Spulen – Mechatronik Lernportal

Spulen

Spulen sind weit mehr als aufgewickelter Draht – sie sind die Grundlage für Transformatoren, Motoren, Filter und nahezu jede Art von elektromagnetischer Wandlung. In diesem Kurs lernst du, wie eine Spule Energie im Magnetfeld speichert, wie sie auf Wechselstrom reagiert und wie du Induktivitäten richtig berechnest und in Schaltungen einsetzt. Mit interaktiven Visualisierungen, Rechenaufgaben und einem vollständigen Abschlusstest bist du bestens auf Prüfungen und die Praxis vorbereitet.

Was ist eine Spule und wie ist sie aufgebaut?

Eine Spule – in der Fachsprache auch Induktivität oder Drossel genannt – ist ein passives elektrisches Bauelement, das aus einem oder mehreren Windungen eines elektrisch leitenden Drahtes besteht. In ihrer einfachsten Form ist sie nichts anderes als ein Stück Kupferdraht, das spiralförmig um einen Kern gewickelt ist. Doch trotz dieser scheinbaren Schlichtheit zählt die Spule neben dem Widerstand und dem Kondensator zu den drei grundlegenden passiven Bauelementen der Elektrotechnik.

Stell dir eine Spule wie einen aufgezogenen Federmechanismus vor: Wenn du Strom hineinjagst, lädt sie sich auf – allerdings nicht mit elektrischer Ladung wie ein Kondensator, sondern mit einem Magnetfeld. Dieses Magnetfeld ist der Energiespeicher. Sobald der Strom aufhört zu fließen, gibt die Spule diese gespeicherte Energie wieder ab – ähnlich wie eine gespannte Feder, die losgelassen wird. Genau diese Eigenschaft macht Spulen so nützlich und gleichzeitig so interessant.

Der Aufbau einer Spule ist im Prinzip simpel, in der Praxis aber vielfältig. Im Kern besteht jede Spule aus:

  • Wicklung (Wickeldraht): Meist Kupferdraht mit einer Lackisolierung (sogenannter Kupferlackdraht). Der Draht wird so gewickelt, dass die Windungen eng aneinanderliegen und möglichst wenig Widerstand erzeugen.
  • Kern: Dieser kann aus Luft (Luftspule), aus Eisenpulver, Ferrit oder Silizium-Eisenblech bestehen. Der Kernwerkstoff hat enormen Einfluss auf die Induktivität und die Verluste.
  • Spulenkörper (Träger): Meist aus Kunststoff oder Keramik – er gibt der Wicklung Halt und definiert die Geometrie.

Das Schaltzeichen einer Spule zeigt mehrere ineinandergreifende Bögen oder Windungslinien – oft mit einem Strich darunter, wenn ein Kern vorhanden ist. In Schaltplänen wird die Spule mit dem Buchstaben L bezeichnet, die Induktivität wird in der Einheit Henry (H) gemessen. Im Alltag begegnest du Spulen in Netzteilen, Radio- und Fernsehgeräten, in den Zündspulen deines Autos, in Lautsprecherweichen und in unzähligen industriellen Steuerungsanlagen.

Wichtig für das Verständnis: Eine ideale Spule hat keinen ohmschen Widerstand und keine Kapazität. In der Praxis besitzt jede reale Spule jedoch einen kleinen Wicklungswiderstand (oft als RCu bezeichnet) sowie parasitäre Kapazitäten zwischen den Windungen. Diese Nichtidealitäten spielen bei Hochfrequenzanwendungen eine entscheidende Rolle, bei Netzfrequenz (50 Hz) können sie in den meisten Fällen vernachlässigt werden.

Merke Das Schaltsymbol der Spule: mehrere Halbkreisbögen nebeneinander. Mit Kern (Ferrit, Eisen): zusätzliche Linie(n) über oder unter den Bögen. Kurzzeichen: L, Einheit: Henry [H].
Aufbau und Schaltzeichen einer Spule
Schaltzeichen Luftspule L kein Kern Schaltzeichen Eisenkernspule Eisenkern Querschnitt Kern Wicklung (Kupfer) A1 A2 Kupferdraht Kern (z.B. Ferrit)
? Verständnisfrage: Welche Aussage über das Schaltzeichen einer Spule mit Eisenkern ist korrekt?
Die Halbkreisbögen entfallen, wenn ein Eisenkern eingebaut ist.
Beim Eisenkern werden die Bögen durch zusätzliche Linien ergänzt.
Der Buchstabe L wird durch Fe (Eisen) ersetzt.
Der Widerstand der Wicklung wird im Schaltzeichen direkt eingezeichnet.
? Verständnisfrage: Wie speichert eine Spule Energie?
Als elektrische Ladung auf leitenden Platten, wie beim Kondensator.
Als Wärme im Wicklungsdraht.
Als Energie im Magnetfeld, das durch den Strom erzeugt wird.
Als mechanische Spannung im Wicklungskörper.

Wie entsteht Induktivität und was bestimmt ihren Wert?

Die Induktivität L einer Spule ist die physikalische Größe, die beschreibt, wie stark eine Spule auf eine Stromänderung reagiert. Genauer: Sie gibt an, welche Spannung eine Spule selbst erzeugt, wenn der Strom durch sie sich ändert. Dieses Phänomen nennt man Selbstinduktion. Es basiert auf einem fundamentalen Gesetz der Physik: Ein bewegter elektrischer Ladungsträger (also ein Strom) erzeugt immer ein Magnetfeld, und ein sich änderndes Magnetfeld erzeugt immer eine elektrische Spannung (Faradaysches Induktionsgesetz).

Stell dir vor, du kneifst einen Schlauch, durch den Wasser strömt: Das Wasser (Strom) will weiterfließen und erzeugt dabei Druck (Spannung). Ähnlich verhält sich eine Spule: Wenn der Strom zunehmen will, erzeugt sie eine Gegenspannung, die das verzögert – und wenn der Strom abnehmen soll, treibt sie ihn weiter. Diese Eigenschaft heißt elektrische Trägheit und ist das elektrotechnische Analogon zur Massenträgheit in der Mechanik.

Selbstinduktionsspannung

uL = −L · (di/dt)
uL
Selbstinduktionsspannung [V] – negatives Vorzeichen: Gegenspannung (Lenzsches Gesetz)
L
Induktivität [H]
di/dt
Stromänderungsgeschwindigkeit [A/s]
Hinweis Das negative Vorzeichen (Lenzsches Gesetz) bedeutet: Die induzierte Spannung wirkt ihrer Ursache entgegen. Steigt der Strom → entsteht eine Gegenspannung, die ihn bremst. Sinkt der Strom → treibt die Spannung ihn weiter. In vielen Lehrbüchern wird die Gleichung auch als Betrag |uL| = L · |di/dt| geschrieben, wenn nur der Größenwert der Spannung gefragt ist.

Der Wert der Induktivität hängt von mehreren geometrischen und materialbedingten Faktoren ab. Für eine zylindrische Spule (Solenoid) gilt die folgende Näherungsformel:

Induktivität einer Zylinderspule

L = µ0 · µr · (N² · A) / l
L
Induktivität [H]
µ0
Magnetische Feldkonstante = 4π · 10−7 H/m
µr
Relative Permeabilität des Kernwerkstoffs (Luft ≈ 1; Ferrit: 100–10.000)
N
Windungszahl [1]
A
Querschnittsfläche des Kerns [m²]
l
Länge der Spule [m]

Diese Formel zeigt klar, welche Stellschrauben der Konstrukteur hat:

  • Windungszahl N: Die Induktivität steigt mit dem Quadrat der Windungszahl. Doppelte Windungszahl bedeutet vierfache Induktivität!
  • Kernmaterial µr: Ein Ferritkern mit µr = 2.000 liefert bei gleicher Geometrie eine 2.000-mal größere Induktivität als Luft. Das ermöglicht sehr kompakte Bauformen.
  • Querschnittsfläche A: Größerer Kernquerschnitt → mehr Induktivität. Deswegen haben Leistungsdrosseln oft dicke, breite Kerne.
  • Spulenlänge l: Längere Spulen bei gleicher Windungszahl haben eine kleinere Induktivität, weil das Magnetfeld „verdünnter“ ist.

Besonders bedeutsam ist die gespeicherte Energie in einer Spule. Wenn Strom fließt, ist im Magnetfeld die Energie W gespeichert:

Gespeicherte magnetische Energie

W = ½ · L · I²
W
Gespeicherte Energie [J = Ws]
L
Induktivität [H]
I
Strom durch die Spule [A]

Diese Formel ist der elektromagnetische Zwilling von W = ½ · m · v² aus der Mechanik: Dort steht die Masse m für die Trägheit, hier die Induktivität L; dort die Geschwindigkeit v, hier der Strom I. Der Vergleich macht deutlich, warum eine große Induktivität mit hohem Strom eine enorme gespeicherte Energie bedeuten kann – und warum das plötzliche Unterbrechen eines solchen Stroms zu gefährlichen Spannungsspitzen führt!

Vorsicht Einen fließenden Induktivitätsstrom niemals schlagartig unterbrechen! Da uL = L · (di/dt) gilt: Ein sehr kleines dt (schnelle Unterbrechung) kann eine sehr große Spannung erzeugen – weit über die Betriebsspannung hinaus. Diese Abschaltspannungsspitze kann Transistoren, Relais und andere Bauelemente zerstören. Abhilfe: Freilaufdioden oder Varistoren parallel zur Spule schalten.
Einflussfaktoren auf die Induktivität L
L ∝ N² (Windungszahl) N (Windungszahl) L [H] 0 N 2N 3N L 4L 2N → 4L Relative Permeabilität µr Werkstoff µr (ca.) Luft / Vakuum 1 Aluminium ≈ 1 Ferrit (weich) 100 – 10.000 Siliziumeisen 1.000 – 5.000 Mu-Metall bis 100.000 Kobalt-Eisen bis 18.000
Induktivitäts-Rechner (Zylinderspule)
Wdg.
cm²
cm
Induktivität L µH / mH
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Beispiele & Rechenaufgaben – Induktivität 2 Beispiele · 5 Aufgaben
Beispiel 1
Eine Zylinderspule hat N = 200 Windungen, eine Querschnittsfläche A = 2 cm² = 2 · 10−4 m², eine Länge l = 20 cm = 0,2 m und einen Ferritkern mit µr = 500. Wie groß ist die Induktivität?
Lösung
µ0 = 4π · 10−7 H/m ≈ 1,257 · 10−6 H/m
L = µ0 · µr · N² · A / l
L = 1,257 · 10−6 · 500 · 200² · 2 · 10−4 / 0,2
L = 1,257 · 10−6 · 500 · 40.000 · 2 · 10−4 / 0,2
L = 1,257 · 10−6 · 4.000.000 · 10−4
L ≈ 25,1 mH
Beispiel 2
Welche Selbstinduktionsspannung entsteht an einer Spule mit L = 50 mH, wenn der Strom innerhalb von 2 ms von 0 A auf 4 A ansteigt?
Lösung
di = 4 A – 0 A = 4 A
dt = 2 ms = 0,002 s
di/dt = 4 / 0,002 = 2.000 A/s
uL = L · (di/dt) = 0,05 H · 2.000 A/s
uL = 100 V
Aufgabe 1
Eine Luftspule (µr = 1) hat N = 500 Windungen, A = 1 cm² und l = 25 cm. Berechne L in µH.
Lösung
L = 4π · 10−7 · 1 · 500² · 1 · 10−4 / 0,25
L = 1,257 · 10−6 · 250.000 · 4 · 10−4
L ≈ 125,7 µH ≈ 126 µH
Aufgabe 2
Die Windungszahl einer Spule wird verdreifacht. Um welchen Faktor ändert sich die Induktivität?
Lösung
L ∝ N² → Faktor = 3² = 9
Die Induktivität steigt auf das 9-Fache.
Aufgabe 3
An einer Spule mit L = 200 mH fließt ein Gleichstrom von I = 3 A. Wie viel Energie ist im Magnetfeld gespeichert?
Lösung
W = ½ · L · I² = 0,5 · 0,2 · 3²
W = 0,9 J
Aufgabe 4
Welche Selbstinduktionsspannung entsteht an einer Spule L = 100 mH, wenn der Strom in 0,5 ms von 2 A auf 0 A fällt?
Lösung
di = 0 – 2 = −2 A; dt = 0,5 ms = 0,0005 s
di/dt = −2 / 0,0005 = −4.000 A/s
|uL| = 0,1 · 4.000
|uL| = 400 V (Gegenspannung beim Abschalten!)
Aufgabe 5
Ein Ferritkern mit µr = 1.000 ersetzt den Luftkern (µr = 1) in einer Spule. Die geometrischen Abmessungen bleiben gleich. Wie ändert sich L?
Lösung
L ∝ µr → Faktor = 1.000
L steigt auf das 1.000-Fache des Luftkern-Wertes.
? Verständnisfrage: Was passiert mit der Induktivität, wenn man die Windungszahl verdoppelt?
Sie verdoppelt sich (Faktor 2).
Sie vervierfacht sich (Faktor 4).
Sie verachtfacht sich (Faktor 8).
Sie bleibt unverändert.

Wie verhält sich eine Spule beim Ein- und Ausschalten?

Das Verhalten einer Spule im Gleichstromkreis beim Einschalten ist eines der wichtigsten Konzepte der Elektrotechnik – und zugleich eines der am häufigsten falsch verstandenen. Viele Lernende glauben, beim Einschalten springe der Strom sofort auf seinen Endwert. Das stimmt aber nur für rein ohmsche Widerstände. Eine Spule verändert das Geschehen grundlegend.

Beim Einschalten: Im Moment t = 0, wenn die Spannung angelegt wird, verhält sich die Spule wie ein offener Schalter – der Strom ist null. Erst langsam baut sich der Strom auf, weil die Spule ihrer eigenen Stromänderung mit einer Gegenspannung entgegenwirkt. Im eingeschwungenen Zustand (t → ∞) ist die Spannung an der Spule null (uL = L · di/dt = 0, weil der Strom konstant ist) und der Strom hat seinen Maximalwert Imax = U / R erreicht – die Spule wirkt jetzt wie ein einfacher Draht.

Beim Ausschalten: Im Moment des Abschaltens will die Spule ihren Strom weiter aufrechterhalten. Sie tut dies durch die gespeicherte Energie im Magnetfeld und erzeugt dabei eine Spannung, die im schlimmsten Fall ein Vielfaches der Versorgungsspannung betragen kann. Diese Abschaltspannungsspitze ist in der Praxis gefährlich und muss durch geeignete Schutzmaßnahmen beherrscht werden.

Die mathematische Beschreibung dieses Einschwingvorgangs folgt einer Exponentialfunktion. Für eine Reihenschaltung aus Spule L und Widerstand R gilt beim Einschalten:

Stromanstieg beim Einschalten (RL-Glied)

i(t) = Imax · (1 − e−t/τ)
uL(t) = U0 · e−t/τ
τ = L / R
i(t)
Momentanwert des Stroms zum Zeitpunkt t [A]
Imax
Endwert des Stroms = U0 / R [A]
τ
Zeitkonstante des RL-Glieds [s]
L
Induktivität [H]
R
Reihenwiderstand [Ω]
U0
Speisespannung [V]

Die Zeitkonstante τ (gesprochen: „Tau“) ist das Herzstück des Einschwingverhaltens. Nach einer Zeitkonstante hat der Strom bereits 63,2 % seines Endwertes erreicht. Nach fünf Zeitkonstanten (5τ) gilt der Vorgang als praktisch abgeschlossen – der Strom hat 99,3 % seines Endwertes erreicht. Stell dir das wie das Auffüllen eines Eimers vor, der unten ein Loch hat: Je größer das Loch (hoher Widerstand R), desto schneller läuft er voll. Je größer der Eimer (hohe Induktivität L), desto länger dauert es.

Zeiti(t) / ImaxuL(t) / U0
t = 00 %100 %
t = 1τ63,2 %36,8 %
t = 2τ86,5 %13,5 %
t = 3τ95,0 %5,0 %
t = 5τ99,3 %0,7 %
t = ∞100 %0 %
Animierter Ein- und Ausschaltvorgang am RL-Glied
Blau = Strom i(t) | Orange = Spannung uL(t)
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Beispiele & Rechenaufgaben – Ein-/Ausschaltvorgang 2 Beispiele · 5 Aufgaben
Beispiel 1
Ein RL-Kreis hat L = 0,5 H und R = 100 Ω, U0 = 24 V. Berechne die Zeitkonstante τ und den Strom nach t = 1τ.
Lösung
τ = L / R = 0,5 / 100 = 5 ms
Imax = U0 / R = 24 / 100 = 240 mA
i(1τ) = Imax · (1 − e−1) = 240 · 0,632
i(1τ) ≈ 151,7 mA
Beispiel 2
Nach welcher Zeit hat der Strom in einem RL-Kreis mit τ = 10 ms seinen Endwert zu 95 % erreicht?
Lösung
95 % entspricht ca. t = 3τ (laut Tabelle)
t = 3 · 10 ms = 30 ms
Aufgabe 1
R = 47 Ω, L = 100 mH, U0 = 12 V. Berechne τ, Imax und i nach t = 2τ.
Lösung
τ = L/R = 0,1/47 ≈ 2,13 ms
Imax = 12/47 ≈ 255,3 mA
i(2τ) = 255,3 · (1−e−2) = 255,3 · 0,865
i(2τ) ≈ 220,8 mA
Aufgabe 2
Welchen Widerstand muss man einem RL-Kreis mit L = 20 mH geben, damit τ = 1 ms beträgt?
Lösung
τ = L/R → R = L/τ = 0,02/0,001
R = 20 Ω
Aufgabe 3
Ein RL-Kreis mit τ = 5 ms und Imax = 400 mA. Wie groß ist der Strom nach t = 3 ms?
Lösung
i(3 ms) = 400 · (1 − e−3/5) = 400 · (1 − e−0,6)
e−0,6 ≈ 0,549 → 1 − 0,549 = 0,451
i ≈ 180,4 mA
Aufgabe 4
Wieso ist es gefährlich, den Strom durch eine Spule mit L = 2 H und I = 5 A innerhalb von 1 µs zu unterbrechen? Berechne die entstehende Spannung.
Lösung
di = 5 A, dt = 1 µs = 10−6 s
uL = L · di/dt = 2 · 5/10−6
uL = 10.000.000 V = 10 MV (!) → Lichtbogen/Geräteschaden
Aufgabe 5
Ein RL-Glied: R = 200 Ω, L = 1 H, U0 = 50 V. Nach welcher Zeit beträgt die Spannung uL noch 10 V?
Lösung
uL(t) = U0 · e−t/τ → 10 = 50 · e−t/τ
e−t/τ = 0,2 → −t/τ = ln(0,2) ≈ −1,609
τ = L/R = 1/200 = 5 ms
t = 1,609 · 5 ms
t ≈ 8,05 ms
? Verständnisfrage: Welchen Wert hat der Strom durch eine Spule im Moment des Einschaltens (t = 0)?
Imax = U / R
Imax · (1 − 1/e) ≈ 63,2 % von Imax
i(0) = 0 A
I → ∞

Wie wirkt eine Spule im Wechselstromkreis?

Im Wechselstromkreis offenbart die Spule ihre interessanteste Eigenschaft: Sie wirkt als frequenzabhängiger Widerstand – der sogenannte induktive Blindwiderstand oder Reaktanz XL. Dieser Blindwiderstand ist kein ohmscher Widerstand, der Energie in Wärme umwandelt. Stattdessen nimmt die Spule bei jeder halben Periode Energie auf und gibt sie in der nächsten halben Periode wieder zurück. Netto wird keine Energie verbraucht – daher der Begriff „Blindleistung“.

Stell dir einen Trampolin-Jumper vor: Er gibt Energie an das Trampolin ab (es federt ein), und bekommt sie zurück (es federt aus). Netto hat er keine Energie „verbraucht“ – aber die Bewegung ist komplex und mit der Matratze koordiniert. Genauso pendelt die Energie zwischen Spule und Quelle hin und her.

Der wichtigste Unterschied zum Gleichstromkreis: Im Wechselstromkreis ändert sich der Strom ständig – und genau diese ständige Änderung erzeugt immer eine Gegenspannung in der Spule. Je schneller sich der Strom ändert (hohe Frequenz), desto größer diese Gegenspannung, desto mehr wirkt die Spule als Hindernis für den Strom.

Induktiver Blindwiderstand

XL = ω · L = 2π · f · L
XL
Induktiver Blindwiderstand [Ω]
ω
Kreisfrequenz [rad/s] = 2π · f
f
Frequenz [Hz]
L
Induktivität [H]

Neben dem Blindwiderstand ist die Phasenverschiebung zwischen Spannung und Strom entscheidend. An einer idealen Spule eilt die Spannung dem Strom um genau 90° (eine Viertelperiode) voraus. Merkhilfe: „UILI“ – bei der Induktivität (I) eilt U vor I (U kommt zuerst, I folgt). Eine andere bekannte Eselsbrücke lautet: „Strom kommt später“ – weil der Strom durch die träge Induktivität verzögert wird.

Merke Phasenverschiebung bei idealer Spule: Spannung eilt dem Strom um 90° voraus (φ = +90°). Bei rein ohmschem Widerstand: φ = 0°. Bei rein kapazitivem Widerstand: Strom eilt Spannung um 90° voraus (φ = −90°).

In der Praxis hat jede reale Spule auch einen ohmschen Wicklungswiderstand RCu. Dann ergibt sich ein komplexer Wechselstromwiderstand (Impedanz):

Impedanz der realen Spule

Z = √(R² + XL²)
φ = arctan(XL / R)
Z
Impedanz (Scheinwiderstand) [Ω]
R
Wicklungswiderstand [Ω]
XL
Induktiver Blindwiderstand [Ω]
φ
Phasenwinkel [°]
Phasendiagramm und Frequenzabhängigkeit von XL
Zeigerdiagramm (reale Spule) Re Im I UR UL U (= Z·I) φ Strom I (Referenz) Spannung U (voreilend) XL über Frequenz f f [Hz] XL [Ω] 0 50 100 150 X₁ 2X₁ 3X₁ XL = 2π·f·L (linear)
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Beispiele & Rechenaufgaben – Wechselstromkreis 2 Beispiele · 5 Aufgaben
Beispiel 1
Eine Spule mit L = 100 mH liegt an 230 V / 50 Hz. Berechne XL und den Strom I.
Lösung
XL = 2π · 50 · 0,1 = 31,42 Ω
I = U / XL = 230 / 31,42
I ≈ 7,32 A
Beispiel 2
Eine reale Spule mit R = 10 Ω und L = 50 mH liegt an 100 V / 50 Hz. Berechne Z, I und den Phasenwinkel φ.
Lösung
XL = 2π · 50 · 0,05 = 15,71 Ω
Z = √(10² + 15,71²) = √(100 + 246,8) = √346,8 ≈ 18,62 Ω
I = U / Z = 100 / 18,62 ≈ 5,37 A
φ = arctan(15,71 / 10) = arctan(1,571) ≈ 57,5°
Z ≈ 18,62 Ω; I ≈ 5,37 A; φ ≈ 57,5°
Aufgabe 1
L = 200 mH, f = 50 Hz. Berechne XL.
Lösung
XL = 2π · 50 · 0,2
XL ≈ 62,83 Ω
Aufgabe 2
Eine Spule hat XL = 100 Ω bei 50 Hz. Welchen Wert hat L?
Lösung
L = XL / (2π · f) = 100 / (2π · 50)
L ≈ 318,3 mH
Aufgabe 3
Reale Spule: R = 20 Ω, L = 80 mH, f = 100 Hz. Berechne Z und φ.
Lösung
XL = 2π · 100 · 0,08 = 50,27 Ω
Z = √(20² + 50,27²) = √(400 + 2.527) ≈ √2.927 ≈ 54,1 Ω
φ = arctan(50,27/20) ≈ arctan(2,514) ≈ 68,3°
Z ≈ 54,1 Ω; φ ≈ 68,3°
Aufgabe 4
Eine Spule (L = 500 mH, ideal) liegt an U = 230 V. Bei welcher Frequenz fließt I = 1 A?
Lösung
XL = U / I = 230 / 1 = 230 Ω
f = XL / (2π · L) = 230 / (2π · 0,5)
f ≈ 73,2 Hz
Aufgabe 5
Was passiert mit XL, wenn die Frequenz von 50 Hz auf 200 Hz erhöht wird? (Berechne den Faktor.)
Lösung
XL ∝ f → Faktor = 200 / 50 = 4
XL vervierfacht sich.
? Verständnisfrage: Warum wird eine Spule bei hohen Frequenzen für den Strom zunehmend „undurchlässiger“?
Weil der ohmsche Widerstand mit der Frequenz zunimmt.
Weil XL = 2π · f · L mit steigender Frequenz zunimmt und so den Strom begrenzt.
Weil der Kern bei hohen Frequenzen in Sättigung gerät.
Weil der kapazitive Blindwiderstand mit der Frequenz sinkt.

Wie werden Spulen in Reihenschaltung und Parallelschaltung kombiniert?

Spulen lassen sich – wie Widerstände – in Reihe oder parallel schalten. Die Regeln für die Berechnung der Gesamtinduktivität ähneln dabei stark den Widerstandsregeln, allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung: Die folgenden Formeln gelten nur dann, wenn die Spulen magnetisch voneinander entkoppelt sind, also kein gemeinsamer magnetischer Fluss zwischen ihnen besteht. Bei magnetisch gekoppelten Spulen (wie im Transformator) kommt die sogenannte Gegeninduktivität M hinzu.

Stell dir vor, du verbindest mehrere Wasserträgheitselemente (Trägheitsrohre) in Reihe: Die Gesamtträgheit addiert sich, denn das Wasser muss durch alle hintereinander. Bei Parallelschaltung hingegen teilt sich die Strömung auf – die Gesamtträgheit sinkt. Exakt dieses Bild gilt für Spulen.

Reihenschaltung – Gesamtinduktivität

Lges = L1 + L2 + L3 + …

Parallelschaltung – Gesamtinduktivität

1/Lges = 1/L1 + 1/L2 + 1/L3 + …
Lges (2 Spulen) = (L1 · L2) / (L1 + L2)

Werden Spulen hingegen magnetisch gekoppelt betrieben – zum Beispiel auf einem gemeinsamen Kern – muss die Gegeninduktivität M berücksichtigt werden. Je nachdem, ob der gemeinsame Fluss die Induktivität verstärkt (gleichsinnig) oder schwächt (gegensinnig), gilt:

Magnetisch gekoppelte Spulen in Reihe

Lges = L1 + L2 + 2M (gleichsinnig)
Lges = L1 + L2 − 2M (gegensinnig)
M
Gegeninduktivität [H]
k
Kopplungsfaktor (0 … 1); M = k · √(L1 · L2)
Reihen- und Parallelschaltung von Spulen (unkoppelt)
Reihenschaltung L₁ L₂ L₃ Lges = L₁ + L₂ + L₃ Parallelschaltung L₁ L₂ L₃ 1/Lges = 1/L₁ + 1/L₂ + 1/L₃
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Beispiele & Rechenaufgaben – Schaltungen 2 Beispiele · 5 Aufgaben
Beispiel 1
Drei Spulen (L1 = 10 mH, L2 = 20 mH, L3 = 30 mH) in Reihenschaltung. Lges = ?
Lösung
Lges = 10 + 20 + 30
Lges = 60 mH
Beispiel 2
Zwei Spulen (L1 = 40 mH, L2 = 60 mH) in Parallelschaltung. Lges = ?
Lösung
Lges = (L1 · L2) / (L1 + L2) = (40 · 60) / (40 + 60) = 2.400 / 100
Lges = 24 mH
Aufgabe 1
L1 = 15 mH, L2 = 25 mH, L3 = 10 mH, Reihenschaltung. Lges = ?
Lösung
Lges = 50 mH
Aufgabe 2
Drei gleiche Spulen L = 30 mH in Parallelschaltung. Lges = ?
Lösung
1/Lges = 3 · (1/30) = 3/30 = 1/10
Lges = 10 mH
Aufgabe 3
Zwei magnetisch gekoppelte Spulen L1 = L2 = 50 mH mit Kopplungsfaktor k = 0,8 – gleichsinnig in Reihe. Lges = ?
Lösung
M = k · √(L1 · L2) = 0,8 · √(50 · 50) = 0,8 · 50 = 40 mH
Lges = L1 + L2 + 2M = 50 + 50 + 80
Lges = 180 mH
Aufgabe 4
Wie groß muss eine zweite Spule L2 sein, damit L1 = 100 mH parallel mit L2 eine Gesamtinduktivität von 25 mH ergibt?
Lösung
1/Lges = 1/L1 + 1/L2 → 1/25 = 1/100 + 1/L2
1/L2 = 4/100 − 1/100 = 3/100
L2 = 100/3 ≈ 33,3 mH
Aufgabe 5
L1 = 60 mH, L2 = 40 mH, gegensinnig gekoppelt (k = 0,5). Lges = ?
Lösung
M = 0,5 · √(60 · 40) = 0,5 · √2.400 = 0,5 · 48,99 ≈ 24,5 mH
Lges = 60 + 40 − 2 · 24,5 = 100 − 49
Lges ≈ 51 mH
? Verständnisfrage: Welche Aussage gilt für die Parallelschaltung zweier Spulen (ohne magnetische Kopplung)?
Lges ist die Summe aller Einzelinduktivitäten.
Lges ist der Durchschnitt der Einzelwerte.
Lges ist kleiner als die kleinste Einzelinduktivität.
Lges berechnet sich gleich wie bei Kondensatoren in Parallelschaltung.

Welche praktischen Bauformen und Anwendungen von Spulen gibt es?

Die Welt der Spulen ist extrem vielseitig. Je nach Anforderung an Induktivitätswert, Strom, Frequenz, Baugröße und Verluste werden grundlegend unterschiedliche Bauformen eingesetzt. Im Folgenden werden die wichtigsten Gruppen vorgestellt.

Luftspulen sind die einfachste Form: Kupferdraht ohne Kern. Sie haben nahezu keine Kernverluste und sind für hohe Frequenzen gut geeignet (Rundfunktechnik, HF-Filter). Ihr Nachteil: Für eine gegebene Induktivität brauchen sie sehr viele Windungen oder sind sehr groß.

Ferritkernspulen verwenden einen gesinterten Keramikkern aus Eisen-Metalloxiden. Ferrit hat sehr geringe Wirbelstromverluste und eignet sich daher ideal für Frequenzen bis in den MHz-Bereich. Man findet Ferritspulen in Schaltnetzteilen, Funkentstörfiltern und Hochfrequenzkreisen.

Eisenkernspulen (Lamellenkerne aus Siliziumstahl) werden bei Netzfrequenz (50 Hz) eingesetzt – in Transformatoren, Relais und Drosseln für die Energietechnik. Die lamellierte Bauweise (dünne Bleche mit Lackisolierung) reduziert die Wirbelstromverluste. Für Gleichstrom-Drosseln wird häufig ein kleiner Luftspalt in den Kern eingebracht, um eine Sättigung bei hohen Gleichströmen zu verhindern.

Ringkernspulen (Toroidspulen) wickeln den Draht ringförmig auf einen geschlossenen Ferrit- oder Eisenpulverkern. Da der magnetische Fluss vollständig im Kern verläuft, gibt es kaum Streufelder – ein großer Vorteil für EMV-empfindliche Anwendungen. Ringkerne werden in Netzfiltern, Audio-Übertrager und Gleichtaktdrosseln verbaut.

Wichtige Anwendungsgebiete von Spulen sind:

  • Transformatoren: Zwei magnetisch gekoppelte Spulen auf einem gemeinsamen Kern wandeln Spannung und Strom um.
  • Drosseln in Schaltnetzteilen: Die Speicherdrossel glättet den pulsierenden Strom und speichert Energie zwischen den Schaltzeitpunkten.
  • LC-Filter (Tiefpass, Hochpass, Bandpass): In Kombination mit Kondensatoren bilden Spulen frequenzselektive Netzwerke.
  • Elektromotoren: Die Wicklungen (Spulen) im Stator und Rotor erzeugen das Drehfeld, das den Motor antreibt (→ ÖNORM EN 60034).
  • Relais und Schütze: Eine Spule erzeugt das Magnetfeld zum Anziehen des Ankers.
  • Schwingkreise: LC-Kreise schwingen bei der Resonanzfrequenz f0 = 1 / (2π · √(L · C)).
Norm Elektrische Maschinen (Motoren, Generatoren) und deren Wicklungen (Spulen im Stator/Rotor) unterliegen in Österreich der ÖVE/ÖNORM EN 60034. Sie regelt Grenzwerte für Erwärmung, Isolationsklassen, Wirkungsgrad und Prüfanforderungen. Für Steuerungstechnik mit Spulen in SPS-Anwendungen gilt zusätzlich die ÖNORM EN IEC 61131. Schutzmaßnahmen beim Arbeiten an induktiven Anlagen (z.B. Abschalten von Schützen und Relaisspulen) unterliegen der ESV 2012 (Elektroschutzverordnung) hinsichtlich Lichtbogengefahr und Arbeiten unter Spannung.
Bauformen von Spulen im Überblick
Luftspule kein Kern HF-geeignet µr ≈ 1 Ferritkernspule Ferritkern (lila) bis MHz µr = 100 – 10.000 Ringkernspule (Toroid) kein Streufeld EMV-günstig Netzfilter, Audio
Transformator Schaltnetzteil-Drossel LC-Filter Relais / Schütz Elektromotor Schwingkreis
? Verständnisfrage: Warum wird bei Leistungsdrosseln für Gleichstrom oft ein Luftspalt in den Eisenkern eingebracht?
Um die Induktivität zu erhöhen.
Um die Wärmeabfuhr zu verbessern.
Um eine Sättigung des Kerns bei hohen Gleichströmen zu verhindern.
Um die Streufelder zu reduzieren.

Abschlusstest

12 Fragen zum gesamten Kursinhalt – viel Erfolg!

1. Welche Einheit hat die Induktivität?

2. Wie ändert sich L, wenn die Windungszahl auf das Dreifache erhöht wird?

3. Was beschreibt die Zeitkonstante τ = L/R?

4. Welche Phasenverschiebung besteht zwischen Spannung und Strom an einer idealen Spule im Wechselstromkreis?

5. Welche Formel beschreibt den induktiven Blindwiderstand?

6. Drei Spulen (20 mH, 30 mH, 50 mH) werden in Reihe geschaltet. Wie groß ist Lges?

7. Warum ist das schlagartige Unterbrechen eines Spulenstroms gefährlich?

8. Was speichert eine Spule, wenn Strom durch sie fließt?

9. Wie groß ist die gespeicherte Energie in einer Spule L = 400 mH bei I = 5 A?

10. Welche Bauform eignet sich am besten für EMV-kritische Anwendungen mit geringen Streufeldern?

11. Welche österreichische Norm gilt für elektrische Maschinen (z.B. Motorwicklungen)?

12. Wie verhält sich eine ideale Spule im stationären Gleichstromkreis (t → ∞)?


Fragen bei mündlicher Prüfung

Typische Prüfungsfragen mit vollständigen Musterantworten – für die optimale Prüfungsvorbereitung.

1Erklären Sie das Prinzip der Selbstinduktion.

Wenn Strom durch eine Spule fließt, baut sich ein Magnetfeld auf. Ändert sich dieser Strom, ändert sich auch der magnetische Fluss – und nach dem Faradayschen Induktionsgesetz wird in der Spule selbst eine Spannung induziert. Diese Spannung wirkt dem Strom entgegen (Lenzsches Gesetz).

Selbstinduktionsspannung

uL = −L · (di/dt)
  • Das negative Vorzeichen zeigt: Die induzierte Spannung hemmt die Stromänderung.
  • Beim Einschalten: Spule wirkt wie offener Schalter → Strom steigt langsam.
  • Beim Ausschalten: Spule treibt den Strom weiter → Spannungsspitze!

Praxisbezug: Selbstinduktion ist die Basis jedes Transformators, jeder Drossel und jedes Elektromotors.

2Welche Parameter bestimmen die Induktivität einer Spule, und wie hängen sie zusammen?

Die Induktivität einer zylindrischen Spule hängt von vier Faktoren ab:

Induktivitätsformel

L = µ0 · µr · N² · A / l
  • Windungszahl N: quadratischer Einfluss – N verdoppeln → L vervierfacht sich.
  • Relative Permeabilität µr: Kernwerkstoff (Luft = 1, Ferrit bis 10.000) – linearer Einfluss.
  • Querschnittsfläche A: größerer Kern = mehr Induktivität – linearer Einfluss.
  • Spulenlänge l: längere Spule = geringere Induktivität – reziproker Einfluss.

Fazit: Der Konstrukteur hat mehrere Stellschrauben – in der Praxis ist die Wahl des Kernwerkstoffs oft die effektivste Methode, große Induktivitätswerte auf kleinem Bauraum zu erzielen.

3Beschreiben Sie den Einschaltvorgang eines RL-Kreises. Welche Rolle spielt die Zeitkonstante?

Beim Anlegen einer Gleichspannung an einen RL-Kreis steigt der Strom nicht sofort auf seinen Endwert. Die Spule erzeugt eine Gegenspannung, die den Stromanstieg verzögert.

Stromanstieg

i(t) = Imax · (1 − e−t/τ)
τ = L / R
  • Nach : Strom hat 63,2 % von Imax erreicht.
  • Nach : Vorgang gilt als abgeschlossen (99,3 %).
  • Großes L oder kleines R → großes τ → langsamer Anstieg.
  • Kleines L oder großes R → kleines τ → schneller Anstieg.

Praxisbezug: In Schaltnetzteilen definiert τ, wie schnell der Strom auf Laständerungen reagiert. Zu träge → schlechte Regelung; zu schnell → instabiles Verhalten.

4Was versteht man unter induktivem Blindwiderstand? Warum wird er so bezeichnet?

Im Wechselstromkreis wirkt eine Spule als frequenzabhängiger Widerstand – der induktive Blindwiderstand XL.

Induktiver Blindwiderstand

XL = 2π · f · L = ω · L
  • Blind“ bedeutet: Es wird keine Wirkenergie (Wärme) umgesetzt.
  • Die Energie pendelt zwischen Spule und Quelle hin und her → Blindleistung QL.
  • XL steigt linear mit der Frequenz → Spulen als Hochfrequenzsperre.
  • Phasenverschiebung: Spannung eilt Strom um 90° voraus (φ = +90°).

Praxisbezug: In LC-Tiefpassfiltern sperrt XL hohe Frequenzen und lässt niedrige durch – Grundprinzip der Entstörung in Netzteilen.

5Wie berechnet man die Gesamtinduktivität bei Reihen- und Parallelschaltung?

Die Regeln für Spulenschaltungen ähneln denen für Widerstände (nicht für Kondensatoren!):

Reihenschaltung

Lges = L1 + L2 + … + Ln

Parallelschaltung

1/Lges = 1/L1 + 1/L2 + … + 1/Ln
  • Bedingung: Keine magnetische Kopplung zwischen den Spulen!
  • Bei magnetisch gekoppelten Spulen muss die Gegeninduktivität M berücksichtigt werden.
  • Gleichsinnig in Reihe: Lges = L1 + L2 + 2M → größter Wert.
  • Gegensinnig in Reihe: Lges = L1 + L2 − 2M → kleinster Wert.
6Erklären Sie den Unterschied zwischen Wirkleistung und Blindleistung bei einer Spule.

An einer Spule wird Blindleistung (nicht Wirkleistung) umgesetzt:

Blindleistung

QL = U · I · sin(φ) = I² · XL

Wirkleistung (ideal)

P = U · I · cos(φ) → φ = 90° → cos(90°) = 0 → P = 0
  • Wirkleistung P: Wird in Wärme umgewandelt (irreversibel) → nur am ohmschen Widerstand.
  • Blindleistung QL: Energie pendelt zwischen Quelle und Spule → kein Nettoverbrauch.
  • In der Praxis hat jede Spule RCu ≠ 0 → es entsteht auch etwas Wirkleistung (Verluste).

Praxisbezug: Hohe Blindleistungen belasten das Netz (Kabel, Transformatoren), obwohl keine Energie verbraucht wird. Kompensationsanlagen (Kondensatoren) gleichen induktive Blindleistung aus.

7Welche Schutzmaßnahme verhindert Abschaltspannungsspitzen bei induktiven Lasten? Wie wirkt sie?

Das häufigste Schutzmittel bei Gleichstrom-Schaltungen ist die Freilaufdiode:

  • Einbau: antiparallel zur Spule (Anode an Minus, Kathode an Plus des Betriebszweigs).
  • Im Normalbetrieb: Diode sperrt – kein Einfluss auf den Strom.
  • Beim Abschalten: Spule treibt Strom weiter → Diode leitet → Strom fließt in einem geschlossenen Kreis (Freilaufkreis) ab → Spannung bleibt auf ca. 0,7 V begrenzt.
  • Nachteil: Der Strom klingt relativ langsam ab (τ = L/RCu des Freilaufkreises).

Alternativen:

  • Varistor (MOV): begrenzt Spannung auf einen definierten Klemmwert.
  • Z-Diode: schnellere Abschaltung, aber höhere Verlustenergie.
  • RC-Glied (Snubber): bei Wechselstromschaltungen (Relais, Schütze).
8Worin liegt der Unterschied zwischen einer Luftspule und einer Ferritkernspule?

Der Kernunterschied liegt in der relativen Permeabilität µr:

Einfluss auf Induktivität

L ∝ µr
  • Luftspule: µr ≈ 1 → geringe Induktivität, viele Windungen nötig, keine Kernverluste, geeignet für sehr hohe Frequenzen (MHz-Bereich).
  • Ferritkernspule: µr = 100 … 10.000 → hohe Induktivität bei wenigen Windungen, sehr geringe Wirbelstromverluste (da Ferrit elektrisch isolierend), geeignet bis in den MHz-Bereich.
  • Sättigungsgrenze: Ferrit sättigt bei bestimmten Feldstärken → Induktivität bricht ein → daher Luftspalt bei Leistungsdrosseln mit Gleichstromanteil.

Praxisbezug: In Schaltnetzteilen (SMPS) werden fast ausschließlich Ferritkernspulen eingesetzt, weil sie bei 50–500 kHz Schaltfrequenz geringe Verluste und hohe Induktivitätswerte bieten.

9Was versteht man unter Gegeninduktivität und Kopplungsfaktor?

Wenn zwei Spulen so angeordnet sind, dass ihr Magnetfeld teilweise denselben Raum durchdringt, beeinflussen sie sich gegenseitig.

Gegeninduktivität

M = k · √(L1 · L2)

Kopplungsfaktor

k = M / √(L1 · L2)
  • k = 0: keine Kopplung (Spulen weit voneinander entfernt).
  • k = 1: ideale Kopplung (alle Feldlinien durchdringen beide Spulen) → Transformator.
  • Gegeninduktivität kann Lges erhöhen (gleichsinnig) oder verringern (gegensinnig).

Praxisbezug: Der Transformator basiert auf M → Energie wird über das gemeinsame Magnetfeld von Primär- zu Sekundärwicklung übertragen, ohne galvanische Verbindung.


Formelsammlung

uL = −L · (di/dt)
Selbstinduktionsspannung (Lenzsches Gesetz)
L = µ0 · µr · N² · A / l
Induktivität (Zylinderspule)
W = ½ · L · I²
Gespeicherte magnetische Energie
τ = L / R
Zeitkonstante RL-Glied
i(t) = Imax · (1 − e−t/τ)
Stromanstieg beim Einschalten
uL(t) = U0 · e−t/τ
Spannungsabfall beim Einschalten
XL = 2π · f · L = ω · L
Induktiver Blindwiderstand
Z = √(R² + XL²)
Impedanz (reale Spule)
φ = arctan(XL / R)
Phasenwinkel
Lges = L1 + L2 + …
Reihenschaltung (unkoppelt)
1/Lges = 1/L1 + 1/L2 + …
Parallelschaltung (unkoppelt)
M = k · √(L1 · L2)
Gegeninduktivität
f0 = 1 / (2π · √(L · C))
Resonanzfrequenz LC-Kreis
QL = I² · XL
Induktive Blindleistung
µ0 = 4π · 10−7 H/m
Magnetische Feldkonstante

Glossar

  • Induktivität (L) – Maß für die Fähigkeit einer Spule, Energie im Magnetfeld zu speichern und Stromänderungen entgegenzuwirken. Einheit: Henry [H].
  • Selbstinduktion – Phänomen, bei dem eine Spule durch Änderung des eigenen Stroms eine Gegenspannung in sich selbst induziert.
  • Selbstinduktionsspannung (uL) – Spannung, die eine Spule bei einer Stromänderung selbst erzeugt. Berechnung: uL = −L · di/dt. Das negative Vorzeichen (Lenzsches Gesetz) zeigt, dass sie der Ursache entgegenwirkt.
  • Zeitkonstante (τ) – Charakteristische Zeit für das Einschwingen eines RL-Kreises: τ = L/R. Nach 1τ sind 63,2 % des Endwertes erreicht.
  • Induktiver Blindwiderstand (XL) – Frequenzabhängiger Widerstand einer Spule im Wechselstromkreis: XL = 2π·f·L. Einheit: Ohm [Ω].
  • Impedanz (Z) – Komplexer Gesamtwiderstand einer realen Spule: Z = √(R² + XL²). Einheit: Ohm [Ω].
  • Phasenverschiebung (φ) – Zeitlicher Versatz zwischen Strom und Spannung. Bei idealer Spule: φ = +90° (Spannung voreilend).
  • Blindleistung (QL) – Energie, die zwischen Spule und Quelle hin- und herpendelt, ohne verbraucht zu werden. Einheit: Var [var].
  • Gegeninduktivität (M) – Maß für die magnetische Kopplung zwischen zwei Spulen. Einheit: Henry [H].
  • Kopplungsfaktor (k) – Dimensionslose Zahl zwischen 0 und 1; gibt an, welcher Anteil des Magnetflusses einer Spule die andere durchsetzt.
  • Relative Permeabilität (µr) – Materialkonstante, die angibt, wie gut ein Werkstoff magnetischen Fluss leitet im Vergleich zu Vakuum (µr,Luft ≈ 1).
  • Ferrit – Keramischer Werkstoff aus Metalloxiden mit hoher Permeabilität und geringen Wirbelstromverlusten. Einsatz in Hochfrequenzspulen.
  • Freilaufdiode – Diode, die antiparallel zu einer induktiven Last geschaltet wird, um beim Abschalten Spannungsspitzen zu begrenzen.
  • Sättigung (magnetisch) – Zustand, in dem der Kern eines Magneten keine weitere Magnetisierung aufnehmen kann; die Induktivität bricht ein.
  • Ringkern (Toroid) – Ringförmiger Kern, der den magnetischen Fluss vollständig im Inneren führt und damit Streufelder minimiert.
  • Wirbelstrom – Strom, der in einem elektrisch leitenden Kern durch wechselnde Magnetfelder induziert wird und Verluste erzeugt.
  • Resonanzfrequenz (f0) – Frequenz, bei der induktiver und kapazitiver Blindwiderstand eines LC-Kreises gleich groß sind: f0 = 1/(2π·√(LC)).
  • Drossel – Spule, die in Stromversorgungsschaltungen eingesetzt wird, um Ströme zu glätten oder zu begrenzen.
  • Snubber – RC-Schutzbeschaltung, die Spannungsspitzen an induktiven Lasten in Wechselstromkreisen begrenzt.

Stand & Quellen

  • ÖVE/ÖNORM EN 60034 – Umlaufende elektrische Maschinen (Erwärmung, Isolationsklassen, Prüfung)
  • ÖNORM EN IEC 61131 – Speicherprogrammierbare Steuerungen (Spulen in SPS-Applikationen)
  • ESV 2012 – Elektroschutzverordnung (Schutzmaßnahmen bei induktiven Anlagen, Lichtbogengefahr)
  • Harriehausen / Schwarzenau: Moeller Grundlagen der Elektrotechnik, Europa-Lehrmittel
  • Zastrow: Elektrotechnik – Ein Grundlagenlehrbuch, Springer Vieweg
  • Frohne / Moeller: Grundlagen der Elektrotechnik, Teubner
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