Motorschutzschalter
Elektromotoren sind das Herzstück vieler Maschinen und Anlagen – und sie müssen zuverlässig geschützt werden. Der Motorschutzschalter kombiniert thermischen Überlastschutz, magnetischen Kurzschlussschutz und Phasenausfallschutz in einem einzigen Gerät. Dieser Kurs erklärt Aufbau, Funktion, Auslöseklassen, Dimensionierung und den Einsatz im Motorstarter – praxisnah und normgerecht nach ÖVE/ÖNORM.
Wie ist ein Motorschutzschalter aufgebaut?
Ein Motorschutzschalter (kurz: MSS, englisch: Motor Protective Circuit Breaker, MPCB oder auch Manual Motor Starter, MMS) ist ein selbstständig auslösendes Schaltgerät, das einen Drehstrommotor vor den drei häufigsten elektrischen Gefährdungen schützt: Überlast, Kurzschluss und Phasenausfall. Er vereint mehrere Schutzfunktionen in einem kompakten Gehäuse und ist für den Einbau in Schaltschränke konzipiert.
Die Hauptbaugruppen im Überblick
Die wichtigsten Baugruppen eines Motorschutzschalters sind:
- Thermisches Auslöseglied – schützt vor Überlast durch Bimetallstreifen in jeder Phase
- Magnetisches Auslöseglied – schützt vor Kurzschluss durch Schnellauslöser (elektromagnetisch)
- Schlosskontakte – trennen alle drei Phasen gleichzeitig (Dreipoligkeit)
- Einstellskala – zur Einstellung des Auslösestroms (Ir) auf den Motornennstrom
- Betätigungsgriff / Bedienknopf – Ein, Aus und Rücksetzen nach Auslösung
- Hilfsschalter (optional) – Meldeausgang für Fernmeldung (z. B. SPS-Eingang)
? Verständnisfrage: Welche drei Schutzfunktionen vereint ein Motorschutzschalter? ›
Wie funktioniert der thermische Überlastschutz?
Das Herzstück des thermischen Schutzes ist der Bimetallstreifen. Er besteht aus zwei fest miteinander verbundenen Metallschichten mit unterschiedlichen Wärmeausdehnungskoeffizienten (typisch: Invar + Messing oder Nickelstahl + Kupfer). Wenn Strom fließt, erwärmt sich der Streifen. Da sich die beiden Metalle unterschiedlich stark ausdehnen, biegt sich der Streifen. Ab einem bestimmten Biegegrad löst er das Schaltschloss aus.
Auslösecharakteristik – das thermische Gedächtnis
Der Bimetallstreifen ist ein thermischer Integrator: Er summiert die Wärme über die Zeit. Ein Strom von 120 % des Einstellstroms Ir führt erst nach mehreren Minuten zur Auslösung, ein Strom von 200 % dagegen schon nach wenigen Sekunden. Diese Abhängigkeit nennt man die Zeit-Strom-Charakteristik (auch Auslösekennlinie).
? Verständnisfrage: Warum löst ein Motorschutzschalter bei 150 % des Einstellstroms langsamer aus als bei 500 %? ›
Wie funktioniert der magnetische Kurzschlussschutz?
Während der Bimetallstreifen für langsam ansteigende Überlasten zuständig ist, reagiert das magnetische Auslöseglied auf den schlagartigen, extremen Stromanstieg bei einem Kurzschluss. Bei einem Kurzschluss fließen je nach Netzimpedanz Ströme vom 10- bis 20-Fachen des Nennstroms – und das innerhalb von Millisekunden.
Funktionsprinzip des Schnellauslösers
Jede Phase führt durch eine Stromspule (Magnetspule). Steigt der Strom schlagartig auf ein Vielfaches des Nennstroms, erzeugt die Spule ein starkes Magnetfeld. Dieses zieht einen Anker (Klappanker) an und betätigt direkt das Schaltschloss – ohne thermische Verzögerung. Die mechanische Auslösung erfolgt in typisch 5–15 ms, die vollständige Stromunterbrechung (inkl. Lichtbogenlöschung) in unter 20 ms.
? Verständnisfrage: Warum muss der magnetische Auslöser des MSS den normalen Anlaufstrom tolerieren? ›
Was bedeuten Einstellbereich und Auslöseklassen?
Der Einstellbereich (Ir-Einstellung)
Jeder Motorschutzschalter hat einen Einstellbereich, der durch den Drehknopf am Gerät eingestellt wird. Der eingestellte Wert Ir gibt den Bemessungsauslösestrom an – das ist der Strom, bei dem der MSS nach der Zeit-Strom-Kennlinie auslösen soll. Ir soll auf den Motornennstrom IN eingestellt werden (aus dem Motortypenschild).
Einstellregel:
- Ir
- Eingestellter Bemessungsauslösestrom [A]
- IN
- Motornennstrom laut Typenschild [A]
Typische Einstellbereiche handelsüblicher MSS:
| Gerätegröße | Einstellbereich | Typische Motorleistung (400 V) |
|---|---|---|
| Klein | 0,1 – 0,16 A | < 0,1 kW |
| Klein | 1,0 – 1,6 A | ca. 0,37 kW |
| Mittel | 4,0 – 6,3 A | ca. 2,2 kW |
| Mittel | 7,0 – 10 A | ca. 4,0 kW |
| Groß | 18 – 25 A | ca. 11 kW |
| Groß | 28 – 40 A | ca. 18,5 kW |
| Sehr groß | 55 – 80 A | ca. 37 kW |
Auslöseklassen (Trip Classes)
Die Auslöseklasse (auch Klasse oder Trip Class) bestimmt, in welcher Zeit der MSS bei einem Vielfachen des Einstellstroms auslösen muss. Die Klassen sind in ÖVE/ÖNORM EN 60947-4-1 definiert und bestimmen die Form der Auslösekennlinie.
| Klasse | Auslösezeit bei 7,2 × Ir (Kaltstart) | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| Klasse 10A | < 2 s | Sehr leichter Anlauf, kurze Hochlaufzeit (z. B. Zentrifugen, Werkzeugmaschinen mit geringer Massenträgheit) |
| Klasse 10 | 2 – 10 s | Standard – leichter bis normaler Anlauf (Pumpen, Lüfter, Förderbänder); häufigste Klasse |
| Klasse 20 | 10 – 20 s | Schwerer Anlauf, längere Hochlaufzeit (Kompressoren, Mühlen, Brecher) |
| Klasse 30 | 20 – 30 s | Sehr schwerer Anlauf mit sehr langer Hochlaufzeit (große Schwungmassen, Zentrifugen) |
? Verständnisfrage: Für einen Kreiselpumpen-Motor mit I_N = 8,5 A – auf welchen Wert wird I_r eingestellt? ›
Wie schützt der Motorschutzschalter vor Phasenausfall?
Der Phasenausfall (auch Einphasigkeit genannt) ist eine der häufigsten Ursachen für Motorschäden. Fällt eine der drei Phasen aus (z. B. durch eine durchgebrannte Sicherung, einen losen Klemmenkontakt oder einen Leitungsbruch), versucht der Motor dennoch weiterzulaufen – und nimmt dabei enormen Schaden.
Moderne Motorschutzschalter erkennen Phasenausfall durch einen Differentialvergleich der drei Bimetallstreifen. Wenn ein Bimetall deutlich weniger Strom führt als die anderen, biegen sich die drei Streifen unterschiedlich stark. Ein Differentialauslöser erkennt diese Asymmetrie und löst das Schaltschloss aus – auch wenn der Gesamtstrom noch unter dem eingestellten Ir liegt.
? Verständnisfrage: Warum reicht reiner Überlastschutz beim Phasenausfall oft nicht aus? ›
Wie funktionieren Handauslösung und Rücksetzen?
Drei Schaltzustände des Motorschutzschalters
Der Motorschutzschalter übernimmt neben der Schutzfunktion auch eine wichtige Trennfunktion: In AUS-Stellung trennt er den Motor sicher vom Netz und erfüllt damit die Anforderungen an ein Trenngerät nach ÖVE/ÖNORM EN 60947-3. Das ermöglicht spannungsfreie Wartungsarbeiten am Motor, ohne eine zusätzliche Trenneinrichtung.
| Zustand | Griffstellung | Kontakte | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| EIN | Griff oben / „I“ | Geschlossen | Motor wird mit Spannung versorgt |
| AUS | Griff unten / „0″ | Geöffnet | Manuelle Abschaltung |
| AUSGELÖST | Griff Mittelstellung | Geöffnet | Automatische Schutzauslösung erfolgt |
Rücksetzen nach Auslösung (Reset)
- Ursache feststellen – Überlast, Kurzschluss oder Phasenausfall? Motor, Last und Verdrahtung prüfen.
- Griff nach unten drücken (AUS/0) – Schaltschloss entspannen und Rückstellmechanismus vorbereiten.
- Abkühlzeit einhalten – Bimetallstreifen müssen abkühlen (typisch 2–3 Minuten), bevor der MSS wieder schaltbereit ist.
- Griff nach oben (EIN/I) – MSS wieder einschalten.
? Verständnisfrage: Der MSS hat ausgelöst – Griff in Mittelstellung. Was ist der erste Schritt? ›
Wie wird der Motorschutzschalter mit einem Schütz kombiniert?
In der Praxis wird ein Motorschutzschalter fast immer gemeinsam mit einem Schütz (Leistungsschütz) eingesetzt. Diese Kombination nennt man Motorstarter. Während der MSS den Schutz übernimmt, sorgt der Schütz für das häufige Ein- und Ausschalten im laufenden Betrieb – zum Beispiel durch eine SPS oder einen Taster.
Verdrahtungsreihenfolge im Schaltschrank
Im Schaltschrank werden MSS und Schütz in dieser Reihenfolge (von oben nach unten) verdrahtet:
Direktstarter vs. Stern-Dreieck-Starter
| Starterart | Komponenten | Anlaufstrom | Typische Anwendung |
|---|---|---|---|
| Direktstarter | 1× MSS + 1× Schütz | 3- bis 8-fach I_N | Kleine Motoren bis ca. 4 kW |
| Stern-Dreieck-Starter | 1× MSS + 3× Schütz | ca. 1/3 des Direktanlaufs | Motoren ab 4 kW, leichter Anlauf |
| Sanftanlasser | 1× MSS + 1× Sanftanlasser | Stufenlos einstellbar | Empfindliche Maschinen, häufige Starts |
| Frequenzumrichter | 1× MSS + 1× FU | Sehr gering (FU begrenzt) | Drehzahlgeregelter Betrieb |
? Verständnisfrage: Warum wird beim Motorstarter ein Schütz verwendet, obwohl der MSS selbst auch schalten kann? ›
Wie wird der Motorschutzschalter richtig dimensioniert?
Die Dimensionierung eines Motorschutzschalters umfasst mehrere Schritte: Nennstrom ermitteln, passenden MSS auswählen, Einstellstrom einstellen und Kurzschlussschutz prüfen. Grundlage ist immer das Motortypenschild.
Schritt 1: Motornennstrom IN ermitteln
Der Nennstrom steht auf dem Typenschild des Motors und ist von der Versorgungsspannung und der Schaltung (Stern/Dreieck) abhängig. In Österreich werden Drehstrommotoren im 400-V-Netz (Dreieckschaltung, Δ) betrieben. Das Typenschild gibt für beide Schaltungen an, z. B. „Δ 400 V / Y 690 V“ – dabei gilt: Im Dreieckbetrieb bei 400 V fließt der höhere Nennstrom, im Sternbetrieb bei 690 V der niedrigere. Für die MSS-Dimensionierung in Österreich ist immer der Dreieck-Nennstrom (400 V) maßgebend.
Zusammenhang Motorleistung – Nennstrom (Näherungsformel für 400 V Leiterspannung):
- IN
- Motornennstrom [A]
- P
- Motornennleistung [W]
- UL
- Leiterspannung (verkettete Spannung) [V] – im österr. Netz 400 V (Spannung zwischen zwei Phasen)
- cos φ
- Leistungsfaktor (typisch 0,80 – 0,90)
- η
- Wirkungsgrad (typisch 0,85 – 0,95)
Schritt 2: MSS-Typ auswählen
Nach Ermittlung des Nennstroms wird ein MSS gewählt, dessen Einstellbereich den Nennstrom abdeckt. Dabei gilt: Der Nennstrom IN soll gut innerhalb des Einstellbereichs liegen – nicht am unteren Rand (zu wenig Reserve, ungenaue Einstellung) und nicht am oberen Rand (kein Spielraum mehr; besser: nächstgrößeren MSS wählen).
Schritt 3: Kurzschlussschutz prüfen (Schutzkoordination)
Der MSS muss bei maximalem Kurzschlussstrom am Einbauort sicher ausschalten können. Diese Fähigkeit nennt man Kurzschlussausschaltvermögen (Icu). Typische Werte liegen zwischen 25 kA und 150 kA (je nach Gerätegröße und Hersteller). Der prospektive Kurzschlussstrom am Einbauort muss kleiner als Icu sein.
Dimensionierungsübersicht (Faustregeln 400 V / Δ)
| Motorleistung | Nennstrom I_N (ca.) | MSS-Einstellbereich | Empf. Auslöseklasse |
|---|---|---|---|
| 0,37 kW | ca. 1,0 A | 0,63 – 1,0 A oder 1,0 – 1,6 A | Klasse 10 |
| 0,75 kW | ca. 1,9 A | 1,6 – 2,5 A | Klasse 10 |
| 1,5 kW | ca. 3,7 A | 3,2 – 5,0 A | Klasse 10 |
| 2,2 kW | ca. 5,0 A | 4,0 – 6,3 A | Klasse 10 |
| 4,0 kW | ca. 8,6 A | 7,0 – 10 A | Klasse 10 |
| 7,5 kW | ca. 15,2 A | 12,5 – 20 A | Klasse 10 |
| 11 kW | ca. 22,0 A | 18 – 25 A | Klasse 10/20 |
| 22 kW | ca. 42,0 A | 36 – 50 A | Klasse 20 |
Richtwerte bei 400 V / Δ, cos φ ≈ 0,85, η ≈ 0,91 – immer den Typenschildwert verwenden!
Ein Drehstrommotor hat folgende Typenschilddaten: P = 3,0 kW, U = 400 V (Δ), cos φ = 0,83, η = 0,88. Berechne den Nennstrom und wähle einen geeigneten MSS-Einstellbereich.
Schritt 1: Formel anschreiben:
I_N = P / (√3 × U_L × cos φ × η)
Schritt 2: Werte einsetzen:
I_N = 3.000 W / (1,732 × 400 V × 0,83 × 0,88)
I_N = 3.000 / (1,732 × 400 × 0,83 × 0,88) = 3.000 / 506,0 ≈ 5,93 A
Schritt 3: MSS wählen: I_N ≈ 5,93 A → Einstellbereich 4,0 – 6,3 A passt gut (5,93 A liegt gut im oberen Bereich). Alternative: 5,5 – 8,0 A → jeweils I_r = 5,9 A einstellen.
Ergebnis: I_N ≈ 5,93 A | MSS-Einstellbereich z. B. 4,0 – 6,3 A oder 5,5 – 8,0 A, I_r = 5,9 AEin Motor läuft mit I_N = 12 A. Der eingesetzte MSS hat einen Einstellbereich von 9 – 14 A und ist auf Klasse 10 eingestellt. Wie viele Sekunden darf ein Strom von 7,2 × 12 A = 86,4 A maximal fließen, bevor der MSS auslöst?
Schritt 1: Auslöseklasse bestimmen: Klasse 10 → Auslösezeit bei 7,2 × I_r: 2 bis 10 Sekunden (Kaltstart).
Schritt 2: Prüfen ob I_r korrekt: I_r = 12 A (= I_N), liegt im Bereich 9–14 A → korrekt.
Schritt 3: Auslösezeit bei 86,4 A laut Kennlinie Klasse 10: maximal 10 Sekunden (Kaltstart).
Ergebnis: Der MSS (Klasse 10) löst bei 86,4 A spätestens nach 10 s aus (Kaltstart).Ein Lüftermotor hat P = 1,5 kW, U = 400 V (Δ), cos φ = 0,80, η = 0,85. Berechne den Motornennstrom I_N.
Hinweis: I_N = P / (√3 × U_L × cos φ × η)
I_N = 1.500 / (1,732 × 400 × 0,80 × 0,85)
I_N = 1.500 / 469,5 ≈ 3,20 A
Ergebnis: I_N ≈ 3,2 A → MSS-Einstellbereich z. B. 2,5 – 4,0 A, I_r = 3,2 AEin Kompressormotor hat I_N = 18 A. Welcher MSS-Einstellbereich ist korrekt, und welche Auslöseklasse empfiehlst du bei schwerem Anlauf?
Hinweis: I_N soll gut innerhalb des Einstellbereichs liegen – nicht am Rand. Auslöseklassen: 10A, 10, 20, 30.
I_N = 18 A → Einstellbereich z. B. 14 – 22 A oder 16 – 25 A.
18 A liegt gut im mittleren Bereich eines 14–22 A MSS → gute Wahl.
Bei schwerem Anlauf (Kompressor): Auslöseklasse 20 empfohlen (10–20 s bei 7,2 × I_r).
Ergebnis: MSS 14–22 A, I_r = 18 A, Auslöseklasse 20Ein MSS mit I_r = 10 A ist auf Klasse 10 eingestellt. Der Anlaufstrom des Motors beträgt das 6-Fache des Nennstroms. Wird der magnetische Schnellauslöser (Ansprechwert 12 × I_r) beim Anlauf ansprechen?
Hinweis: Anlaufstrom = 6 × I_r vergleichen mit Ansprechwert des Magnetauslösers.
Anlaufstrom: I_anlauf = 6 × 10 A = 60 A
Magnetischer Ansprechwert: 12 × I_r = 12 × 10 A = 120 A
Vergleich: 60 A < 120 A → kein Ansprechen des Magnetauslösers.
Ergebnis: Nein, der Magnetauslöser spricht beim Anlauf NICHT an (60 A < 120 A). Der Motor startet normal.Ein Motor mit I_N = 25 A läuft auf einer Förderanlage. Phase L2 fällt aus. Der Motor läuft mit halber Last weiter. Schätze ab, ob ein MSS ohne Phasenausfallschutz bei eingestelltem I_r = 25 A auslöst.
Hinweis: Bei Phasenausfall und halber Last steigen L1 und L3 auf ca. 1,4-fachen Wert. Vergleiche mit I_r.
Bei halber Last: I_Nenn-halb ≈ 0,5 × 25 A = 12,5 A je Phase im Normalbetrieb.
Bei Phasenausfall L2 → L1 und L3 steigen auf ca. 1,4 × 12,5 A ≈ 17,5 A.
Vergleich mit I_r = 25 A: 17,5 A < 25 A → MSS ohne Phasenausfallschutz löst NICHT aus!
Fazit: Der Motor überhitzt trotzdem, weil die Wicklung unsymmetrisch belastet wird. Ein MSS MIT differenziellem Phasenausfallschutz würde die Asymmetrie erkennen und auslösen.
Ergebnis: Kein Auslösen ohne Phasenausfallschutz! → Phasenausfallschutz zwingend erforderlich.Ein MSS hat Einstellbereich 18 – 25 A. Der Monteur stellt ihn auf Maximum (25 A), obwohl der Motor I_N = 20 A hat. Welche Konsequenz hat das für den Motorschutz?
Hinweis: Überlege, ab welchem Strom der MSS auslöst und ob das den Motor schützt.
I_r = 25 A (Maximaleinstellung), I_N des Motors = 20 A.
Der MSS löst erst bei dauerhaftem Überschreiten von I_r = 25 A aus.
Der Motor darf aber nur bis 20 A dauerhaft belastet werden. Bei 21–24 A ist der Motor überlastet, der MSS löst aber noch NICHT aus.
Folge: Thermische Schädigung der Motorwicklung durch unzureichenden Schutz.
Ergebnis: I_r muss auf I_N = 20 A eingestellt werden – nicht auf den Maximalwert des MSS!? Verständnisfrage: Was versteht man unter dem Kurzschlussausschaltvermögen I_cu eines MSS? ›
Abschlusstest
12 Fragen zu allen Kapiteln. Beantworte alle Fragen und klicke dann auf „Test auswerten“.
Fragen bei mündlicher Prüfung
Typische Prüfungsfragen mit vollständigen Musterantworten. Klappe auf und lese die strukturierten Antworten durch.
01 Erklären Sie den Aufbau und die Funktion eines Motorschutzschalters! ›
Ein Motorschutzschalter (MSS) ist ein dreipoliges Schutzschaltgerät, das drei Schutzfunktionen in einem Gehäuse vereint:
- Thermisches Auslöseglied – drei Bimetallstreifen (je einer pro Phase) erwärmen sich bei Überstrom, biegen sich und lösen das Schaltschloss aus
- Magnetisches Auslöseglied – drei Stromspulen erzeugen bei Kurzschluss ein starkes Magnetfeld, das einen Klappanker anzieht und sofort auslöst
- Differenzieller Phasenausfallschutz – vergleicht die Biegung aller drei Bimetallstreifen; asymmetrischer Stromfluss löst aus
Alle drei Phasen werden gleichzeitig getrennt (Dreipoligkeit). Der Einstellstrom Ir wird auf den Motornennstrom IN eingestellt.
02 Was ist der Unterschied zwischen thermischer und magnetischer Auslösung? ›
| Merkmal | Thermisch (Bimetall) | Magnetisch (Schnellauslöser) |
|---|---|---|
| Schutz gegen | Überlast (mäßig erhöhter Strom) | Kurzschluss (extrem hoher Strom) |
| Auslösezeit | Sekunden bis Minuten | Unter 20 Millisekunden |
| Ansprechwert | Einstellbar (I_r = I_N) | Fest (8–15 × I_r) |
| Prinzip | Wärmeintegration | Magnetkraft auf Anker |
Die thermische Auslösung schützt den Motor vor dauerhafter Überwärmung durch zu hohen Strom. Die magnetische Auslösung schaltet bei einem schlagartigen Stromanstieg (Kurzschluss) sofort ab und schützt die Leitungen und den MSS selbst.
03 Berechnen Sie den Nennstrom eines 5,5-kW-Drehstrommotors bei 400 V, cos φ = 0,83 und η = 0,89! ›
Formel für den Motornennstrom bei Drehstrom:
Einsetzen der Werte (UL = 400 V = Leiterspannung im österr. Netz):
Ergebnis: IN ≈ 10,74 A → MSS mit Einstellbereich z. B. 9 – 14 A wählen, Ir = 10,7 A einstellen.
04 Was sind Auslöseklassen und wozu dienen sie? ›
Auslöseklassen (Trip Classes) sind in ÖVE/ÖNORM EN 60947-4-1 definiert und geben die maximale Auslösezeit bei einem Vielfachen des Einstellstroms an (bei Kaltstart, 7,2 × Ir):
- Klasse 10A: unter 2 s – für leichten Anlauf (Pumpen, Lüfter)
- Klasse 10: 2 – 10 s – Standardanwendung, häufigste Klasse
- Klasse 20: 10 – 20 s – schwerer Anlauf (Kompressoren)
- Klasse 30: 20 – 30 s – sehr schwerer Anlauf
Die Klasse beeinflusst die Form der Zeit-Strom-Kennlinie. Höhere Klasse = mehr Zeit bis zur Auslösung = toleriert längere Anlaufphasen, schützt aber langsamer.
05 Was passiert beim Phasenausfall mit einem Drehstrommotor und wie schützt der MSS dagegen? ›
Beim Phasenausfall muss der Motor die gleiche Last mit nur zwei Phasen erbringen. Die verbleibenden Phasen müssen mehr Strom liefern:
- Strom in den verbleibenden Phasen steigt auf ca. 1,5 – 1,7-fachen Wert
- Motor dreht weiter, aber mit thermischer Überlastung der Wicklung
- Bei Teillast überschreitet der Strom den Einstellwert Ir möglicherweise nicht → einfacher Überlastschutz reicht nicht
Der differenzielle Phasenausfallschutz vergleicht die Biegung aller drei Bimetallstreifen. Die Asymmetrie (ein Streifen ohne Strom, zwei mit erhöhtem Strom) wird erkannt und löst aus – unabhängig vom absoluten Stromwert.
06 Wie ist ein Motorstarter aufgebaut und wie werden MSS und Schütz kombiniert? ›
Ein Motorstarter besteht aus:
- Motorschutzschalter (MSS) – schützt Motor vor Überlast, Kurzschluss und Phasenausfall; übernimmt Trennfunktion
- Leistungsschütz (K1) – schaltet den Motor ein und aus; optimiert für Schaltspiele (Millionen von Schaltspielen möglich)
Verdrahtungsreihenfolge: Netz → MSS (L1/L2/L3) → Schütz (L1/L2/L3) → Motor (U/V/W)
Der Steuerstromkreis schaltet die Schützspule (über Taster, SPS o. ä.). Der MSS-Hilfsschalter kann in den Steuerstromkreis eingebunden werden, um bei Auslösung die Schützspule zu unterbrechen.
07 Welche Schritte sind nach einer automatischen Auslösung des MSS einzuhalten? ›
Nach einer Schutzauslösung steht der Griff in Mittelstellung (TRIP). Laut ESV 2012 sind folgende Schritte einzuhalten:
- 1. Ursache feststellen: Überlast (zu hohe Last?), Kurzschluss (Verdrahtungsfehler?), Phasenausfall (Sicherung, Klemme)?
- 2. Ursache beheben: Last reduzieren, Fehler beseitigen, Klemmen prüfen
- 3. Griff auf AUS (0) stellen: Schaltschloss entspannen und Rückstellmechanismus vorbereiten
- 4. Abkühlzeit einhalten: Bimetall muss abkühlen (2–3 Minuten typisch)
- 5. Griff auf EIN (I) stellen: Motor wieder einschalten
Wiederholtes blindes Einschalten ohne Ursachenbeseitigung ist nach ESV 2012 unzulässig.
08 Was ist bei der Dimensionierung des MSS bezüglich Einstellbereich und Auslöseklasse zu beachten? ›
Bei der Dimensionierung sind zwei Aspekte zu beachten:
Einstellbereich:
- Der Motornennstrom IN (laut Typenschild) muss im mittleren bis oberen Drittel des MSS-Einstellbereichs liegen
- Nicht am unteren Rand (zu wenig Reserve) und nicht über dem Maximum (nicht einstellbar)
Auslöseklasse:
- Klasse 10 für Standardmotoren (Pumpen, Förderbänder, leichter Anlauf)
- Klasse 20 für schweren Anlauf (Kompressoren, Brecher)
- Kurzschlussausschaltvermögen Icu muss größer sein als der prospektive Kurzschlussstrom am Einbauort
Formelsammlung
I_N in A, P in W, U_L = Leiterspannung in V (im österr. Netz: 400 V), cos φ Leistungsfaktor, η Wirkungsgrad
Einstellstrom I_r wird auf den Motornennstrom I_N aus dem Typenschild eingestellt
Kurzzeitiger Anzugsstrom beim Direktanlauf; muss unter dem Ansprechwert des Magnetauslösers bleiben
Werksseitig eingestellt; Ansprechwert muss größer sein als der Anlaufstrom des Motors
Umkehrformel; U_L = Leiterspannung (400 V im österr. 400-V-Drehstromnetz)
Schätzwert; exakter Wert hängt von der mechanischen Belastung ab
Glossar
- Bimetallstreifen – Thermisches Auslöseglied aus zwei Metallschichten mit unterschiedlichem Wärmeausdehnungskoeffizienten; biegt sich bei Erwärmung durch direkten Stromfluss oder durch einen Heizdraht (indirekte Beheizung)
- Bemessungsauslösestrom (I_r) – Am MSS einstellbarer Strom, bei dessen Überschreitung der MSS nach der Auslösekennlinie auslöst; wird auf I_N (Motornennstrom) eingestellt
- Direktstarter – Einfachste Starterart: MSS + ein Schütz; Motor wird direkt mit Nennspannung anlaufen gelassen
- Dreipoligkeit – Alle drei Phasen werden gleichzeitig getrennt; verhindert Einphasigbetrieb nach teilweiser Abschaltung
- Hilfsschalter (AUX) – Zusätzlicher Meldekontakt des MSS; gibt Signal bei Auslösung an SPS oder Meldeeinrichtung
- I_cu – Kurzschlussausschaltvermögen; maximaler Kurzschlussstrom, den der MSS sicher ausschalten kann; muss größer sein als der prospektive Kurzschlussstrom am Einbauort
- Indirekte Beheizung – Erwärmung des Bimetallstreifens über einen separat gewickelten Heizdraht; der Laststrom fließt durch den Draht, nicht direkt durch das Bimetall; ermöglicht präzisere Auslösecharakteristik bei höheren Strömen
- Klappanker – Bewegliches Eisenteil im magnetischen Auslöseglied; wird bei Kurzschluss von der Spule angezogen und betätigt das Schaltschloss
- Leiterspannung (U_L) – Spannung zwischen zwei Phasen im Drehstromnetz (L–L); im österreichischen Niederspannungsnetz 400 V; wird in der Motornennstrom-Formel eingesetzt (nicht die Strangspannung 230 V)
- Leistungsschütz – Schaltgerät für häufige Schaltspiele; steuert den Motor ein/aus im Motorstarter
- MPCB – Motor Protective Circuit Breaker; englische Bezeichnung für Motorschutzschalter
- Motorschutzschalter (MSS) – Kombiniertes Schutzschaltgerät: thermisch (Überlast), magnetisch (Kurzschluss) und differenzieller Phasenausfallschutz in einem dreipoligen Gerät
- Motorstarter – Kombination aus MSS und Schütz zum Schutz und Schalten eines Elektromotors
- Phasenausfall – Ausfall einer der drei Phasen L1/L2/L3; führt zu Einphasigbetrieb und thermischer Überlastung der Motorwicklung
- Schutzkoordination Typ 2 – Nach ÖVE/ÖNORM EN 60947-4-1: MSS und Schütz sind nach einem Kurzschluss ohne Austausch von Teilen wieder betriebsbereit
- Schnellauslöser – Magnetisches Auslöseglied; mechanische Auslösung typisch in 5–15 ms, vollständige Stromunterbrechung inkl. Lichtbogenlöschung unter 20 ms
- Schaltschloss – Mechanischer Auslösemechanismus; wird von thermischem oder magnetischem Auslöseglied betätigt und öffnet alle drei Kontakte gleichzeitig
- Trennfunktion – In AUS-Stellung trennt der MSS den Motor sicher allpolig vom Netz; erfüllt die Anforderungen nach ÖVE/ÖNORM EN 60947-3 für ein Trenngerät; ermöglicht spannungsfreie Wartung ohne zusätzliche Trenneinrichtung
- TRIP – Englischer Begriff für Auslösung; Griffstellung Mitte = TRIP-Stellung nach automatischer Schutzauslösung
- Zeit-Strom-Kennlinie – Diagramm der Auslösezeit in Abhängigkeit vom Vielfachen des Einstellstroms; Form und Lage sind charakteristisch für die jeweilige Auslöseklasse (10A/10/20/30)
Stand & Quellen
- ÖVE/ÖNORM EN 60947-4-1 – Niederspannungs-Schaltgeräte, Teil 4-1: Schütze und Motorstarter; Elektromechanische Schütze und Motorstarter
- ÖVE/ÖNORM EN 60947-2 – Leistungsschalter (Niederspannung); Kurzschlussausschaltvermögen I_cu und I_cs
- ÖVE/ÖNORM EN 60947-3 – Niederspannungs-Schaltgeräte, Teil 3: Lasttrennschalter, Trennschalter; Anforderungen an die Trennfunktion von Motorschutzschaltern
- ESV 2012 – Elektroschutzverordnung; Regelungen zur Wiederinbetriebnahme nach Schutzauslösung
- ASchG – ArbeitnehmerInnenschutzgesetz; allgemeine Schutzpflichten beim Betrieb elektrischer Anlagen
- ÖVE/ÖNORM EN 50110-1 – Betrieb von elektrischen Anlagen; Sicherheitsregeln für Schalthandlungen
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