Leistungsfaktor cos φ
Wenn ein Motor an einer Steckdose hängt, fließt ein bestimmter Strom und liegt eine bestimmte Spannung an. Multipliziert man beides, kommt eine Leistung heraus — aber nicht die, die wirklich am Wellenende ankommt. Im Wechselstromnetz spaltet sich die übertragene Leistung in einen Teil, der tatsächlich Arbeit verrichtet, und einen Teil, der nur zwischen Erzeuger und Verbraucher pendelt. Der Leistungsfaktor cos φ gibt an, wie groß der nutzbare Anteil ist. Damit ist er nicht nur eine theoretische Größe, sondern eine harte Praxiskennzahl: Sie steht auf jedem Motor-Typenschild, taucht in der Stromrechnung größerer Betriebe auf und entscheidet darüber, wie dick ein Zuleitungskabel gewählt werden muss.
Vorwissen
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- den Leistungsfaktor cos φ in eigenen Worten erklären und seinen Wertebereich nennen
- aus Wirk- und Scheinleistung den cos φ und die zugehörige Blindleistung berechnen
- induktive von kapazitiven Verbrauchern unterscheiden und typische Werte einordnen
- den Unterschied zwischen Verschiebungsleistungsfaktor cos φ und Wirkfaktor (Power Factor, λ) erläutern
- abschätzen, wie sich der cos φ auf Strombelastung, Leiterquerschnitt und Energiekosten auswirkt
1. Was ist der Leistungsfaktor cos φ?
Im reinen Gleichstromkreis ist die Sache einfach: Spannung mal Strom ergibt die Leistung, und alles davon ist Wirkleistung. Im Wechselstromkreis funktioniert das nur, solange der Verbraucher rein ohmsch ist. Sobald Spulen oder Kondensatoren im Spiel sind, läuft der Strom der Spannung zeitlich hinterher oder voraus — und das Produkt aus Effektivspannung und Effektivstrom liefert nicht mehr die wirklich nutzbare Leistung, sondern die Scheinleistung S in Voltampere.
Der Leistungsfaktor cos φ ist das Verhältnis aus tatsächlich genutzter Wirkleistung P und übertragener Scheinleistung S:
cos φ = P / S
- cos φ … Leistungsfaktor (dimensionslos)
- P … Wirkleistung in W
- S … Scheinleistung in VA
Anschaulich beantwortet cos φ die Frage: Wie viel von der ans Gerät angelieferten Scheinleistung wird wirklich in Wirkleistung umgesetzt?
Da P niemals größer als S werden kann, liegt cos φ immer zwischen 0 und 1. Zwei Grenzfälle:
- cos φ = 1: Wirk- und Scheinleistung sind gleich. Strom und Spannung sind in Phase. Typisch für reine Heizwiderstände, Glühlampen, klassische Boiler.
- cos φ = 0: Keine Wirkleistung, nur Pendelenergie. Theoretischer Grenzfall einer idealen Spule oder eines idealen Kondensators.
Reale Industrieverbraucher liegen meist zwischen 0,6 und 0,95. Ein Asynchronmotor unter Volllast erreicht typischerweise 0,85 bis 0,90.
Eine Anlage zieht 10 kVA Scheinleistung und liefert 7 kW Wirkleistung. Was sagt der cos φ über die Anlage aus?
- a) 30 % der angelieferten Scheinleistung wird nicht als Wirkleistung genutzt
- b) Die Anlage hat einen Wirkungsgrad von 70 %
- c) Die Anlage verbraucht 3 kW als Verlustwärme
- d) Der cos φ ist negativ, weil S größer als P ist
Richtig: a)
cos φ = 7/10 = 0,7. Das heißt, 70 % der Scheinleistung sind Wirkleistung; die restlichen 30 % pendeln als Blindleistung im Netz. Mit dem Wirkungsgrad hat das nichts zu tun — der vergleicht abgegebene mit aufgenommener Leistung. Die Differenz wird auch nicht in Wärme umgesetzt, sondern pendelt zurück. cos φ ist nie negativ.
Welcher Verbraucher kommt einem cos φ = 1 am nächsten?
- a) Drehstromasynchronmotor unter Volllast
- b) Vorschaltdrossel einer alten Leuchtstoffröhre
- c) Direkt beheizter Heizstab in einem Boiler
- d) Leerlaufender Kompensationskondensator
Richtig: c)
Ein Heizstab ist nahezu rein ohmsch — Strom und Spannung sind in Phase. Der Motor hat induktive Komponenten von Wicklung und Streuung. Die Drossel ist überwiegend induktiv. Der Kondensator pendelt Blindleistung — sein cos φ liegt nahe 0.
Eine Last hat cos φ = 0,5. Welche Aussage ist korrekt?
- a) Die Wirkleistung ist doppelt so groß wie die Scheinleistung
- b) Der Phasenwinkel beträgt 0°
- c) Die Blindleistung ist immer kleiner als die Wirkleistung
- d) Wirkleistung und Scheinleistung verhalten sich wie 1 zu 2
Richtig: d)
cos φ = P/S = 0,5 bedeutet P = 0,5 · S, also Verhältnis 1:2. P kann niemals größer als S sein. Der Phasenwinkel ist arccos(0,5) = 60°. Bei cos φ = 0,5 ist die Blindleistung größer als die Wirkleistung, nicht kleiner.
2. Vom Phasenwinkel zum cos φ
Der griechische Buchstabe φ steht für den Phasenwinkel zwischen Strom und Spannung. Wo dieser Winkel herkommt, behandelt der Beitrag zur Phasenverschiebung ausführlich. Hier reicht die Kurzform:
- Ohmscher Widerstand: Strom und Spannung schwingen synchron, φ = 0°, cos φ = 1.
- Ideale Spule: Der Strom hinkt der Spannung um eine Viertelperiode nach, φ = +90°, cos φ = 0.
- Idealer Kondensator: Der Strom eilt der Spannung um eine Viertelperiode voraus, φ = −90°, cos φ = 0.
Reale Verbraucher haben immer auch einen ohmschen Anteil. Eine Motorwicklung ist etwa Spule (Induktivität) und Draht (Widerstand) zugleich — der Phasenwinkel liegt deshalb irgendwo zwischen 0° und 90°.
Der Leistungsfaktor ist genau der Cosinus dieses Winkels:
cos φ = cos(Phasenwinkel zwischen U und I)
- φ … Phasenwinkel in °
Das ist kein Zufall. Multipliziert man die Momentanwerte u(t) und i(t) eines verschobenen Sinussignals und mittelt über eine Periode, fällt aus der Mathematik genau der Faktor cos φ heraus. Mit anderen Worten: Der Cosinus des zeitlichen Versatzes zwischen Spannung und Strom ist exakt der Anteil, der „übrig bleibt“, wenn man von der scheinbaren Leistung U · I zur tatsächlichen Wirkleistung übergeht.
Daraus folgt eine wichtige Konsequenz für die Praxis: Je größer die Phasenverschiebung, desto schlechter der Leistungsfaktor — und desto mehr Strom muss fließen, um dieselbe Wirkleistung zu übertragen.
Bei einer Last beträgt der Phasenwinkel zwischen U und I genau 60°. Wie groß ist der Leistungsfaktor?
- a) 0,866
- b) 0,500
- c) 0,707
- d) 1,732
Richtig: b)
cos(60°) = 0,5. cos(30°) = 0,866 und cos(45°) ≈ 0,707 wären andere typische Winkel. 1,732 ist der Wert von √3 — kein Cosinus, sondern ein Faktor aus der Drehstromrechnung.
Was passiert mit cos φ, wenn der Phasenwinkel zwischen U und I von 30° auf 60° anwächst?
- a) cos φ sinkt von etwa 0,87 auf 0,50
- b) cos φ steigt von 0,50 auf 0,87
- c) cos φ bleibt konstant, nur die Blindleistung steigt
- d) cos φ wird negativ, weil φ größer als 45° ist
Richtig: a)
cos(30°) ≈ 0,866, cos(60°) = 0,5. Größere Phasenverschiebung führt immer zu kleinerem cos φ. cos φ wird im üblichen Wertebereich nie negativ — der Winkel 45° hat darauf keinen Einfluss.
Welcher Bauteiltyp bewirkt, dass der Strom der Spannung vorauseilt?
- a) Eine reine Drosselspule
- b) Ein reiner ohmscher Widerstand
- c) Ein Kondensator
- d) Eine Glühlampe
Richtig: c)
Beim Kondensator eilt der Strom voraus, weil sich erst der Ladestrom aufbauen muss, bevor sich die Spannung über dem Bauteil ändert. Die Spule kehrt das Verhalten um — dort eilt der Strom nach. Ohmsche Lasten haben keine Phasenverschiebung.
3. Leistungsdreieck und Berechnung
Aus der Phasenverschiebung zwischen Strom und Spannung folgt direkt, wie sich die übertragene Scheinleistung aufteilt: Ein Teil wird tatsächlich genutzt (Wirkleistung P in Watt), der andere pendelt nutzlos zwischen Quelle und Verbraucher (Blindleistung Q in var). Beide stehen senkrecht aufeinander und ergeben zusammen die Scheinleistung S in VA. Diese Beziehung lässt sich als rechtwinkliges Dreieck darstellen — das Leistungsdreieck.
Aus dem Leistungsdreieck folgen alle wichtigen Beziehungen direkt aus der Trigonometrie:
cos φ = P / S
- cos φ … Leistungsfaktor (dimensionslos)
- P … Wirkleistung in W
- S … Scheinleistung in VA
sin φ = Q / S
- sin φ … Sinus des Phasenwinkels
- Q … Blindleistung in var
- S … Scheinleistung in VA
tan φ = Q / P
- tan φ … Tangens des Phasenwinkels
- Q … Blindleistung in var
- P … Wirkleistung in W
Und für die Hypotenuse gilt der Satz des Pythagoras:
S² = P² + Q²
- S … Scheinleistung in VA
- P … Wirkleistung in W
- Q … Blindleistung in var
Im Alltag kennt man oft nur zwei der vier Größen P, Q, S und cos φ — der Rest lässt sich daraus berechnen. Praktisch wichtig: Wenn am Motor-Typenschild Spannung U, Strom I und cos φ angegeben sind, berechnet sich die Wirkleistung im Drehstromnetz als P = √3 · U · I · cos φ. Im Einphasennetz fällt der Faktor √3 weg.
Gelöstes Beispiel
Ein Drehstromasynchronmotor zieht im Betriebspunkt eine Wirkleistung von 5,5 kW. Ein Messgerät zeigt eine Scheinleistung von 6,8 kVA an. Wie groß sind Leistungsfaktor und Blindleistung?
Gegeben:
- P = 5,5 kW = 5500 W
- S = 6,8 kVA = 6800 VA
Gesucht: cos φ (dimensionslos), Q in var
Lösungsweg:
- Schritt 1 — cos φ aus dem Verhältnis P zu S: cos φ = P / S = 5500 / 6800 = 0,809
- Schritt 2 — Blindleistung über Pythagoras: Q = √(S² − P²) = √(6800² − 5500²) = √(46 240 000 − 30 250 000) = √15 990 000; Q ≈ 3999 var ≈ 4,0 kvar
Ergebnis: cos φ ≈ 0,81, Q ≈ 4,0 kvar.
Übungen
1. Eine Anlage zieht P = 2,2 kW bei S = 2,8 kVA. Welcher cos φ ergibt sich?
cos φ = 2200 / 2800 ≈ 0,786
2. Ein Trafo soll 15 kVA an einen Verbraucher mit cos φ = 0,85 liefern. Wie groß ist die Wirkleistung?
P = S · cos φ = 15 · 0,85 = 12,75 kW
3. Eine Maschine hat P = 11 kW und cos φ = 0,8. Wie groß ist die Blindleistung?
tan φ = √(1 − 0,8²) / 0,8 = 0,6 / 0,8 = 0,75. Q = P · tan φ = 11 · 0,75 = 8,25 kvar
4. Ein einphasiger Verbraucher misst U = 230 V, I = 15 A und P = 2,5 kW. Wie groß ist der cos φ?
S = U · I = 230 · 15 = 3450 VA. cos φ = 2500 / 3450 ≈ 0,725
5. Für P = 18 kW und cos φ = 0,82 sollen Schein- und Blindleistung bestimmt werden.
S = P / cos φ = 18 / 0,82 ≈ 21,95 kVA. Q = √(S² − P²) = √(481,9 − 324) ≈ 12,57 kvar
Eine Anlage hat P = 8 kW und Q = 6 kvar. Wie groß ist der cos φ?
- a) 0,750
- b) 0,600
- c) 0,667
- d) 0,800
Richtig: d)
S = √(8² + 6²) = √100 = 10 kVA. cos φ = P/S = 8/10 = 0,8. Wer 0,75 wählt, hat tan φ = Q/P berechnet. 0,6 ist sin φ.
Welche der folgenden Beziehungen ist falsch?
- a) S² = P² + Q²
- b) S = P + Q
- c) tan φ = Q / P
- d) cos φ = P / S
Richtig: b)
Wirk- und Blindleistung darf man nicht einfach algebraisch addieren — sie stehen senkrecht aufeinander und müssen geometrisch (über Pythagoras) zusammengesetzt werden. Die anderen Beziehungen folgen direkt aus dem Leistungsdreieck.
Eine Last hat P = 6 kW und cos φ = 0,6. Wie groß ist die Scheinleistung?
- a) 10 kVA
- b) 3,6 kVA
- c) 6,67 kVA
- d) 16,67 kVA
Richtig: a)
S = P / cos φ = 6 / 0,6 = 10 kVA. Wer 3,6 rechnet, multipliziert P · cos φ — das wäre falsch. 16,67 entspricht 6 / 0,36 (also durch cos² φ).
4. Induktiv oder kapazitiv — Vorzeichen und Bezeichnung in der Praxis
Der Leistungsfaktor allein sagt noch nichts darüber, welcher Art die Phasenverschiebung ist. cos(60°) und cos(−60°) ergeben beide 0,5 — der Cosinus ist eine gerade Funktion. In der Praxis muss zur Zahl deshalb dazu, ob es sich um eine induktive oder kapazitive Last handelt.
Übliche Kennzeichnung:
- induktiv (ind.): Strom eilt der Spannung nach. Die Last verhält sich „spulenartig“. Beispiele: Asynchronmotoren, Drosseln, Transformatoren, konventionelle Vorschaltgeräte.
- kapazitiv (kap.): Strom eilt der Spannung voraus. Die Last verhält sich „kondensatorartig“. Beispiele: Kompensationskondensatoren, lange unbelastete Kabel, manche elektronischen Schaltungen.
Wer eine Vorzeichenkonvention für φ verwendet, schreibt typischerweise φ > 0 für induktive und φ < 0 für kapazitive Lasten — der cos φ bleibt davon unberührt positiv. Eine Angabe wie „cos φ = 0,85 ind.“ ist daher in Praxis-Unterlagen erst die vollständige Information.
| Verbraucher | Charakter | Typischer cos φ |
|---|---|---|
| Glühlampe, Heizstab | ohmsch | 1,00 |
| Asynchronmotor, Volllast | induktiv | 0,85 … 0,90 |
| Asynchronmotor, Leerlauf | induktiv | 0,20 … 0,40 |
| Transformator, leerlaufend | induktiv | < 0,20 |
| Leuchtstofflampe mit konventionellem Vorschaltgerät | induktiv | 0,50 … 0,70 |
| LED-Treiber mit aktiver PFC | nahezu ohmsch | > 0,95 |
| Kompensationskondensator | kapazitiv | nahe 0 (kap.) |
| Langes unbelastetes Mittelspannungskabel | kapazitiv | nahe 0 (kap.) |
Auf einem Motor-Typenschild steht „cos φ = 0,87 ind.“. Was bedeutet das?
- a) Der Motor liefert 87 % der angelegten Spannung weiter
- b) Der Strom eilt der Spannung voraus
- c) Der Strom eilt der Spannung nach, der Motor wirkt induktiv
- d) Der Motor hat einen Wirkungsgrad von 87 %
Richtig: c)
„ind.“ bezeichnet die Art der Phasenverschiebung: induktiv, Strom hinkt der Spannung nach. Das ist bei Motoren der Normalfall durch die Statorwicklung. Mit dem Wirkungsgrad oder der Spannung hat cos φ nichts zu tun.
Ein Asynchronmotor läuft mit nur 20 % seiner Nennlast. Was ist über den cos φ zu erwarten?
- a) Er ist nahezu identisch mit dem Nennwert
- b) Er steigt im Teillastbetrieb leicht an
- c) Er liegt geringfügig unter dem Nennwert
- d) Er fällt deutlich ab, weil der Magnetisierungsstrom dominiert
Richtig: d)
Der Magnetisierungs-Blindstrom ist von der Belastung nahezu unabhängig. Die Wirkstromkomponente sinkt dagegen mit der mechanischen Last. Im Verhältnis wird die Last zunehmend „blindlastig“, cos φ fällt im starken Teillastbetrieb deutlich.
Welche Aussage zu Kondensatoren als Verbraucher ist korrekt?
- a) Sie verhalten sich induktiv und ziehen Wirkleistung
- b) Sie wirken kapazitiv; der Strom eilt der Spannung voraus
- c) Ihr cos φ liegt zwischen 0,8 und 0,9
- d) Sie sind nur im Gleichstromnetz relevant
Richtig: b)
Beim Kondensator eilt der Strom der Spannung um nahezu 90° voraus — das ist genau die kapazitive Phasenverschiebung. Ihr cos φ liegt nahe 0 (kapazitiv), nicht bei 0,85. Im Wechselstromnetz spielen sie als Kompensationselement eine zentrale Rolle.
5. Wirkleistungsfaktor und Grundschwingungsfaktor — was misst das Zähler-Display wirklich?
Bisher wurde stillschweigend vorausgesetzt, dass Strom und Spannung perfekte 50-Hz-Sinusschwingungen sind. Das stimmt im klassischen Netz mit Motoren, Trafos und Heizungen ganz gut. Sobald aber Geräte mit Leistungselektronik im Spiel sind — Schaltnetzteile, Frequenzumrichter, LED-Treiber ohne aktive Leistungsfaktorkorrektur, USV-Anlagen — ist der Strom kein reiner Sinus mehr, sondern enthält Oberschwingungen mit dem zwei-, drei- oder fünffachen der Netzfrequenz.
In diesem Fall reicht die bisherige Definition von cos φ nicht mehr aus, denn dieser bezieht sich streng genommen nur auf die 50-Hz-Grundschwingung. Neben der Verschiebung zwischen U und I gibt es jetzt zusätzlich eine Verzerrung der Stromkurve, die ebenfalls Blindleistung erzeugt — die sogenannte Verzerrungsblindleistung.
Zur Unterscheidung gilt:
- cos φ ist der Verschiebungsleistungsfaktor. Er berücksichtigt nur die Grundschwingung.
- λ (auch PF — Power Factor) ist der Wirkfaktor. Er bezieht die gesamte Wirkleistung auf die gesamte Scheinleistung, also einschließlich aller Oberschwingungen:
λ = P / S_gesamt
- λ … Wirkfaktor / Power Factor (dimensionslos)
- P … Gesamt-Wirkleistung in W
- S_gesamt … Gesamt-Scheinleistung in VA, alle Frequenzanteile
Bei reinem Sinus gilt λ = cos φ. Bei nichtlinearen Lasten ist immer λ ≤ cos φ. Ein PC-Netzteil ohne Leistungsfaktorkorrektur kann zum Beispiel einen cos φ nahe 1 aufweisen — denn die Grundschwingung von Strom und Spannung ist in Phase — und gleichzeitig einen Wirkfaktor von nur 0,5 bis 0,7, weil der Strom in kurzen, hohen Spitzen fließt und damit stark oberschwingungshaltig ist.
Anschaulich erweitert sich dabei das gewohnte Leistungsdreieck zu einer Leistungspyramide: Neben Wirkleistung P und Grundschwingungs-Blindleistung Q₁ tritt die Verzerrungsblindleistung D als dritte, senkrecht stehende Komponente hinzu. Die Gesamt-Scheinleistung S ergibt sich dann nach S² = P² + Q₁² + D² und ist entsprechend größer als die rein aus cos φ ableitbare Scheinleistung.
Für die Praxis heißt das: Moderne Energie- und Netzanalysatoren zeigen häufig den Wirkfaktor λ (gelegentlich auch „PF“ beschriftet), nicht den klassischen cos φ. Wer beide gleichsetzt, kann sich um Faktoren verschätzen.
Wann sind cos φ und Wirkfaktor λ exakt gleich groß?
- a) Wenn der Verbraucher rein sinusförmige Ströme zieht
- b) Immer, beide sind nur unterschiedliche Bezeichnungen
- c) Nur bei rein ohmschen Verbrauchern
- d) Nur im Gleichstromnetz
Richtig: a)
Solange Strom und Spannung reine Sinussignale derselben Frequenz sind, gibt es keine Verzerrungsblindleistung — cos φ und λ stimmen überein. Bei rein ohmschen Verbrauchern sind beide zudem gleich 1. Im Gleichstromnetz existiert das Konzept gar nicht.
Ein Schaltnetzteil zieht den Strom in kurzen, hohen Spitzen. Welche Aussage trifft am ehesten zu?
- a) cos φ und λ sind beide nahe null
- b) cos φ ist hoch, λ deutlich niedriger
- c) Beide Werte sind etwa gleich, weil Strom und Spannung in Phase sind
- d) λ kann größer als cos φ werden
Richtig: b)
Die Grundschwingung des Stroms ist beim Schaltnetzteil oft nahezu in Phase mit der Spannung, deshalb cos φ ≈ 1. Die Stromkurve ist aber stark verzerrt — viel Oberschwingungs-Scheinleistung — und λ fällt entsprechend ab. λ ist nie größer als cos φ.
Welche Geräte produzieren typischerweise einen nichtlinearen, oberschwingungsreichen Strom?
- a) Heizpatrone und Glühlampe
- b) Direkt am Netz betriebener Asynchronmotor
- c) Synchrongenerator im stationären Betrieb
- d) Frequenzumrichter und Schaltnetzteile
Richtig: d)
Leistungselektronik zerschneidet den Strom durch Halbleiterschalter — die Wellenform ist nicht mehr sinusförmig, sondern enthält viele Oberschwingungen. Heizpatrone, Glühlampe und Asynchronmotor verhalten sich näherungsweise linear; ihre Stromkurve bleibt nahezu sinusförmig.
6. Bedeutung in der Praxis und Ausblick Kompensation
Bisher war cos φ vor allem ein Verhältnis aus zwei Leistungen. Praktisch wirkt er sich aber sehr handfest aus — über den Strom, der durch die Leitungen fließt. Aus dem Leistungsdreieck und P = U · I · cos φ folgt:
I = P / (U * cos φ)
- I … Scheinstrom in A
- P … Wirkleistung in W
- U … Effektivspannung in V (einphasig)
- cos φ … Leistungsfaktor (dimensionslos)
Im Drehstromnetz mit der Außenleiterspannung U gilt entsprechend:
I = P / (Math.sqrt(3) * U * cos φ)
- I … Strangstrom in A
- P … Wirkleistung in W
- U … Außenleiterspannung in V
- cos φ … Leistungsfaktor (dimensionslos)
Eine 10-kW-Maschine an 400 V Drehstrom zieht bei cos φ = 0,9 rund 16 A. Sinkt der Leistungsfaktor auf 0,7, fließen für dieselbe abgegebene Wirkleistung etwa 21 A — fast 30 % mehr Strom, ohne dass die Maschine ein einziges Watt mehr leistet. Die Folgen ziehen sich durch die ganze Anlage:
- Größere Leiterquerschnitte oder höhere Erwärmung bestehender Leitungen
- Höhere ohmsche Verluste in Zuleitung und Trafo (Verluste wachsen mit dem Quadrat des Stroms)
- Schlechtere Auslastung des speisenden Transformators
- Höhere Spannungsabfälle entlang der Leitung
Genau deshalb interessiert sich der Netzbetreiber für den cos φ seiner Industriekunden. In Österreich verlangen die Verteilnetzbetreiber bei größeren Anlagen üblicherweise einen Mindest-cos-φ von rund 0,9. Wird dieser unterschritten, kommen Blindarbeitszähler ins Spiel. Verrechnet wird die Blindarbeit typischerweise, sobald sie etwa 50 % der bezogenen Wirkarbeit übersteigt — das entspricht in der Energiebilanz einem cos φ unterhalb von etwa 0,9 (bzw. tan φ größer als 0,5). Die genauen Schwellen stehen in den Allgemeinen Verteilnetzbedingungen des jeweiligen Netzbetreibers.
Verbessern lässt sich der cos φ durch Blindleistungskompensation. Im einfachsten Fall wird parallel zu induktiven Lasten ein Kondensator geschaltet, der die Blindleistung lokal bereitstellt, statt sie aus dem Netz zu beziehen. Wie eine solche Kompensation im Detail aufgebaut, dimensioniert und betrieben wird — Einzel-, Gruppen- und Zentralkompensation, verdrosselte Anlagen, automatische Reglerstufen — behandelt der Beitrag Blindleistungskompensation.
Gelöstes Beispiel
Eine Produktionshalle wird von einem Drehstromnetz mit 400 V Außenleiterspannung versorgt. Eine Maschine entnimmt eine Wirkleistung von 18 kW. Wie groß ist der Strangstrom einmal bei einem cos φ von 0,9 und einmal bei einem schlechteren cos φ von 0,7?
Gegeben:
- P = 18 kW = 18 000 W
- U = 400 V (Außenleiterspannung)
- cos φ₁ = 0,9 und cos φ₂ = 0,7
Gesucht: I₁ und I₂ in A
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Strangstrom bei cos φ = 0,9: I₁ = P / (√3 · U · cos φ) = 18 000 / (1,732 · 400 · 0,9) = 18 000 / 623,5 ≈ 28,87 A
- Schritt 2 — Strangstrom bei cos φ = 0,7: I₂ = 18 000 / (1,732 · 400 · 0,7) = 18 000 / 484,9 ≈ 37,12 A
Ergebnis: Bei verschlechtertem Leistungsfaktor fließen rund 8,3 A mehr — etwa 29 % höhere Strombelastung bei gleicher Wirkleistung.
Übungen
1. Ein einphasiger Verbraucher bezieht 3 kW bei 230 V mit cos φ = 0,9. Welcher Strom fließt?
I = 3000 / (230 · 0,9) ≈ 14,49 A
2. Wie groß wäre der Strom in Aufgabe 1, wenn der cos φ auf 0,7 sinkt?
I = 3000 / (230 · 0,7) ≈ 18,63 A — etwa 4,1 A bzw. 29 % mehr.
3. Ein 15-kW-Motor läuft am 400-V-Drehstromnetz mit cos φ = 0,88. Welcher Strangstrom fließt?
I = 15 000 / (1,732 · 400 · 0,88) ≈ 24,62 A
4. Eine Maschine mit P = 22 kW wird im Betrieb mit cos φ = 0,75 betrieben. Durch Kompensation soll der cos φ auf 0,95 verbessert werden. Um wie viel Prozent sinkt der Strangstrom bei 400 V Drehstrom?
Strom ist proportional zu 1/cos φ. Verhältnis 0,75/0,95 ≈ 0,789 → Stromreduktion um etwa 21 %.
5. Eine 30-kW-Anlage bei 400 V Drehstrom hat cos φ = 0,7. Welche zusätzliche Blindleistung müsste ein Kompensationskondensator liefern, damit cos φ = 0,95 erreicht wird?
Q_vorher = P · tan(arccos 0,7) ≈ 30 · 1,0202 ≈ 30,61 kvar. Q_nachher = P · tan(arccos 0,95) ≈ 30 · 0,3287 ≈ 9,86 kvar. ΔQ = Q_vorher − Q_nachher ≈ 20,75 kvar müssen kapazitiv geliefert werden.
Eine Anlage zieht bei cos φ = 0,9 einen Strom von 50 A aus dem Drehstromnetz. Die Wirkleistung bleibt konstant, der cos φ sinkt auf 0,6. Welcher Strom fließt jetzt?
- a) 33,3 A
- b) 75 A
- c) 60 A
- d) 90 A
Richtig: b)
Strom ist umgekehrt proportional zu cos φ. I_neu / I_alt = 0,9 / 0,6 = 1,5. I_neu = 50 · 1,5 = 75 A. 33,3 A wäre die umgekehrte Rechnung (Verbesserung statt Verschlechterung).
Warum verlangen Netzbetreiber einen Mindest-cos φ?
- a) Schlechter cos φ erhöht den Strom und damit Verluste und Belastung im Netz
- b) Schlechter cos φ erzeugt zusätzliche Wirkenergie, die abgerechnet werden muss
- c) Schlechter cos φ verändert die Netzfrequenz
- d) Schlechter cos φ macht den Schutz gegen Überspannung wirkungslos
Richtig: a)
Die Wirkenergie hängt nicht vom cos φ ab — gemessen wird sie sowieso. Frequenz und Überspannungsschutz sind davon unabhängig. Die echte Folge ist der höhere Scheinstrom: mehr Verluste, mehr Material, schlechtere Auslastung der Betriebsmittel.
In Österreich wird Blindarbeit typischerweise verrechnet, wenn sie…
- a) … immer, ab dem ersten kvarh
- b) … mehr als 90 % der Wirkarbeit beträgt
- c) … unter 10 % der Wirkarbeit liegt
- d) … rund 50 % der Wirkarbeit übersteigt (entspricht etwa cos φ < 0,9)
Richtig: d)
In den meisten österreichischen Verteilnetzen ist die Freigrenze so gesetzt, dass Blindarbeit bis etwa 50 % der Wirkarbeit (tan φ ≤ 0,5, cos φ ≥ ca. 0,9) frei bezogen werden darf. Darüber hinausgehende Blindarbeit wird zusätzlich verrechnet. Die genauen Schwellen finden sich in den AVB des Netzbetreibers.
Abschlusstest
Aufgabe 1: Ein einphasiger Verbraucher zieht 9,3 kVA Scheinleistung und liefert 7,5 kW Wirkleistung.
Gegeben: S = 9300 VA, P = 7500 W
Gesucht: cos φ
Lösungsweg:
cos φ = P / S = 7500 / 9300
Ergebnis: cos φ ≈ 0,806
Aufgabe 2: Ein Heizband mit P = 3,6 kW wird über einen Trafo versorgt, der 3,6 kVA überträgt.
Gegeben: P = 3,6 kW, S = 3,6 kVA
Gesucht: cos φ
Lösungsweg:
cos φ = P / S = 3,6 / 3,6
Ergebnis: cos φ = 1,00 (rein ohmsche Last)
Aufgabe 3: Eine Drehstrom-Anlage misst P = 12 kW und Q = 8 kvar.
Gegeben: P = 12 kW, Q = 8 kvar
Gesucht: S und cos φ
Lösungsweg:
S = √(P² + Q²) = √(144 + 64) = √208 ≈ 14,42 kVA. cos φ = P / S = 12 / 14,42
Ergebnis: S ≈ 14,42 kVA, cos φ ≈ 0,832
Aufgabe 4: Eine Maschine mit S = 25 kVA arbeitet mit cos φ = 0,75 induktiv.
Gegeben: S = 25 kVA, cos φ = 0,75
Gesucht: P und Q
Lösungsweg:
P = S · cos φ = 25 · 0,75 = 18,75 kW. Q = √(S² − P²) = √(625 − 351,56) ≈ √273,44
Ergebnis: P = 18,75 kW, Q ≈ 16,54 kvar
Aufgabe 5: Eine einphasige Maschine an 230 V hat eine Wirkleistung von 2,2 kW und cos φ = 0,8.
Gegeben: P = 2,2 kW, U = 230 V, cos φ = 0,8
Gesucht: Strom I
Lösungsweg:
I = P / (U · cos φ) = 2200 / (230 · 0,8)
Ergebnis: I ≈ 11,96 A
Aufgabe 6: Ein Drehstrommotor mit Nennleistung 22 kW läuft an 400 V Außenleiterspannung mit cos φ = 0,85.
Gegeben: P = 22 kW, U = 400 V, cos φ = 0,85
Gesucht: Strangstrom I
Lösungsweg:
I = P / (√3 · U · cos φ) = 22 000 / (1,732 · 400 · 0,85)
Ergebnis: I ≈ 37,38 A
Eine Anlage zieht 25 A bei 230 V einphasig und gibt eine Wirkleistung von 4,6 kW ab. Welcher cos φ ergibt sich?
- a) 0,920
- b) 0,667
- c) 0,800
- d) 1,000
Richtig: c)
S = U · I = 230 · 25 = 5750 VA. cos φ = P / S = 4600 / 5750 = 0,8. Wer 0,92 wählt, hat S = 230 · 23 statt 230 · 25 gerechnet oder P/(U·I) falsch zugeordnet.
Welche Aussage zum Leistungsfaktor cos φ ist richtig?
- a) Er kann den Wert 1 nicht überschreiten
- b) Er kann beliebig große Werte annehmen, wenn die Last rein ohmsch ist
- c) Er ist bei Drehstrom prinzipiell größer als bei Wechselstrom
- d) Er ist immer kleiner als der Wirkungsgrad
Richtig: a)
P kann nie größer als S werden, daher cos φ ≤ 1. Bei rein ohmschen Lasten ist er genau 1, nicht größer. Drehstrom oder Einphasen-Wechselstrom ändert am Wertebereich nichts. Mit dem Wirkungsgrad gibt es keinen mathematischen Zusammenhang.
Eine Drehstromlast hat P = 10 kW bei cos φ = 0,8 induktiv. Wie groß ist die Blindleistung?
- a) 8 kvar
- b) 7,5 kvar
- c) 6 kvar
- d) 12,5 kvar
Richtig: b)
tan φ = sin φ / cos φ = √(1 − 0,64) / 0,8 = 0,6 / 0,8 = 0,75. Q = P · tan φ = 10 · 0,75 = 7,5 kvar. 6 kvar wäre P · sin φ — Achtung, nicht verwechseln. 12,5 kVA wäre die Scheinleistung.
Ein Verbraucher hat einen kapazitiven Charakter. Was lässt sich daraus ableiten?
- a) Der cos φ ist kleiner als null
- b) Strom und Spannung schwingen synchron
- c) Der Phasenwinkel ist exakt 90°
- d) Der Strom eilt der Spannung voraus
Richtig: d)
Genau das ist die Definition kapazitiven Verhaltens. cos φ wird trotzdem positiv angegeben (es wird zusätzlich „kap.“ vermerkt). 90° träfe nur auf einen idealen Kondensator ohne ohmschen Anteil zu — realer kapazitiver Charakter heißt nur „voreilend“.
Welche Größe wird durch Oberschwingungen im Strom nicht direkt verändert?
- a) Wirkfaktor λ
- b) Effektivwert des Stroms
- c) Verschiebungsleistungsfaktor cos φ
- d) Scheinleistung S
Richtig: c)
cos φ erfasst per Definition nur die Grundschwingung — Oberschwingungen ändern den Verschiebungsleistungsfaktor nicht. Sehr wohl beeinflussen sie aber den Effektivstrom, die Scheinleistung und damit den Wirkfaktor λ.
Eine Anlage soll bei konstanter Wirkleistung 30 % weniger Strom aus dem Netz ziehen. Auf welchen Faktor muss sich der cos φ ändern, wenn er vorher 0,7 betrug?
- a) Auf etwa 1,0
- b) Auf 0,49
- c) Auf 0,35
- d) Auf 1,3
Richtig: a)
Wenn der Strom auf 70 % sinkt, muss cos φ auf 1/0,7 des alten Werts steigen. 0,7 / 0,7 = 1,0. cos φ > 1 ist unmöglich — die Aufgabe zeigt also, dass eine Stromreduktion um 30 % bei diesem Ausgangswert nicht weiter geht als bis zum theoretischen Optimum.
Welche Folge hat ein anhaltend schlechter cos φ für die Hausinstallation eines Gewerbebetriebs?
- a) Die Netzfrequenz weicht im Betrieb ab
- b) Die Stromwärmeverluste in den Leitungen steigen messbar an
- c) Die Spannung an den Steckdosen liegt deutlich über 230 V
- d) Der Wirkungsgrad aller Motoren wird besser
Richtig: b)
Mehr Strom für die gleiche Wirkleistung bedeutet I²·R-Verluste — und die wachsen quadratisch. Frequenz und Steckdosenspannung hängen vom Netz ab, nicht vom cos φ des Verbrauchers. Der Motor-Wirkungsgrad ist eine Eigenschaft des Motors, nicht des cos φ-Werts.
Welcher der folgenden Verbraucher hat im typischen Betrieb den schlechtesten cos φ?
- a) Heizpatrone 2 kW
- b) LED-Lampe mit aktiver Leistungsfaktorkorrektur
- c) Direkt am Netz betriebener Servomotor
- d) Leerlaufender 11-kW-Asynchronmotor
Richtig: d)
Im Leerlauf braucht der Asynchronmotor weiterhin den vollen Magnetisierungs-Blindstrom, liefert aber praktisch keine Wirkleistung — cos φ kann auf 0,2 oder darunter fallen. Heizpatrone und LED mit PFC liegen nahe 1.
Auf einer Stromrechnung erscheint die Position „Blindenergie über Freigrenze“. Was lässt sich daraus folgern?
- a) Der Anschluss wurde überlastet
- b) Die Netzfrequenz war abweichend
- c) Der durchschnittliche cos φ lag im Verrechnungszeitraum unter dem Schwellwert des Netzbetreibers
- d) Die Sicherungen sind unterdimensioniert
Richtig: c)
Blindarbeitsverrechnung wird ausgelöst, wenn die Blindenergie eine Schwelle (typischerweise rund 50 % der Wirkarbeit) übersteigt — gleichbedeutend mit einem zu niedrigen cos φ. Überlast, Frequenz und Sicherungsauswahl haben damit nichts zu tun.
Ein Motorhersteller gibt im Datenblatt cos φ_N = 0,89 bei Nennlast an. Im realen Betrieb läuft der Motor häufig mit nur 30 % seiner Nennlast. Was ist die richtige Konsequenz?
- a) cos φ verbessert sich im Teillastbetrieb meist auf über 0,95
- b) Im Teillastbetrieb sinkt der cos φ deutlich; die Anschlussströme sind im Verhältnis zur abgegebenen Leistung hoch
- c) Der Wirkungsgrad steigt im Teillastbetrieb auf nahezu 100 %
- d) Im Teillastbetrieb arbeitet der Motor automatisch kapazitiv
Richtig: b)
Der Magnetisierungs-Blindstrom bleibt nahezu konstant; in Relation zur sinkenden Wirklast wird der Motor immer „blindlastiger“. Der Wirkungsgrad sinkt im Teillastbetrieb sogar, und kapazitiv wird der Motor nicht — er bleibt induktiv.
Glossar
- Leistungsfaktor cos φ
- Verhältnis aus Wirkleistung P und Scheinleistung S; dimensionslose Zahl zwischen 0 und 1. Beschreibt den Anteil der Scheinleistung, der tatsächlich als Wirkleistung umgesetzt wird.
- Verschiebungsleistungsfaktor
- Andere Bezeichnung für cos φ; betont, dass nur der durch Phasenverschiebung zwischen den Grundschwingungen von U und I verursachte Effekt berücksichtigt wird.
- Wirkfaktor (Power Factor, λ)
- Verhältnis aus Gesamt-Wirkleistung und Gesamt-Scheinleistung unter Einschluss aller Oberschwingungen. Bei reinem Sinus identisch mit cos φ, bei nichtlinearen Lasten kleiner.
- Verzerrungsblindleistung (Formelzeichen D)
- Blindleistungsanteil, der durch oberschwingungshaltige (verzerrte) Ströme entsteht. Tritt bei leistungselektronischen Verbrauchern wie Schaltnetzteilen, Frequenzumrichtern oder LED-Treibern ohne aktive PFC auf. Zusammen mit P und der Grundschwingungs-Blindleistung Q₁ ergibt sich die Gesamt-Scheinleistung nach S² = P² + Q₁² + D².
- Induktive Last
- Verbraucher, bei dem der Strom der Spannung nacheilt. Typische Vertreter: Motoren, Trafos, konventionelle Vorschaltgeräte. cos φ wird mit dem Zusatz „ind.“ angegeben.
- Kapazitive Last
- Verbraucher, bei dem der Strom der Spannung vorauseilt. Typische Vertreter: Kompensationskondensatoren, lange unbelastete Kabel. cos φ wird mit dem Zusatz „kap.“ angegeben.
- Leistungsdreieck
- Grafische Darstellung des Zusammenhangs zwischen Wirk-, Blind- und Scheinleistung als rechtwinkliges Dreieck. P bildet die waagrechte Kathete, Q die senkrechte Kathete, S die Hypotenuse; der eingeschlossene Winkel ist φ.
