Wirkleistung, Blindleistung & Kompensation
Nicht jede elektrische Leistung leistet nützliche Arbeit. In Wechselstromkreisen unterscheiden wir zwischen der Wirkleistung P (nutzbare Energie), der Blindleistung Q (pendelnde Energie) und der Scheinleistung S (gesamte Belastung des Netzes). Der Leistungsfaktor cos φ beschreibt das Verhältnis zwischen Wirk- und Scheinleistung – und bestimmt, wie effizient eine Anlage Energie nutzt. Dieses Kapitel erklärt alle drei Leistungsarten, das Leistungsdreieck als grafisches Werkzeug und die Blindleistungskompensation mit Kondensatoren – ein zentrales Thema in der Industrieelektrotechnik.
Was ist Wirkleistung und wie entsteht sie?
Die Wirkleistung P ist jener Teil der elektrischen Leistung, der tatsächlich in eine andere Energieform umgewandelt wird – in Wärme, Licht, mechanische Arbeit oder Schall. Sie wird deshalb auch als „nutzbare Leistung“ bezeichnet. Die Einheit der Wirkleistung ist das Watt (W).
Bei Gleichstrom oder bei rein ohmschen Wechselstromlasten (z. B. Glühlampen, Heizungen) sind Spannung und Strom in Phase. In diesem Fall gilt:
- P
- Wirkleistung in Watt (W)
- U
- Effektivwert der Spannung in Volt (V)
- I
- Effektivwert des Stroms in Ampere (A)
Bei Wechselstrom mit induktiven oder kapazitiven Lasten (Motoren, Transformatoren, Kondensatoren) entsteht eine Phasenverschiebung φ zwischen Spannung und Strom. Dann gilt:
- cos φ
- Leistungsfaktor (dimensionslos, zwischen 0 und 1)
- φ
- Phasenwinkel zwischen Spannung und Strom
? Verständnisfrage: Welche Leistungsart wird in Kilowattstunden (kWh) gemessen? ›
Ein Heizstab (rein ohmscher Widerstand) wird an 230 V (Effektivwert) betrieben. Der Stromfluss beträgt 8 A. Berechne die Wirkleistung.
Schritt 1: Da ohmscher Widerstand → cos φ = 1 → P = U · I
Schritt 2: P = 230 V · 8 A = 1.840 W
Ergebnis: P = 1.840 W = 1,84 kWEin Elektromotor nimmt bei 400 V (verkettete Spannung, Drehstrom) einen Strom von 15 A auf. Der Leistungsfaktor beträgt cos φ = 0,82. Berechne die aufgenommene Wirkleistung.
Schritt 1: Für Drehstrom gilt: P = √3 · U · I · cos φ
Schritt 2: P = 1,732 · 400 V · 15 A · 0,82
Schritt 3: P = 1,732 · 400 · 15 · 0,82 = 8.527 W
Ergebnis: P ≈ 8,53 kWEine Glühlampe an 230 V zieht 0,43 A. Berechne die Wirkleistung.
Hinweis: Glühlampe ist ohmsch → cos φ = 1
P = U · I = 230 V · 0,43 A = 98,9 W
Ergebnis: P ≈ 99 WEin Wechselstrommotor (Einphasig, 230 V) nimmt 6 A auf, der Leistungsfaktor ist cos φ = 0,75. Wie groß ist die Wirkleistung?
Hinweis: P = U · I · cos φ
P = 230 V · 6 A · 0,75 = 1.035 W
Ergebnis: P = 1.035 W ≈ 1,04 kWEine Industrieanlage (Drehstrom, 400 V) nimmt bei cos φ = 0,9 einen Strom von 50 A auf. Berechne die Wirkleistung in kW.
Hinweis: Drehstrom-Formel P = √3 · U · I · cos φ; √3 ≈ 1,732
P = 1,732 · 400 V · 50 A · 0,9
P = 1,732 · 400 · 50 · 0,9 = 31.176 W
Ergebnis: P ≈ 31,2 kWEin Verbraucher hat eine Wirkleistung von 4,6 kW bei 230 V und cos φ = 0,8. Wie groß ist der aufgenommene Strom I?
Hinweis: Formel umstellen: I = P / (U · cos φ)
I = P / (U · cos φ) = 4.600 W / (230 V · 0,8)
I = 4.600 / 184 = 25 A
Ergebnis: I = 25 AEin Heizkessel (rein ohmsch) hat bei 230 V eine Leistung von 3 kW. Wieviel Energie verbraucht er in 8 Stunden Betrieb (in kWh)?
Hinweis: W = P · t; P ist Wirkleistung in kW, t in Stunden
W = P · t = 3 kW · 8 h = 24 kWh
Ergebnis: W = 24 kWhWas ist Blindleistung und warum entsteht sie?
Blindleistung Q entsteht immer dann, wenn im Wechselstromkreis Energiespeicher vorhanden sind – also Spulen (Induktivitäten) oder Kondensatoren (Kapazitäten). Diese Bauelemente nehmen Energie vom Netz auf, speichern sie kurzzeitig und geben sie wieder zurück. Diese Energie verrichtet keine dauerhafte Arbeit, belastet aber trotzdem die Leitungen, Transformatoren und Generatoren.
Die Einheit der Blindleistung ist das var (Voltampere reaktiv) bzw. kvar oder Mvar.
- Q
- Blindleistung in var (Voltampere reaktiv)
- U
- Effektivwert der Spannung (V)
- I
- Effektivwert des Stroms (A)
- sin φ
- Sinuswert des Phasenwinkels
Für induktive Blindleistung (Spule) gilt Q > 0, für kapazitive Blindleistung (Kondensator) gilt Q < 0. Beide sind vom Betrag her gleich groß – aber entgegengesetzt. Das ist das Grundprinzip der Kompensation.
? Verständnisfrage: Welche Komponenten erzeugen Blindleistung? ›
Was ist Scheinleistung und wie hängt sie mit P und Q zusammen?
Die Scheinleistung S ist die geometrische Summe aus Wirkleistung P und Blindleistung Q. Sie beschreibt die gesamte Belastung, die ein Verbraucher dem Netz auferlegt – also das, was Transformatoren, Leitungen und Generatoren tatsächlich „sehen“ und was deren Auslegung bestimmt. Die Einheit der Scheinleistung ist das VA (Voltampere) bzw. kVA oder MVA.
- S
- Scheinleistung in VA (Voltampere)
- P
- Wirkleistung in W
- Q
- Blindleistung in var
| Leistungsart | Symbol | Einheit | Bedeutung | Messgerät |
|---|---|---|---|---|
| Wirkleistung | P | W, kW, MW | Nutzbare Leistung – wird in Arbeit umgewandelt | Wirkleistungsmesser, Stromzähler (kWh) |
| Blindleistung | Q | var, kvar, Mvar | Pendelnde Leistung – keine Nutzarbeit, belastet Netz | Blindleistungsmesser (kvarh-Zähler) |
| Scheinleistung | S | VA, kVA, MVA | Gesamtbelastung – bestimmt Dimensionierung | Berechnet aus U·I |
? Verständnisfrage: Wonach werden Transformatoren dimensioniert? ›
Ein Verbraucher hat P = 3 kW und Q = 4 kvar. Berechne die Scheinleistung S.
S = √(P² + Q²) = √(3.000² + 4.000²)
S = √(9.000.000 + 16.000.000) = √25.000.000
Ergebnis: S = 5.000 VA = 5 kVAEin Transformator gibt bei 230 V einen Strom von 43,5 A ab. Wie groß ist seine Scheinleistung?
S = U · I = 230 V · 43,5 A = 10.005 VA
Ergebnis: S ≈ 10 kVAP = 6 kW, Q = 8 kvar. Berechne S.
Hinweis: Pythagoras im Leistungsdreieck: S = √(P² + Q²)
S = √(6.000² + 8.000²) = √(36.000.000 + 64.000.000) = √100.000.000
Ergebnis: S = 10.000 VA = 10 kVAS = 25 kVA, P = 20 kW. Wie groß ist Q?
Hinweis: Q = √(S² − P²)
Q = √(25.000² − 20.000²) = √(625.000.000 − 400.000.000) = √225.000.000
Ergebnis: Q = 15.000 var = 15 kvarEin Drehstrommotor (400 V) zieht 12 A. Wie groß ist die Scheinleistung? (√3 ≈ 1,732)
Hinweis: S = √3 · U · I für Drehstrom
S = 1,732 · 400 V · 12 A = 8.314 VA
Ergebnis: S ≈ 8,3 kVAS = 50 kVA, cos φ = 0,85. Berechne P und Q.
Hinweis: P = S · cos φ; sin φ = √(1 − cos²φ); Q = S · sin φ
P = 50.000 · 0,85 = 42.500 W = 42,5 kW
sin φ = √(1 − 0,85²) = √(1 − 0,7225) = √0,2775 ≈ 0,527
Q = 50.000 · 0,527 = 26.350 var ≈ 26,4 kvar
Ergebnis: P = 42,5 kW; Q ≈ 26,4 kvarP = 18 kW, Q = 13,5 kvar. Berechne S und den Leistungsfaktor cos φ = P/S.
S = √(18.000² + 13.500²) = √(324.000.000 + 182.250.000) = √506.250.000 ≈ 22.500 VA
cos φ = P / S = 18.000 / 22.500 = 0,80
Ergebnis: S = 22,5 kVA; cos φ = 0,80Wie stellt das Leistungsdreieck den Zusammenhang dar?
Das Leistungsdreieck ist ein rechtwinkliges Dreieck, das die drei Leistungsarten P, Q und S geometrisch veranschaulicht. Es ist ein unverzichtbares Werkzeug in der Elektrotechnik, um Zusammenhänge zwischen den Leistungsarten und dem Leistungsfaktor schnell zu erkennen und zu berechnen.
Aus dem Leistungsdreieck lassen sich mit dem Satz des Pythagoras und den Winkelfunktionen direkt alle Größen berechnen:
? Verständnisfrage: Was stellt die Hypotenuse im Leistungsdreieck dar? ›
Was bedeutet der Leistungsfaktor cos φ?
Der Leistungsfaktor cos φ (gesprochen: Kosinus Phi) gibt an, welchen Anteil der Scheinleistung tatsächlich als Wirkleistung genutzt wird. Er ist eine dimensionslose Zahl zwischen 0 und 1.
- cos φ = 1
- Idealer Fall: Nur Wirkleistung, keine Blindleistung (ohmsche Last)
- cos φ = 0
- Extremfall: Nur Blindleistung, keine Wirkleistung (rein induktiv oder kapazitiv)
- cos φ = 0,8
- Typischer Wert für Industrieanlagen mit Elektromotoren
| cos φ | Beurteilung | Typische Last | Blindstromanteil |
|---|---|---|---|
| 1,0 | Ideal | Heizung, Glühlampe | 0 % |
| 0,95–0,99 | Sehr gut | Kompensierte Anlage | gering |
| 0,85–0,95 | Gut | Moderne Motoren mit KK | mittel |
| 0,70–0,85 | Akzeptabel | Ältere Motoren, Schweißgeräte | hoch |
| < 0,70 | Schlecht | Unkompensierte Induktionsmotoren | sehr hoch |
? Verständnisfrage: Was bedeutet cos φ = 0,8 für die Leistungsbilanz? ›
Welche Auswirkungen hat Blindleistung im Netz?
Blindleistung pendelt zwischen Energiequelle und Verbraucher hin und her, ohne Nutzarbeit zu verrichten. Trotzdem hat sie erhebliche und kostspielige Auswirkungen auf das gesamte elektrische Versorgungsnetz:
- Erhöhter Leitungsstrom: Leitungen, Transformatoren und Schaltanlagen müssen den Gesamtstrom (Wirk- + Blindanteil) führen. Bei gleichem Wirkleistungsbedarf steigt der Strom I bei schlechtem cos φ stark an.
- Erhöhte Leitungsverluste: Die ohmschen Verluste in Leitungen steigen quadratisch mit dem Strom: PVerl = I² · R. Doppelter Strom → vierfache Verluste!
- Spannungsabfall: Ein hoher Blindstrom verursacht größere Spannungsabfälle in Leitungen und Transformatoren, was die Spannungsqualität verschlechtert.
- Überlastung von Betriebsmitteln: Generatoren, Transformatoren und Leitungen werden thermisch stärker belastet, obwohl weniger Wirkarbeit geleistet wird.
- Wirtschaftliche Kosten: Netzbetreiber berechnen Blindstromzuschläge. Unternehmen mit schlechtem cos φ zahlen deutlich mehr für den Netzanschluss.
Annahme: RLeitung = 0,5 Ω, Wirkleistung P = 10 kW, U = 230 V
Bei cos φ = 1: I = 43,5 A → PVerl = 43,5² · 0,5 = 946 W
Bei cos φ = 0,7: I = 62,1 A → PVerl = 62,1² · 0,5 = 1.928 W
→ Bei halbem Leistungsfaktor verdoppeln sich die Verluste fast!
? Verständnisfrage: Warum steigen die Leitungsverluste bei niedrigem cos φ überproportional? ›
Wie funktioniert die Kompensation mit Kondensatoren?
Da die meisten industriellen Verbraucher (Motoren, Transformatoren, Schweißgeräte, Leuchtstofflampen) induktiv sind, erzeugen sie induktive Blindleistung (Q > 0). Kondensatoren hingegen erzeugen kapazitive Blindleistung (Q < 0). Da sich induktive und kapazitive Blindleistung mathematisch aufheben, kann man durch Parallelschalten von Kondensatoren die Blindleistung reduzieren oder sogar eliminieren.
Der Kondensator und der Motor tauschen die Blindleistung lokal untereinander aus. Der Netzstrom (zwischen Netz und Abzweigpunkt) sinkt erheblich. Das hat mehrere Vorteile:
- Geringerer Leitungsstrom → kleinere Leitungsquerschnitte ausreichend
- Geringere Leitungsverluste (I² · R)
- Bessere Spannungshaltung
- Entlastung von Transformatoren und Generatoren
- Kein oder geringerer Blindstromzuschlag
- Einzelkompensation: Kondensator direkt am jeweiligen Verbraucher (z. B. Kondensator am Motoranschluss)
- Gruppenkomp.: Ein Kondensatorblock für mehrere Verbraucher (z. B. Unterverteiler)
- Zentralkompensation: Kondensatorbatterie am Hauptverteiler – regelt automatisch via cos φ-Regler
? Verständnisfrage: Warum verändert eine Kompensationsanlage die aufgenommene Wirkleistung P des Motors nicht? ›
Wie berechnet man die benötigte Kompensationskapazität?
Um einen Verbraucher von einem schlechten Leistungsfaktor cos φ₁ auf einen gewünschten Leistungsfaktor cos φ₂ zu verbessern, muss eine bestimmte Blindleistung QC durch Kondensatoren bereitgestellt werden. Daraus lässt sich dann die benötigte Kapazität C berechnen.
- QC
- Benötigte Kompensationsblindleistung in var
- P
- Wirkleistung des Verbrauchers in W
- tan φ₁
- Tangens des Ausgangsphasenwinkels (vor Kompensation)
- tan φ₂
- Tangens des Zielphasenwinkels (nach Kompensation)
Aus der Blindleistung QC lässt sich die notwendige Kapazität C berechnen:
- C
- Kapazität in Farad (F), meist µF
- U
- Netzspannung in Volt (V)
- f
- Netzfrequenz 50 Hz (in Österreich)
- ω = 2π·f
- Kreisfrequenz ≈ 314,16 rad/s bei 50 Hz
1. Ziel-cos φ₂ festlegen (z. B. 0,95)
2. tan φ₁ und tan φ₂ bestimmen
3. QC = P · (tan φ₁ − tan φ₂) berechnen
4. C = QC / (U² · 2π · f) berechnen
5. Nächst größere Normkapazität wählen (aus der E12/E24-Reihe)
* Bei 50 Hz Netzfrequenz (Österreich)
? Verständnisfrage: Was passiert mit der Wirkleistung P beim Einschalten der Kompensationsanlage? ›
Ein Elektromotor hat P = 30 kW und cos φ₁ = 0,7. Der Leistungsfaktor soll auf cos φ₂ = 0,95 angehoben werden. Netzspannung: 230 V / 50 Hz. Berechne QC und die benötigte Kapazität C.
Schritt 1: φ₁ = arccos(0,7) → tan φ₁ = sin φ₁ / cos φ₁; sin φ₁ = √(1−0,49) = √0,51 ≈ 0,714 → tan φ₁ ≈ 0,714 / 0,7 ≈ 1,020
Schritt 2: φ₂ = arccos(0,95) → sin φ₂ = √(1−0,9025) = √0,0975 ≈ 0,312 → tan φ₂ ≈ 0,312 / 0,95 ≈ 0,329
Schritt 3: Q_C = P · (tan φ₁ − tan φ₂) = 30.000 · (1,020 − 0,329) = 30.000 · 0,691 = 20.730 var ≈ 20,7 kvar
Schritt 4: C = Q_C / (U² · 2π · f) = 20.730 / (230² · 2π · 50) = 20.730 / (52.900 · 314,16) = 20.730 / 16.618.864 ≈ 1.247 µF
Ergebnis: Q_C ≈ 20,7 kvar; C ≈ 1.247 µF (z.B. 3 × 440 µF Stern)Anlage: P = 50 kW, cos φ₁ = 0,8, Ziel cos φ₂ = 1,0 (Vollkompensation). U = 400 V (Drehstrom). Berechne QC und C.
Schritt 1: tan φ₁: sin φ₁ = √(1−0,64) = √0,36 = 0,6 → tan φ₁ = 0,6 / 0,8 = 0,750
Schritt 2: tan φ₂ = tan(0°) = 0 (Vollkompensation)
Schritt 3: Q_C = 50.000 · (0,750 − 0) = 37.500 var = 37,5 kvar
Schritt 4 (Drehstrom, Sternschaltung): C = Q_C / (3 · U_Str² · 2πf) mit U_Str = 400/√3 = 231 V → C = 37.500 / (3 · 231² · 314,16) = 37.500 / 50.385.000 ≈ 744 µF; oder: C_pro_Phase = 744/3 ≈ 248 µF
Ergebnis: Q_C = 37,5 kvar; je Phase ca. 248 µF (Sternschaltung)P = 20 kW, cos φ₁ = 0,75, Ziel: cos φ₂ = 0,95, U = 230 V. Berechne QC.
Hinweis: tan φ = sin φ / cos φ; sin φ = √(1 − cos²φ)
tan φ₁: sin φ₁ = √(1−0,5625) = √0,4375 ≈ 0,661 → tan φ₁ ≈ 0,661/0,75 ≈ 0,882
tan φ₂: sin φ₂ = √(1−0,9025) ≈ 0,312 → tan φ₂ ≈ 0,312/0,95 ≈ 0,329
Q_C = 20.000 · (0,882 − 0,329) = 20.000 · 0,553 = 11.060 var
Ergebnis: Q_C ≈ 11,1 kvarQC = 15 kvar, U = 230 V, f = 50 Hz. Berechne C in µF.
Hinweis: C = Q_C / (U² · 2π · f)
C = 15.000 / (230² · 2π · 50) = 15.000 / (52.900 · 314,16)
C = 15.000 / 16.618.864 ≈ 0,000903 F
Ergebnis: C ≈ 903 µFP = 80 kW, cos φ₁ = 0,65, cos φ₂ = 0,90. Berechne QC.
tan φ₁: sin φ₁ = √(1−0,4225) = √0,5775 ≈ 0,760 → tan φ₁ ≈ 0,760/0,65 ≈ 1,169
tan φ₂: sin φ₂ = √(1−0,81) = √0,19 ≈ 0,436 → tan φ₂ ≈ 0,436/0,90 ≈ 0,484
Q_C = 80.000 · (1,169 − 0,484) = 80.000 · 0,685 = 54.800 var
Ergebnis: Q_C ≈ 54,8 kvarDrehstromanlage: P = 45 kW, cos φ₁ = 0,72, cos φ₂ = 0,95. Uverk = 400 V. Berechne QC und den Strom I₁ vor / I₂ nach Kompensation.
Hinweis: I = P / (√3 · U · cos φ)
tan φ₁: sin φ₁ = √(1−0,5184) ≈ 0,694 → tan φ₁ ≈ 0,694/0,72 ≈ 0,964
tan φ₂: sin φ₂ ≈ 0,312 → tan φ₂ ≈ 0,329
Q_C = 45.000 · (0,964 − 0,329) = 45.000 · 0,635 = 28.575 var ≈ 28,6 kvar
I₁ = 45.000 / (1,732 · 400 · 0,72) = 45.000 / 498,8 ≈ 90,2 A
I₂ = 45.000 / (1,732 · 400 · 0,95) = 45.000 / 658,0 ≈ 68,4 A
Ergebnis: Q_C ≈ 28,6 kvar; I₁ ≈ 90,2 A → I₂ ≈ 68,4 A (–24 %)Ein Kondensator mit C = 500 µF liegt an 230 V / 50 Hz. Wie groß ist die erzeugte Blindleistung QC?
Hinweis: Q_C = U² · 2π · f · C
Q_C = 230² · 2π · 50 · 500 · 10⁻⁶ = 52.900 · 314,16 · 0,0005
Q_C = 52.900 · 0,15708 = 8.309 var
Ergebnis: Q_C ≈ 8.310 var ≈ 8,3 kvarAbschlusstest
12 Fragen zu Wirkleistung, Blindleistung, Scheinleistung, Leistungsdreieck und Kompensation.
Fragen bei mündlicher Prüfung
Typische Prüfungsfragen mit vollständigen Musterantworten – gegliedert in Formelblöcke und Stichpunkte.
01Erklären Sie den Unterschied zwischen Wirk-, Blind- und Scheinleistung!›
Wirkleistung P ist die nutzbare Leistung – sie wird in mechanische Arbeit, Wärme oder Licht umgewandelt:
Blindleistung Q entsteht durch Energiespeicher (Spulen, Kondensatoren) – sie pendelt zwischen Quelle und Last, verrichtet keine Nutzarbeit, belastet aber das Netz:
Scheinleistung S ist die Gesamtbelastung des Netzes – die geometrische Summe aus P und Q:
- Wirkleistung → Energiezähler (kWh)
- Blindleistung → Trafo-/Leitungsdimensionierung
- Scheinleistung → Normwert auf Trafo-Typenschild
02Was ist das Leistungsdreieck und wie lassen sich daraus Formeln ableiten?›
Das Leistungsdreieck ist ein rechtwinkliges Dreieck, in dem:
- P = Grundseite (Kathete)
- Q = Gegenkathete (senkrecht)
- S = Hypotenuse
- φ = Winkel zwischen S und P
Aus dem Satz des Pythagoras und den Winkelfunktionen folgen direkt:
Das Leistungsdreieck zeigt: Je größer der Winkel φ, desto größer ist der Blindleistungsanteil und desto schlechter der Leistungsfaktor.
03Welche Auswirkungen hat ein schlechter Leistungsfaktor (cos φ = 0,6) auf eine Industrieanlage?›
Ein schlechter Leistungsfaktor hat folgende Auswirkungen:
- Erhöhter Leitungsstrom: Da S = P/cos φ, steigt bei gleichem P der Strom I stark an
- Erhöhte Leitungsverluste: PVerl = I² · R – quadratisches Ansteigen
- Größerer Spannungsabfall in Zuleitungen und Transformatoren
- Überlastung von Transformatoren und Generatoren (thermisch)
- Blindstromzuschlag: Netzbetreiber erheben Mehrkosten bei cos φ unter Mindestwert (typ. 0,9)
- Größere Kabelquerschnitte notwendig (höhere Investitionskosten)
Beispiel: Bei P = 10 kW, U = 230 V: I bei cos φ = 1,0: 43,5 A – bei cos φ = 0,6: 72,5 A
04Wie funktioniert die Blindleistungskompensation mit Kondensatoren?›
Industrielle Verbraucher (Motoren, Transformatoren) sind induktiv → sie benötigen induktive Blindleistung (Q > 0). Kondensatoren erzeugen kapazitive Blindleistung (Q < 0).
Durch Parallelschalten eines Kondensators direkt am Verbraucher:
- Tauschen Motor und Kondensator Blindleistung lokal untereinander aus
- Der Netzstrom I sinkt – nur Wirkleistung muss noch vom Netz geliefert werden
- Leitungsverluste, Spannungsabfall und Betriebsmittelbeanspruchung sinken
Wichtig: Die Wirkleistung P des Motors bleibt unverändert!
05Wie berechnet man die benötigte Kompensationskapazität C?›
Berechnungsweg in vier Schritten:
- Schritt 1: tan φ₁ und tan φ₂ aus cos φ₁ und cos φ₂ bestimmen
- Schritt 2: Benötigte Blindleistung Q_C berechnen
- Schritt 3: Kapazität C berechnen
- Schritt 4: Normkapazität wählen
Bei Drehstrom (Sternschaltung) gilt U = UStr = Uverk / √3.
Beispiel: P = 30 kW, cos φ₁ = 0,7 → tan φ₁ ≈ 1,02; cos φ₂ = 0,95 → tan φ₂ ≈ 0,33 → Q_C = 30.000 · 0,69 ≈ 20,7 kvar
06Was versteht man unter Überkompensation und warum ist sie problematisch?›
Überkompensation tritt auf, wenn die Kondensatorbatterie mehr kapazitive Blindleistung liefert, als die Anlage induktiv benötigt.
- Der Leistungsfaktor wird kapazitiv (cos φ < 1, kapazitiv)
- Die Anlage „speist“ kapazitive Blindleistung ins Netz ein → Netz wird belastet
- Spannungserhöhung im Netz möglich
- Netzbetreiber können auch für kapazitive Blindleistung Zuschläge erheben
→ Lösung: Automatische Kompensationsanlage mit cos φ-Regler, der Kondensatorstufen bedarfsgerecht zu- und abschaltet
07Welche Kompensationsarten gibt es und wo werden sie eingesetzt?›
- Einzelkompensation: Kondensator direkt am Verbraucher (z. B. Motorklemme). Vorteil: Leitung bis zum Verbraucher vollständig entlastet. Nachteil: teuer bei vielen kleinen Verbrauchern.
- Gruppenkompensation: Ein Kondensatorblock versorgt mehrere Verbraucher eines Unterverteilers. Kompromiss zwischen Kosten und Entlastung.
- Zentralkompensation: Kondensatorbatterie am Hauptverteiler mit automatischem cos φ-Regler. Einfache Installation, günstig. Nachteil: Leitungen im Gebäude bleiben belastet.
- Dynamische Kompensation: Thyristorgeschaltete Kondensatoren (TSC) oder Statcom für schnell wechselnde Lasten (Schweißmaschinen, Pressen).
08Was ist der Unterschied zwischen induktiver und kapazitiver Blindleistung?›
- Induktive Blindleistung (Q > 0): Entsteht an Spulen (Motoren, Transformatoren). Der Strom eilt der Spannung nach (φ > 0). Spule speichert Energie im Magnetfeld.
- Kapazitive Blindleistung (Q < 0): Entsteht an Kondensatoren. Der Strom eilt der Spannung vor (φ < 0). Kondensator speichert Energie im elektrischen Feld.
Wichtig für Kompensation: Da Q_L und Q_C entgegengesetzte Vorzeichen haben, heben sie sich gegenseitig auf → Kompensation möglich!
09Welche österreichischen Normen sind bei der Blindleistungskompensation relevant?›
- ÖVE/ÖNORM EN 50160: Merkmale der Netzspannung in öffentlichen Niederspannungsnetzen – definiert u. a. Spannungsqualitätsanforderungen
- ÖVE/ÖNORM EN 61000-3-2: Grenzwerte für Oberschwingungsströme (relevant weil Kondensatoren bei Oberschwingungen resonieren können)
- ESV 2012 (Elektroschutzverordnung): Sicherheitsanforderungen für elektrische Anlagen in Österreich
- E-Control Regelwerk: Technische Anschlussbedingungen der österreichischen Netzbetreiber (cos φ-Mindestanforderungen für gewerbliche Kunden)
Oberschwingungen und Resonanzgefahr: Bei stark oberschwingungsbehafteten Netzen (Umrichter, Frequenzumrichter) müssen Kondensatoren mit Drossel ausgeführt werden (verstimmte Kompensation), um Resonanzschäden zu vermeiden.
Formelsammlung
Glossar
- Wirkleistung P – Die nutzbare elektrische Leistung, die in mechanische Arbeit, Wärme oder Licht umgewandelt wird. Einheit: Watt (W).
- Blindleistung Q – Elektrische Leistung, die zwischen Quelle und Energiespeicher (Spule/Kondensator) pendelt, ohne Nutzarbeit zu verrichten. Einheit: var.
- Scheinleistung S – Die geometrische Gesamtleistung: S = √(P² + Q²). Bestimmt die Dimensionierung von Transformatoren und Leitungen. Einheit: VA.
- Leistungsdreieck – Rechtwinkliges Dreieck mit P (Kathete), Q (Kathete) und S (Hypotenuse) zur grafischen Darstellung des Zusammenhangs der Leistungsarten.
- Leistungsfaktor cos φ – Verhältnis von Wirkleistung zu Scheinleistung: cos φ = P/S. Dimensionslos, Wert zwischen 0 und 1.
- Phasenwinkel φ – Der Zeitversatz zwischen Spannung u(t) und Strom i(t), ausgedrückt als Winkel. Bei φ = 0 ist die Last rein ohmsch, bei φ = 90° rein reaktiv.
- Induktive Blindleistung – Blindleistung mit positivem Vorzeichen (Q > 0), erzeugt von Spulen und Motoren. Strom eilt der Spannung nach.
- Kapazitive Blindleistung – Blindleistung mit negativem Vorzeichen (Q < 0), erzeugt von Kondensatoren. Strom eilt der Spannung vor.
- Kompensation – Gezielte Einspeisung kapazitiver Blindleistung durch Kondensatoren, um induktive Blindleistung zu kompensieren und den Leistungsfaktor zu verbessern.
- Kompensationskapazität C – Die benötigte Kapazität des Kompensationskondensators in Farad (F) oder Mikrofarad (µF). Berechnet: C = Q_C / (U² · 2πf).
- Blindstromzuschlag – Entgelt, das österreichische Netzbetreiber von gewerblichen Kunden mit einem Leistungsfaktor unter dem Mindestwert (typ. 0,9) erheben.
- Einzelkompensation – Kompensationskondensator direkt am einzelnen Verbraucher; entlastet die gesamte Zuleitung.
- Zentralkompensation – Kondensatorbatterie am Hauptverteiler mit automatischem Regler; einfach aber entlastet interne Leitungen nicht.
- Überkompensation – Zustand, bei dem mehr kapazitive als induktive Blindleistung vorhanden ist → Leistungsfaktor wird kapazitiv.
- Verstimmte Kompensation – Kompensationskondensator mit Vorschaltdrossel, um Resonanz mit Oberschwingungen zu vermeiden.
- var – Voltampere reaktiv; Einheit der Blindleistung Q.
- VA – Voltampere; Einheit der Scheinleistung S.
- tan φ – Tangens des Phasenwinkels; Verhältnis Q/P; wird für die Kompensationsberechnung benötigt.
Stand & Quellen
- ÖVE/ÖNORM EN 50160:2011 – Merkmale der Spannung in öffentlichen Elektrizitätsversorgungsnetzen
- ÖVE/ÖNORM EN 61000-3-2:2019 – Grenzwerte für Oberschwingungsströme
- ESV 2012 (Elektroschutzverordnung) – BGBl. II Nr. 33/2012 i.d.g.F.
- E-Control: Technische und organisatorische Regeln für Betreiber und Benutzer von Netzen (TOR), Hauptabschnitt M1
- Moeller: Lehrgang Elektrotechnik, Kompensation in der Praxis, Eaton Industries GmbH
- Linz AG Netz / Netz OÖ: Technische Anschlussbedingungen für Niederspannungskunden
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