Spulen
Spulen sind weit mehr als aufgewickelter Draht – sie sind die Grundlage für Transformatoren, Motoren, Filter und nahezu jede Art von elektromagnetischer Wandlung. In diesem Kurs lernst du, wie eine Spule Energie im Magnetfeld speichert, wie sie auf Wechselstrom reagiert und wie du Induktivitäten richtig berechnest und in Schaltungen einsetzt. Mit interaktiven Visualisierungen, Rechenaufgaben und einem vollständigen Abschlusstest bist du bestens auf Prüfungen und die Praxis vorbereitet.
Was ist eine Spule und wie ist sie aufgebaut?
Eine Spule – in der Fachsprache auch Induktivität oder Drossel genannt – ist ein passives elektrisches Bauelement, das aus einem oder mehreren Windungen eines elektrisch leitenden Drahtes besteht. In ihrer einfachsten Form ist sie nichts anderes als ein Stück Kupferdraht, das spiralförmig um einen Kern gewickelt ist. Doch trotz dieser scheinbaren Schlichtheit zählt die Spule neben dem Widerstand und dem Kondensator zu den drei grundlegenden passiven Bauelementen der Elektrotechnik.
Stell dir eine Spule wie einen aufgezogenen Federmechanismus vor: Wenn du Strom hineinjagst, lädt sie sich auf – allerdings nicht mit elektrischer Ladung wie ein Kondensator, sondern mit einem Magnetfeld. Dieses Magnetfeld ist der Energiespeicher. Sobald der Strom aufhört zu fließen, gibt die Spule diese gespeicherte Energie wieder ab – ähnlich wie eine gespannte Feder, die losgelassen wird. Genau diese Eigenschaft macht Spulen so nützlich und gleichzeitig so interessant.
Der Aufbau einer Spule ist im Prinzip simpel, in der Praxis aber vielfältig. Im Kern besteht jede Spule aus:
- Wicklung (Wickeldraht): Meist Kupferdraht mit einer Lackisolierung (sogenannter Kupferlackdraht). Der Draht wird so gewickelt, dass die Windungen eng aneinanderliegen und möglichst wenig Widerstand erzeugen.
- Kern: Dieser kann aus Luft (Luftspule), aus Eisenpulver, Ferrit oder Silizium-Eisenblech bestehen. Der Kernwerkstoff hat enormen Einfluss auf die Induktivität und die Verluste.
- Spulenkörper (Träger): Meist aus Kunststoff oder Keramik – er gibt der Wicklung Halt und definiert die Geometrie.
Das Schaltzeichen einer Spule zeigt mehrere ineinandergreifende Bögen oder Windungslinien – oft mit einem Strich darunter, wenn ein Kern vorhanden ist. In Schaltplänen wird die Spule mit dem Buchstaben L bezeichnet, die Induktivität wird in der Einheit Henry (H) gemessen. Im Alltag begegnest du Spulen in Netzteilen, Radio- und Fernsehgeräten, in den Zündspulen deines Autos, in Lautsprecherweichen und in unzähligen industriellen Steuerungsanlagen.
Wichtig für das Verständnis: Eine ideale Spule hat keinen ohmschen Widerstand und keine Kapazität. In der Praxis besitzt jede reale Spule jedoch einen kleinen Wicklungswiderstand (oft als RCu bezeichnet) sowie parasitäre Kapazitäten zwischen den Windungen. Diese Nichtidealitäten spielen bei Hochfrequenzanwendungen eine entscheidende Rolle, bei Netzfrequenz (50 Hz) können sie in den meisten Fällen vernachlässigt werden.
? Verständnisfrage: Welche Aussage über das Schaltzeichen einer Spule mit Eisenkern ist korrekt? ›
? Verständnisfrage: Wie speichert eine Spule Energie? ›
Wie entsteht Induktivität und was bestimmt ihren Wert?
Die Induktivität L einer Spule ist die physikalische Größe, die beschreibt, wie stark eine Spule auf eine Stromänderung reagiert. Genauer: Sie gibt an, welche Spannung eine Spule selbst erzeugt, wenn der Strom durch sie sich ändert. Dieses Phänomen nennt man Selbstinduktion. Es basiert auf einem fundamentalen Gesetz der Physik: Ein bewegter elektrischer Ladungsträger (also ein Strom) erzeugt immer ein Magnetfeld, und ein sich änderndes Magnetfeld erzeugt immer eine elektrische Spannung (Faradaysches Induktionsgesetz).
Stell dir vor, du kneifst einen Schlauch, durch den Wasser strömt: Das Wasser (Strom) will weiterfließen und erzeugt dabei Druck (Spannung). Ähnlich verhält sich eine Spule: Wenn der Strom zunehmen will, erzeugt sie eine Gegenspannung, die das verzögert – und wenn der Strom abnehmen soll, treibt sie ihn weiter. Diese Eigenschaft heißt elektrische Trägheit und ist das elektrotechnische Analogon zur Massenträgheit in der Mechanik.
Selbstinduktionsspannung
- uL
- Selbstinduktionsspannung [V] – negatives Vorzeichen: Gegenspannung (Lenzsches Gesetz)
- L
- Induktivität [H]
- di/dt
- Stromänderungsgeschwindigkeit [A/s]
Der Wert der Induktivität hängt von mehreren geometrischen und materialbedingten Faktoren ab. Für eine zylindrische Spule (Solenoid) gilt die folgende Näherungsformel:
Induktivität einer Zylinderspule
- L
- Induktivität [H]
- µ0
- Magnetische Feldkonstante = 4π · 10−7 H/m
- µr
- Relative Permeabilität des Kernwerkstoffs (Luft ≈ 1; Ferrit: 100–10.000)
- N
- Windungszahl [1]
- A
- Querschnittsfläche des Kerns [m²]
- l
- Länge der Spule [m]
Diese Formel zeigt klar, welche Stellschrauben der Konstrukteur hat:
- Windungszahl N: Die Induktivität steigt mit dem Quadrat der Windungszahl. Doppelte Windungszahl bedeutet vierfache Induktivität!
- Kernmaterial µr: Ein Ferritkern mit µr = 2.000 liefert bei gleicher Geometrie eine 2.000-mal größere Induktivität als Luft. Das ermöglicht sehr kompakte Bauformen.
- Querschnittsfläche A: Größerer Kernquerschnitt → mehr Induktivität. Deswegen haben Leistungsdrosseln oft dicke, breite Kerne.
- Spulenlänge l: Längere Spulen bei gleicher Windungszahl haben eine kleinere Induktivität, weil das Magnetfeld „verdünnter“ ist.
Besonders bedeutsam ist die gespeicherte Energie in einer Spule. Wenn Strom fließt, ist im Magnetfeld die Energie W gespeichert:
Gespeicherte magnetische Energie
- W
- Gespeicherte Energie [J = Ws]
- L
- Induktivität [H]
- I
- Strom durch die Spule [A]
Diese Formel ist der elektromagnetische Zwilling von W = ½ · m · v² aus der Mechanik: Dort steht die Masse m für die Trägheit, hier die Induktivität L; dort die Geschwindigkeit v, hier der Strom I. Der Vergleich macht deutlich, warum eine große Induktivität mit hohem Strom eine enorme gespeicherte Energie bedeuten kann – und warum das plötzliche Unterbrechen eines solchen Stroms zu gefährlichen Spannungsspitzen führt!
? Verständnisfrage: Was passiert mit der Induktivität, wenn man die Windungszahl verdoppelt? ›
Wie verhält sich eine Spule beim Ein- und Ausschalten?
Das Verhalten einer Spule im Gleichstromkreis beim Einschalten ist eines der wichtigsten Konzepte der Elektrotechnik – und zugleich eines der am häufigsten falsch verstandenen. Viele Lernende glauben, beim Einschalten springe der Strom sofort auf seinen Endwert. Das stimmt aber nur für rein ohmsche Widerstände. Eine Spule verändert das Geschehen grundlegend.
Beim Einschalten: Im Moment t = 0, wenn die Spannung angelegt wird, verhält sich die Spule wie ein offener Schalter – der Strom ist null. Erst langsam baut sich der Strom auf, weil die Spule ihrer eigenen Stromänderung mit einer Gegenspannung entgegenwirkt. Im eingeschwungenen Zustand (t → ∞) ist die Spannung an der Spule null (uL = L · di/dt = 0, weil der Strom konstant ist) und der Strom hat seinen Maximalwert Imax = U / R erreicht – die Spule wirkt jetzt wie ein einfacher Draht.
Beim Ausschalten: Im Moment des Abschaltens will die Spule ihren Strom weiter aufrechterhalten. Sie tut dies durch die gespeicherte Energie im Magnetfeld und erzeugt dabei eine Spannung, die im schlimmsten Fall ein Vielfaches der Versorgungsspannung betragen kann. Diese Abschaltspannungsspitze ist in der Praxis gefährlich und muss durch geeignete Schutzmaßnahmen beherrscht werden.
Die mathematische Beschreibung dieses Einschwingvorgangs folgt einer Exponentialfunktion. Für eine Reihenschaltung aus Spule L und Widerstand R gilt beim Einschalten:
Stromanstieg beim Einschalten (RL-Glied)
- i(t)
- Momentanwert des Stroms zum Zeitpunkt t [A]
- Imax
- Endwert des Stroms = U0 / R [A]
- τ
- Zeitkonstante des RL-Glieds [s]
- L
- Induktivität [H]
- R
- Reihenwiderstand [Ω]
- U0
- Speisespannung [V]
Die Zeitkonstante τ (gesprochen: „Tau“) ist das Herzstück des Einschwingverhaltens. Nach einer Zeitkonstante hat der Strom bereits 63,2 % seines Endwertes erreicht. Nach fünf Zeitkonstanten (5τ) gilt der Vorgang als praktisch abgeschlossen – der Strom hat 99,3 % seines Endwertes erreicht. Stell dir das wie das Auffüllen eines Eimers vor, der unten ein Loch hat: Je größer das Loch (hoher Widerstand R), desto schneller läuft er voll. Je größer der Eimer (hohe Induktivität L), desto länger dauert es.
| Zeit | i(t) / Imax | uL(t) / U0 |
|---|---|---|
| t = 0 | 0 % | 100 % |
| t = 1τ | 63,2 % | 36,8 % |
| t = 2τ | 86,5 % | 13,5 % |
| t = 3τ | 95,0 % | 5,0 % |
| t = 5τ | 99,3 % | 0,7 % |
| t = ∞ | 100 % | 0 % |
? Verständnisfrage: Welchen Wert hat der Strom durch eine Spule im Moment des Einschaltens (t = 0)? ›
Wie wirkt eine Spule im Wechselstromkreis?
Im Wechselstromkreis offenbart die Spule ihre interessanteste Eigenschaft: Sie wirkt als frequenzabhängiger Widerstand – der sogenannte induktive Blindwiderstand oder Reaktanz XL. Dieser Blindwiderstand ist kein ohmscher Widerstand, der Energie in Wärme umwandelt. Stattdessen nimmt die Spule bei jeder halben Periode Energie auf und gibt sie in der nächsten halben Periode wieder zurück. Netto wird keine Energie verbraucht – daher der Begriff „Blindleistung“.
Stell dir einen Trampolin-Jumper vor: Er gibt Energie an das Trampolin ab (es federt ein), und bekommt sie zurück (es federt aus). Netto hat er keine Energie „verbraucht“ – aber die Bewegung ist komplex und mit der Matratze koordiniert. Genauso pendelt die Energie zwischen Spule und Quelle hin und her.
Der wichtigste Unterschied zum Gleichstromkreis: Im Wechselstromkreis ändert sich der Strom ständig – und genau diese ständige Änderung erzeugt immer eine Gegenspannung in der Spule. Je schneller sich der Strom ändert (hohe Frequenz), desto größer diese Gegenspannung, desto mehr wirkt die Spule als Hindernis für den Strom.
Induktiver Blindwiderstand
- XL
- Induktiver Blindwiderstand [Ω]
- ω
- Kreisfrequenz [rad/s] = 2π · f
- f
- Frequenz [Hz]
- L
- Induktivität [H]
Neben dem Blindwiderstand ist die Phasenverschiebung zwischen Spannung und Strom entscheidend. An einer idealen Spule eilt die Spannung dem Strom um genau 90° (eine Viertelperiode) voraus. Merkhilfe: „UILI“ – bei der Induktivität (I) eilt U vor I (U kommt zuerst, I folgt). Eine andere bekannte Eselsbrücke lautet: „Strom kommt später“ – weil der Strom durch die träge Induktivität verzögert wird.
In der Praxis hat jede reale Spule auch einen ohmschen Wicklungswiderstand RCu. Dann ergibt sich ein komplexer Wechselstromwiderstand (Impedanz):
Impedanz der realen Spule
- Z
- Impedanz (Scheinwiderstand) [Ω]
- R
- Wicklungswiderstand [Ω]
- XL
- Induktiver Blindwiderstand [Ω]
- φ
- Phasenwinkel [°]
? Verständnisfrage: Warum wird eine Spule bei hohen Frequenzen für den Strom zunehmend „undurchlässiger“? ›
Wie werden Spulen in Reihenschaltung und Parallelschaltung kombiniert?
Spulen lassen sich – wie Widerstände – in Reihe oder parallel schalten. Die Regeln für die Berechnung der Gesamtinduktivität ähneln dabei stark den Widerstandsregeln, allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung: Die folgenden Formeln gelten nur dann, wenn die Spulen magnetisch voneinander entkoppelt sind, also kein gemeinsamer magnetischer Fluss zwischen ihnen besteht. Bei magnetisch gekoppelten Spulen (wie im Transformator) kommt die sogenannte Gegeninduktivität M hinzu.
Stell dir vor, du verbindest mehrere Wasserträgheitselemente (Trägheitsrohre) in Reihe: Die Gesamtträgheit addiert sich, denn das Wasser muss durch alle hintereinander. Bei Parallelschaltung hingegen teilt sich die Strömung auf – die Gesamtträgheit sinkt. Exakt dieses Bild gilt für Spulen.
Reihenschaltung – Gesamtinduktivität
Parallelschaltung – Gesamtinduktivität
Werden Spulen hingegen magnetisch gekoppelt betrieben – zum Beispiel auf einem gemeinsamen Kern – muss die Gegeninduktivität M berücksichtigt werden. Je nachdem, ob der gemeinsame Fluss die Induktivität verstärkt (gleichsinnig) oder schwächt (gegensinnig), gilt:
Magnetisch gekoppelte Spulen in Reihe
- M
- Gegeninduktivität [H]
- k
- Kopplungsfaktor (0 … 1); M = k · √(L1 · L2)
? Verständnisfrage: Welche Aussage gilt für die Parallelschaltung zweier Spulen (ohne magnetische Kopplung)? ›
Welche praktischen Bauformen und Anwendungen von Spulen gibt es?
Die Welt der Spulen ist extrem vielseitig. Je nach Anforderung an Induktivitätswert, Strom, Frequenz, Baugröße und Verluste werden grundlegend unterschiedliche Bauformen eingesetzt. Im Folgenden werden die wichtigsten Gruppen vorgestellt.
Luftspulen sind die einfachste Form: Kupferdraht ohne Kern. Sie haben nahezu keine Kernverluste und sind für hohe Frequenzen gut geeignet (Rundfunktechnik, HF-Filter). Ihr Nachteil: Für eine gegebene Induktivität brauchen sie sehr viele Windungen oder sind sehr groß.
Ferritkernspulen verwenden einen gesinterten Keramikkern aus Eisen-Metalloxiden. Ferrit hat sehr geringe Wirbelstromverluste und eignet sich daher ideal für Frequenzen bis in den MHz-Bereich. Man findet Ferritspulen in Schaltnetzteilen, Funkentstörfiltern und Hochfrequenzkreisen.
Eisenkernspulen (Lamellenkerne aus Siliziumstahl) werden bei Netzfrequenz (50 Hz) eingesetzt – in Transformatoren, Relais und Drosseln für die Energietechnik. Die lamellierte Bauweise (dünne Bleche mit Lackisolierung) reduziert die Wirbelstromverluste. Für Gleichstrom-Drosseln wird häufig ein kleiner Luftspalt in den Kern eingebracht, um eine Sättigung bei hohen Gleichströmen zu verhindern.
Ringkernspulen (Toroidspulen) wickeln den Draht ringförmig auf einen geschlossenen Ferrit- oder Eisenpulverkern. Da der magnetische Fluss vollständig im Kern verläuft, gibt es kaum Streufelder – ein großer Vorteil für EMV-empfindliche Anwendungen. Ringkerne werden in Netzfiltern, Audio-Übertrager und Gleichtaktdrosseln verbaut.
Wichtige Anwendungsgebiete von Spulen sind:
- Transformatoren: Zwei magnetisch gekoppelte Spulen auf einem gemeinsamen Kern wandeln Spannung und Strom um.
- Drosseln in Schaltnetzteilen: Die Speicherdrossel glättet den pulsierenden Strom und speichert Energie zwischen den Schaltzeitpunkten.
- LC-Filter (Tiefpass, Hochpass, Bandpass): In Kombination mit Kondensatoren bilden Spulen frequenzselektive Netzwerke.
- Elektromotoren: Die Wicklungen (Spulen) im Stator und Rotor erzeugen das Drehfeld, das den Motor antreibt (→ ÖNORM EN 60034).
- Relais und Schütze: Eine Spule erzeugt das Magnetfeld zum Anziehen des Ankers.
- Schwingkreise: LC-Kreise schwingen bei der Resonanzfrequenz f0 = 1 / (2π · √(L · C)).
? Verständnisfrage: Warum wird bei Leistungsdrosseln für Gleichstrom oft ein Luftspalt in den Eisenkern eingebracht? ›
Abschlusstest
12 Fragen zum gesamten Kursinhalt – viel Erfolg!
1. Welche Einheit hat die Induktivität?
2. Wie ändert sich L, wenn die Windungszahl auf das Dreifache erhöht wird?
3. Was beschreibt die Zeitkonstante τ = L/R?
4. Welche Phasenverschiebung besteht zwischen Spannung und Strom an einer idealen Spule im Wechselstromkreis?
5. Welche Formel beschreibt den induktiven Blindwiderstand?
6. Drei Spulen (20 mH, 30 mH, 50 mH) werden in Reihe geschaltet. Wie groß ist Lges?
7. Warum ist das schlagartige Unterbrechen eines Spulenstroms gefährlich?
8. Was speichert eine Spule, wenn Strom durch sie fließt?
9. Wie groß ist die gespeicherte Energie in einer Spule L = 400 mH bei I = 5 A?
10. Welche Bauform eignet sich am besten für EMV-kritische Anwendungen mit geringen Streufeldern?
11. Welche österreichische Norm gilt für elektrische Maschinen (z.B. Motorwicklungen)?
12. Wie verhält sich eine ideale Spule im stationären Gleichstromkreis (t → ∞)?
Fragen bei mündlicher Prüfung
Typische Prüfungsfragen mit vollständigen Musterantworten – für die optimale Prüfungsvorbereitung.
1Erklären Sie das Prinzip der Selbstinduktion.›
Wenn Strom durch eine Spule fließt, baut sich ein Magnetfeld auf. Ändert sich dieser Strom, ändert sich auch der magnetische Fluss – und nach dem Faradayschen Induktionsgesetz wird in der Spule selbst eine Spannung induziert. Diese Spannung wirkt dem Strom entgegen (Lenzsches Gesetz).
Selbstinduktionsspannung
- Das negative Vorzeichen zeigt: Die induzierte Spannung hemmt die Stromänderung.
- Beim Einschalten: Spule wirkt wie offener Schalter → Strom steigt langsam.
- Beim Ausschalten: Spule treibt den Strom weiter → Spannungsspitze!
Praxisbezug: Selbstinduktion ist die Basis jedes Transformators, jeder Drossel und jedes Elektromotors.
2Welche Parameter bestimmen die Induktivität einer Spule, und wie hängen sie zusammen?›
Die Induktivität einer zylindrischen Spule hängt von vier Faktoren ab:
Induktivitätsformel
- Windungszahl N: quadratischer Einfluss – N verdoppeln → L vervierfacht sich.
- Relative Permeabilität µr: Kernwerkstoff (Luft = 1, Ferrit bis 10.000) – linearer Einfluss.
- Querschnittsfläche A: größerer Kern = mehr Induktivität – linearer Einfluss.
- Spulenlänge l: längere Spule = geringere Induktivität – reziproker Einfluss.
Fazit: Der Konstrukteur hat mehrere Stellschrauben – in der Praxis ist die Wahl des Kernwerkstoffs oft die effektivste Methode, große Induktivitätswerte auf kleinem Bauraum zu erzielen.
3Beschreiben Sie den Einschaltvorgang eines RL-Kreises. Welche Rolle spielt die Zeitkonstante?›
Beim Anlegen einer Gleichspannung an einen RL-Kreis steigt der Strom nicht sofort auf seinen Endwert. Die Spule erzeugt eine Gegenspannung, die den Stromanstieg verzögert.
Stromanstieg
- Nach 1τ: Strom hat 63,2 % von Imax erreicht.
- Nach 5τ: Vorgang gilt als abgeschlossen (99,3 %).
- Großes L oder kleines R → großes τ → langsamer Anstieg.
- Kleines L oder großes R → kleines τ → schneller Anstieg.
Praxisbezug: In Schaltnetzteilen definiert τ, wie schnell der Strom auf Laständerungen reagiert. Zu träge → schlechte Regelung; zu schnell → instabiles Verhalten.
4Was versteht man unter induktivem Blindwiderstand? Warum wird er so bezeichnet?›
Im Wechselstromkreis wirkt eine Spule als frequenzabhängiger Widerstand – der induktive Blindwiderstand XL.
Induktiver Blindwiderstand
- „Blind“ bedeutet: Es wird keine Wirkenergie (Wärme) umgesetzt.
- Die Energie pendelt zwischen Spule und Quelle hin und her → Blindleistung QL.
- XL steigt linear mit der Frequenz → Spulen als Hochfrequenzsperre.
- Phasenverschiebung: Spannung eilt Strom um 90° voraus (φ = +90°).
Praxisbezug: In LC-Tiefpassfiltern sperrt XL hohe Frequenzen und lässt niedrige durch – Grundprinzip der Entstörung in Netzteilen.
5Wie berechnet man die Gesamtinduktivität bei Reihen- und Parallelschaltung?›
Die Regeln für Spulenschaltungen ähneln denen für Widerstände (nicht für Kondensatoren!):
Reihenschaltung
Parallelschaltung
- Bedingung: Keine magnetische Kopplung zwischen den Spulen!
- Bei magnetisch gekoppelten Spulen muss die Gegeninduktivität M berücksichtigt werden.
- Gleichsinnig in Reihe: Lges = L1 + L2 + 2M → größter Wert.
- Gegensinnig in Reihe: Lges = L1 + L2 − 2M → kleinster Wert.
6Erklären Sie den Unterschied zwischen Wirkleistung und Blindleistung bei einer Spule.›
An einer Spule wird Blindleistung (nicht Wirkleistung) umgesetzt:
Blindleistung
Wirkleistung (ideal)
- Wirkleistung P: Wird in Wärme umgewandelt (irreversibel) → nur am ohmschen Widerstand.
- Blindleistung QL: Energie pendelt zwischen Quelle und Spule → kein Nettoverbrauch.
- In der Praxis hat jede Spule RCu ≠ 0 → es entsteht auch etwas Wirkleistung (Verluste).
Praxisbezug: Hohe Blindleistungen belasten das Netz (Kabel, Transformatoren), obwohl keine Energie verbraucht wird. Kompensationsanlagen (Kondensatoren) gleichen induktive Blindleistung aus.
7Welche Schutzmaßnahme verhindert Abschaltspannungsspitzen bei induktiven Lasten? Wie wirkt sie?›
Das häufigste Schutzmittel bei Gleichstrom-Schaltungen ist die Freilaufdiode:
- Einbau: antiparallel zur Spule (Anode an Minus, Kathode an Plus des Betriebszweigs).
- Im Normalbetrieb: Diode sperrt – kein Einfluss auf den Strom.
- Beim Abschalten: Spule treibt Strom weiter → Diode leitet → Strom fließt in einem geschlossenen Kreis (Freilaufkreis) ab → Spannung bleibt auf ca. 0,7 V begrenzt.
- Nachteil: Der Strom klingt relativ langsam ab (τ = L/RCu des Freilaufkreises).
Alternativen:
- Varistor (MOV): begrenzt Spannung auf einen definierten Klemmwert.
- Z-Diode: schnellere Abschaltung, aber höhere Verlustenergie.
- RC-Glied (Snubber): bei Wechselstromschaltungen (Relais, Schütze).
8Worin liegt der Unterschied zwischen einer Luftspule und einer Ferritkernspule?›
Der Kernunterschied liegt in der relativen Permeabilität µr:
Einfluss auf Induktivität
- Luftspule: µr ≈ 1 → geringe Induktivität, viele Windungen nötig, keine Kernverluste, geeignet für sehr hohe Frequenzen (MHz-Bereich).
- Ferritkernspule: µr = 100 … 10.000 → hohe Induktivität bei wenigen Windungen, sehr geringe Wirbelstromverluste (da Ferrit elektrisch isolierend), geeignet bis in den MHz-Bereich.
- Sättigungsgrenze: Ferrit sättigt bei bestimmten Feldstärken → Induktivität bricht ein → daher Luftspalt bei Leistungsdrosseln mit Gleichstromanteil.
Praxisbezug: In Schaltnetzteilen (SMPS) werden fast ausschließlich Ferritkernspulen eingesetzt, weil sie bei 50–500 kHz Schaltfrequenz geringe Verluste und hohe Induktivitätswerte bieten.
9Was versteht man unter Gegeninduktivität und Kopplungsfaktor?›
Wenn zwei Spulen so angeordnet sind, dass ihr Magnetfeld teilweise denselben Raum durchdringt, beeinflussen sie sich gegenseitig.
Gegeninduktivität
Kopplungsfaktor
- k = 0: keine Kopplung (Spulen weit voneinander entfernt).
- k = 1: ideale Kopplung (alle Feldlinien durchdringen beide Spulen) → Transformator.
- Gegeninduktivität kann Lges erhöhen (gleichsinnig) oder verringern (gegensinnig).
Praxisbezug: Der Transformator basiert auf M → Energie wird über das gemeinsame Magnetfeld von Primär- zu Sekundärwicklung übertragen, ohne galvanische Verbindung.
Formelsammlung
Glossar
- Induktivität (L) – Maß für die Fähigkeit einer Spule, Energie im Magnetfeld zu speichern und Stromänderungen entgegenzuwirken. Einheit: Henry [H].
- Selbstinduktion – Phänomen, bei dem eine Spule durch Änderung des eigenen Stroms eine Gegenspannung in sich selbst induziert.
- Selbstinduktionsspannung (uL) – Spannung, die eine Spule bei einer Stromänderung selbst erzeugt. Berechnung: uL = −L · di/dt. Das negative Vorzeichen (Lenzsches Gesetz) zeigt, dass sie der Ursache entgegenwirkt.
- Zeitkonstante (τ) – Charakteristische Zeit für das Einschwingen eines RL-Kreises: τ = L/R. Nach 1τ sind 63,2 % des Endwertes erreicht.
- Induktiver Blindwiderstand (XL) – Frequenzabhängiger Widerstand einer Spule im Wechselstromkreis: XL = 2π·f·L. Einheit: Ohm [Ω].
- Impedanz (Z) – Komplexer Gesamtwiderstand einer realen Spule: Z = √(R² + XL²). Einheit: Ohm [Ω].
- Phasenverschiebung (φ) – Zeitlicher Versatz zwischen Strom und Spannung. Bei idealer Spule: φ = +90° (Spannung voreilend).
- Blindleistung (QL) – Energie, die zwischen Spule und Quelle hin- und herpendelt, ohne verbraucht zu werden. Einheit: Var [var].
- Gegeninduktivität (M) – Maß für die magnetische Kopplung zwischen zwei Spulen. Einheit: Henry [H].
- Kopplungsfaktor (k) – Dimensionslose Zahl zwischen 0 und 1; gibt an, welcher Anteil des Magnetflusses einer Spule die andere durchsetzt.
- Relative Permeabilität (µr) – Materialkonstante, die angibt, wie gut ein Werkstoff magnetischen Fluss leitet im Vergleich zu Vakuum (µr,Luft ≈ 1).
- Ferrit – Keramischer Werkstoff aus Metalloxiden mit hoher Permeabilität und geringen Wirbelstromverlusten. Einsatz in Hochfrequenzspulen.
- Freilaufdiode – Diode, die antiparallel zu einer induktiven Last geschaltet wird, um beim Abschalten Spannungsspitzen zu begrenzen.
- Sättigung (magnetisch) – Zustand, in dem der Kern eines Magneten keine weitere Magnetisierung aufnehmen kann; die Induktivität bricht ein.
- Ringkern (Toroid) – Ringförmiger Kern, der den magnetischen Fluss vollständig im Inneren führt und damit Streufelder minimiert.
- Wirbelstrom – Strom, der in einem elektrisch leitenden Kern durch wechselnde Magnetfelder induziert wird und Verluste erzeugt.
- Resonanzfrequenz (f0) – Frequenz, bei der induktiver und kapazitiver Blindwiderstand eines LC-Kreises gleich groß sind: f0 = 1/(2π·√(LC)).
- Drossel – Spule, die in Stromversorgungsschaltungen eingesetzt wird, um Ströme zu glätten oder zu begrenzen.
- Snubber – RC-Schutzbeschaltung, die Spannungsspitzen an induktiven Lasten in Wechselstromkreisen begrenzt.
Stand & Quellen
- ÖVE/ÖNORM EN 60034 – Umlaufende elektrische Maschinen (Erwärmung, Isolationsklassen, Prüfung)
- ÖNORM EN IEC 61131 – Speicherprogrammierbare Steuerungen (Spulen in SPS-Applikationen)
- ESV 2012 – Elektroschutzverordnung (Schutzmaßnahmen bei induktiven Anlagen, Lichtbogengefahr)
- Harriehausen / Schwarzenau: Moeller Grundlagen der Elektrotechnik, Europa-Lehrmittel
- Zastrow: Elektrotechnik – Ein Grundlagenlehrbuch, Springer Vieweg
- Frohne / Moeller: Grundlagen der Elektrotechnik, Teubner
