Toleranzen, Passungen und Oberflächen (ISO-System)
Wenn ein Lagerinnenring auf eine Welle gepresst werden soll, darf die Welle nicht zu dick und nicht zu dünn sein. Aber wie genau muss „nicht zu dick“ sein? Auf den Tausendstel? Den Hundertstel? Auf einen halben Millimeter genau? Das ist die zentrale Frage hinter Toleranzen und Passungen. Das ISO-System gibt dafür eine klare, weltweit verständliche Sprache vor. Wer sie beherrscht, kann eine Werkstattzeichnung lesen, eine Passung gezielt auswählen und Bauteile so spezifizieren, dass sie funktionieren und trotzdem wirtschaftlich gefertigt werden können.
Vorwissen
- Technische Zeichnungen lesen: Ansichten und Schnitte
- Bemaßung und Oberflächenangaben
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- die Begriffe Nennmaß, Höchstmaß, Mindestmaß, Abmaß und Maßtoleranz sicher unterscheiden
- die ISO-Kurzzeichen wie H7 oder g6 lesen und einer Bohrung oder Welle zuordnen
- Spielpassung, Übergangspassung und Presspassung unterscheiden und mit dem Bohrungs- bzw. Wellensystem in Verbindung bringen
- Höchst- und Mindestspiel sowie Höchst- und Mindestübermaß rechnerisch ermitteln
- Allgemeintoleranzen aus dem Schriftfeld richtig interpretieren
- die Oberflächengüte (Ra, Rz) sinnvoll zur geforderten Passung wählen
1. Warum überhaupt Toleranzen?
Stell dir vor, du fertigst tausend Kolbenbolzen für einen Motor. Jeder soll exakt 20,00 mm Durchmesser haben. In der Realität bekommst du das nie hin. Die Maschine schwankt, das Werkzeug verschleißt, der Stahl arbeitet bei Temperatur. Manche Bolzen werden 20,003 mm, andere 19,998 mm. Wenn jetzt jeder davon „falsch“ wäre, müsstest du jeden einzelnen wegwerfen. Genau hier setzt das Toleranzwesen an.
Eine Toleranz ist der zulässige Bereich, in dem ein Maß abweichen darf, ohne dass das Bauteil unbrauchbar wird. Sie macht Fertigung erst wirtschaftlich. Drei Gedanken stecken dahinter.
Funktion vor Genauigkeit. Eine Welle in einem Gleitlager braucht etwas Spiel, sonst klemmt sie. Eine Welle für einen Pressverband braucht Übermaß, sonst sitzt sie nicht fest. Das gewünschte Verhalten gibt vor, wie genau das Maß sein muss – nicht umgekehrt.
Austauschbarkeit. Wenn alle Wellen und alle Bohrungen innerhalb fest definierter Grenzen liegen, passt jede beliebige Welle in jede beliebige Bohrung. Reparaturen, Ersatzteile, Serienfertigung – all das funktioniert nur, weil jemand definiert hat: „zwischen diesem und jenem Maß ist es ok“.
Wirtschaftlichkeit. Eine engere Toleranz bedeutet teurere Fertigung. Schleifen statt Drehen, Lehren statt Messschieber. Der Konstrukteur sucht den größten Toleranzbereich, mit dem das Bauteil noch funktioniert.
Historisch hat sich das ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Serienfertigung entwickelt – zuerst im Waffenbau, dann im Maschinenbau. Heute ist das ISO-System der gemeinsame Standard, der dafür sorgt, dass eine Welle aus einer steirischen Drehmaschine in ein Lager aus Japan passt.
Frage 1: Warum werden in der Serienfertigung Toleranzen verwendet, statt jedes Bauteil exakt auf Nennmaß zu fertigen?
- a) Weil das Nennmaß international nicht eindeutig definiert ist
- b) Weil die Fertigung auf exaktes Nennmaß technisch unmöglich und unwirtschaftlich wäre
- c) Weil Toleranzen die Festigkeit des Bauteils erhöhen
- d) Weil das Materialgewicht so besser kalkuliert werden kann
Richtig: b)
Jede Fertigung streut. Maschinenschwankungen, Werkzeugverschleiß, Temperatureinflüsse und Materialinhomogenitäten verhindern, dass ein Maß exakt auf den Sollwert getroffen wird. Toleranzen geben einen Bereich vor, in dem das Bauteil funktioniert – das macht die Fertigung erst beherrschbar und bezahlbar. Mit Festigkeit oder Gewicht haben Maßtoleranzen nichts zu tun. Das Nennmaß ist im ISO-System klar definiert.
Frage 2: Welche Aussage zum Verhältnis von Toleranz und Fertigungskosten trifft zu?
- a) Engere Toleranzen sind grundsätzlich gleich teuer wie weite, weil dieselben Maschinen verwendet werden
- b) Engere Toleranzen sind tendenziell günstiger, weil weniger Material verschwendet wird
- c) Engere Toleranzen erfordern aufwendigere Bearbeitungs- und Prüfverfahren und sind daher teurer
- d) Toleranzen haben grundsätzlich keinen Einfluss auf die Kosten
Richtig: c)
Eine enge Maßtoleranz braucht in der Regel ein zusätzliches Bearbeitungsverfahren – etwa Schleifen oder Honen nach dem Drehen – und engere Messmittel zur Prüfung. Das treibt die Kosten. Daher gilt in der Konstruktion: so eng wie nötig, so weit wie möglich.
2. Maße, Abmaße und Maßtoleranz
Eine Zeichnung zeigt einen Bolzen mit der Bemaßung ⌀20 +0,021 / 0. Was bedeuten diese kleinen Zahlen über und unter dem Maß? Wo ist die Grenze, ab der die Welle Ausschuss ist? Genau das klären die Begriffe rund um Nennmaß und Abmaße.
Das Nennmaß ist das in der Zeichnung eingetragene Bezugsmaß, hier 20 mm. Es ist die Bezugsgröße, aber nicht das exakte Sollmaß.
Die beiden Zahlen rechts oben und rechts unten am Maß sind die Abmaße:
- Das obere Abmaß ist die zulässige Abweichung nach oben
- Das untere Abmaß ist die zulässige Abweichung nach unten
Daraus ergeben sich zwei Grenzen:
Höchstmaß = Nennmaß + oberes Abmaß
Mindestmaß = Nennmaß + unteres Abmaß
Das Istmaß ist das tatsächlich gemessene Maß am gefertigten Bauteil. Es muss zwischen Höchstmaß und Mindestmaß liegen, sonst ist das Bauteil Ausschuss.
Die Maßtoleranz T ist die Differenz aus Höchst- und Mindestmaß:
Konkretes Beispiel: ⌀20 +0,021 / 0
- Nennmaß = 20,000 mm
- oberes Abmaß = +0,021 mm
- unteres Abmaß = 0
- Höchstmaß = 20,021 mm
- Mindestmaß = 20,000 mm
- T = 0,021 mm = 21 μm
Beide Abmaße können positiv, negativ oder null sein. Bei einer Welle ist meist das obere Abmaß negativ oder null (die Welle darf nicht dicker als das Nennmaß werden), bei einer Bohrung umgekehrt. Es gibt aber auch symmetrische Angaben wie 30 ±0,015.
T = Höchstmaß − Mindestmaß
- T … Maßtoleranz in mm
Gelöstes Beispiel
Eine Welle ist auf der Zeichnung mit ⌀40 −0,025 / −0,050 angegeben. Berechne Höchstmaß, Mindestmaß und Maßtoleranz.
Gegeben:
- Nennmaß: 40 mm
- oberes Abmaß: −0,025 mm
- unteres Abmaß: −0,050 mm
Gesucht: Höchstmaß, Mindestmaß, T
Lösungsweg:
- Höchstmaß: Höchstmaß = 40 + (−0,025) = 39,975 mm
- Mindestmaß: Mindestmaß = 40 + (−0,050) = 39,950 mm
- Maßtoleranz: T = 39,975 − 39,950 = 0,025 mm = 25 μm
Ergebnis: Höchstmaß = 39,975 mm, Mindestmaß = 39,950 mm, T = 0,025 mm
Übungen
Eine Bohrung ist mit ⌀25 +0,021 / 0 angegeben. Bestimme Höchst-, Mindestmaß und T.
Höchstmaß = 25,021 mm; Mindestmaß = 25,000 mm; T = 0,021 mm
Eine Welle hat das Maß ⌀50 −0,009 / −0,025. Bestimme Höchst-, Mindestmaß und T.
Höchstmaß = 49,991 mm; Mindestmaß = 49,975 mm; T = 0,016 mm
Bei einem Bolzen wurde ein Istmaß von 19,983 mm gemessen. Die Zeichnungsangabe lautet ⌀20 −0,007 / −0,028. Ist das Bauteil in Ordnung?
Höchstmaß = 19,993 mm; Mindestmaß = 19,972 mm. Das Istmaß 19,983 mm liegt im Toleranzfeld → Bauteil in Ordnung.
Bei einer Bohrung sind Höchstmaß 60,030 mm und Mindestmaß 60,000 mm vorgegeben. Wie lauten Nennmaß und Abmaße?
Nennmaß = 60 mm; oberes Abmaß = +0,030 mm; unteres Abmaß = 0; T = 0,030 mm
Eine Welle soll ein Höchstmaß von 80,000 mm und eine Toleranz von T = 0,030 mm haben, bei Nennmaß 80 mm. Wie groß ist das Mindestmaß und wie lauten die Abmaße?
Mindestmaß = 80,000 − 0,030 = 79,970 mm; oberes Abmaß = 0; unteres Abmaß = −0,030 mm
Frage 1: Auf einer Zeichnung steht ⌀30 +0,015 / −0,015. Welche Aussage ist korrekt?
- a) Das Bauteil hat keine Toleranz
- b) Nur das Übermaß ist toleriert, das Untermaß nicht
- c) Die Toleranz beträgt 0,030 mm, das Nennmaß liegt mittig im Toleranzfeld
- d) Das ist eine fehlerhafte Angabe, weil ein Abmaß immer positiv sein muss
Richtig: c)
Symmetrische Abmaße um das Nennmaß sind eine zulässige und übliche Angabe. Höchstmaß = 30,015 mm, Mindestmaß = 29,985 mm, T = 0,030 mm. Abmaße können positiv, negativ oder null sein.
Frage 2: Ein Bauteil hat ein Istmaß von 25,008 mm. Die Zeichnungsangabe lautet ⌀25 +0,015 / +0,002. Welche Aussage ist richtig?
- a) Das Bauteil ist Ausschuss, weil das Istmaß über dem Nennmaß liegt
- b) Das Bauteil ist in Ordnung, weil das Istmaß zwischen Mindest- und Höchstmaß liegt
- c) Das Bauteil ist Ausschuss, weil ein Abmaß null sein muss
- d) Das kann ohne weitere Toleranzangabe nicht beurteilt werden
Richtig: b)
Mindestmaß = 25,002 mm, Höchstmaß = 25,015 mm. Das Istmaß 25,008 mm liegt im Toleranzfeld → Bauteil in Ordnung. Dass das Istmaß über dem Nennmaß liegt, ist hier sogar zwingend, weil beide Abmaße positiv sind.
3. Allgemeintoleranzen (Freimaßtoleranzen)
Auf einer typischen Werkstattzeichnung hat nur ein kleiner Teil der Maße eine eigene Toleranzangabe – meist nur die funktionswichtigen Maße wie Lager- oder Passungssitze. Alle anderen Maße stehen ohne Abmaße da: 60, 25, 120. Bedeutet das, sie dürfen beliebig abweichen? Nein. Dafür gibt es Allgemeintoleranzen.
Allgemeintoleranzen – auch Freimaßtoleranzen genannt – gelten für alle Maße ohne explizite Toleranzangabe. Sie stehen nicht am einzelnen Maß, sondern als allgemeiner Verweis im Schriftfeld der Zeichnung oder darüber. Eine typische Angabe lautet:
Allgemeintoleranzen ISO 2768-mK
Das bedeutet: Alle Maße ohne eigene Toleranz gelten nach ÖNORM ISO 2768-1, Toleranzklasse m (mittel), und Form-/Lagetoleranzen nach ÖNORM ISO 2768-2, Klasse K.
Die Norm definiert vier Toleranzklassen für Längen- und Winkelmaße:
- f – fein
- m – mittel
- c – grob
- v – sehr grob
Die zulässige Abweichung hängt vom Nennmaßbereich ab. Je größer das Nennmaß, desto größer die zulässige Abweichung. Ein paar typische Werte für Klasse m bei Längenmaßen:
| Nennmaßbereich | Zulässige Abweichung |
|---|---|
| über 0,5 bis 3 mm | ±0,1 mm |
| über 3 bis 6 mm | ±0,1 mm |
| über 6 bis 30 mm | ±0,2 mm |
| über 30 bis 120 mm | ±0,3 mm |
| über 120 bis 400 mm | ±0,5 mm |
| über 400 bis 1000 mm | ±0,8 mm |
Konkret: Ein Maß von 60 mm ohne eigene Toleranzangabe, Schriftfeld „ISO 2768-mK“, darf zwischen 59,7 und 60,3 mm liegen.
Wichtig: Allgemeintoleranzen sind nicht beliebig. Sie sind im Schriftfeld verbindlich definiert. Ein Maß ohne Toleranz und ohne Allgemeintoleranz-Angabe wäre formal nicht prüfbar – in der Praxis ein Fehler in der Zeichnung.
Seit einiger Zeit gibt es mit ÖNORM EN ISO 22081 eine neuere Norm, die ein moderneres, GPS-konformes Konzept für Allgemeintoleranzen vorgibt und ISO 2768 langfristig ablösen soll. Auf den meisten Werkstattzeichnungen in Österreich sieht man derzeit aber noch ISO 2768.
Frage 1: Auf einer Zeichnung steht im Schriftfeld „Allgemeintoleranzen ISO 2768-mK“. Ein Maß ist mit 80 mm bemaßt, ohne eigene Abmaße. In welchem Bereich darf das Istmaß liegen?
- a) 79,5 bis 80,5 mm
- b) 79,7 bis 80,3 mm
- c) 79,9 bis 80,1 mm
- d) Das Maß ist frei – keine Toleranzpflicht
Richtig: b)
Das Maß 80 mm liegt im Nennmaßbereich „über 30 bis 120 mm“. Die Klasse m gibt dort ±0,3 mm vor. Damit reicht das zulässige Istmaß von 79,7 bis 80,3 mm. Antwort d ist ein typischer Denkfehler: Ohne explizite Toleranz heißt nicht „frei“, sondern es greift die Allgemeintoleranz aus dem Schriftfeld.
Frage 2: Eine Bemaßung lautet ⌀30 H7 und im Schriftfeld steht „ISO 2768-m“. Welche Toleranz gilt für dieses Maß?
- a) Die strengere der beiden – die Allgemeintoleranz nach ISO 2768
- b) Die ISO-Passungsangabe H7
- c) Beide gleichzeitig
- d) Keine, weil sich die Angaben widersprechen
Richtig: b)
Ein direkt am Maß eingetragenes Abmaß oder eine ISO-Passungsangabe geht der Allgemeintoleranz immer vor. ⌀30 H7 ist die geltende Toleranz für dieses Maß, die Allgemeintoleranz gilt nur für Maße ohne explizite Angabe.
Frage 3: Welche der folgenden Aussagen zu Allgemeintoleranzen ist falsch?
- a) Sie gelten nur für Maße, die keine eigene Toleranzangabe haben
- b) Sie sind im Schriftfeld der Zeichnung als verbindlich vermerkt
- c) Die zulässige Abweichung ist unabhängig vom Nennmaß
- d) ÖNORM ISO 2768 ist die in Österreich übliche Grundlage
Richtig: c)
Die zulässige Abweichung nach ISO 2768 ist sehr wohl vom Nennmaßbereich abhängig – größere Nennmaße haben größere zulässige Abweichungen. Alle anderen Aussagen treffen zu.
4. Das ISO-Toleranzsystem (ÖNORM EN ISO 286)
Statt jedes Mal mühsam +0,021 / 0 hinzuschreiben, hat das ISO-System eine Kurzschrift eingeführt: ⌀30 H7. Zwei Zeichen – ein Buchstabe und eine Zahl – beschreiben das gesamte Toleranzfeld. Wer den Code lesen kann, sieht sofort, wie genau ein Maß sein muss und wo es im Verhältnis zum Nennmaß liegt.
Das System der ÖNORM EN ISO 286 zerlegt eine Toleranzangabe in zwei Informationen:
1. Grundtoleranzgrad – die Größe des Toleranzfelds
Es gibt 20 Grundtoleranzgrade: IT01, IT0, IT1, IT2, … IT18. Sie sind in der Norm tabelliert nach Nennmaßbereich. Je kleiner die Zahl, desto enger die Toleranz.
Eine grobe Orientierung:
- IT01 bis IT6 – Lehren und Messmittel, hochpräzise Bauteile
- IT5 bis IT11 – allgemeiner Maschinenbau, Passungen
- IT12 bis IT18 – Roh-, Schmiede-, Gussteile
Ein paar typische Werte für den Nennmaßbereich „über 18 bis 30 mm“:
- IT6: 13 μm
- IT7: 21 μm
- IT8: 33 μm
- IT9: 52 μm
2. Toleranzfeldlage – wo das Toleranzfeld relativ zur Nulllinie liegt
Die Lage wird durch einen Buchstaben angegeben. Großbuchstaben gelten für Bohrungen, Kleinbuchstaben für Wellen. Das ist eine Konvention, die man sich gut einprägen sollte – „Bohrung groß, Welle klein“.
Wichtige Buchstaben:
- H – Bohrung, unteres Abmaß ist immer null (Toleranzfeld liegt ganz oberhalb der Nulllinie)
- h – Welle, oberes Abmaß ist immer null (Toleranzfeld liegt ganz unterhalb der Nulllinie)
- Buchstaben vor H bzw. h (A–G, a–g) → Bohrung größer / Welle kleiner als Nennmaß
- Buchstaben nach H bzw. h (J–Z, j–z) → Bohrung kleiner / Welle größer als Nennmaß
Die Schreibweise ist immer Nennmaß + Buchstabe + Grad, also z.B.:
- ⌀30 H7 – Bohrung, Toleranzgrad 7, unteres Abmaß null
- ⌀30 g6 – Welle, Toleranzgrad 6, oberes Abmaß negativ (Welle kleiner)
- ⌀30 k6 – Welle, Toleranzgrad 6, Toleranzfeld leicht über der Nulllinie
Die Nulllinie ist die Bezugslinie auf Höhe des Nennmaßes. H und h liegen direkt an dieser Linie, alle anderen Buchstaben weichen davon ab.
Frage 1: Was bedeutet die Angabe ⌀40 H7 auf einer Zeichnung?
- a) Eine Welle mit einer Toleranz von 7 μm
- b) Eine Bohrung, deren unteres Abmaß genau null ist, mit Toleranzgrad 7
- c) Eine Welle, deren oberes Abmaß null ist, mit Toleranzgrad 7
- d) Eine Allgemeintoleranz nach Klasse 7
Richtig: b)
Großbuchstabe → Bohrung. H → Toleranzfeld direkt über der Nulllinie, unteres Abmaß null. Die 7 ist der Grundtoleranzgrad IT7, dessen konkreter Wert in μm vom Nennmaßbereich abhängt. Antwort a verwechselt Toleranzgrad mit Toleranzmaß.
Frage 2: Welche Aussage zum Toleranzgrad IT ist korrekt?
- a) Je größer die IT-Zahl, desto enger die Toleranz
- b) IT ist unabhängig vom Nennmaß
- c) Je kleiner die IT-Zahl, desto enger die Toleranz
- d) IT-Werte werden in mm angegeben, unabhängig vom Bauteil
Richtig: c)
Niedrige IT-Zahl heißt enge Toleranz. IT6 ist enger als IT9. Der konkrete Zahlenwert in μm hängt vom Nennmaßbereich ab und wird aus der Norm-Tabelle entnommen. Antwort b ist falsch, weil IT-Werte tabelliert sind und mit dem Nennmaß steigen.
Frage 3: Bei welcher Angabe handelt es sich um eine Welle?
- a) ⌀25 H7
- b) ⌀25 G6
- c) ⌀25 m6
- d) ⌀25 K7
Richtig: c)
Kleinbuchstabe → Welle. m6 ist eine Welle mit Übergangscharakter. H, G und K sind Großbuchstaben und damit Bohrungen.
5. Passungen: Bohrung, Welle und drei Passungsarten
Sobald eine Welle in eine Bohrung kommt – egal ob Lager, Zahnrad, Buchse oder Bolzen – entscheidet das Zusammenspiel der beiden Toleranzfelder, wie sich das Bauteil verhält. Schlackert es? Sitzt es satt? Lässt es sich nur mit der Presse einbauen? Genau das beschreiben Passungen.
Eine Passung ist die Kombination aus einer Bohrungstoleranz und einer Wellentoleranz mit gleichem Nennmaß. Aus den jeweiligen Toleranzfeldern ergibt sich, ob zwischen den Teilen Spiel oder Übermaß entsteht.
Drei Passungsarten
Spielpassung. Das Toleranzfeld der Bohrung liegt vollständig über dem der Welle. Auch bei ungünstigster Paarung – große Welle, kleine Bohrung – bleibt noch Spiel. Anwendung: Gleitlager, Führungen, alles was sich gegeneinander bewegen soll. Beispiele: H7/g6, H7/h6 (Übergang zur Spielfreiheit), H8/f7.
Übergangspassung. Die Toleranzfelder überlappen. Je nach konkreten Istmaßen kann minimales Spiel oder minimales Übermaß herauskommen. Anwendung: zentrierte Verbindungen, die noch demontierbar sein müssen, z.B. Zahnräder oder Kupplungshälften auf Wellenenden. Beispiele: H7/j6, H7/k6, H7/m6.
Presspassung (Übermaßpassung). Die Welle ist immer größer als die Bohrung, auch im günstigsten Fall. Die Verbindung sitzt mit Übermaß und wird durch Aufpressen, Anwärmen der Nabe oder Abkühlen der Welle gefügt. Anwendung: dauerhafte Sitze, die Drehmoment übertragen, z.B. Wälzlagerinnenringe auf Wellen, Pressverbände. Beispiele: H7/p6, H7/r6, H7/s6.
Bohrungssystem und Wellensystem
In der Praxis kombiniert man nicht beliebige Felder, sondern arbeitet mit zwei Systemen:
Bohrungssystem (Einheitsbohrung): Die Bohrung ist immer H (unteres Abmaß null), die Welle wechselt. Beispiele: H7/g6, H7/h6, H7/k6, H7/p6. Das ist das gebräuchlichste System im Maschinenbau, weil Bohrungen mit Lehrdornen oder Reibahlen mit festen Maßen wirtschaftlich gefertigt werden.
Wellensystem (Einheitswelle): Die Welle ist immer h (oberes Abmaß null), die Bohrung wechselt. Beispiele: H7/h6, G7/h6, P7/h6. Üblich bei gezogenen Wellen aus Stangenmaterial, das schon mit h-Toleranz geliefert wird und nicht nachbearbeitet werden muss – etwa bei Förderrollen oder Transportwellen mit aufgesetzten Naben.
In Österreich und im allgemeinen Maschinenbau dominiert das Bohrungssystem deutlich.
Hüllprinzip
Bei ISO-Passungen gilt nach europäischer Konvention das Hüllprinzip (auch Taylor-Prinzip genannt): Die Maßtoleranz begrenzt nicht nur den Durchmesser an jeder einzelnen Messstelle, sondern auch die geometrische Form über die gesamte Länge. Konkret: Eine maßhaltige Welle muss sich vollständig in eine ideale zylindrische Lehre mit Höchstmaß einschieben lassen. Eine maßhaltige Welle, die aber krumm oder leicht oval ist, schafft das nicht – sie wäre Ausschuss, obwohl jeder einzelne Durchmesser für sich im Toleranzfeld liegt.
Das Hüllprinzip ist das Bindeglied zwischen reiner Maßtoleranz und Form. Es sorgt dafür, dass eine ISO-Passung in der Praxis funktioniert, ohne dass jedes Mal eigene Formtoleranzen angegeben werden müssen.
Frage 1: Welche Passungskombination ist eine reine Spielpassung im Bohrungssystem?
- a) H7/k6
- b) H7/g6
- c) H7/p6
- d) K7/h6
Richtig: b)
g6 liegt vollständig unter der Nulllinie, H7 vollständig darüber – damit ist auch im schlechtesten Fall noch Spiel vorhanden. k6 ist Übergang, p6 ist Presspassung. K7/h6 ist eine Wellensystem-Paarung mit Übergangscharakter.
Frage 2: Was beschreibt das Hüllprinzip bei einer ISO-Passung?
- a) Dass die Welle bei der Montage erwärmt werden muss
- b) Dass die Maßtoleranz auch die Form über die gesamte Länge begrenzt
- c) Dass jede Welle in jede Bohrung passt, egal wie krumm
- d) Dass beide Bauteile aus dem gleichen Material sein müssen
Richtig: b)
Das Hüllprinzip verlangt, dass das Bauteil als Ganzes in eine zylindrische Hülle mit Höchstmaß passt – also auch ausreichend gerade ist. Ohne diese Konvention müssten bei jeder Passung zusätzlich Formtoleranzen angegeben werden.
Frage 3: Eine Welle wird mit Übermaß in die Nabe eingebaut, die Verbindung ist nicht mehr lösbar ohne Kraft. Welche Passungsart liegt vor?
- a) Spielpassung
- b) Übergangspassung
- c) Presspassung
- d) Allgemeintoleranzpassung
Richtig: c)
Nur die Presspassung erzwingt im gesamten Toleranzbereich Übermaß. Übergangspassungen können Übermaß ergeben, müssen aber nicht – sie sind nicht zwingend fest.
Frage 4: Im Bohrungssystem ist welche Toleranz immer gleich?
- a) Die Welle hat immer h
- b) Die Bohrung hat immer H
- c) Beide Bauteile haben immer den gleichen Toleranzgrad
- d) Es gibt keine festgelegte Bezugstoleranz
Richtig: b)
Im Bohrungssystem ist die Bohrung immer H (unteres Abmaß null), die Welle variiert. Im Wellensystem ist es umgekehrt – dort hat die Welle immer h.
6. Spiel und Übermaß berechnen
Damit man eine Passung beurteilen kann – passt sie zum Anwendungsfall, ist sie zu eng, zu locker – muss man Höchst- und Mindestspiel bzw. Höchst- und Mindestübermaß bestimmen können. Im Kern ist das Subtraktion mit Vorzeichen. Wer aber einmal die Reihenfolge durcheinander bringt, rechnet schnell Unfug.
Zwei Begriffspaare braucht man:
Spiel entsteht, wenn die Bohrung größer ist als die Welle.
- Höchstspiel = größtmöglicher Abstand → Bohrung Max minus Welle Min
- Mindestspiel = kleinstmöglicher Abstand → Bohrung Min minus Welle Max
Übermaß entsteht, wenn die Welle größer ist als die Bohrung.
- Höchstübermaß = größtmögliches Übermaß → Welle Max minus Bohrung Min
- Mindestübermaß = kleinstmögliches Übermaß → Welle Min minus Bohrung Max
Je nach Passungsart kommen unterschiedliche Größen heraus:
- Spielpassung: beide Werte sind Spiel
- Übergangspassung: einer ist Spiel, einer ist Übermaß
- Presspassung: beide Werte sind Übermaß
Durchgerechnetes Beispiel
Passung ⌀30 H7/g6 (Spielpassung).
Aus der Tabelle der ÖNORM EN ISO 286 für den Nennmaßbereich „über 18 bis 30 mm“:
- H7: oberes Abmaß +21 μm, unteres Abmaß 0
- g6: oberes Abmaß −7 μm, unteres Abmaß −20 μm
Bohrung:
- G_max = 30,000 + 0,021 = 30,021 mm
- G_min = 30,000 + 0 = 30,000 mm
Welle:
- W_max = 30,000 − 0,007 = 29,993 mm
- W_min = 30,000 − 0,020 = 29,980 mm
Spiele:
- Höchstspiel = 30,021 − 29,980 = 0,041 mm = 41 μm
- Mindestspiel = 30,000 − 29,993 = 0,007 mm = 7 μm
Beide Werte sind positiv → Spielpassung bestätigt. Das Spiel liegt zwischen 7 μm und 41 μm.
Höchstspiel = G_max − W_min
- Mindestspiel = G_min − W_max
- Höchstübermaß = W_max − G_min
- Mindestübermaß = W_min − G_max
- G_max … Bohrung Höchstmaß in mm
- G_min … Bohrung Mindestmaß in mm
- W_max … Welle Höchstmaß in mm
- W_min … Welle Mindestmaß in mm
Gelöstes Beispiel
Berechne Höchst- und Mindestübermaß für die Passung ⌀50 H7/p6.
Gegeben (aus ÖNORM EN ISO 286, Nennmaßbereich „über 30 bis 50 mm“):
- H7: oberes Abmaß +25 μm, unteres Abmaß 0
- p6: oberes Abmaß +42 μm, unteres Abmaß +26 μm
Gesucht: Höchstübermaß, Mindestübermaß
Lösungsweg:
- Bohrungsmaße: G_max = 50,000 + 0,025 = 50,025 mm; G_min = 50,000 + 0 = 50,000 mm
- Wellenmaße: W_max = 50,000 + 0,042 = 50,042 mm; W_min = 50,000 + 0,026 = 50,026 mm
- Höchstübermaß: Höchstübermaß = W_max − G_min = 50,042 − 50,000 = 0,042 mm = 42 μm
- Mindestübermaß: Mindestübermaß = W_min − G_max = 50,026 − 50,025 = 0,001 mm = 1 μm
Ergebnis: Übermaß zwischen 1 μm und 42 μm – eine eindeutige Presspassung.
Übungen
Eine Passung hat folgende Werte: G_max = 25,021 mm; G_min = 25,000 mm; W_max = 24,980 mm; W_min = 24,967 mm. Berechne Höchst- und Mindestspiel und ordne die Passungsart zu.
Höchstspiel = 25,021 − 24,967 = 0,054 mm; Mindestspiel = 25,000 − 24,980 = 0,020 mm. Beide positiv → Spielpassung. (Entspricht einer typischen H7/f7-Paarung.)
Für die Passung ⌀40 H8/f7 sind die Abmaße: H8 = +39/0 μm, f7 = −25/−50 μm. Berechne Höchst- und Mindestspiel.
G_max = 40,039 mm; G_min = 40,000 mm; W_max = 39,975 mm; W_min = 39,950 mm. Höchstspiel = 40,039 − 39,950 = 0,089 mm; Mindestspiel = 40,000 − 39,975 = 0,025 mm.
Für eine Passung ⌀20 H7/k6 mit den Abmaßen H7 = +21/0 μm und k6 = +15/+2 μm: Bestimme, ob Spiel oder Übermaß auftreten können, und in welchen Größenordnungen.
G_max = 20,021 mm; G_min = 20,000 mm; W_max = 20,015 mm; W_min = 20,002 mm. Größtes Spiel (Bohrung max, Welle min): 20,021 − 20,002 = 0,019 mm. Größtes Übermaß (Welle max, Bohrung min): 20,015 − 20,000 = 0,015 mm. → Übergangspassung mit Spiel bis 19 μm oder Übermaß bis 15 μm.
Bei einer Welle ⌀60 r6 (+60/+41 μm) und einer Bohrung ⌀60 H7 (+30/0 μm): Berechne Höchst- und Mindestübermaß.
G_max = 60,030 mm; G_min = 60,000 mm; W_max = 60,060 mm; W_min = 60,041 mm. Höchstübermaß = 60,060 − 60,000 = 0,060 mm; Mindestübermaß = 60,041 − 60,030 = 0,011 mm. Eindeutige Presspassung mit 11 bis 60 μm Übermaß.
Eine Welle mit Höchstmaß 80,000 mm und Mindestmaß 79,981 mm wird in eine Bohrung mit Höchstmaß 80,030 mm und Mindestmaß 80,000 mm eingebaut. Was für eine Passung ist das? Begründe rechnerisch.
Höchstspiel (Bohrung max, Welle min): 80,030 − 79,981 = 0,049 mm. Mindestspiel-Berechnung mit Bohrung min und Welle max: 80,000 − 80,000 = 0 mm → genau Nullspiel im ungünstigsten Fall. Die Passung ist eine Spielpassung am Übergang zur Übergangspassung – kein Übermaß möglich.
Frage 1: Wie wird das Höchstspiel einer Passung berechnet?
- a) Bohrung Mindestmaß minus Welle Mindestmaß
- b) Bohrung Höchstmaß minus Welle Mindestmaß
- c) Bohrung Höchstmaß minus Welle Höchstmaß
- d) Welle Höchstmaß minus Bohrung Mindestmaß
Richtig: b)
Das Höchstspiel ist der größtmögliche Abstand – größte Bohrung kombiniert mit kleinster Welle. Antwort d wäre das Höchstübermaß. Antwort c ergäbe das Mindestspiel.
Frage 2: Bei welcher Konstellation handelt es sich garantiert um eine Übergangspassung?
- a) Höchstspiel = +30 μm, Mindestspiel = +5 μm
- b) Höchstspiel = +12 μm, Höchstübermaß = +8 μm
- c) Höchstübermaß = +50 μm, Mindestübermaß = +20 μm
- d) Höchstspiel = −10 μm, Mindestspiel = −30 μm
Richtig: b)
Eine Übergangspassung zeigt im Ergebnis sowohl ein Spiel als auch ein Übermaß je nach Istmaßen – wie in Antwort b. Antwort a wäre Spielpassung, Antwort c Presspassung. Antwort d ergibt fachlich keinen Sinn (negatives Spiel müsste als Übermaß benannt werden).
Frage 3: Bei der Passung ⌀30 H7/k6 sind Höchstspiel = +0,019 mm und Höchstübermaß = +0,015 mm. Welche Aussage trifft zu?
- a) Es kann auf keinen Fall Übermaß auftreten
- b) Es können Spiel und Übermaß je nach Istmaßen auftreten
- c) Die Werte sind widersprüchlich, die Passung ist ungültig
- d) Es handelt sich um eine reine Presspassung
Richtig: b)
Sowohl ein Höchstspiel als auch ein Höchstübermaß als positive Werte bedeutet: Je nach konkreter Paarung der Istmaße kommt entweder Spiel oder Übermaß heraus. Das ist die Definition einer Übergangspassung. H7/k6 ist tatsächlich eine bekannte Übergangspassung.
7. Übliche Passungen in der Praxis
Theoretisch sind unzählige Bohrungs-Wellen-Kombinationen möglich. Praktisch hat sich im Maschinenbau ein überschaubarer Katalog eingebürgert, der für 95 Prozent aller Fälle reicht. Wer diese Passungen kennt, kann sehr schnell entscheiden, was zu wählen ist.
Im Bohrungssystem mit H7 als Bezug sind das die gängigsten Kombinationen:
| Passung | Art | Charakter | Typische Anwendung |
|---|---|---|---|
| H7/c11 | Spiel | sehr lockerer Sitz | Lagerung bei großen Temperaturschwankungen |
| H7/d9 | Spiel | lockerer Laufsitz | langsam laufende Gleitlager |
| H7/f7 | Spiel | normaler Laufsitz | Gleitlager im Maschinenbau, Wellen in Lagerbuchsen |
| H7/g6 | Spiel | enger Laufsitz | präzise Führungen, Stifte mit Bewegung |
| H7/h6 | Spiel (Schiebesitz) | praktisch spielfrei | Führungen ohne nennenswertes Spiel |
| H7/j6 | Übergang | leichter Haftsitz | Riemenscheiben, einfach demontierbare Naben |
| H7/k6 | Übergang | mittlerer Haftsitz | Zahnräder auf Wellen, gut zentriert |
| H7/m6 | Übergang | strammer Haftsitz | feste Naben, schwer demontierbar |
| H7/n6 | Übergang | sehr fester Haftsitz | Übergang zur Pressung |
| H7/p6 | Presse | leichter Pressitz | Lagerinnenring auf Welle |
| H7/r6 | Presse | mittlerer Pressitz | feste Pressverbindungen mit Drehmomentübertragung |
| H7/s6 | Presse | schwerer Pressitz | dauerhafte, hoch belastete Pressverbände |
Ein paar Hinweise zur Auswahl:
- H7/g6 ist der Klassiker für alles, was sich gegeneinander bewegen muss, aber wenig Spiel haben darf
- H7/h6 ist die Grenze – mathematisch noch Spielpassung, praktisch spielfrei. Wird oft für Zentrierungen verwendet, die sich von Hand zusammenstecken lassen müssen
- H7/k6 ist der Standard für Sitze, die fest, aber wieder demontierbar sein sollen – Zahnräder, Kupplungshälften
- H7/p6 und höher sind Pressverbände – im Einbau wird die Nabe oft erwärmt oder die Welle gekühlt, um das Fügen zu erleichtern
Frage 1: Welche Passung ist die typische Wahl für ein Zahnrad, das fest und zentriert auf einer Welle sitzen soll, aber bei Wartungsarbeiten demontierbar sein muss?
- a) H7/g6
- b) H7/k6
- c) H7/s6
- d) H8/c11
Richtig: b)
H7/k6 ist die Standard-Übergangspassung für genau diesen Fall: fester, zentrierter Sitz, der mit normalem Werkstattaufwand wieder gelöst werden kann. H7/g6 wäre zu lose – das Zahnrad würde sich auf der Welle bewegen. H7/s6 wäre ein dauerhafter Pressverband, H8/c11 ein sehr loser Spielsitz für ganz andere Anwendungen.
Frage 2: Ein Lagerinnenring soll fest auf der Welle sitzen und unter Last Drehmoment durch Reibschluss übertragen. Welche Passungswahl ist sinnvoll?
- a) H7/g6
- b) H7/h6
- c) H7/m6
- d) H7/p6
Richtig: d)
Lagerinnenringe auf Wellen werden in der Regel mit Pressitzen montiert, damit der Innenring nicht auf der Welle „wandern“ kann und Verschleiß erzeugt. H7/p6 ist eine gängige Wahl. H7/g6, H7/h6 und H7/m6 würden im Lagerbetrieb zu wenig Festigkeit bringen.
Frage 3: Bei welcher Passung ist die Welle im praktischen Sinn „spielfrei“, aber gerade noch von Hand zusammensteckbar?
- a) H7/c11
- b) H7/h6
- c) H7/r6
- d) H7/p6
Richtig: b)
H7/h6 ist mathematisch noch eine Spielpassung, das Mindestspiel ist aber null und das Höchstspiel sehr klein. Die Teile lassen sich ohne Werkzeug zusammenstecken, sitzen aber praktisch ohne Wackeln zusammen. H7/c11 ist deutlich lockerer, H7/r6 und H7/p6 sind Presssitze, die nicht von Hand zu fügen sind.
8. Oberflächen: Rauheit und Zusammenhang zur Toleranz
Eine Welle kann perfekt im Toleranzfeld liegen, ihren H7-Sitz also exakt einhalten – und trotzdem unbrauchbar sein. Wenn die Oberfläche so rau ist, dass die Spitzen schon den halben Toleranzbereich auffressen, funktioniert keine Passung zuverlässig. Toleranz und Oberflächengüte hängen eng zusammen.
Die Oberfläche eines Bauteils ist nie ideal glatt, sondern hat mikroskopische Berge und Täler. Diese werden mit Tastschnittgeräten gemessen und über genormte Kenngrößen beschrieben. Die wichtigsten zwei:
Arithmetischer Mittenrauwert Ra – der Mittelwert der Beträge aller Abweichungen vom Mittelschnitt über die Messstrecke. Robust gegen einzelne Ausreißer, kann aber sehr unterschiedliche Profile mit demselben Wert beschreiben.
Gemittelte Rautiefe Rz – der Mittelwert der größten Profilhöhen aus mehreren Messabschnitten. Reagiert empfindlicher auf einzelne hohe Spitzen oder tiefe Riefen.
Ra und Rz beschreiben unterschiedliche Eigenschaften und lassen sich nicht direkt ineinander umrechnen. Als grobe Faustregel im Maschinenbau gilt Rz ≈ 4 bis 6 · Ra, das hängt aber vom Bearbeitungsverfahren ab.
Wie Oberflächenangaben in der Zeichnung dargestellt werden – das Oberflächensymbol mit seinen Feldern für Kenngröße, Wert, Verfahren und Richtung – ist Thema des Vorwissens zur Bemaßung und wird hier nicht wiederholt. Maßgebliche Norm für Oberflächenangaben ist heute die ÖNORM EN ISO 21920-Reihe, die die ältere ÖNORM EN ISO 1302 abgelöst hat. Auf bestehenden Zeichnungen sieht man beide Symboliken noch parallel.
Bearbeitungsverfahren und erreichbare Werte
Jedes Fertigungsverfahren erzeugt eine charakteristische Rauheit und kann nur in einem bestimmten Toleranzbereich wirtschaftlich arbeiten. Typische Bereiche:
| Verfahren | Übliches Ra in μm | Erreichbarer IT-Grad |
|---|---|---|
| Sägen, Brennschneiden | 12,5 – 50 | IT14 und gröber |
| Schruppdrehen, -fräsen | 6,3 – 25 | IT12 – IT14 |
| Schlichtdrehen, -fräsen | 1,6 – 6,3 | IT9 – IT11 |
| Feindrehen | 0,4 – 1,6 | IT7 – IT8 |
| Schleifen | 0,1 – 0,8 | IT5 – IT7 |
| Feinschleifen, Honen | 0,025 – 0,2 | IT3 – IT5 |
| Läppen, Polieren | bis 0,012 | IT1 – IT3 |
Wer eine H7-Bohrung auf einer normalen Drehmaschine nur schlichten möchte, scheitert: H7 verlangt im Nennmaßbereich 18–30 mm rund 21 μm Toleranz, während ein guter Schlichtdurchlauf am Drehmeißel selten unter Ra 1,6 μm bzw. Rz 6–10 μm kommt. Die Rauheitsspitzen fressen damit einen erheblichen Teil des Toleranzfeldes auf. Für H7 braucht es in der Regel Reiben, Schleifen oder Feindrehen.
Frage 1: Eine H7-Bohrung soll wirtschaftlich gefertigt werden. Welches Fertigungsverfahren ist die typische Wahl?
- a) Schruppdrehen
- b) Reiben oder Schleifen
- c) Sägen
- d) Schlichtfräsen mit einem Wendeplatten-Fräser
Richtig: b)
H7 liegt im Bereich IT7, das durch reine Schlichtbearbeitung mit Standardwerkzeugen nicht zuverlässig erreicht wird. Bohrungen mit H7 werden klassisch durch Reiben (kleinere Durchmesser, Reibahle) oder Schleifen (Innenrundschleifen) hergestellt. Schruppdrehen, Sägen und einfaches Schlichtfräsen führen zu deutlich gröberen Toleranzen.
Frage 2: Welche Aussage zum Zusammenhang von Oberflächenrauheit und Maßtoleranz ist korrekt?
- a) Rauheit und Toleranz sind unabhängig voneinander
- b) Eine sehr enge Maßtoleranz erfordert auch eine entsprechend feine Oberfläche
- c) Je rauer die Oberfläche, desto enger die mögliche Toleranz
- d) Die Oberfläche ist nur bei Pressitzen relevant
Richtig: b)
Die Rauheitsspitzen liegen mit ihrer Höhe direkt im Maßergebnis. Sind sie zu hoch, ist das Maß nicht reproduzierbar. Eine enge Toleranz braucht daher eine kleine Rauheit, sonst funktioniert die Passung nicht. Antwort c ist die Umkehrung und damit falsch.
Frage 3: Welche Kenngröße beschreibt den Mittelwert der Beträge der Profilabweichungen vom Mittelschnitt?
- a) Rz – gemittelte Rautiefe
- b) Ra – arithmetischer Mittenrauwert
- c) Rmax – maximale Rautiefe
- d) IT – Toleranzgrad
Richtig: b)
Ra ist genau diese Größe: der arithmetische Mittelwert der Beträge aller Abweichungen vom Mittelschnitt über die Messstrecke. Rz mittelt nur einzelne maximale Höhen, Rmax ist der größte Einzelwert, IT hat mit Rauheit nichts zu tun.
9. Praxis: Toleranz, Oberfläche und Kosten
Auf der Zeichnung steht ⌀30 H7. In der Werkstatt heißt das: Reiben oder Schleifen. Auf der Zeichnung steht ⌀30 mit Allgemeintoleranz ISO 2768-m. In der Werkstatt heißt das: ein einziger Drehgang. Der Unterschied zwischen diesen beiden Einträgen kann die Bauteilkosten verdoppeln.
Drei Größen hängen unmittelbar zusammen: Maßtoleranz, Oberflächenrauheit, Bearbeitungsverfahren. Wer eine Größe verschärft, zieht die anderen mit. Das treibt die Kosten – nicht linear, sondern oft sprunghaft, weil ein zusätzlicher Bearbeitungsschritt nötig wird.
Eine einfache Heuristik in der Konstruktion: „so genau wie nötig, so grob wie möglich“. Übersetzt:
- Nur dort eine enge ISO-Passung vorgeben, wo die Funktion sie wirklich braucht (Lagersitz, Gleitsitz, Pressitz)
- An allen anderen Stellen mit Allgemeintoleranzen arbeiten
- Die Oberflächengüte nicht „auf Vorrat“ feiner spezifizieren, als die Toleranz es verlangt
Beispiel: Welle-Nabe-Verbindung mit Gleitlager
Eine Welle ⌀30 läuft an einer Stelle in einem Gleitlager (Lagersitz), trägt an einer anderen Stelle ein Zahnrad (Zahnradsitz). An den restlichen Abschnitten ist sie reine „Konstruktionsverbindung“ ohne besondere Anforderungen.
Sinnvolle Spezifikation:
- Lagersitz (Gleitstelle): ⌀30 g6, Oberfläche Ra 0,4 μm. Verfahren: Drehen plus Schleifen. Begründung: enges Spiel und glatte Oberfläche, damit das Lager nicht frisst.
- Zahnradsitz: ⌀30 k6, Oberfläche Ra 0,8 μm. Verfahren: Drehen plus Feindrehen oder Schleifen. Begründung: fester, zentrierter Sitz, demontierbar.
- Übrige Wellenabschnitte: ⌀30 mit Allgemeintoleranz ISO 2768-m, Oberfläche Ra 3,2 μm (Standard nach Drehen). Verfahren: einfaches Drehen. Begründung: keine Funktion, die enge Toleranzen oder feine Oberflächen verlangt.
Würde man die gesamte Welle pauschal auf g6 mit Ra 0,4 μm spezifizieren, käme die doppelte oder dreifache Fertigungszeit heraus – ohne jeden Nutzen für die Funktion.
Frage 1: Welche Aussage zur Auswahl von Toleranzen ist konstruktiv sinnvoll?
- a) Möglichst enge Toleranzen vorgeben, um Sicherheit zu haben
- b) Toleranzen so eng wie nötig, so weit wie möglich wählen
- c) Toleranzen einheitlich für alle Maße eines Bauteils festlegen
- d) Auf Toleranzangaben verzichten, wenn das Maß nicht funktionswichtig ist
Richtig: b)
Engere Toleranzen erhöhen die Fertigungskosten überproportional. Konstruktiv sinnvoll ist eine differenzierte Vergabe: nur dort eng tolerieren, wo die Funktion es verlangt, ansonsten mit Allgemeintoleranzen arbeiten. Antwort d ist falsch, weil Maße ohne Toleranzangabe und ohne Allgemeintoleranz formal nicht prüfbar wären.
Frage 2: Eine Welle ist über ihre gesamte Länge auf ⌀30 g6 mit Ra 0,4 μm spezifiziert. Wirklich nur 30 mm der 150 mm langen Welle laufen aber im Lager. Welcher Hinweis ist konstruktiv richtig?
- a) Spezifikation passt – einheitlich ist immer besser
- b) Spezifikation übertrieben – nur den Lagersitz eng tolerieren, Rest mit Allgemeintoleranzen
- c) Spezifikation zu locker – auch H6 wäre besser
- d) Toleranz und Oberfläche haben keinen Einfluss auf die Kosten
Richtig: b)
Außerhalb des Lagersitzes hat die enge Toleranz keine Funktion, kostet aber bei jedem Stück zusätzliche Bearbeitungszeit. Eine differenzierte Spezifikation – Lagersitz eng, Rest mit Allgemeintoleranzen – ist die wirtschaftliche Lösung bei gleicher Funktion.
Abschlusstest
Übungen
Aufgabe 1: Eine Welle ist mit ⌀45 −0,025 / −0,064 bemaßt. Berechne Höchstmaß, Mindestmaß und Maßtoleranz.
Gegeben: Nennmaß 45 mm; oberes Abmaß −0,025 mm; unteres Abmaß −0,064 mm
Gesucht: Höchstmaß, Mindestmaß, T
Lösungsweg:
- Höchstmaß = 45 + (−0,025) = 44,975 mm
- Mindestmaß = 45 + (−0,064) = 44,936 mm
- T = 44,975 − 44,936 = 0,039 mm
Ergebnis: Höchstmaß = 44,975 mm; Mindestmaß = 44,936 mm; T = 0,039 mm
Aufgabe 2: Eine Bohrung hat ein Höchstmaß von 75,030 mm und eine Toleranz von 0,030 mm. Wie lauten Mindestmaß und Abmaße bei Nennmaß 75 mm?
Gegeben: Höchstmaß 75,030 mm; T = 0,030 mm; Nennmaß 75 mm
Gesucht: Mindestmaß, oberes und unteres Abmaß
Lösungsweg:
- Mindestmaß = 75,030 − 0,030 = 75,000 mm
- oberes Abmaß = 75,030 − 75,000 = +0,030 mm
- unteres Abmaß = 75,000 − 75,000 = 0
Ergebnis: Mindestmaß = 75,000 mm; oberes Abmaß = +0,030 mm; unteres Abmaß = 0 (entspricht einer H8-Bohrung im Nennmaßbereich „über 50 bis 80 mm“)
Aufgabe 3: Berechne Höchst- und Mindestspiel für die Passung ⌀40 H7/f7. Abmaße aus ÖNORM EN ISO 286 (Bereich über 30 bis 50 mm): H7 = +25/0 μm; f7 = −25/−50 μm.
Gegeben: Abmaße wie oben
Gesucht: Höchstspiel, Mindestspiel
Lösungsweg:
- G_max = 40,025 mm; G_min = 40,000 mm
- W_max = 39,975 mm; W_min = 39,950 mm
- Höchstspiel = 40,025 − 39,950 = 0,075 mm
- Mindestspiel = 40,000 − 39,975 = 0,025 mm
Ergebnis: Höchstspiel = 0,075 mm; Mindestspiel = 0,025 mm → Spielpassung mit 25 bis 75 μm Spiel
Aufgabe 4: Berechne Höchst- und Mindestspiel für die Passung ⌀25 H8/d9. Abmaße (Bereich über 18 bis 30 mm): H8 = +33/0 μm; d9 = −65/−117 μm.
Gegeben: Abmaße wie oben
Gesucht: Höchstspiel, Mindestspiel
Lösungsweg:
- G_max = 25,033 mm; G_min = 25,000 mm
- W_max = 24,935 mm; W_min = 24,883 mm
- Höchstspiel = 25,033 − 24,883 = 0,150 mm
- Mindestspiel = 25,000 − 24,935 = 0,065 mm
Ergebnis: Höchstspiel = 0,150 mm; Mindestspiel = 0,065 mm → eine sehr lockere Spielpassung mit 65 bis 150 μm Spiel
Aufgabe 5: Berechne Höchst- und Mindestübermaß für die Passung ⌀80 H7/s6. Abmaße (Bereich über 65 bis 80 mm): H7 = +30/0 μm; s6 = +78/+59 μm.
Gegeben: Abmaße wie oben
Gesucht: Höchstübermaß, Mindestübermaß
Lösungsweg:
- G_max = 80,030 mm; G_min = 80,000 mm
- W_max = 80,078 mm; W_min = 80,059 mm
- Höchstübermaß = 80,078 − 80,000 = 0,078 mm
- Mindestübermaß = 80,059 − 80,030 = 0,029 mm
Ergebnis: Höchstübermaß = 0,078 mm; Mindestübermaß = 0,029 mm → starke Presspassung mit 29 bis 78 μm Übermaß
Aufgabe 6: Für die Übergangspassung ⌀30 H7/m6 mit Abmaßen H7 = +21/0 μm und m6 = +21/+8 μm: Berechne Höchstspiel und Höchstübermaß.
Gegeben: Abmaße wie oben
Gesucht: Höchstspiel, Höchstübermaß
Lösungsweg:
- G_max = 30,021 mm; G_min = 30,000 mm
- W_max = 30,021 mm; W_min = 30,008 mm
- Höchstspiel = G_max − W_min = 30,021 − 30,008 = 0,013 mm
- Höchstübermaß = W_max − G_min = 30,021 − 30,000 = 0,021 mm
Ergebnis: Spiel bis 13 μm oder Übermaß bis 21 μm → eindeutige Übergangspassung mit Tendenz zum Pressitz
Frage 1: Auf einer Zeichnung steht ⌀50 m6 mit Abmaßen +9/−7 μm. Welche Aussage ist korrekt?
- a) Es handelt sich um eine Bohrung mit symmetrischer Toleranz
- b) Es handelt sich um eine Welle mit Übergangscharakter
- c) Die Bezeichnung ist falsch, weil m nicht existiert
- d) Es handelt sich um eine Allgemeintoleranz
Richtig: b)
Kleinbuchstabe → Welle. Der Buchstabe m bei Wellen platziert das Toleranzfeld so, dass es sowohl über als auch unter der Nulllinie liegen kann – damit ist eine Übergangspassung möglich. Die Abmaße +9/−7 zeigen genau dieses Bild.
Frage 2: Welche Kombination ergibt im Bohrungssystem mit Sicherheit eine Spielpassung?
- a) H7/k6
- b) H7/m6
- c) H7/h6
- d) H7/p6
Richtig: c)
H7/h6 ist die letzte Spielpassung im H7-Schema – Mindestspiel kann null werden, aber Übermaß tritt nie auf. k6 und m6 sind Übergänge, p6 ist Pressitz.
Frage 3: Eine Welle hat ⌀60 g6 mit Abmaßen −10/−29 μm, die Bohrung ⌀60 H7 mit +30/0 μm. Welches Höchstspiel ergibt sich?
- a) 0,019 mm
- b) 0,030 mm
- c) 0,059 mm
- d) 0,029 mm
Richtig: c)
G_max = 60,030 mm; W_min = 59,971 mm. Höchstspiel = G_max − W_min = 60,030 − 59,971 = 0,059 mm. Antwort d wäre das Mindestspiel.
Frage 4: Was bedeutet die Angabe „ISO 2768-fH“ im Schriftfeld einer Werkstattzeichnung?
- a) Allgemeintoleranzen Längen fein, Form/Lage Klasse H
- b) ISO-Passung f für alle Wellen
- c) Toleranzgrad IT8 für alle Maße ohne Angabe
- d) Hüllprinzip explizit aufgehoben
Richtig: a)
In der Bezeichnung „ISO 2768-fH“ ist „f“ die Toleranzklasse für Längenmaße (fein) und „H“ die Klasse der Form- und Lagetoleranzen. Diese Allgemeintoleranzen gelten für alle Maße ohne eigene Angabe.
Frage 5: Bei einer ISO-Passung gilt in Europa standardmäßig das Hüllprinzip. Was bedeutet das konkret in der Werkstatt?
- a) Es muss zusätzlich eine Rauheitsangabe gemacht werden
- b) Die Welle muss in eine zylindrische Lehre mit Höchstmaß passen
- c) Die Welle muss aus dem gleichen Material wie die Bohrung sein
- d) Die Welle darf an keiner Stelle dünner als das Mindestmaß sein, Form spielt keine Rolle
Richtig: b)
Das Hüllprinzip verlangt, dass das gesamte Bauteil – auch eine längere, möglicherweise leicht krumme Welle – in eine ideale zylindrische Hülle mit Höchstmaß passt. Damit ist die Form über die gesamte Länge mit toleriert. Antwort d beschreibt nur die einzelnen Messstellen und ignoriert genau diesen Aspekt.
Frage 6: Eine Konstruktion fordert eine H7-Bohrung. Welche Fertigungsfolge ist typisch?
- a) Sägen → Bohren mit Spiralbohrer → fertig
- b) Schruppfräsen → Schlichtfräsen → fertig
- c) Bohren mit Spiralbohrer → Aufbohren → Reiben oder Schleifen
- d) Brennschneiden → Drehen → fertig
Richtig: c)
H7 verlangt einen IT-Grad, der durch Bohren mit Spiralbohrer allein nicht erreicht wird. Die typische Folge ist Vorbohren, Aufbohren auf knapp Untermaß, dann Reiben mit einer Reibahle (kleine bis mittlere Durchmesser) oder Innenrundschleifen (große oder gehärtete Teile).
Frage 7: Für einen Wälzlager-Innenring auf einer Welle wird üblicherweise welche Passung gewählt?
- a) H7/h6
- b) H7/g6
- c) H7/k6 bis H7/p6
- d) H7/c11
Richtig: c)
Wälzlager-Innenringe werden auf Wellen mit Übergangs- oder Pressitzen gefügt, damit sie sich unter Last nicht auf der Welle drehen. Je nach Belastung und Baugröße liegt das im Bereich H7/k6 (leichter Übergang) bis H7/p6 (Pressitz). H7/h6, H7/g6 und H7/c11 wären zu lose und würden Wandern erlauben.
Frage 8: Eine Konstruktionszeichnung vergibt überall ⌀50 H6 statt H7. Welche Folge hat das in der Werkstatt am wahrscheinlichsten?
- a) Keine, weil H6 und H7 in der Praxis gleich gefertigt werden
- b) Höhere Fertigungskosten durch zusätzliches Feinschleifen oder Honen
- c) Niedrigere Fertigungskosten, weil weniger Material abgetragen wird
- d) Engere Toleranzen reduzieren die Festigkeit des Bauteils
Richtig: b)
H6 verlangt einen IT-Grad enger als H7. Das ist mit Reiben oft nicht mehr zuverlässig erreichbar; Schleifen oder Honen sind dann nötig. Das treibt die Kosten. Antwort c verwechselt Toleranzbreite mit Materialabtrag.
Frage 9: Welche Aussage zum Verhältnis Ra und Rz ist falsch?
- a) Ra und Rz beschreiben dieselbe Oberfläche aus unterschiedlichen Blickwinkeln
- b) Rz reagiert empfindlicher auf einzelne Spitzen oder Riefen als Ra
- c) Ra und Rz lassen sich exakt 1:1 ineinander umrechnen
- d) Typischerweise ist Rz um den Faktor 4 bis 6 größer als Ra
Richtig: c)
Ra ist ein Mittelwert über die gesamte Messstrecke, Rz mittelt nur die größten Höhenausschläge. Dieselbe Oberfläche kann je nach Profilform sehr unterschiedliche Ra/Rz-Verhältnisse haben – eine exakte Umrechnung ist nicht möglich. Die Faustregel Rz ≈ 4–6 · Ra ist nur eine grobe Orientierung.
Frage 10: Eine Passung wird mit Höchstspiel +0,025 mm und Höchstübermaß +0,015 mm angegeben. Wie ist sie einzuordnen?
- a) Spielpassung mit garantiertem Restspiel
- b) Übergangspassung
- c) Presspassung
- d) Die Angabe ist widersprüchlich
Richtig: b)
Sobald sowohl ein positives Höchstspiel als auch ein positives Höchstübermaß im selben Toleranzfeld möglich sind, handelt es sich um eine Übergangspassung. Je nach Istmaßen kommt Spiel oder Übermaß heraus – genau das ist das Erkennungsmerkmal dieser Passungsart.
Frage 11: Welche Aussage zum Toleranzgrad IT11 trifft zu?
- a) IT11 ist enger als IT6
- b) IT11 wird typischerweise für Lehren und Messmittel verwendet
- c) IT11 ist im allgemeinen Maschinenbau für unkritische Schlichtmaße üblich
- d) IT11 entspricht der Allgemeintoleranzklasse f nach ISO 2768
Richtig: c)
IT11 ist deutlich gröber als IT6 und liegt im Bereich, der durch einfaches Schlichten ohne Nachbearbeitung erreicht wird. Lehren brauchen IT01 bis IT4. Die Allgemeintoleranzklassen f, m, c, v aus ISO 2768 sind nicht direkt mit den IT-Graden gleichzusetzen, sondern eigene Toleranzwerte je Nennmaßbereich.
Frage 12: Eine Welle soll in einem schmiermittelgeschmierten Gleitlager bei mäßiger Drehzahl laufen. Welche Passung ist eine sinnvolle Wahl?
- a) H7/c11
- b) H7/f7
- c) H7/k6
- d) H7/r6
Richtig: b)
H7/f7 ist die klassische Wahl für ein normales Gleitlager – ausreichend Spiel für den Schmierfilm, aber nicht so locker, dass die Welle schlackert. H7/c11 wäre für stark unterschiedliche Wärmedehnung ausgelegt, H7/k6 ist ein Übergangssitz (zu fest für ein Lager), H7/r6 ein Pressitz.
Glossar
- Nennmaß
- Bezugsmaß auf der Zeichnung, von dem aus die Abmaße angetragen werden.
- Istmaß
- Tatsächlich gemessenes Maß am gefertigten Bauteil.
- Höchstmaß
- Größtes zulässiges Istmaß; Nennmaß plus oberes Abmaß.
- Mindestmaß
- Kleinstes zulässiges Istmaß; Nennmaß plus unteres Abmaß.
- Oberes Abmaß
- Differenz zwischen Höchstmaß und Nennmaß, mit Vorzeichen.
- Unteres Abmaß
- Differenz zwischen Mindestmaß und Nennmaß, mit Vorzeichen.
- Maßtoleranz
- Differenz zwischen Höchst- und Mindestmaß; die Größe des erlaubten Streubereichs.
- Allgemeintoleranz (Freimaßtoleranz)
- Toleranz, die für alle Maße ohne eigene Angabe gilt; festgelegt im Schriftfeld nach ÖNORM ISO 2768 (Klassen f, m, c, v) oder ÖNORM EN ISO 22081.
- Grundtoleranzgrad (IT)
- Genauigkeitsstufe des Toleranzfelds nach ISO-System, IT01 bis IT18; je kleiner die Zahl, desto enger.
- Toleranzfeldlage
- Position des Toleranzfelds relativ zur Nulllinie, durch Buchstaben angegeben (Großbuchstaben für Bohrungen, Kleinbuchstaben für Wellen).
- Nulllinie
- Bezugslinie auf Höhe des Nennmaßes in Toleranzfeld-Diagrammen.
- Bohrungssystem (Einheitsbohrung)
- Passungssystem, bei dem die Bohrung immer H ist und die Welle wechselt.
- Wellensystem (Einheitswelle)
- Passungssystem, bei dem die Welle immer h ist und die Bohrung wechselt.
- Spielpassung
- Passung, bei der zwischen Bohrung und Welle immer ein Spiel verbleibt.
- Übergangspassung
- Passung, bei der je nach Istmaßen Spiel oder Übermaß auftreten kann.
- Presspassung (Übermaßpassung)
- Passung mit garantiertem Übermaß; gefügt durch Pressen, Erwärmen oder Kühlen.
- Höchstspiel / Mindestspiel
- Größter bzw. kleinster Abstand zwischen Bohrung und Welle; berechnet aus den ungünstigsten bzw. günstigsten Istmaßen.
- Höchstübermaß / Mindestübermaß
- Größter bzw. kleinster Überstand der Welle über die Bohrung bei einer Presspassung.
- Hüllprinzip (Taylor-Prinzip)
- Konvention bei ISO-Passungen, nach der die Maßtoleranz auch die geometrische Form über die gesamte Länge begrenzt.
- Ra (arithmetischer Mittenrauwert)
- Mittelwert der Beträge aller Profilabweichungen vom Mittelschnitt; robuste Rauheitskenngröße.
- Rz (gemittelte Rautiefe)
- Mittelwert der größten Profilhöhen aus mehreren Messabschnitten; reagiert empfindlicher auf Spitzen und Riefen.
Österreichische Normen
- ÖNORM EN ISO 286-1: Grundlagen des ISO-Toleranzsystems für Längenmaße – Definitionen, Abmaße, Toleranzfelder, Passungen.
- ÖNORM EN ISO 286-2: Tabellen der Grundtoleranzgrade IT und der Grenzabmaße für Bohrungen und Wellen.
- ÖNORM ISO 2768-1: Allgemeintoleranzen für Längen- und Winkelmaße ohne einzelne Toleranzeintragung (Klassen f, m, c, v).
- ÖNORM ISO 2768-2: Allgemeintoleranzen für Form und Lage ohne einzelne Eintragung.
- ÖNORM EN ISO 22081: Neuere Allgemeintoleranz-Norm im Sinne der geometrischen Produktspezifikation (GPS).
- ÖNORM EN ISO 21920-1, -2, -3: Oberflächenbeschaffenheit – Profilverfahren: Begriffe und Definitionen, Kenngrößen, Spezifikationsoperatoren (löste ÖNORM EN ISO 1302 ab).
