logik: Die Spannung, die im Fehlerfall die Fehlerschleife antreibt, muss groß genug sein, um die Schutzeinrichtung innerhalb der zulässigen Zeit auszulösen. Was sich unterscheidet, ist die Fehlerspannung und die Art der Schutzeinrichtung.

Alle Abschaltbedingungen im Vergleich

TN-Netz (alle): Z_s · I_a ≤ U₀ = 230 V
TT-Netz: R_A · I_Δn ≤ 50 V (zul. Berührungsspannung)
IT (2. Fehler, gem. PE): Z_s · I_a ≤ U₀ = 230 V
IT (2. Fehler, getr. PE): Z_s · I_a ≤ Uv = 400 V
Auslösestrom LSS: Typ B = 5·I_N | Typ C = 10·I_N | Typ D = 20·I_N
Leitungswiderstand: R = ρ · l / A | ρ(Cu) = 0,0178 Ω·mm²/m
Z_s
Schleifenimpedanz der Fehlerschleife [Ω]
I_a
Auslösestrom der ÜSE [A]
I_Δn
Nennauslösestrom RCD [A] (typisch 0,03 A oder 0,3 A)
R_A
Erdungswiderstand der Anlage [Ω]
U₀
Strangspannung 230 V (Phase–Erde)
Uv
Verkettete Spannung 400 V (Phase–Phase)
Rechner – Abschaltbedingung wählen & prüfen
TN-Netz
16 A
B (5×)
1,5 Ω
Fehlerspannung 230V
Auslösewert 80A
Grenzwert 2,875Ω
Bedingung ✔ OK
Verständnisfrage · Kapitel 04

Was ist der grundlegende Unterschied zwischen der Abschaltbedingung im TN-Netz und im TT-Netz?


Rechenaufgaben

Gemischte Aufgaben aus allen Netzsystemen. Zuerst zwei Beispiele, dann sechs Übungsaufgaben.

Beispielrechnungen – TN, TT & IT im Vergleich 2 Beispiele
Beispiel 01 – TN-S-Netz

Leitung 45 m, 2,5 mm² Cu (L und PE), B20-LSS, Z_Q = 0,1 Ω. Ist die Abschaltbedingung erfüllt?

Vollständiger Lösungsweg
Leitungswiderstände:
R_L = 0,0178 × 45 / 2,5 = 0,3204 Ω
R_PE = 0,0178 × 45 / 2,5 = 0,3204 Ω
Schleifenimpedanz:
Z_s = Z_Q + R_L + R_PE = 0,1 + 0,3204 + 0,3204 = 0,741 Ω
Auslösestrom B20:
I_a = 5 × 20 = 100 A
Z_s,max:
Z_s,max = 230 / 100 = 2,3 Ω
Prüfung:
0,741 Ω ≤ 2,3 Ω → ✔ Abschaltbedingung erfüllt
Z_s = 0,741 Ω ≤ Z_s,max = 2,3 Ω ✔
Beispiel 02 – TT-Netz

R_A = 95 Ω, R_N = 10 Ω, RCD 30 mA. Fehlerstrom, Berührungsspannung und RCD-Abschaltbedingung berechnen.

Vollständiger Lösungsweg
Fehlerstrom:
I_F = 230 / (95 + 10) = 230 / 105 = 2,19 A
Berührungsspannung:
U_B = I_F × R_A = 2,19 × 95 = 208 V → ohne RCD lebensgefährlich!
RCD-Abschaltbedingung:
R_A × I_Δn = 95 × 0,03 = 2,85 V ≤ 50 V → ✔ Bedingung erfüllt
R_A,max für 30 mA:
R_A,max = 50 / 0,03 = 1.667 Ω → 95 Ω liegt weit darunter ✔
I_F = 2,19 A | U_B = 208 V | RCD-Bed. erfüllt ✔
Übungsaufgaben – Gemischte Netzsysteme 6 Aufgaben
Aufgabe 01 · TN-S

Leitung 30 m, 1,5 mm² Cu (L und PE), C10-LSS, Z_Q = 0,12 Ω. Berechne Z_s.

Z_s = Z_Q + R_L + R_PE | R = 0,0178 × l / A

Ω
Lösungsweg
R_L = 0,0178 × 30 / 1,5 = 0,356 Ω
R_PE = 0,0178 × 30 / 1,5 = 0,356 Ω
Z_s = 0,12 + 0,356 + 0,356 = 0,832 Ω
Z_s = 0,832 Ω
Aufgabe 02 · TN-S (Fortsetzung)

Ist die Abschaltbedingung aus Aufgabe 1 (Z_s = 0,832 Ω, C10-LSS) erfüllt? Berechne Z_s,max.

Typ C → I_a = 10 × I_N | Z_s,max = 230 / I_a

Ω (Z_s,max)
Lösungsweg
I_a = 10 × 10 = 100 A
Z_s,max = 230 / 100 = 2,3 Ω
Prüfung: 0,832 Ω ≤ 2,3 Ω → ✔ Erfüllt
Z_s,max = 2,3 Ω → Bedingung erfüllt
Aufgabe 03 · TT-Netz

TT-Netz: R_A = 120 Ω, R_N = 8 Ω, U₀ = 230 V. Wie groß ist der Fehlerstrom I_F?

I_F = U₀ / (R_A + R_N)

A
Lösungsweg
R_ges = R_A + R_N = 120 + 8 = 128 Ω
I_F = 230 / 128 = 1,797 A
Beurteilung: B16-LSS löst bei 80 A aus → 1,8 A reicht nie → RCD Pflicht!
I_F = 1,797 A
Aufgabe 04 · TT-Netz (Fortsetzung)

Für R_A = 120 Ω und einen RCD mit I_Δn = 30 mA: Ist die Abschaltbedingung erfüllt? Berechne R_A · I_Δn.

R_A · I_Δn ≤ 50 V | I_Δn = 0,03 A

V
Lösungsweg
R_A × I_Δn = 120 × 0,03 = 3,6 V
Prüfung: 3,6 V ≤ 50 V → ✔ Abschaltbedingung erfüllt
Bedeutung: Im Auslösemoment des RCDs beträgt die Spannung am Gehäuse nur 3,6 V – völlig ungefährlich.
R_A · I_Δn = 3,6 V ≤ 50 V ✔
Aufgabe 05 · IT-Netz (2. Fehler)

IT-Netz, zweiter Fehler auf verschiedenen Außenleitern mit getrennten PE-Leitern. B25-LSS, gemessene Z_s = 2,1 Ω. Ist die Abschaltbedingung erfüllt? Berechne Z_s,max.

Getrennter PE → Fehlerspannung = Uv = 400 V | Z_s,max = Uv / I_a | I_a = 5 × I_N

Ω (Z_s,max)
Lösungsweg
I_a = 5 × 25 = 125 A
Fehlerspannung (getrennter PE): Uv = 400 V
Z_s,max = 400 / 125 = 3,2 Ω
Prüfung: 2,1 Ω ≤ 3,2 Ω → ✔ Abschaltbedingung erfüllt
Z_s,max = 3,2 Ω → erfüllt ✔
Aufgabe 06 · Gemischt – maximale Leitungslänge

TN-S-Netz, B16-LSS, Z_Q = 0,08 Ω. Außenleiter und PE je 2,5 mm² Cu. Wie lang darf die Leitung maximal sein, damit die Abschaltbedingung noch erfüllt ist?

Z_s,max = 230 / I_a | Z_s,max = Z_Q + 2 × (0,0178 × l / A) → l auflösen

m
Lösungsweg
I_a = 5 × 16 = 80 A | Z_s,max = 230 / 80 = 2,875 Ω
Verfügbare Impedanz für Leitungen: 2,875 − 0,08 = 2,795 Ω
R_L + R_PE = 2 × (0,0178 × l / 2,5) = 0,01424 × l
l = 2,795 / 0,01424 = 196,3 m … Moment: nur ein Weg wird mit 0,0178/2,5 berechnet, Hin+Rück = 2×.
Korrekte Auflösung: l_max = 2,795 / (2 × 0,0178 / 2,5) = 2,795 / 0,01424 ≈ 196 m
Probe: R_L+R_PE = 2 × (0,0178 × 196 / 2,5) = 2 × 1,395 = 2,79 Ω | Z_s = 0,08 + 2,79 = 2,87 Ω ≤ 2,875 ✔
l_max ≈ 196 m

Gesamttest – alle 5 Seiten

20 Fragen aus allen Netzsystemen und Kapiteln. Jede Frage einzeln prüfen, dann Gesamtergebnis auswerten.

Frage 01Was beschreibt der erste Buchstabe in einer Netzbezeichnung wie „TN“ oder „IT“?
Frage 02Welches Netzsystem ist in österreichischen Wohngebäuden am häufigsten anzutreffen?
Frage 03Warum ist ein RCD im TN-C-Netz verboten?
Frage 04Wie lautet die Abschaltbedingung für TN-Netze?
Frage 05Ein B25-LSS sichert einen TN-S-Endstromkreis ab. Wie groß ist Z_s,max? (U₀ = 230 V)
Frage 06Was ist die wichtigste Regel nach dem Trennpunkt im TN-C-S-Netz?
Frage 07Warum reicht im TT-Netz eine Sicherung nicht als Schutzmaßnahme?
Frage 08Wie lautet die Abschaltbedingung im TT-Netz?
Frage 09R_A = 200 Ω, I_Δn = 30 mA. Ist die TT-Abschaltbedingung erfüllt?
Frage 10Was passiert im IT-Netz beim ersten Isolationsfehler?
Frage 11Was ist die Aufgabe des IMD im IT-Netz?
Frage 12Welche Spannung liegt beim zweiten Fehler im IT-Netz zwischen zwei Gehäusen mit getrennten PE-Leitern?
Frage 13Welcher Erdertyp ist bei Neubauten in Österreich vorgeschrieben und liefert die niedrigsten Widerstandswerte?
Frage 14In welchen Ländern ist das TT-Netz der nationale Standard?
Frage 15Welcher Mindestquerschnitt gilt für einen Kupfer-PEN-Leiter?
Frage 16Welche maximale Abschaltzeit gilt für Endstromkreise bis 32 A in TN-Netzen?
Frage 17Welche Norm regelt Bäder und Duschanlagen in Österreich?
Frage 18Welches IT-Netz ist in Operationssälen vorgeschrieben – und warum?
Frage 19Eine Leitung hat R_L = 0,42 Ω und R_PE = 0,42 Ω, Z_Q = 0,09 Ω. Wie groß ist Z_s?
Frage 20Welche Norm regelt die Errichtung von Niederspannungsanlagen in Österreich grundlegend?
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Fragen bei mündlicher Prüfung

Übergreifende Prüfungsfragen zu allen fünf Netzsystemen – aufklappen zum Lesen.

01Nennen und erklären Sie alle fünf Netzsysteme und ihre wichtigsten Merkmale.

TN-C: Direkt geerdeter Sternpunkt, N und PE kombiniert als PEN (4-Leiter). Kein RCD möglich. Schutz durch ÜSE. Typisch: alte Industrie, Freileitungen.

TN-S: Direkt geerdeter Sternpunkt, N und PE vollständig getrennt (5-Leiter). RCD überall möglich. Schutz durch ÜSE ± RCD. Typisch: Neuanlagen, EDV.

TN-C-S: Kombination: PEN vom Netz bis Hauptverteiler (TN-C), ab Trennpunkt N+PE getrennt (TN-S). Österreichischer Hausinstallations-Standard.

TT: Direkt geerdeter Sternpunkt, Gehäuse über eigenen unabhängigen Erder. Fehlerschleife über Erde → kleiner I_F → RCD Pflicht. Abschaltbedingung: R_A · I_Δn ≤ 50 V. Typisch: Campingplätze, Landwirtschaft.

IT: Isolierter Sternpunkt. Erster Fehler: nur kapazitiver Strom, kein Ausfall, IMD meldet Alarm. Zweiter Fehler: wie TN oder TT – Abschaltung erforderlich. Typisch: OP-Saal, Bergbau, Chemie.

02Vergleichen Sie die Abschaltbedingungen von TN- und TT-Netz.

TN-Netz: Z_s · I_a ≤ U₀ = 230 V. Die Fehlerschleife besteht aus metallischen Leitern (niederohmig). Der Fehlerstrom ist hoch (Hunderte A). Die ÜSE muss innerhalb der Abschaltzeit (0,4 s für Endstromkreise) auslösen. Z_s,max = 230 / I_a.

TT-Netz: R_A · I_Δn ≤ 50 V. Die Fehlerschleife enthält R_A + R_N (hochohmig, 50–500 Ω). Der Fehlerstrom ist klein (wenige A). Eine ÜSE würde nie auslösen. Der RCD reagiert ab 30 mA. Die Bedingung stellt sicher, dass die Spannung am Gehäuse beim Auslösen ≤ 50 V bleibt.

Gemeinsamer Nenner: In beiden Fällen muss eine Schutzeinrichtung innerhalb der zulässigen Zeit abschalten. Was sich unterscheidet, ist die Fehlerstromgröße und die Art der Schutzeinrichtung.

03Warum ist das IT-Netz in Operationssälen vorgeschrieben – und welche Anforderungen gelten dort speziell?

Im OP-Saal kann eine plötzliche Stromunterbrechung das Leben des Patienten gefährden – Herzlungenmaschinen, Beatmungsgeräte und OP-Leuchten dürfen nicht ausfallen. Das IT-Netz garantiert, dass beim ersten Isolationsfehler keine Abschaltung erfolgt. Das IMD meldet den Fehler, das Personal hat Zeit ihn zu beheben.

Spezielle Anforderungen nach ÖVE/ÖNORM E 8007 / EN 60364-7-710: medizinischer Trenntransformator (max. 10 kVA), IMD-Alarm bei R_iso < 50 kΩ, Überlastalarm bei >100 % Trafobelastung, kein RCD im Sekundärkreis, regelmäßige Prüfung und Dokumentation.

04Erklären Sie den Fehlerstromweg im TT-Netz und warum die Berührungsspannung trotzdem ungefährlich bleibt.

Im Fehlerfall fließt I_F: Quelle → Außenleiter → Fehlerstelle (Gehäuse) → PE → lokaler Erder (R_A) → Erde → Netzerder (R_N) → Sternpunkt → Quelle. Die Berührungsspannung am Gehäuse beträgt U_B = I_F × R_A – das kann durchaus 100–200 V sein und wäre ohne RCD lebensgefährlich.

Die Abschaltbedingung R_A · I_Δn ≤ 50 V beschreibt aber eine andere Situation: die Spannung am Gehäuse genau im Auslösemoment des RCDs (bei I_Δn = 30 mA). Da der RCD bei 30 mA bereits abschaltet – also viel früher als der volle Fehlerstrom fließt – ist die wirksame Spannung am Körper nur R_A × 0,03 A. Bei R_A = 120 Ω wären das 3,6 V – völlig ungefährlich.

05Was passiert wenn im TN-C-S-Netz N und PE nach dem Trennpunkt verbunden werden?

Wird N mit PE nach dem Trennpunkt verbunden, fließt der Betriebsstrom (Unsymmetriestrom) auch über den PE. Das hat drei unmittelbare Folgen: Erstens lösen alle eingebauten RCDs unerwünscht aus (Fehlauslösung), weil sie eine Stromdifferenz zwischen den aktiven Leitern und N messen. Zweitens ist der PE kein sauberer Schutzleiter mehr – er führt Betriebsstrom und seine EMV-Vorteile entfallen. Drittens wird das System faktisch wieder zu einem TN-C-System mit allen seinen Einschränkungen. Diese Verbindung ist eine der häufigsten Fehler in der Elektroinstallation.

06Berechnen Sie die maximale Leitungslänge für einen B16-LSS im TN-S-Netz. Gegeben: 4 mm² Cu (L und PE), Z_Q = 0,1 Ω.

I_a = 5 × 16 = 80 A | Z_s,max = 230 / 80 = 2,875 Ω

Verfügbar für Leitungen: 2,875 − 0,1 = 2,775 Ω

R_L + R_PE = 2 × (0,0178 × l / 4) = 0,0089 × l

l_max = 2,775 / 0,0089 = 311,8 m ≈ 312 m

Probe: R_L+R_PE = 2 × (0,0178 × 312 / 4) = 2 × 1,387 = 2,774 Ω | Z_s = 0,1 + 2,774 = 2,874 Ω ≤ 2,875 ✔

07Welche österreichischen Normen sind für Netzsysteme und Schutzmaßnahmen in Niederspannungsanlagen relevant?
  • ÖVE/ÖNORM E 8001 (Reihe): Errichtung von Niederspannungsanlagen – zentrale österreichische Installationsnorm
  • ÖVE/ÖNORM E 8001-4-41: Schutz gegen elektrischen Schlag – Abschaltbedingungen für alle Netzsysteme
  • ÖVE/ÖNORM EN 61140: Schutz gegen elektrischen Schlag – allgemeine Grundsätze
  • ÖVE/ÖNORM H 6000-7-701: Bäder und Duschanlagen – RCD 30 mA Pflicht
  • ÖVE/ÖNORM EN 50310: Fundamenterder bei Neubauten
  • ÖVE/ÖNORM EN 61557-8/9: Isolationsüberwachungsgeräte (IMD) für IT-Netze
  • ÖVE/ÖNORM E 8007 / EN 60364-7-710: Medizinisch genutzte Bereiche
  • ESV 2012, BGBl. II Nr. 33/2012: Elektroschutzverordnung
  • Normenstände: Austrian Standards Institute (ASI), Wien – e-norm.at

Formelsammlung – Gesamtübersicht

Abschaltbedingung TN-Netz

Z_s · I_a ≤ U₀ = 230 V
Z_s,max = U₀ / I_a
I_a (B)
5 × I_N
I_a (C)
10 × I_N
I_a (D)
20 × I_N

Abschaltbedingung TT-Netz

R_A · I_Δn ≤ 50 V
R_A,max = 50 V / I_Δn
I_Δn
RCD-Auslösestrom [A]
50 V
zul. Berührungsspannung

IT – 2. Fehler

Gem. PE: Z_s · I_a ≤ U₀ = 230 V
Getr. PE: Z_s · I_a ≤ Uv = 400 V
Uv
Verkettete Spannung 400 V

Fehlerstrom TT / IT

I_F = U₀ / (R_A + R_N)
U_B = I_F · R_A
R_N
Netzerder-Widerstand [Ω]
U_B
Berührungsspannung [V]

Schleifenimpedanz TN-S

Z_s = Z_Q + R_L + R_PE
Z_Q
Quellimpedanz Netz [Ω]
R_L
Außenleiter [Ω]
R_PE
Schutzleiter [Ω]

Leitungswiderstand

R = ρ · l / A
ρ(Cu)
0,0178 Ω·mm²/m
l
Länge [m]
A
Querschnitt [mm²]

Netzspannungen

U₀ = 230 V (Phase–Erde)
Uv = 400 V (Phase–Phase)
Uv = √3 · U₀ ≈ 398 V

Kapaz. Fehlerstrom IT

I_C ≈ U₀ · ω · C_E
ω = 2π · f ≈ 314 rad/s
C_E
Erdkapazität [F]

Glossar – Gesamtübersicht

  • Abschaltbedingung – Bedingung, die erfüllt sein muss, damit eine Schutzeinrichtung bei einem Körperschluss innerhalb der zulässigen Zeit auslöst. TN: Z_s · I_a ≤ U₀. TT: R_A · I_Δn ≤ 50 V.
  • Außenleiter (L1, L2, L3) – Die drei spannungsführenden Leiter des Drehstromnetzes. Spannung untereinander: 400 V. Spannung gegen Erde: 230 V.
  • Berührungsspannung U_B – Spannung zwischen einem fehlerhaften Gehäuse und Erde. Darf 50 V (trocken) bzw. 25 V (nass) nicht überschreiten.
  • Erdungsimpedanz Z_E – Hochohmige Verbindung im IT-Netz zwischen Sternpunkt und Erde (typisch mehrere kΩ). Begrenzt den Fehlerstrom beim ersten Fehler noch stärker als reine Isolation.
  • Erdungswiderstand R_A – Widerstand des lokalen Erders der Anlage (TT- und IT-Netz). Bestimmt Fehlerstrom und Berührungsspannung.
  • Fehlerschleife – Strompfad im Fehlerfall: Quelle → Außenleiter → Fehler → PE/PEN → Sternpunkt. Ihre Impedanz bestimmt den Fehlerstrom.
  • IMD (Insulation Monitoring Device) – Isolationsüberwachungsgerät im IT-Netz. Meldet ersten Fehler per Alarm ohne abzuschalten. Pflicht im IT-Netz.
  • IT-Netz – Isolierter Sternpunkt, Gehäuse mit eigenem Erder. Kein Ausfall beim ersten Fehler. IMD Pflicht. Einsatz: OP, Bergbau, Chemie.
  • Kapazitiver Fehlerstrom I_C – Kleiner Fehlerstrom beim ersten Fehler im IT-Netz über die Erdkapazitäten der fehlerfreien Leiter. Typisch: wenige mA.
  • Leitungsschutzschalter (LSS) – ÜSE, die bei Überstrom (thermisch) und Kurzschluss (magnetisch) auslöst. Typen B (5×), C (10×), D (20×) × I_N.
  • N (Neutralleiter) – Verbindet Sternpunkt mit Verbraucher. Führt Betriebsstrom. Farbe: blau. Darf nicht unterbrochen werden.
  • PE (Schutzleiter) – Verbindet Gehäuse mit Erde. Führt nur im Fehlerfall Strom. Farbe: grün-gelb.
  • PEN (kombinierter Schutz- und Neutralleiter) – Vereint N und PE. Nur ab 10 mm² Cu zulässig. Typisch im TN-C-Netz.
  • RCD (Fehlerstromschutzschalter) – Misst Summenstrom aller aktiven Leiter. Bei Differenz ≥ I_Δn Abschaltung. Im TT-Netz Pflicht. Im TN-C verboten.
  • Schleifenimpedanz Z_s – Gesamtimpedanz der Fehlerschleife [Ω]. TN-Netz: Z_s = Z_Q + R_L + R_PE. Muss Bedingung Z_s ≤ U₀ / I_a erfüllen.
  • TN-C-Netz – 4-Leiter, PEN. Kein RCD. ÜSE als Schutz. Typisch: alte Industrie.
  • TN-C-S-Netz – PEN vom Netz bis Hauptverteiler, dann N+PE getrennt. Österreichischer Standard in Gebäuden.
  • TN-S-Netz – 5-Leiter, N und PE vollständig getrennt. RCD überall möglich. Standard für Neuanlagen.
  • TT-Netz – Eigener Erder für Gehäuse, Fehlerstrom über Erde. RCD Pflicht. Typisch: Campingplätze, Landwirtschaft, Frankreich/UK.
  • Trennpunkt – Im TN-C-S: Stelle, an der PEN in N+PE aufgeteilt wird. In Österreich typisch am Hauptverteiler. Danach nie mehr verbinden.
  • U₀ = 230 V – Strangspannung (Phase–Erde). Bemessungsgröße für TN-Abschaltbedingung.
  • Uv = 400 V – Verkettete Spannung (Phase–Phase). Fehlerspannung bei IT-Zweitfehler mit getrennten PE-Leitern.
  • Wiederholungserdung – Zusätzliche Erdungsverbindung des PEN-Leiters an mehreren Netzpunkten. Im TN-C Pflicht. Begrenzt Spannung bei PEN-Bruch.

Stand & Quellen

  • ÖVE/ÖNORM E 8001 (Reihe): Errichtung von Niederspannungsanlagen
  • ÖVE/ÖNORM E 8001-4-41: Schutz gegen elektrischen Schlag
  • ÖVE/ÖNORM EN 61140: Schutz gegen elektrischen Schlag – Grundsätze
  • ÖVE/ÖNORM H 6000-7-701: Bäder und Duschanlagen
  • ÖVE/ÖNORM EN 50310: Fundamenterder bei Neubauten
  • ÖVE/ÖNORM EN 61557-8/9: Isolationsüberwachungsgeräte
  • ÖVE/ÖNORM E 8007 / EN 60364-7-710: Medizinisch genutzte Bereiche
  • IEC 60364: Low-voltage electrical installations
  • ESV 2012, BGBl. II Nr. 33/2012: Elektroschutzverordnung
  • Austrian Standards Institute (ASI), Wien – e-norm.at
  • Seite 5 von 5 | Fachliche Prüfung durch Betreiber empfohlen | 2025
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