Phasenverschiebung und Zeigerdiagramme

Bei einem reinen Widerstand laufen Strom und Spannung im Gleichtakt: Beide erreichen gleichzeitig ihren Höchstwert, beide gehen gleichzeitig durch Null. Sobald aber eine Spule oder ein Kondensator im Spiel ist, ändert sich das. Strom und Spannung sind dann zeitlich gegeneinander verschoben — sie sind phasenverschoben. Diesen Versatz mit Sinusfunktionen zu beschreiben ist umständlich. Deshalb verwendet man in der Wechselstromtechnik Zeiger: Pfeile in einer Ebene, die wie Vektoren addiert werden können. Damit wird aus mühsamer Sinus-Rechnerei eine handliche Geometrie.

Vorwissen

Lernziele

Nach diesem Beitrag kannst du:

  • den Begriff Phasenverschiebung erklären und zeitlichen Versatz Δt in einen Phasenwinkel φ umrechnen — in Grad und im Bogenmaß
  • ein Zeigerdiagramm aus dem Drehzeiger-Modell ableiten und richtig lesen
  • die Phasenlage von Strom und Spannung an einem Widerstand, einer Spule und einem Kondensator angeben
  • zwei senkrecht zueinander stehende Zeiger geometrisch addieren und Betrag sowie Winkel der Resultierenden berechnen

Kapitel 1 — Was ist Phasenverschiebung?

Zwei Wechselgrößen der gleichen Frequenz müssen nicht zur selben Zeit ihren Nulldurchgang haben. Wenn der Strom seinen Nulldurchgang erst eine Weile nach der Spannung erreicht, sind die beiden Größen zeitlich gegeneinander verschoben. Diese zeitliche Verschiebung nennt man Phasenverschiebung, ihre Größe wird als Phasenverschiebungswinkel φ angegeben.

Die folgende Darstellung zeigt zwei phasenverschobene Sinusgrößen: eine Spannung u(t) und einen Strom i(t). Beide haben die gleiche Frequenz, beide bewegen sich um die Nulllinie. Der Strom läuft hier der Spannung zeitlich hinterher — sein Nulldurchgang kommt um Δt später.

Aus dem zeitlichen Versatz Δt und der Periodendauer T lässt sich der Phasenverschiebungswinkel ablesen. Wichtig: Phasenverschiebung ist nur zwischen zwei Größen gleicher Frequenz definiert. Bei unterschiedlichen Frequenzen würde sich der Versatz ständig ändern — von einer festen Phasenverschiebung könnte man dann nicht mehr sprechen.

Üblicherweise wählt man eine der beiden Größen als Bezug. Im Wechselstromkreis ist das meistens die Spannung. Die andere Größe — meistens der Strom — wird relativ dazu betrachtet. Daraus ergeben sich vier typische Lagen:

Phasenlage Phasenwinkel φ Bedeutung
in Phase Nulldurchgänge und Höchstwerte fallen zeitlich zusammen
Strom eilt voraus positiv (z.B. +90°) Strom erreicht den Höchstwert vor der Spannung
Strom läuft nach negativ (z.B. −90°) Strom erreicht den Höchstwert nach der Spannung
Gegenphase 180° Wenn eine Größe ihr Maximum hat, hat die andere ihr Minimum

In dieser Tabelle gilt die in der Wechselstromtechnik übliche Vorzeichenkonvention: φ ist positiv, wenn die betrachtete Größe der Bezugsgröße vorauseilt. Manche Bücher kehren diese Konvention um — beim Lesen also immer kurz prüfen, welche Festlegung gilt.

t u, i T 2T u(t) i(t) Δt i läuft u nach um φ

Zwei Sinusgrößen sollen miteinander verglichen werden. Welche Voraussetzung muss erfüllt sein, damit von einer festen Phasenverschiebung gesprochen werden kann?

  • a) Beide Größen müssen dieselbe Frequenz haben
  • b) Beide Größen müssen dieselbe Amplitude haben
  • c) Beide Größen müssen denselben Effektivwert haben
  • d) Beide Größen müssen denselben Nullphasenwinkel haben

Richtig: a)

Nur bei gleicher Frequenz bleibt der zeitliche Versatz konstant; sonst änderte sich die „Phasenverschiebung“ laufend. Amplituden, Effektivwerte und Nullphasenwinkel dürfen unterschiedlich sein, sie spielen für die Definition der Phasenverschiebung keine Rolle.

In einem Diagramm erreicht die Spannung u ihren positiven Höchstwert. Im gleichen Augenblick ist der Strom i durch null. Wie groß ist die Phasenverschiebung zwischen u und i?

  • a) 0°
  • b) 180°
  • c) 270°
  • d) 90°

Richtig: d)

Bei einer Sinusgröße liegt der Nulldurchgang genau eine Viertelperiode vom Höchstwert entfernt — das entspricht 90°. Das Vorzeichen hängt davon ab, ob der Strom dem Höchstwert vorauseilt oder nachläuft, der Betrag aber ist 90°.

Welche Aussage zur Phasenlage „Gegenphase“ ist korrekt?

  • a) Die Frequenzen unterscheiden sich um 180°
  • b) Wenn eine Größe ihren positiven Höchstwert hat, hat die andere ihren negativen Höchstwert
  • c) Beide Größen sind gleich groß, aber mit unterschiedlichem Vorzeichen am Messgerät
  • d) Eine Größe ist konstant null, die andere ändert sich sinusförmig

Richtig: b)

Gegenphase (φ = 180°) bedeutet, dass die beiden Sinuskurven exakt gespiegelt zueinander liegen: Ein positives Maximum der einen fällt mit einem negativen Maximum der anderen zusammen. Frequenzen werden nicht in Grad gemessen, und konstant-null wäre keine Wechselgröße.

Kapitel 2 — Phasenwinkel: von der Zeit zum Winkel

Den zeitlichen Versatz Δt gibt man in der Praxis selten als reine Zeitangabe an. Üblicher ist die Umrechnung in einen Winkel — und zwar wahlweise in Grad oder im Bogenmaß. Der Grund ist einfach: Eine volle Periode T entspricht genau einer vollen Umdrehung, also 360° bzw. Radiant.

Daraus ergibt sich der Phasenwinkel über den Anteil, den Δt an der Periodendauer hat:

Im Bogenmaß lautet dieselbe Beziehung:

Wer schon mit der Kreisfrequenz ω rechnet, kann das noch kürzer schreiben. Mit ω = 2π/T folgt direkt:

Welche Variante man verwendet, ist Geschmackssache — solange man sauber zwischen Grad und Radiant unterscheidet. Beim Rechnen am Taschenrechner ist das eine häufige Fehlerquelle: Steht der Rechner auf „DEG“ oder auf „RAD“, liefert er für sin(1) völlig unterschiedliche Werte. Bei Berechnungen mit der Kreisfrequenz im Argument der Sinusfunktion (also u(t) = û·sin(ω·t)) ist immer das Bogenmaß gemeint.

Vorzeichen

Das Vorzeichen von φ folgt der Konvention aus Kapitel 1: positiv bedeutet vorauseilend, negativ bedeutet nachlaufend — jeweils bezogen auf die gewählte Bezugsgröße. Wenn der Strom in einem RL-Kreis der Spannung um Δt hinterherhinkt, ist sein Phasenwinkel negativ, weil er nachläuft.

φ = (Δt / T) · 360°

  • φ … Phasenverschiebungswinkel in Grad
  • Δt … zeitlicher Versatz in s
  • T … Periodendauer in s

φ = (Δt / T) · 2π

  • φ … Phasenverschiebungswinkel in Radiant
  • Δt … zeitlicher Versatz in s
  • T … Periodendauer in s

φ = ω · Δt

  • φ … Phasenverschiebungswinkel in Radiant
  • ω … Kreisfrequenz in rad/s
  • Δt … zeitlicher Versatz in s

Gelöstes Beispiel

Ein Wechselstromnetz hat 50 Hz. Der Strom hat seinen Nulldurchgang genau 2 ms später als die Spannung. Wie groß ist der Phasenverschiebungswinkel in Grad?

Gegeben: f = 50 Hz; Δt = 2 ms

Gesucht: φ in Grad

Lösungsweg:

  1. Periodendauer aus der Frequenz: T = 1 / f = 1 / 50 Hz = 0,02 s = 20 ms
  2. Phasenwinkel in Grad: φ = (Δt / T) · 360° = (2 ms / 20 ms) · 360° = 0,1 · 360° = 36°

Ergebnis: φ = 36° (negativ, da der Strom nachläuft: φ = −36°)

Übungen

Berechne den Phasenwinkel φ in Grad für f = 50 Hz und Δt = 1 ms.

T = 20 ms, φ = (1/20)·360° = 18°

Bei einer Wechselgröße mit f = 100 Hz erreicht der Strom 2,5 ms nach der Spannung sein Maximum. Gib den Phasenwinkel in Grad und im Bogenmaß an.

T = 10 ms, φ = (2,5/10)·360° = 90° = π/2 rad ≈ 1,5708 rad. Vorzeichen negativ, da Strom nachläuft.

Ein Strom soll der Spannung um genau 90° vorauseilen. Welche Zeit Δt entspricht das bei f = 50 Hz?

Umstellen: Δt = (φ/360°)·T = (90°/360°)·20 ms = 5 ms

Bei einer Periodendauer von T = 10 ms beträgt die Phasenverschiebung 30°. Welcher Zeitversatz Δt liegt vor?

Δt = (30°/360°)·10 ms = (1/12)·10 ms ≈ 0,833 ms

Zwei Sinusgrößen haben beide f = 60 Hz. Die zweite hat ihren positiven Nulldurchgang bei t = 1,39 ms, die erste bei t = 0. Berechne den Phasenwinkel in Grad und gib das Vorzeichen mit korrekter Konvention an.

T = 1/60 Hz ≈ 16,667 ms; φ = (1,39/16,667)·360° ≈ 30,01°. Die zweite Größe läuft der ersten nach → φ = −30°.

Eine Wechselgröße hat 50 Hz. Welche Periodendauer entspricht das?

  • a) 50 ms
  • b) 0,2 s
  • c) 20 ms
  • d) 2 ms

Richtig: c)

T = 1/f = 1/50 Hz = 0,02 s = 20 ms. Die anderen Werte ergeben sich aus typischen Verwechslungen (z.B. Faktor 10 falsch) und sind im 50-Hz-Netz nicht korrekt.

Welche Beziehung ist im Argument einer Sinusfunktion u(t) = û·sin(ω·t) zwingend zu beachten?

  • a) ω·t ist im Bogenmaß zu interpretieren
  • b) ω·t ist immer in Grad anzugeben
  • c) ω·t ist dimensionslos und liefert direkt einen Spannungswert
  • d) ω·t hat die Einheit Hertz

Richtig: a)

Die Sinusfunktion erwartet im mathematischen Sinn einen Winkel im Bogenmaß. ω hat die Einheit rad/s, t in Sekunden — das Produkt ω·t hat die Einheit rad. Wer im Taschenrechner auf „DEG“ stellt, bekommt für dieselbe Eingabe völlig andere Werte und damit falsche Ergebnisse.

Bei einer Wechselgröße mit f = 50 Hz beträgt der zeitliche Versatz Δt = 5 ms. Wie groß ist der Phasenwinkel?

  • a) 45°
  • b) 36°
  • c) 60°
  • d) 90°

Richtig: d)

T = 20 ms. φ = (5/20)·360° = 0,25·360° = 90°. Das ist die klassische Viertelperiode — der typische Fall bei reinen Spulen und Kondensatoren.

Kapitel 3 — Vom Drehzeiger zum Zeigerdiagramm

Eine sinusförmige Wechselgröße lässt sich auch ganz anders darstellen: nicht als Kurve in einem Zeit-Diagramm, sondern als rotierender Pfeil — ein Drehzeiger. Dieser Zeiger hat eine feste Länge (entspricht der Amplitude) und dreht sich mit konstanter Winkelgeschwindigkeit gegen den Uhrzeigersinn um einen festen Punkt.

Trägt man die senkrechte Komponente der Zeigerspitze über der Zeit auf, ergibt sich genau die zugehörige Sinuskurve. Mathematisch ist das einfach die Definition der Sinusfunktion am Einheitskreis — nur erweitert um eine beliebige Länge und eine beliebige Drehgeschwindigkeit:

Die folgende Darstellung zeigt diesen Zusammenhang. Links rotiert der Zeiger im Kreis, rechts entsteht durch Projektion die Sinuskurve. Zur Zeit ω·t = 60° steht der Zeiger im linken Bild schräg nach oben rechts — die rote, gestrichelte Linie führt waagrecht zur entsprechenden Stelle auf der Sinuskurve, wo der Momentanwert genauso groß ist wie die senkrechte Komponente der Zeigerspitze.

Vom Drehzeiger zum statischen Zeigerdiagramm

Wenn man mehrere Wechselgrößen gleicher Frequenz darstellt, drehen sich auch alle zugehörigen Zeiger mit derselben Kreisfrequenz ω. Das heißt: Die relative Lage der Zeiger zueinander bleibt konstant. Genau das nutzt man aus. Statt die Zeiger ständig mitlaufen zu lassen, friert man die ganze Szene zu einem beliebigen Zeitpunkt ein — meistens bei t = 0. Übrig bleibt ein Zeigerdiagramm: eine statische Momentaufnahme, in der nur noch die Längen und die Winkel zwischen den Zeigern interessieren.

Eine Konvention hat sich dabei durchgesetzt: Statt mit den Spitzenwerten û arbeitet man im Zeigerdiagramm meistens mit den Effektivwerten U. Die Effektivwerte sind kleiner als die Spitzenwerte (um den Faktor √2), aber sie sind genau die Werte, die ein Multimeter anzeigt. Damit lassen sich die Zeigerlängen direkt mit Messwerten vergleichen.

Phasenlage an R, L und C

In der Wechselstromtechnik trifft man fast überall auf drei Grundbauelemente: den ohmschen Widerstand, die Spule und den Kondensator. Jedes davon erzeugt ein eigenes typisches Verhalten zwischen Strom und Spannung. Im Zeigerdiagramm sieht das so aus:

Beim Widerstand sind Strom und Spannung in Phase. Die Zeiger zeigen in dieselbe Richtung, der Phasenwinkel ist null. Bei der Spule läuft der Strom der Spannung um 90° nach: Der I-Zeiger ist gegenüber dem U-Zeiger im Uhrzeigersinn um eine Viertelumdrehung zurückgedreht. Beim Kondensator ist es genau umgekehrt — der Strom eilt der Spannung um 90° voraus.

Warum das so ist und wie sich daraus die Begriffe Wirkwiderstand und Blindwiderstand ergeben, behandeln die jeweiligen Detail-Beiträge:

ω = 2π · f

  • ω … Kreisfrequenz in rad/s
  • f … Frequenz in Hz

u(t) = û · sin(ω·t + φ)

  • u(t) … Momentanwert der Spannung in V
  • û … Spitzenwert (Zeigerlänge) in V
  • ω … Kreisfrequenz in rad/s
  • t … Zeit in s
  • φ … Phasenwinkel zur Bezugsgröße in rad
û ωt ω ωt u ωt = 60° Senkrechte Projektion des Zeigers ergibt den Momentanwert auf der Sinuskurve
Widerstand R u und i in Phase (φ = 0°) U I i und u zeigen in dieselbe Richtung Spule L i läuft u um 90° nach U I 90° induktive Phasenverschiebung Kondensator C i eilt u um 90° voraus U I 90° kapazitive Phasenverschiebung

Welche Größe wird im Zeigerdiagramm üblicherweise als Zeigerlänge verwendet?

  • a) Der Spitzenwert û
  • b) Der Effektivwert U
  • c) Der arithmetische Mittelwert
  • d) Die Periodendauer

Richtig: b)

Effektivwerte sind die in der Praxis messbaren Werte (Multimeter, Stromzange). Daher wird konventionell die Zeigerlänge dem Effektivwert gleichgesetzt, nicht dem Spitzenwert. Mittelwerte und Periodendauern sind keine Amplituden-Information.

Mit welcher Winkelgeschwindigkeit dreht sich der Drehzeiger einer 50-Hz-Größe?

  • a) 50 rad/s
  • b) 100 rad/s
  • c) 157 rad/s
  • d) 314 rad/s

Richtig: d)

ω = 2π·f = 2·π·50 Hz ≈ 314,16 rad/s. Wer nur f als ω einsetzt oder das 2π vergisst, landet bei 50, 100 oder 157 rad/s — alle falsch.

In einem Wechselstromkreis fließt durch eine ideale Spule ein Strom i. Wie steht der I-Zeiger im Zeigerdiagramm relativ zum U-Zeiger?

  • a) Um 90° im Uhrzeigersinn gedreht (nachlaufend)
  • b) Um 90° gegen den Uhrzeigersinn gedreht (vorauseilend)
  • c) In dieselbe Richtung wie der U-Zeiger
  • d) In entgegengesetzte Richtung (180°)

Richtig: a)

Bei einer Spule läuft der Strom der Spannung um 90° nach. Im Zeigerdiagramm bedeutet „nachlaufend“: Der Zeiger ist im Uhrzeigersinn versetzt, weil er zeitlich später am selben Punkt ankommt. Antwort b) wäre der Kondensator, c) der ohmsche Widerstand, d) ist eine vollständige Umpolung.

Kapitel 4 — Addition von Wechselgrößen mit Zeigerdiagrammen

In einer Reihenschaltung aus mehreren Bauelementen fällt an jedem Bauelement eine Teilspannung ab. Die Gesamtspannung ist nach Kirchhoff die Summe der Teilspannungen — bei Gleichstrom heißt das einfach U_ges = U_1 + U_2. Bei Wechselstrom ist das aber nur dann richtig, wenn die Teilspannungen in Phase sind. Sobald sie phasenverschoben sind, scheitert das einfache Addieren.

Ein konkretes Beispiel macht das deutlich: An einem Widerstand werden 60 V Effektivwert gemessen, an einer Spule 80 V, beide in derselben Reihenschaltung. Misst man die Gesamtspannung, zeigt das Multimeter aber nicht 140 V an, sondern 100 V. Wer rein arithmetisch addiert, kommt zu einem Ergebnis, das mit der Realität nichts zu tun hat.

Der Grund liegt in der Phasenverschiebung: Am Widerstand sind u_R und i in Phase, an der Spule eilt der Spannungszeiger U_L dem Strom um 90° voraus. U_R und U_L stehen damit im Zeigerdiagramm senkrecht aufeinander. Senkrechte Zeiger lassen sich nicht arithmetisch addieren — sie müssen geometrisch zusammengesetzt werden.

Geometrische Addition: Parallelogramm und Pythagoras

Zeiger werden wie Vektoren addiert: Zwei Zeiger spannen ein Parallelogramm auf, dessen Diagonale die Resultierende ist. Beim Sonderfall 90° Phasenversatz wird aus dem Parallelogramm ein Rechteck — und aus der Diagonalen die Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks. Damit gilt der Satz des Pythagoras:

Der Phasenwinkel der Resultierenden gegenüber der Bezugsgröße ergibt sich aus dem Tangens:

Zurück zum Beispiel: U_R = 60 V, U_L = 80 V, beide stehen senkrecht aufeinander. Das Zeigerdiagramm dazu sieht so aus:

U_ges errechnet sich zu √(60² + 80²) = √(3600 + 6400) = √10000 = 100 V. Der Phasenwinkel beträgt arctan(80/60) = arctan(1,333) ≈ 53,13°. Die Gesamtspannung ist also nicht 140 V (arithmetisch), sondern 100 V (geometrisch) — und sie eilt dem Strom um rund 53° voraus.

U_ges = √(U_1² + U_2²)

  • U_ges … resultierende Spannung in V
  • U_1 … Teilspannung entlang der Bezugsrichtung in V
  • U_2 … senkrecht dazu stehende Teilspannung in V

tan φ = U_2 / U_1

  • φ … Phasenwinkel der Resultierenden gegenüber U_1
  • U_1 … Teilspannung entlang der Bezugsrichtung in V
  • U_2 … senkrecht dazu stehende Teilspannung in V
U_R = 60 V U_L = 80 V U_ges = 100 V φ = 53,13°

Gelöstes Beispiel

An einer Reihenschaltung aus Widerstand und Spule werden die Teilspannungen U_R = 30 V und U_L = 40 V gemessen. Beide Größen stehen im Zeigerdiagramm senkrecht aufeinander. Berechne die Gesamtspannung U_ges und den Phasenwinkel φ gegenüber dem Strom.

Gegeben: U_R = 30 V (in Phase mit i); U_L = 40 V (eilt i um 90° voraus)

Gesucht: U_ges in V, φ in Grad

Lösungsweg:

  1. Geometrische Addition mit Pythagoras: U_ges = √(U_R² + U_L²) = √(30² + 40²) = √(900 + 1600) = √2500 = 50 V
  2. Phasenwinkel über den Tangens: tan φ = U_L / U_R = 40 / 30 ≈ 1,333; φ = arctan(1,333) ≈ 53,13°

Ergebnis: U_ges = 50 V, φ ≈ 53,13° (U_ges eilt i voraus)

Übungen

An einem Widerstand werden U_R = 80 V gemessen, an einer Spule in Reihe U_L = 60 V. Beide stehen senkrecht aufeinander. Berechne U_ges.

U_ges = √(80² + 60²) = √(6400 + 3600) = √10000 = 100 V

In einer RC-Reihenschaltung beträgt U_R = 120 V, U_C = 50 V. U_C steht senkrecht zu U_R. Berechne U_ges und den Phasenwinkel.

U_ges = √(120² + 50²) = √(14400 + 2500) = √16900 = 130 V. tan φ = 50/120 = 0,4167 → φ ≈ 22,62°

Eine Reihenschaltung weist U_ges = 230 V und U_R = 180 V auf. U_L steht senkrecht zu U_R. Wie groß ist U_L?

Umstellen: U_L = √(U_ges² − U_R²) = √(230² − 180²) = √(52900 − 32400) = √20500 ≈ 143,2 V

Zwei senkrecht zueinander stehende Zeiger ergeben eine Resultierende von 25 V unter einem Phasenwinkel von 30°. Berechne die beiden Teilkomponenten.

U_1 = U_ges · cos φ = 25 · cos(30°) ≈ 21,65 V; U_2 = U_ges · sin φ = 25 · sin(30°) = 12,5 V

In einer RL-Reihenschaltung gilt: U_ges = 100 V, der Phasenwinkel beträgt 60° (Spannung eilt voraus). Welche Teilspannungen liegen am Widerstand und an der Spule an?

U_R = U_ges · cos φ = 100 · cos(60°) = 50 V; U_L = U_ges · sin φ = 100 · sin(60°) ≈ 86,6 V

In einer Reihenschaltung werden U_R = 40 V und U_L = 30 V gemessen. Beide stehen senkrecht aufeinander. Welche Gesamtspannung liegt an?

  • a) 70 V (arithmetische Summe)
  • b) 10 V (Differenz)
  • c) 50 V
  • d) 100 V (Produkt durch 14)

Richtig: c)

U_ges = √(40² + 30²) = √(1600 + 900) = √2500 = 50 V. Die arithmetische Summe (70 V) ignoriert die Phasenverschiebung, die Differenz wäre nur bei Gegenphase relevant, das Produkt durch 14 ist sinnloses Zahlenspiel.

Welche der folgenden Aussagen zur geometrischen Zeigeraddition ist korrekt?

  • a) Sie gilt nur für 90°-Versätze; bei anderen Winkeln muss arithmetisch addiert werden
  • b) Sie funktioniert für jeden Winkel zwischen den Zeigern; bei 90° vereinfacht sich die Rechnung zum Satz des Pythagoras
  • c) Sie funktioniert nur, wenn beide Zeiger dieselbe Länge haben
  • d) Sie liefert immer eine Resultierende, die größer ist als jede Teilspannung

Richtig: b)

Die Parallelogramm-Methode gilt für beliebige Winkel zwischen zwei Zeigern. 90° ist nur ein praktischer Sonderfall, in dem aus dem Parallelogramm ein Rechteck wird. Antwort d) ist falsch, weil sich Zeiger bei Gegenphase auch teilweise auslöschen können.

In einer RC-Reihenschaltung ist U_R = 90 V und U_C = 120 V. U_C steht senkrecht zu U_R, mit U_C nacheilend (Strom als Bezug). Welcher Phasenwinkel der Gesamtspannung gegenüber dem Strom ergibt sich?

  • a) 36,87° vorauseilend
  • b) 36,87° nachlaufend
  • c) 53,13° vorauseilend
  • d) 53,13° nachlaufend

Richtig: d)

tan φ = U_C / U_R = 120/90 ≈ 1,333 → φ ≈ 53,13°. Da U_C dem Strom nacheilt (typisches Kondensator-Verhalten), ist die Gesamtspannung nachlaufend gegenüber dem Strom. Wer 36,87° angibt, hat den Tangens umgekehrt (U_R/U_C statt U_C/U_R).

Abschlusstest

Aufgabe 1: An einem 50-Hz-Netz wird gemessen, dass der Strom der Spannung um 3,33 ms nachläuft. Berechne den Phasenverschiebungswinkel in Grad und im Bogenmaß.

Gegeben: f = 50 Hz; Δt = 3,33 ms

Gesucht: φ in Grad und in rad

Lösungsweg:

  1. T = 1/f = 20 ms
  2. φ = (3,33/20)·360° ≈ 59,94°
  3. Im Bogenmaß: φ ≈ (3,33/20)·2π ≈ 1,046 rad

Ergebnis: φ ≈ −60° (≈ −1,047 rad), da nachlaufend

Aufgabe 2: Bei welcher Frequenz entspricht ein Phasenwinkel von 45° einem zeitlichen Versatz von 2,5 ms?

Gegeben: φ = 45°; Δt = 2,5 ms

Gesucht: f in Hz

Lösungsweg:

  1. T = Δt · 360°/φ = 2,5 ms · 360°/45° = 2,5 ms · 8 = 20 ms
  2. f = 1/T = 1/0,02 s = 50 Hz

Ergebnis: f = 50 Hz

Aufgabe 3: An einer Reihenschaltung wird gemessen: U_R = 120 V, U_L = 160 V, beide stehen senkrecht aufeinander. Berechne U_ges und den Phasenwinkel φ der Gesamtspannung gegenüber dem Strom.

Gegeben: U_R = 120 V; U_L = 160 V (eilt Strom um 90° voraus)

Gesucht: U_ges in V, φ in Grad

Lösungsweg:

  1. U_ges = √(120² + 160²) = √(14400 + 25600) = √40000 = 200 V
  2. tan φ = 160/120 = 1,333 → φ ≈ 53,13°

Ergebnis: U_ges = 200 V, φ ≈ 53,13° (vorauseilend)

Aufgabe 4: Die Gesamtspannung an einer Reihenschaltung beträgt U_ges = 325 V bei einem Phasenwinkel von 30°. Berechne die Teilspannungen U_R und U_X, wenn beide senkrecht aufeinander stehen.

Gegeben: U_ges = 325 V; φ = 30°

Gesucht: U_R, U_X in V

Lösungsweg:

  1. U_R = U_ges · cos φ = 325 · cos(30°) ≈ 281,46 V
  2. U_X = U_ges · sin φ = 325 · sin(30°) = 162,5 V

Ergebnis: U_R ≈ 281,5 V, U_X = 162,5 V

Welche Aussage zum Begriff Phasenverschiebung ist korrekt?

  • a) Sie ist nur zwischen Wechselgrößen gleicher Frequenz definiert
  • b) Sie ist proportional zur Amplitude der beiden Größen
  • c) Sie ändert sich mit der Höhe des Effektivwerts
  • d) Sie tritt grundsätzlich nur in Gleichstromkreisen auf

Richtig: a)

Nur bei gleicher Frequenz bleibt der zeitliche Versatz konstant. Amplitude und Effektivwert beeinflussen die Phasenlage nicht. Im Gleichstromkreis gibt es per Definition keine Phasenverschiebung, weil keine periodischen Größen vorliegen.

Wie groß ist die Kreisfrequenz ω einer 100-Hz-Wechselgröße?

  • a) 100 rad/s
  • b) 628 rad/s
  • c) 314 rad/s
  • d) 1000 rad/s

Richtig: b)

ω = 2π·f = 2·π·100 Hz ≈ 628,32 rad/s. Antwort c) wäre die Kreisfrequenz von 50 Hz, a) ignoriert den Faktor 2π, d) ist ein Zahlenspiel ohne Bezug.

Welche Phasenlage besteht zwischen Strom und Spannung an einem idealen ohmschen Widerstand im Wechselstromkreis?

  • a) Strom eilt Spannung um 90° voraus
  • b) Strom läuft Spannung um 90° nach
  • c) Strom und Spannung sind in Phase
  • d) Strom und Spannung stehen in Gegenphase (180°)

Richtig: c)

Am idealen Widerstand sind Strom und Spannung in Phase, weil das Ohmsche Gesetz auch im Wechselstromkreis momentanwertgenau gilt: u = R·i. 90°-Verschiebungen treten an Spule und Kondensator auf, 180° wäre eine Polaritätsumkehrung.

Im Zeigerdiagramm wird üblicherweise welcher Wert als Zeigerlänge verwendet?

  • a) Die Momentanleistung
  • b) Die Stromstärke in der Einheit Ampere
  • c) Der Spitzenwert û
  • d) Der Effektivwert U

Richtig: d)

Effektivwerte sind diejenigen, die ein Multimeter anzeigt. Daher wird konventionell der Effektivwert als Zeigerlänge verwendet. Spitzenwerte würden um √2 größere Zeiger ergeben — möglich, aber nicht üblich.

In einer Reihenschaltung werden gemessen: U_R = 50 V, U_L = 120 V, beide senkrecht. Welche Gesamtspannung liegt an?

  • a) 130 V
  • b) 170 V
  • c) 70 V
  • d) 100 V

Richtig: a)

U_ges = √(50² + 120²) = √(2500 + 14400) = √16900 = 130 V. Das klassische pythagoreische Tripel 5-12-13. Antwort b) ist die arithmetische Summe, c) die Differenz, d) ein willkürlicher Wert.

Welcher Phasenwinkel zwischen Strom und Spannung ergibt sich in einem reinen RL-Reihenkreis, wenn die Spannungen an Widerstand und Spule gleich groß sind?

  • a) 0°
  • b) 45°
  • c) 60°
  • d) 90°

Richtig: b)

Bei gleich großen Teilspannungen ist tan φ = U_L/U_R = 1, also φ = 45°. 0° entspräche reinem Widerstand, 90° reiner Spule, 60° gilt für U_L = √3·U_R.

Eine Spannung u(t) = 230 V · √2 · sin(ω·t) soll in einem Zeigerdiagramm dargestellt werden. Wie lang ist der Zeiger, wenn die Konvention „Effektivwert als Zeigerlänge“ gilt?

  • a) 230 V · √2 ≈ 325 V
  • b) 230 V · 2 = 460 V
  • c) 230 V
  • d) 115 V

Richtig: c)

Der Spitzenwert ist 230·√2 V ≈ 325 V, der Effektivwert beträgt 230 V — und genau dieser Wert wird als Zeigerlänge eingetragen. 115 V wäre die Halbierung, 460 V ein nicht-physikalisches Verdoppeln.

Ein Strom soll der Spannung um genau 90° vorauseilen. Welches Bauelement ist im Wechselstromkreis dafür typisch verantwortlich?

  • a) Ohmscher Widerstand
  • b) Spule
  • c) Reihenschaltung aus Widerstand und Spule
  • d) Idealer Kondensator

Richtig: d)

Beim idealen Kondensator eilt der Strom der Spannung um genau 90° voraus. Beim Widerstand ist φ = 0°, bei der Spule läuft der Strom 90° nach. Eine RL-Reihenschaltung liefert Winkel zwischen 0° und 90°, aber nicht +90° vorauseilend.

Welche Beziehung gilt für die Gesamtspannung an einer Reihenschaltung mit zwei senkrecht aufeinander stehenden Teilspannungen U_1 und U_2?

  • a) U_ges = √(U_1² + U_2²)
  • b) U_ges = U_1 + U_2
  • c) U_ges = U_1 · U_2
  • d) U_ges = (U_1 + U_2)/2

Richtig: a)

Senkrechte Zeiger ergeben über den Satz des Pythagoras die Resultierende. Die arithmetische Summe gilt nur, wenn beide Zeiger in dieselbe Richtung zeigen. Produkt und Mittelwert haben keine physikalische Bedeutung in der Zeigerrechnung.

In einer RL-Reihenschaltung beträgt der Phasenwinkel zwischen Gesamtspannung und Strom 30°. Welche Aussage zu den Teilspannungen ist korrekt?

  • a) U_R = U_L
  • b) U_L < U_R, weil tan(30°) ≈ 0,577 und damit U_L/U_R < 1
  • c) U_L > U_R, weil bei jedem RL-Kreis die induktive Komponente überwiegt
  • d) U_R = 0, weil bei kleinem Winkel kein Strom durch den Widerstand fließt

Richtig: b)

tan φ = U_L/U_R = tan(30°) ≈ 0,577. Daraus folgt U_L < U_R — bei kleinem Phasenwinkel überwiegt der ohmsche Anteil. Bei großen Winkeln (gegen 90°) überwiegt der induktive Anteil. U_R = 0 wäre nur bei reinem L-Kreis der Fall.

Glossar

Phasenverschiebung
Zeitlicher Versatz zwischen zwei Wechselgrößen gleicher Frequenz, ausgedrückt als Winkel φ. Tritt auf, sobald reaktive Bauelemente (Spulen, Kondensatoren) im Stromkreis sind.
Phasenwinkel φ
Winkelmaß für die Phasenverschiebung zwischen zwei Wechselgrößen. Positives Vorzeichen bedeutet vorauseilend, negatives nachlaufend (Standardkonvention).
Zeiger
Pfeil in einer Ebene, der eine sinusförmige Wechselgröße durch Betrag und Winkel beschreibt. In der Wechselstromtechnik üblicherweise mit der Länge des Effektivwerts.
Zeigerdiagramm
Statische Momentaufnahme der Zeiger mehrerer Wechselgrößen gleicher Frequenz. Zeigt die relative Lage (Phasenverschiebung) der Größen zueinander.
Drehzeiger
Rotierender Zeiger, dessen Projektion auf die senkrechte Achse die Sinuskurve einer Wechselgröße erzeugt. Modellvorstellung, die den Übergang von der zeitabhängigen Sinusfunktion zum statischen Zeigerdiagramm erklärt.
Kreisfrequenz ω
Winkelgeschwindigkeit des Drehzeigers, definiert als ω = 2π·f. Einheit rad/s.
Resultierende
Geometrische Summe zweier oder mehrerer Zeiger. Wird wie bei Vektoren gebildet — bei senkrechten Zeigern über den Satz des Pythagoras.
Voreilen / Nachlaufen
Eine Größe eilt einer Bezugsgröße voraus, wenn ihr Höchstwert zeitlich früher erreicht wird (positiver Phasenwinkel). Sie läuft nach, wenn ihr Höchstwert später erreicht wird (negativer Phasenwinkel).
Bezugsgröße
Wechselgröße, von der aus die Phasenlage anderer Größen gemessen wird. Im Wechselstromkreis meistens die Spannung; bei Reihenschaltungen oft der Strom (weil er in allen Bauteilen gleich groß ist).
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