Dahlander-Schaltung
Ein Drehstrommotor – zwei Drehzahlen: Die Dahlander-Schaltung ermöglicht durch eine clevere Umschaltung der Wicklungsenden die Polpaarzahlumschaltung und damit eine diskrete Drehzahlstufe. Du lernst das physikalische Prinzip, den Schützschaltkreis und die SPS-Realisierung – praxisnah und normgerecht nach ÖVE/ÖNORM.
Was ist die Dahlander-Schaltung und wofür wird sie eingesetzt?
Die Dahlander-Schaltung – benannt nach dem schwedischen Ingenieur Robert Dahlander (1870–1935) – ist eine Methode zur Polumschaltung bei Drehstrommotoren mit speziell ausgelegten Wicklungen. Durch Umschalten der Wicklungsanschlüsse ändert sich die effektive Polpaarzahl des Motors und damit seine Drehzahl.
Ein Dahlander-Motor besitzt eine einzige Wicklung pro Strang, die je nach Schaltung als Δ-Wicklung (Dreieck → niedrige Drehzahl, viele Pole) oder als YY-Wicklung (Doppelstern → hohe Drehzahl, wenige Pole) betrieben wird. Das Drehzahlverhältnis ist dabei immer 1 : 2.
Typische Anwendungsfelder
| Anwendung | Langsame Stufe | Schnelle Stufe |
|---|---|---|
| Lüftungsanlagen | Teillast, Nacht | Volllast, Tag |
| Werkzeugmaschinen | Schruppen | Schlichten |
| Aufzüge (alt) | Einfahren, Stopp | Fahren |
| Pumpen | Mindestfördermenge | Nennfördermenge |
| Krane | Feinpositionierung | Schnellfahrt |
? Verständnisfrage: Welches Drehzahlverhältnis erzeugt die Dahlander-Schaltung? ›
Wie funktioniert die Polumschaltung physikalisch?
Die Drehzahl eines Asynchronmotors ist direkt von der Polpaarzahl p und der Netzfrequenz f abhängig. Die Synchrondrehzahl (theoretische Leerlaufdrehzahl) lautet:
- ns
- Synchrondrehzahl [min⁻¹]
- f
- Netzfrequenz [Hz] – in Österreich 50 Hz
- p
- Polpaarzahl [–]
Durch die Dahlander-Umschaltung wird die Polpaarzahl halbiert (z. B. von p = 4 auf p = 2). Damit verdoppelt sich die Synchrondrehzahl. Die tatsächliche Drehzahl liegt durch den Schlupf s etwas darunter:
- n
- Läuferdrehzahl [min⁻¹]
- s
- Schlupf [–], typisch 0,02 … 0,08 (2 % … 8 %)
Drehzahltabelle: typische Polzahlen bei 50 Hz
| Polzahl (2p) | Polpaarzahl (p) | Synchrondrehzahl [min⁻¹] | Nenndrehzahl ca. [min⁻¹] |
|---|---|---|---|
| 2 | 1 | 3.000 | 2.850 |
| 4 | 2 | 1.500 | 1.450 |
| 6 | 3 | 1.000 | 960 |
| 8 | 4 | 750 | 720 |
| 12 | 6 | 500 | 480 |
Was passiert beim Umschalten?
Beim Umschalten von der Δ- in die YY-Wicklung werden die sechs Wicklungsenden des Motors so neu verschaltet, dass jede Strangwicklung in zwei gleich große Hälften aufgeteilt wird – jede Hälfte wird zu einer eigenen Spule. Damit entsteht die doppelte Anzahl von Spulengruppen bei gleichem geometrischen Raum, was die Polpaarzahl halbiert.
ns = – min⁻¹
n ≈ – min⁻¹
ns = – min⁻¹
n ≈ – min⁻¹
Ein Dahlander-Motor ist 4/8-polig und wird an 50 Hz betrieben. Berechne die Synchrondrehzahlen beider Stufen.
Schritt 1: Langsame Stufe – 8 Pole → p = 4
ns,langsam = (60 · 50) / 4 = 3.000 / 4 = 750 min⁻¹
Schritt 2: Schnelle Stufe – 4 Pole → p = 2
ns,schnell = (60 · 50) / 2 = 3.000 / 2 = 1.500 min⁻¹
Ergebnis: 750 min⁻¹ (langsam) / 1.500 min⁻¹ (schnell)Ein 4/8-pol-Motor hat in der schnellen Stufe einen Schlupf von s = 5 %. Wie groß ist die tatsächliche Nenndrehzahl?
Schritt 1: Synchrondrehzahl schnelle Stufe (p = 2, f = 50 Hz)
ns = (60 · 50) / 2 = 1.500 min⁻¹
Schritt 2: Nenndrehzahl mit Schlupf
n = 1.500 · (1 − 0,05) = 1.500 · 0,95 = 1.425 min⁻¹
Ergebnis: n ≈ 1.425 min⁻¹Ein Dahlander-Motor ist 6/12-polig. Berechne die Synchrondrehzahlen beider Stufen bei f = 50 Hz.
Hinweis: Polpaarzahl = Polzahl / 2
Langsam: 12 Pole → p = 6 → ns = (60·50)/6 = 500 min⁻¹
Schnell: 6 Pole → p = 3 → ns = (60·50)/3 = 1.000 min⁻¹
Ergebnis: 500 min⁻¹ / 1.000 min⁻¹Ein 2/4-pol-Dahlander-Motor (f = 50 Hz) hat in der langsamen Stufe einen Schlupf von 6 %. Berechne die Nenndrehzahl der langsamen Stufe.
Hinweis: n = ns · (1 − s)
Langsam: 4 Pole → p = 2 → ns = (60·50)/2 = 1.500 min⁻¹
n = 1.500 · (1 − 0,06) = 1.500 · 0,94 = 1.410 min⁻¹
Ergebnis: n ≈ 1.410 min⁻¹Ein 4/8-pol-Dahlander-Motor (f = 50 Hz) hat in der langsamen Stufe eine gemessene Nenndrehzahl von 720 min⁻¹. Berechne den Schlupf der langsamen Stufe und die Nenndrehzahl der schnellen Stufe (gleicher Schlupf).
Hinweis: s = (n_s − n) / n_s; dann n_schnell = n_s,schnell · (1 − s)
Schritt 1: Synchrondrehzahl langsam (p = 4, f = 50 Hz)
ns,langsam = (60 · 50) / 4 = 750 min⁻¹
Schritt 2: Schlupf langsam
s = (750 − 720) / 750 = 30 / 750 = 0,04 = 4 %
Schritt 3: Synchrondrehzahl schnell (p = 2)
ns,schnell = (60 · 50) / 2 = 1.500 min⁻¹
Schritt 4: Nenndrehzahl schnell mit gleichem Schlupf
nschnell = 1.500 · (1 − 0,04) = 1.500 · 0,96 = 1.440 min⁻¹
Ergebnis: s = 4 %; nschnell ≈ 1.440 min⁻¹Berechne für einen 4/8-pol-Motor die Synchrondrehzahl beider Stufen bei f = 60 Hz (z. B. US-Export).
Hinweis: Formel ns = (60·f)/p – f ändern!
Langsam (p=4): ns = (60·60)/4 = 3.600/4 = 900 min⁻¹
Schnell (p=2): ns = (60·60)/2 = 3.600/2 = 1.800 min⁻¹
Ergebnis: 900 min⁻¹ / 1.800 min⁻¹ bei 60 HzEin Lüftungsmotor (Dahlander 4/8-polig, 50 Hz) hat in der schnellen Stufe einen Schlupf von 3 %. In der langsamen Stufe beträgt der Schlupf 7 %. Berechne beide Nenndrehzahlen.
Hinweis: Für jede Stufe separat berechnen.
Schnell (p=2): ns = 1.500 min⁻¹ → n = 1.500·0,97 = 1.455 min⁻¹
Langsam (p=4): ns = 750 min⁻¹ → n = 750·0,93 = 697,5 ≈ 698 min⁻¹
Ergebnis: 1.455 min⁻¹ (schnell) / 698 min⁻¹ (langsam)? Verständnisfrage: Was passiert mit der Drehzahl, wenn die Polpaarzahl halbiert wird? ›
Wie ist die Schützschaltung (Stromlaufplan) aufgebaut?
Für die Dahlander-Schaltung werden drei Schütze benötigt:
| Schütz | Bezeichnung | Funktion |
|---|---|---|
| K1 | Netzschütz | Schaltet den Motor ans Netz (immer aktiv) |
| K2 | Dreieckschütz (Δ) | Langsame Stufe – verbindet U2,V2,W2 zu einem Dreieck |
| K3 | Sternschütz (YY) | Schnelle Stufe – verbindet U2,V2,W2 zum Sternpunkt + Netzanschluss auf U1,V1,W1 |
- Elektromechanische Verriegelung: Öffner von K2 im Steuerkreis von K3 (und umgekehrt)
- Zeitverzögerung: Beim Umschalten muss K2 zuerst abfallen, bevor K3 einschaltet (und umgekehrt). Typische Verzögerungszeit: 0,1 … 0,5 s
Schaltfolge – Langsame Stufe (Δ)
Schaltfolge – Schnelle Stufe (YY)
? Verständnisfrage: Warum müssen K2 und K3 gegeneinander verriegelt werden? ›
Wie wird die Dahlander-Schaltung mit einer SPS realisiert?
Moderne Anlagen setzen anstelle der klassischen Relaistechnik eine Speicherprogrammierbare Steuerung (SPS) ein. Die SPS übernimmt die Steuerlogik (Verriegelung, Zeitverzögerung, Selbsthaltung), während die Schütze K1, K2 und K3 weiterhin als Leistungsschalter im Hauptstromkreis verbleiben.
E/A-Belegung (typisches Beispiel)
| Adresse | Typ | Bezeichnung | Funktion |
|---|---|---|---|
| %I0.0 | Eingang | S0 | Stopp-Taster (Öffner) |
| %I0.1 | Eingang | S1 | Langsam-Taster (Schließer) |
| %I0.2 | Eingang | S2 | Schnell-Taster (Schließer) |
| %I0.3 | Eingang | F1 | Motorschutzschalter (Öffner, NC) |
| %Q0.0 | Ausgang | K1 | Netzschütz (Motorfreigabe) |
| %Q0.1 | Ausgang | K2 | Δ-Schütz (Langsam) |
| %Q0.2 | Ausgang | K3 | YY-Schütz (Schnell) |
Ablaufbeschreibung (Funktionsbeschreibung)
AWL-Programm (Anweisungsliste, ÖNORM EN 61131-3)
LD %I0.1 // S1 Langsam
OR %I0.2 // oder S2 Schnell
OR %Q0.0 // Selbsthaltung K1
ANDN %I0.0 // Stopp
ANDN %I0.3 // Schutz F1
ST %Q0.0 // → K1 setzen
// Δ-Schütz K2 (mit Verriegelung K3)
LD %I0.1
OR %Q0.1 // Selbsthaltung K2
ANDN %I0.2 // kein S2
ANDN %Q0.2 // Verriegelung K3
AND %Q0.0 // nur wenn K1 aktiv
ST %Q0.1
// YY-Schütz K3 (mit Verriegelung K2 + Zeitverzögerung)
LD %I0.2
ANDN %Q0.1 // Verriegelung K2
AND %Q0.0
ST %Q0.2
Zustands-Wahrheitstabelle
| Betriebszustand | K1 | K2 (Δ) | K3 (YY) |
|---|---|---|---|
| Aus | 0 | 0 | 0 |
| Langsam (Δ) | 1 | 1 | 0 |
| Schnell (YY) | 1 | 0 | 1 |
| ⚠ VERBOTEN | – | 1 | 1 |
? Verständnisfrage: Warum braucht man bei der SPS-Steuerung noch immer Schütze? ›
Welche Schutzmaßnahmen und Normen sind zu beachten?
- ÖVE/ÖNORM EN 60947-4-1: Schütze und Motorstarter
- ÖVE/ÖNORM EN 60034-1: Drehende elektrische Maschinen – Nenndaten
- ÖVE/ÖNORM EN 61131-3: SPS – Programmiersprachen
- ÖVE/ÖNORM EN 50110-1 (ESV 2012): Betrieb von elektrischen Anlagen
- Maschinen-Sicherheitsverordnung (MSV): Sicherheit von Maschinen
- ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG): Arbeitnehmerschutz
Schutzeinrichtungen im Hauptstromkreis
| Schutzeinrichtung | Zweck | Anforderung |
|---|---|---|
| Motorschutzschalter (F1) | Thermischer + magnetischer Überstromschutz | Auf Motornennstrom einstellen |
| Sicherungen / NH-Sicherungen | Kurzschlussschutz | Selektiv zu F1 wählen |
| Thermistorschutz (PTC) | Wicklungstemperaturschutz | Bei Dahlander empfohlen – Überwachung in beiden Stufen |
| Schützverriegelung (mechan.) | Verhindert gleichzeitiges Anziehen K2/K3 | Pflicht – elektr. Verriegelung allein reicht nicht |
Sicherheitsregeln beim Arbeiten (ESV 2012)
- Freischalten – Alle Zuleitungen spannungslos schalten
- Gegen Wiedereinschalten sichern – Schloss, Warnschild, SPS sperren
- Spannungsfreiheit feststellen – Mit geprüftem Spannungsprüfer an allen Leitern
- Erden und Kurzschließen – Entladung gespeicherter Energie (Kondensatoren!)
- Benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdecken
Anlaufstrom und mechanische Belastung
Beim Umschalten von Langsam auf Schnell (oder umgekehrt) entsteht kurzfristig ein erhöhter Strom (ähnlich wie beim Direktstart), da der Motor kurzzeitig wie ein abgebremster Motor wirkt. Für mechanisch empfindliche Anwendungen (z. B. Werkzeugmaschinen) empfiehlt sich eine ausreichend lange Verzögerungszeit beim Umschalten oder ein sanftes Abbremsen vor dem Stufenwechsel.
? Verständnisfrage: Was schützt der Motorschutzschalter (F1)? ›
Abschlusstest – Dahlander-Schaltung
12 Fragen zu allen Kapiteln. Wähle jeweils die beste Antwort.
Fragen bei mündlicher Prüfung
Typische Prüfungsfragen mit vollständigen Musterantworten – zum Aufklappen.
01 Was ist das Grundprinzip der Dahlander-Schaltung? ›
Die Dahlander-Schaltung ermöglicht die Polumschaltung eines Drehstrommotors durch Umschalten der Wicklungsanschlüsse. Dabei wird die Polpaarzahl halbiert, was die Drehzahl verdoppelt.
- Δ-Schaltung (Dreieck): Langsame Stufe – hohe Polpaarzahl
- YY-Schaltung (Doppelstern): Schnelle Stufe – halbe Polpaarzahl
Das erreichbare Drehzahlverhältnis ist immer 1 : 2.
02 Berechne die Synchrondrehzahlen eines 4/8-poligen Motors bei 50 Hz. ›
Die Synchrondrehzahl berechnet sich nach der Formel:
- Langsam (8 Pole, p = 4): ns = (60 · 50) / 4 = 750 min⁻¹
- Schnell (4 Pole, p = 2): ns = (60 · 50) / 2 = 1.500 min⁻¹
Das Verhältnis beträgt genau 1 : 2.
03 Wozu dient der Netzschütz K1 und wann darf er abschalten? ›
Der Netzschütz K1 verbindet den Motor generell mit dem Netz und ist in beiden Betriebsstufen (Δ und YY) geschlossen.
- K1 schaltet ab bei: Stopp-Befehl (S0), Motorschutzschalter-Auslösung (F1) oder Spannungsausfall
- K1 darf nicht abschalten, während zwischen K2 und K3 umgeschaltet wird (nur K2 oder K3 wechseln, K1 bleibt)
Ausnahme: Bei einem Notaus oder Fehler schalten alle Schütze (K1, K2, K3) gleichzeitig ab.
04 Erkläre die doppelte Verriegelung zwischen K2 und K3. ›
Die doppelte Verriegelung verhindert, dass K2 und K3 gleichzeitig einschalten (Kurzschluss-Gefahr):
- Elektrische Verriegelung: Ein Öffner von K2 liegt im Steuerkreis von K3 (und umgekehrt). Wenn K2 angezogen ist, unterbricht sein Öffner den Stromkreis von K3.
- Mechanische Verriegelung: Beide Schütze sind über einen mechanischen Kopplungsbügel verbunden – ein Schütz kann physisch nicht einschalten, wenn das andere angezogen ist.
Die elektrische Verriegelung allein reicht nicht, da bei einem Kontaktkleber (festgeklebter Kontakt) die elektrische Verriegelung versagen kann.
05 Wie realisiert man die Zeitverzögerung beim Umschalten in einer SPS? ›
In der SPS wird die Umschaltverzögerung mit einem TON-Baustein (Timer On Delay) realisiert:
- Wenn der Umschaltbefehl kommt: aktuellen Schütz (K2 oder K3) auf 0 setzen
- TON-Timer starten (typisch: T = 0,2 s)
- Nach Ablauf der Zeit: neuen Schütz (K3 oder K2) auf 1 setzen
Typische Schütz-Abfallzeiten liegen bei 20 … 100 ms, daher wählt man die Verzögerung zu mindestens 0,1 … 0,5 s.
06 Nenne drei typische Anwendungen der Dahlander-Schaltung. ›
Die Dahlander-Schaltung eignet sich überall dort, wo zwei diskrete Drehzahlstufen ausreichen:
- Lüftungsanlagen: Tagbetrieb (schnell) / Nachtbetrieb (langsam)
- Werkzeugmaschinen: Schruppen (langsam, hohes Drehmoment) / Schlichten (schnell, wenig Kraft)
- Krane und Hebezeuge: Feinpositionierung (langsam) / Schnellfahrt
- Pumpen: Mindestfördermenge (langsam) / Volllast (schnell)
Wo stufenlose Regelung nötig ist, wird heute ein Frequenzumrichter (FU) bevorzugt.
07 Welche österreichischen Normen sind für den Betrieb einer Dahlander-Anlage relevant? ›
Für den Betrieb einer Dahlander-Anlage gelten folgende österreichische Vorschriften:
- ÖVE/ÖNORM EN 50110 / ESV 2012: Betrieb elektrischer Anlagen – inkl. 5 Sicherheitsregeln
- ÖVE/ÖNORM EN 60947-4-1: Schütze und Motorstarter
- ÖVE/ÖNORM EN 60034-1: Drehende Maschinen – Nenndaten, Schutzarten
- ÖNORM EN 61131-3: SPS-Programmiersprachen (wenn SPS verwendet)
- ASchG: Arbeitnehmerschutz bei Wartung und Betrieb
- MSV: Maschinensicherheitsverordnung für Gesamtanlage
08 Was passiert mechanisch beim Umschalten von langsam auf schnell? ›
Beim Umschalten von der langsamen auf die schnelle Stufe treten mehrere physikalische Effekte auf:
- Anlaufstrom: Die schnelle Stufe startet gegen den noch laufenden (aber jetzt verlangsamten) Läufer – es fließt kurzzeitig ein erhöhter Strom (ähnlich Direktanlauf).
- Drehmomentsprung: Das Drehmoment ändert sich abrupt, was mechanische Belastungen (Kupplungen, Getriebe) verursacht.
- Massenträgheit: Der Läufer muss auf die neue Synchrondrehzahl beschleunigt werden.
Abhilfe: Ausreichend lange Verzögerungszeit beim Umschalten, ggf. sanftes Abbremsen vor dem Stufenwechsel oder Einsatz eines Sanftstarters.
09 Erkläre den Unterschied zwischen Dahlander-Schaltung und Frequenzumrichter. ›
Beide Methoden ermöglichen die Drehzahlvariation, unterscheiden sich aber grundlegend:
| Dahlander | Frequenzumrichter | |
|---|---|---|
| Drehzahlstufen | 2 diskrete Stufen (1:2) | Stufenlos, 0 … nmax |
| Motortyp | Spezialwicklung nötig | Jeder Standardmotor |
| Kosten | Gering (nur Schütze) | Höher (FU-Hardware) |
| Energieeffizienz | Mittel | Sehr gut (IE4) |
| Wartung | Schütze verschleißen | FU wartungsarm |
Fazit: Dahlander eignet sich für einfache Zweistufenaufgaben mit geringen Investitionskosten. Der FU ist die modernere, flexiblere Lösung.
10 Warum benötigt man bei der SPS-gesteuerten Dahlander-Schaltung dennoch Leistungsschütze? ›
Die SPS übernimmt die Steuerlogik (Verarbeitung der Signale, Verriegelung, Zeitverzögerung), aber ihre Ausgänge liefern nur kleine Ströme (typisch 24 V DC, 0,5 A).
- Motoren ziehen im Betrieb mehrere Ampere bis Hunderte Ampere
- SPS-Ausgänge würden sofort zerstört, wenn Motorströme direkt fließen
- Leistungsschütze K1, K2, K3 dienen als Leistungsverstärker: kleiner Steuerstrom → großer Laststrom
Die Schütze bleiben also unverzichtbar – die SPS ersetzt nur die Relaislogik im Steuerkreis, nicht die Leistungsschalter im Hauptstromkreis.
Formelsammlung
Glossar
- Dahlander-Schaltung: Methode zur Polumschaltung bei Drehstrommotoren mit Spezialwicklung; erzeugt immer ein Drehzahlverhältnis von 1:2.
- Polpaarzahl (p): Anzahl der Polpaare (Nord- und Südpol) im Magnetkreis des Motors. Bestimmt die Synchrondrehzahl.
- Synchrondrehzahl (ns): Theoretische Drehzahl des Drehfeldes; ns = (60·f)/p. Der Läufer dreht im Asynchronbetrieb langsamer.
- Schlupf (s): Relative Differenz zwischen Synchrondrehzahl und Läuferdrehzahl; bei Asynchronmotoren immer > 0.
- Δ-Schaltung (Dreieck): Wicklungsschaltung, bei der die drei Stränge zu einem Dreieck verbunden sind. Ergibt bei Dahlander die langsame Stufe.
- YY-Schaltung (Doppelstern): Zwei Sternschaltungen, die am gemeinsamen Sternpunkt zusammengefasst sind. Ergibt bei Dahlander die schnelle Stufe.
- Netzschütz (K1): Hauptschütz, der den Motor generell ans Netz schaltet; in beiden Betriebsstufen geschlossen.
- Verriegelung: Schaltungsmaßnahme (elektrisch und mechanisch), die verhindert, dass zwei sich ausschließende Schütze gleichzeitig einschalten.
- TON-Baustein: SPS-Funktionsbaustein für einschaltverzögerte Zeitglieder (Timer On Delay nach ÖNORM EN 61131-3).
- PTC-Thermistor (Kaltleiter): Temperatursensor in der Motorwicklung; sein Widerstand steigt stark bei Überschreitung der Grenztemperatur und löst das Schutzrelais aus.
- Motorschutzschalter (F1): Kombinierter Überlast- (thermisch) und Kurzschlussschutz (magnetisch) für Motoren; einstellbar auf Motornennstrom.
- ESV 2012: Elektroschutzverordnung 2012 – österreichische Verordnung zum Schutz der ArbeitnehmerInnen bei elektrischen Arbeiten.
- AWL (Anweisungsliste): Textuelle SPS-Programmiersprache nach ÖNORM EN 61131-3; ähnlich Assembler.
Stand & Quellen
- ÖVE/ÖNORM EN 50110-1: Betrieb von elektrischen Anlagen (ESV 2012)
- ÖVE/ÖNORM EN 60947-4-1: Schütze und Motorstarter
- ÖVE/ÖNORM EN 60034-1: Drehende elektrische Maschinen – Allgemeine Anforderungen
- ÖNORM EN 61131-3: Speicherprogrammierbare Steuerungen – Programmiersprachen
- Maschinen-Sicherheitsverordnung (MSV), BGBl. II Nr. 282/2008
- ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG), BGBl. Nr. 450/1994 idgF
- Moeller: Handbuch Schaltungstechnik (Eaton Industries)
- Lüttgens/Vater: Grundlagen elektrischer Antriebe, VDE Verlag
- Erstellt: April 2025 | Mechatronik Lernportal Österreich
