Leitungsschutzschalter und Sicherungen
Jede elektrische Leitung hat eine Grenze: ab einem bestimmten Strom wird sie zu warm. Wird diese Grenze überschritten, weicht die Isolierung auf, Kunststoff beginnt zu glimmen, im Extremfall entsteht ein Kabelbrand. Damit das nicht passiert, sitzen in jeder Verteilung Bauteile, die einen zu hohen Strom rechtzeitig erkennen und den Stromkreis abschalten — Schmelzsicherungen und Leitungsschutzschalter.
Wer den Zusammenhang zwischen Leiterquerschnitt, Bemessungsstrom und Auslösecharakteristik versteht, kann Stromkreise normgerecht auslegen, Geräte richtig absichern und Fehler im Anlassfall gezielt eingrenzen.
Vorwissen
- Elektrischer Strom – Definition und Wirkungen
- Das Ohmsche Gesetz
- ÖVE-Schutzkonzept: Basisschutz, Fehlerschutz, Zusatzschutz
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- Erklären, warum Leitungen vor Überstrom geschützt werden müssen und worin sich Überlast und Kurzschluss unterscheiden.
- Aufbau und Funktion von Schmelzsicherungen und Leitungsschutzschaltern beschreiben.
- Die Auslösecharakteristiken B, C, D, K und Z einordnen und den passenden Typ für eine Anwendung wählen.
- Den Bemessungsstrom passend zum Leiterquerschnitt bestimmen und das Prinzip der Selektivität anwenden.
1. Warum brauchen wir Überstromschutz?
Jeder Leiter hat einen elektrischen Widerstand — wenn auch einen kleinen. Fließt Strom durch ihn hindurch, fällt an diesem Widerstand Leistung ab und wird in Wärme umgesetzt. Bei normaler Belastung ist das harmlos. Steigt der Strom aber über das vorgesehene Maß, wird die Erwärmung schnell zum Problem.
Wärme im Leiter
Die Verlustleistung im Leiter folgt dem Zusammenhang:
P = I² · R
- P … Verlustleistung in W
- I … Stromstärke in A
- R … Leiterwiderstand in Ω
Entscheidend ist der quadratische Faktor: Verdoppelt sich der Strom, vervierfacht sich die Wärmeleistung. Verdreifacht sich der Strom, steigt die Wärmeleistung auf das Neunfache. Genau deshalb wird ein leicht überlasteter Stromkreis nicht „etwas wärmer“, sondern überproportional heiß.
Jede Leitung hat eine zulässige Strombelastbarkeit — den Strom, den sie dauerhaft tragen kann, ohne dass die Isolierung Schaden nimmt. Dieser Wert hängt vom Querschnitt, vom Leitermaterial und von der Verlegungsart ab (in der Wand, im Rohr, frei verlegt). Wird die Strombelastbarkeit überschritten, beginnt das Isoliermaterial zu altern, weich zu werden, im schlimmsten Fall zu schmelzen oder zu brennen.
Überlast und Kurzschluss
Es gibt zwei Arten, wie eine Leitung gefährlich erwärmt werden kann:
- Überlast entsteht im funktionstüchtigen Stromkreis, wenn zu viele oder zu starke Verbraucher gleichzeitig angeschlossen sind. Der Strom liegt nur moderat über dem zulässigen Wert — etwa das 1,5- bis 5-fache. Die Erwärmung baut sich über Sekunden bis Minuten auf.
- Kurzschluss entsteht, wenn zwei aktive Leiter (oder ein Leiter und der Schutzleiter) direkt verbunden werden. Der einzige verbleibende Widerstand ist die Leitung selbst, der Strom wird nur noch durch den Innenwiderstand der Quelle und die Leitungsimpedanz begrenzt. Die Werte erreichen das Hundert- bis Tausendfache des Normalstroms innerhalb von Millisekunden.
Beide Fälle muss der Überstromschutz erkennen und abschalten — aber mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Eine kurzfristige, geringe Überlast soll noch nicht sofort den Stromkreis trennen (etwa beim Einschalten eines Motors), ein Kurzschluss dagegen muss in Bruchteilen einer Sekunde unterbrochen werden, bevor die Leitung verglüht oder das Schutzgerät selbst zerstört wird.
Wichtig zur Abgrenzung: Überstromschutz ist Leitungsschutz und mittelbar Brandschutz. Den Schutz von Personen gegen elektrischen Schlag bei Fehlerströmen übernimmt der FI-Schutzschalter — ein eigenständiges Schutzgerät mit anderer Wirkweise.
Gelöstes Beispiel
Im normalen Betrieb fließen durch einen Leiter 10 A. Durch einen schleichenden Fehler steigt der Strom auf 20 A. Um welchen Faktor erhöht sich die Verlustleistung im Leiter, wenn der Widerstand gleich bleibt?
Gegeben:
- I_1 = 10 A
- I_2 = 20 A
- R = konstant
Gesucht: Verhältnis P_2 / P_1
Lösungsweg:
- Schritt 1 — quadratisches Gesetz aufstellen: P_2 / P_1 = (I_2 / I_1)²
- Schritt 2 — einsetzen: P_2 / P_1 = (20 / 10)² = 2² = 4
Ergebnis: Die Verlustleistung steigt auf das 4-fache.
Übungen
1. Ein Leiter führt im Normalbetrieb 8 A. Wie groß ist die Verlustleistung bei einem Leiterwiderstand von 0,1 Ω?
P = 8² · 0,1 = 6,4 W
2. Im selben Leiter steigt der Strom auf 24 A. Wie groß ist die neue Verlustleistung?
P = 24² · 0,1 = 57,6 W (also das 9-fache)
3. Wie hoch wird der Strom eines Kurzschlusses näherungsweise, wenn die Quelle eine Spannung von 230 V hat und die Schleifenimpedanz 0,46 Ω beträgt?
I_k = 230 / 0,46 = 500 A
4. Eine Leitung verträgt 16 A. Welcher prozentuale Stromanstieg darf höchstens auftreten, wenn 1,45-faches Auslöseverhältnis als Grenzwert gilt?
I_max = 1,45 · 16 = 23,2 A (also +45 %)
5. Eine Leitung mit 0,15 Ω Widerstand wird mit einem Kurzschlussstrom von 800 A belastet. Wie hoch ist die momentane Verlustleistung in dieser Leitung?
P = 800² · 0,15 = 96.000 W = 96 kW
Frage 1: Was passiert mit der Verlustleistung in einem Leiter, wenn der Strom auf das 3-fache steigt?
- a) Sie verneunfacht sich
- b) Sie verdreifacht sich
- c) Sie verdoppelt sich
- d) Sie bleibt gleich
Richtig: a)
Die Verlustleistung folgt P = I² · R. Ein Faktor 3 beim Strom ergibt 3² = 9 bei der Verlustleistung. Die anderen Antworten ignorieren die quadratische Abhängigkeit.
Frage 2: Worin unterscheiden sich Überlast und Kurzschluss prinzipiell?
- a) Überlast tritt nur in Drehstromnetzen auf
- b) Beim Kurzschluss fließen sehr hohe Ströme über sehr kurze Zeit, bei Überlast moderater erhöhte Ströme länger
- c) Beim Kurzschluss fließt überhaupt kein Strom
- d) Es gibt keinen technischen Unterschied
Richtig: b)
Überlast ist eine moderate Erhöhung über längere Zeit (Sekunden bis Minuten), Kurzschluss ist eine extreme Erhöhung über Millisekunden — entsprechend reagieren auch die Auslöser unterschiedlich schnell.
Frage 3: Welche Aufgabe haben Leitungsschutzschalter und Sicherungen primär?
- a) Schutz von Personen vor elektrischem Schlag
- b) Erhöhung der Leitungsbelastbarkeit
- c) Schutz von Leitungen und Geräten vor unzulässiger Erwärmung
- d) Spannungsregelung im Netz
Richtig: c)
Überstromschutz ist Leitungsschutz — also Schutz gegen thermische Überlastung der Verkabelung. Personenschutz gegen Fehlerströme ist Aufgabe des FI-Schutzschalters; eine Erhöhung der Belastbarkeit findet nicht statt, und mit Spannungsregelung hat das Gerät nichts zu tun.
2. Schmelzsicherungen
Die Schmelzsicherung ist das älteste und einfachste Überstromschutzgerät: ein dünner Leiter, der bei zu hohem Strom durchbrennt und so den Stromkreis unterbricht. Trotz ihres Alters spielt sie auch heute noch eine wichtige Rolle, besonders bei hohen Strömen.
Aufbau
Eine Schmelzsicherung besteht aus einem keramischen Hohlkörper, in dem ein dünner Schmelzleiter aus Silber oder versilbertem Kupfer gespannt ist. Der Hohlraum ist mit reinem Quarzsand gefüllt. An beiden Enden sitzen Kontakte, mit denen die Sicherung in den Stromkreis eingebunden wird.
Wenn der Strom den zulässigen Wert übersteigt, erhitzt sich der Schmelzleiter so weit, dass er schmilzt und verdampft. Dabei entsteht ein Lichtbogen, der den Strom kurzzeitig weiter führen würde. Der Quarzsand absorbiert die Wärme und löscht den Lichtbogen — der Stromkreis ist dauerhaft unterbrochen. Eine durchgebrannte Schmelzsicherung muss ersetzt werden, sie ist nicht wieder einschaltbar.
Bauformen
Im Niederspannungsbereich finden sich vor allem drei Bauformen:
| Bauform | Strombereich (typisch) | Einsatzbereich |
|---|---|---|
| D-System (Diazed) | 2 bis 63 A | Hausverteilungen älterer Bauart, Industrie |
| D0-System (Neozed) | 2 bis 100 A | Kompaktere Nachfolgevariante des D-Systems |
| NH-Sicherung | 6 bis 1250 A | Hausanschlüsse, Niederspannungs-Hauptverteilungen, Industrie |
Bei den D- und D0-Sicherungen erkennt man den Strombemessungswert an Form und Farbe des Passeinsatzes (zum Beispiel rot für 10 A, grau für 16 A, blau für 20 A, gelb für 25 A) — so kann keine zu starke Sicherung in einen Sockel mit niedrigerem Bemessungsstrom eingeschraubt werden. NH-Sicherungen (Niederspannungs-Hochleistungs-Sicherungen) werden mit einem isolierten Aufsteckgriff in offene Sicherungs-Lasttrennleisten eingesetzt und tragen sehr hohe Ströme.
Betriebsklassen
Schmelzsicherungen unterscheiden sich nicht nur im Bemessungsstrom, sondern auch im Auslöseverhalten. Die Betriebsklasse wird mit zwei Buchstaben bezeichnet — der erste sagt, ob das Gerät einen Vollbereichsschutz oder nur einen Teilbereichsschutz bietet, der zweite gibt den Anwendungsbereich an:
- gG — Vollbereichsschutz für allgemeine Anwendungen. Schützt sowohl gegen Überlast als auch gegen Kurzschluss. Standard für die Absicherung von Leitungen und Stromkreisen.
- gM — Vollbereichsschutz für Motorschaltgeräte. Eine Spezialvariante mit zwei Stromangaben.
- aM — Teilbereichsschutz für Motorstromkreise. Schützt nur gegen Kurzschluss, nicht gegen Überlast. Der Überlastschutz wird separat über ein Motorschutzrelais sichergestellt.
- aR — Teilbereichsschutz für Halbleiter, sehr schnelle Auslösung im Kurzschlussfall.
Frage 1: Welche Aufgabe erfüllt der Quarzsand in einer Schmelzsicherung?
- a) Erhöhung des Schmelzpunkts des Schmelzleiters
- b) Löschen des entstehenden Lichtbogens nach dem Durchschmelzen
- c) Erkennung des Auslösezustands
- d) Schalldämpfung im Betrieb
Richtig: b)
Beim Durchbrennen entsteht ein Lichtbogen, der den Strom weiter führen würde. Der Quarzsand absorbiert dessen Wärme und kühlt ihn so schnell ab, dass er erlischt. Mit dem Schmelzpunkt des Leiters oder einer Anzeige hat der Sand nichts zu tun.
Frage 2: Eine Schmelzsicherung der Betriebsklasse gG ist geeignet für:
- a) Ausschließlich Kurzschlussschutz von Motoren
- b) Schaltschütze ohne Last
- c) Vollbereichsschutz von Leitungen — also Überlast und Kurzschluss
- d) Reine Steuerstromkreise mit Halbleitern
Richtig: c)
Das „g“ steht für Vollbereichsschutz (gegen Überlast und Kurzschluss), das „G“ für allgemeine Anwendung. Reiner Kurzschlussschutz wäre „a“; Halbleiterschutz „aR“.
Frage 3: Wodurch erkennt man im D-System (Diazed) eine bestimmte Strombemessung optisch?
- a) Durch Form und Farbcode des Passeinsatzes
- b) Durch die Höhe der Sicherung
- c) Durch das Material des Schmelzleiters
- d) Durch das Gewicht
Richtig: a)
D-System-Sicherungen haben farbcodierte Passeinsätze, die zugleich verhindern, dass eine zu starke Sicherung in einen Sockel mit niedrigerem Bemessungsstrom eingesetzt wird. Höhe und Material sind keine eindeutigen Erkennungsmerkmale.
3. Leitungsschutzschalter: Aufbau und Funktion
Wo die Schmelzsicherung nach dem Durchbrennen ausgetauscht werden muss, lässt sich der Leitungsschutzschalter (kurz LS-Schalter, in der internationalen Bezeichnung MCB für Miniature Circuit Breaker, umgangssprachlich auch „Sicherungsautomat“) nach dem Auslösen einfach wieder einschalten. Er hat in Hausverteilungen die klassische Schmelzsicherung weitgehend abgelöst.
Doppeltes Auslöseprinzip
Ein LS-Schalter erkennt Überlast und Kurzschluss über zwei getrennte Auslöser im selben Gerät:
- Thermischer Auslöser (Bimetall) — ein Streifen aus zwei verschweißten Metallen mit unterschiedlicher Wärmeausdehnung. Fließt zu viel Strom, erwärmt sich der Streifen, biegt sich durch und betätigt das Schaltschloss. Dieser Vorgang ist verzögert — kurze Stromspitzen werden ignoriert, anhaltende Überlast schaltet nach Sekunden bis Minuten ab. Er ist zuständig für den Überlastschutz.
- Magnetischer Auslöser (Elektromagnet) — eine Spule, durch die der Laststrom fließt. Übersteigt der Strom einen festen Vielfachwert des Bemessungsstroms, zieht das Magnetfeld einen Anker an, der ebenfalls das Schaltschloss auslöst. Diese Auslösung erfolgt in wenigen Millisekunden und ist zuständig für den Kurzschlussschutz.
Beide Auslöser wirken auf dasselbe mechanische Schaltschloss, das den Stromkreis durch sprungartiges Öffnen des Kontakts trennt. Beim Auslösen entsteht ein Lichtbogen, der in einer integrierten Lichtbogenlöschkammer mit metallischen Löschblechen aufgeteilt und rasch gelöscht wird.
Aufbau im Überblick
Der schematische Aufbau zeigt, wie die einzelnen Bauteile in Reihe im Strompfad liegen:
Strom fließt von der Eingangsklemme über den Schaltkontakt durch das Bimetall und die Spule des Magnetauslösers zur Ausgangsklemme. Beide Auslöser sitzen im selben Strompfad und überwachen kontinuierlich den fließenden Strom.
Beschriftung am Gerät
Auf der Frontseite eines LS-Schalters findet sich der wichtigste Aufdruck in Form eines Buchstaben-Zahlen-Codes — zum Beispiel B16. Der Buchstabe steht für die Auslösecharakteristik (mehr dazu im nächsten Kapitel), die Zahl für den Bemessungsstrom in Ampere. Zusätzlich sind die Bemessungsspannung (typisch 230 V für einpolige, 400 V für drei-/vierpolige Ausführungen) und das Bemessungskurzschlussausschaltvermögen angegeben — der maximale Kurzschlussstrom, den der Schalter sicher abschalten kann, üblicherweise zwischen 6 kA und 25 kA für haushaltsübliche Ausführungen.
Für den Wohn- und Haushaltsbereich sind Leitungsschutzschalter nach ÖNORM EN 60898 ausgeführt; für industrielle Anwendungen gilt ÖNORM EN 60947-2 für Leistungsschalter mit erweiterten Eigenschaften.
Frage 1: Welche Komponenten bilden im Leitungsschutzschalter die beiden Auslöser?
- a) Bimetall für thermisch, Elektromagnet für magnetisch
- b) Bimetall und Schmelzleiter
- c) Zwei Bimetalle in Reihe
- d) Halbleiterauslöser und Hilfsrelais
Richtig: a)
Standard-LS-Schalter haben genau diese zwei Auslöser im selben Strompfad. Schmelzleiter sind das Prinzip der Schmelzsicherung, Halbleiterauslöser kommen nur in besonderen Leistungsschaltern vor.
Frage 2: Welcher Vorteil ergibt sich aus dem doppelten Auslöseprinzip im Leitungsschutzschalter?
- a) Geringere Anschaffungskosten
- b) Größere Anschlussleistung möglich
- c) Schnelle Abschaltung bei Kurzschluss und verzögerte Abschaltung bei kurzfristiger Überlast
- d) Personenschutz ohne FI-Schalter
Richtig: c)
Das Bimetall reagiert träge auf moderate Überlast (z. B. Motoreinschaltungen werden toleriert), der Magnet reagiert blitzschnell auf Kurzschluss. Anschaffungskosten und Leistung sind unabhängig vom Prinzip, und Personenschutz gegen Fehlerströme ist Aufgabe des FI-Schalters.
Frage 3: Was bedeutet ein Aufdruck „B16″ auf einem Leitungsschutzschalter?
- a) 16-stufige Auslösung in Charakteristik B
- b) Bemessungsspannung 16 V, Charakteristik B
- c) 16 kA Bemessungskurzschlussausschaltvermögen
- d) Charakteristik B, Bemessungsstrom 16 A
Richtig: d)
Buchstabe steht immer für die Charakteristik, Zahl für den Bemessungsstrom in Ampere. Spannung und Kurzschlussausschaltvermögen werden separat angegeben.
4. Auslösecharakteristiken B, C, D, K und Z
Die Auslösecharakteristik beschreibt, wie der LS-Schalter auf verschiedene Stromstärken reagiert — wie schnell und ab welcher Höhe er abschaltet. Sie wird in einem Strom-Zeit-Diagramm dargestellt, das den Auslösezeitpunkt in Abhängigkeit vom Stromverhältnis I/I_n zeigt (also wie viel größer der tatsächliche Strom verglichen mit dem Bemessungsstrom ist).
Aufbau der Kennlinie
Im linken Bereich der Kennlinie (kleine Vielfache von I_n) wirkt der thermische Auslöser: je größer die Überlast, desto schneller schaltet das Bimetall. Bei großen Vielfachen kippt die Kennlinie in den magnetischen Auslösebereich — der Schalter trennt in Millisekunden. Wo dieser senkrechte Abfall passiert, hängt von der Charakteristik ab:
Die Kennlinie ist üblicherweise mit doppelt-logarithmischen Achsen dargestellt. Die thermische Kurve verläuft von oben links nach unten rechts und ist für die Charakteristiken B, C und D identisch — sie hängt nur am thermischen Auslöser. Erst die Lage des senkrechten Abfalls (der magnetische Auslöser) unterscheidet die Typen.
Thermischer Auslösebereich
Der thermische Auslöser folgt für alle Charakteristiken denselben Grenzwerten nach ÖNORM EN 60898:
- Bei 1,13 · I_n darf der LS-Schalter innerhalb der konventionellen Prüfzeit (1 Stunde bei Bemessungsströmen ≤ 63 A) nicht auslösen.
- Bei 1,45 · I_n muss er innerhalb derselben Prüfzeit auslösen.
Konkret: Ein B16 verträgt 18 A stundenlang ohne abzuschalten, bei 23 A muss er innerhalb einer Stunde fallen. Das ist die Grundlage des Überlastschutzes — er reagiert nicht punktgenau am Bemessungsstrom, sondern in einem definierten Streifen darüber.
Magnetischer Auslösebereich
Die fünf gängigen Charakteristiken unterscheiden sich darin, ab welchem Vielfachen des Bemessungsstroms der Magnetauslöser anspricht:
| Charakteristik | Auslösebereich | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| B | 3 · I_n bis 5 · I_n | Wohnbereich, allgemeine Stromkreise, ohmsche Lasten |
| C | 5 · I_n bis 10 · I_n | Gewerbe, Leuchtmittel, kleinere Motoren |
| D | 10 · I_n bis 20 · I_n | Transformatoren, große Motoren, hohe Einschaltströme |
| K | 8 · I_n bis 14 · I_n | Motorstromkreise in Steuer- und Anlagentechnik |
| Z | 2 · I_n bis 3 · I_n | Empfindliche Halbleiter- und Elektronikkreise |
Die Auswahl richtet sich nach dem zu erwartenden Einschaltstrom des Verbrauchers. Eine Glühlampe oder Steckdose verursacht kaum Einschaltspitzen — Charakteristik B passt. Ein Trafonetzteil zieht beim Einschalten kurzzeitig das Vielfache seines Nennstroms — bei B würde der Automat sofort fallen, mit C oder D bleibt er stehen. Empfindliche Elektronik, die schon bei kleinen Überströmen geschützt werden soll, bekommt einen Z-Automaten.
Gelöstes Beispiel
Wie groß ist der magnetische Auslösestrombereich eines C16-Automaten?
Gegeben:
- I_n = 16 A
- Charakteristik C: k = 5 bis 10
Gesucht: I_a_min und I_a_max
Lösungsweg:
- Schritt 1 — untere Grenze: I_a_min = 5 · 16 = 80 A
- Schritt 2 — obere Grenze: I_a_max = 10 · 16 = 160 A
Ergebnis: Der magnetische Auslöser spricht zwischen 80 A und 160 A an.
Übungen
1. Berechne den magnetischen Auslösestrombereich eines B10.
3 · 10 = 30 A bis 5 · 10 = 50 A
2. Berechne den magnetischen Auslösestrombereich eines D25.
10 · 25 = 250 A bis 20 · 25 = 500 A
3. Ein Stromkreis ist mit B16 abgesichert. Welcher Strom darf höchstens dauerhaft fließen, damit der thermische Auslöser garantiert nicht anspricht?
I_max = 1,13 · 16 = 18,08 A (Garantiebereich)
4. Welcher Strom muss spätestens fließen, damit ein B25 thermisch auslöst?
I_aus = 1,45 · 25 = 36,25 A (innerhalb der konventionellen Prüfzeit)
5. In einem Steuerstromkreis mit Z6-Automat tritt durch einen Schaltnetzteil-Einschaltstrom von 20 A kurzzeitig eine Spitze auf. Liegt diese im magnetischen Auslösebereich?
Z6: magnetischer Bereich = 2 · 6 = 12 A bis 3 · 6 = 18 A. 20 A liegt über der oberen Grenze → der Automat löst magnetisch aus, wenn die Spitze lange genug anhält.
Frage 1: In welchem Bereich liegt der magnetische Auslösestrom eines C16?
- a) 16 A bis 32 A
- b) 48 A bis 80 A
- c) 80 A bis 160 A
- d) 320 A bis 640 A
Richtig: c)
C16 bedeutet Charakteristik C mit 16 A Bemessungsstrom, magnetischer Auslösebereich 5- bis 10-fach: 5 · 16 = 80 A bis 10 · 16 = 160 A. Werte darunter wären thermischer Bereich, 320 bis 640 A wäre D-Charakteristik.
Frage 2: Welche Charakteristik wählt man typischerweise für einen Stromkreis mit empfindlicher Elektronik und Halbleitern?
- a) D
- b) B
- c) C
- d) Z
Richtig: d)
Die Z-Charakteristik löst bereits ab dem 2- bis 3-fachen Bemessungsstrom magnetisch aus und schützt damit empfindliche Bauteile früh. D, B und C lassen viel höhere Stromspitzen zu.
Frage 3: Was bedeutet die Aussage „der thermische Auslöser muss bei 1,13 · I_n innerhalb der konventionellen Prüfzeit nicht auslösen“?
- a) Er löst sofort beim Erreichen aus
- b) Bei diesem Strom darf er innerhalb der Prüfzeit nicht auslösen, um Fehlauslösungen knapp über I_n zu vermeiden
- c) Nach genau 30 Minuten löst er aus
- d) Nach Anwendung eines Magnetfelds löst er aus
Richtig: b)
Der Wert 1,13 · I_n ist die garantierte „Nicht-Auslöse-Grenze“ — bis dahin soll das Gerät auch bei längerer Belastung nicht öffnen. Erst bei 1,45 · I_n muss er innerhalb der Prüfzeit fallen.
Frage 4: Ein Charakteristik-D-Automat wird typischerweise eingesetzt für:
- a) Transformatoren und Großmotoren mit hohem Einschaltstrom
- b) Lichtstromkreise im Wohnbereich
- c) Empfindliche Halbleiterkreise
- d) Ausschließlich Drehstromnetze
Richtig: a)
D-Automaten tolerieren Einschaltströme bis zum 20-fachen Bemessungsstrom und passen damit zu Verbrauchern mit hohem Anlaufstrom. Lichtstromkreise nehmen B, Halbleiterkreise Z. Drehstrom oder Wechselstrom ist davon unabhängig.
5. Auswahl in der Praxis: Querschnitt, Bemessungsstrom und Selektivität
Der schönste LS-Schalter nützt nichts, wenn der falsche Bemessungsstrom gewählt oder die Verteilung nicht durchdacht aufgebaut ist. Drei Größen müssen zusammenpassen: der Strom, den die Verbraucher ziehen, der Bemessungsstrom des Schutzgeräts und die Strombelastbarkeit der verlegten Leitung.
Die Auswahlregel
Für die richtige Dimensionierung gilt nach den Schutzbestimmungen für Niederspannungsanlagen:
I_B ≤ I_n ≤ I_z
- I_B … Betriebsstrom der Verbraucher in A
- I_n … Bemessungsstrom des Schutzgeräts in A
- I_z … zulässige Strombelastbarkeit der Leitung in A
Diese Ungleichung enthält die ganze Logik:
- I_B ≤ I_n — das Schutzgerät darf den normalen Betriebsstrom nicht abschalten. Wäre I_n kleiner als I_B, würde der Schalter ständig fallen.
- I_n ≤ I_z — die Leitung muss den Bemessungsstrom des Schutzgeräts dauerhaft tragen können. Wäre I_n größer als I_z, wäre die Leitung erst gefährdet, bevor der Schutz reagiert.
Hinzu kommt eine zweite Bedingung, damit auch eine zulässige Überlast (bis 1,45 · I_n) noch von der Leitung verkraftet wird: I_2 ≤ 1,45 · I_z, wobei I_2 der große Prüfstrom des Schutzgeräts ist. Bei standardgemäßen LS-Schaltern ist diese Bedingung automatisch erfüllt, weil I_2 = 1,45 · I_n.
Querschnitt und Bemessungsstrom in der Praxis
In Hausinstallationen sind Querschnitt und Bemessungsstrom über die Verlegungsart fest miteinander verknüpft. Die folgenden Werte sind übliche Richtwerte für Kupferleitungen bei Verlegung in der Wand oder im Rohr:
| Querschnitt | Typische Absicherung | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| 1,5 mm² | B16 | Lichtstromkreise, einzelne Steckdosen |
| 2,5 mm² | B16 oder B20 | Steckdosenstromkreise |
| 4 mm² | B25 | Stärker belastete Stromkreise, kleinere Drehstromabgänge |
| 6 mm² | B32 oder B40 | Drehstromabgänge, Durchlauferhitzer, Herd |
Die Werte in der Tabelle sind übliche Richtwerte für Standardverlegung (zum Beispiel in der Wand, Verlegeart C). Sobald die Verlegung in wärmegedämmten Hohlwänden erfolgt, mehrere Stromkreise gebündelt verlegt sind oder die Umgebungstemperatur erhöht ist, sinkt die zulässige Strombelastbarkeit deutlich. In solchen Fällen kann auch für 1,5 mm² eine Absicherung mit B13 oder B10 statt B16 nötig sein. Die maßgeblichen Werte stehen in den Strombelastbarkeits- und Reduktionsfaktor-Tabellen der ÖVE/ÖNORM E 8101 — bei der Anlagenplanung zwingend dort nachsehen.
Selektivität
In jeder größeren Verteilung sind Schutzgeräte hintereinander angeordnet: vor dem Zähler sitzt ein Hauptsicherungsblock, danach kommen Vor- und Endsicherungen für einzelne Verbraucherkreise. Tritt irgendwo ein Fehler auf, soll möglichst nur das Schutzgerät auslösen, das dem Fehler am nächsten ist — alles davor soll weiterhin funktionieren. Genau das beschreibt Selektivität.
Damit Selektivität funktioniert, muss das vorgeschaltete Schutzgerät:
- einen höheren Bemessungsstrom haben (z. B. 35 A NH-Sicherung vor 16-A-LS-Schaltern), und
- eine trägere Auslösecharakteristik haben (NH-Sicherung gG ist deutlich träger als ein LS-Schalter B).
Im Kurzschlussfall ist Selektivität allerdings nicht garantiert, sondern hängt vom Kurzschlussstrom und den Auslösekennlinien beider Geräte ab. Hersteller liefern Selektivitätstabellen, die für konkrete Gerätekombinationen angeben, bis zu welchem Kurzschlussstrom Selektivität gewährleistet ist.
Abgrenzung zu anderen Schutzgeräten
Zwei Schutzgeräte werden in der Verteilung häufig zusammen mit LS-Schaltern verbaut, sind aber eigene Themen: Der Motorschutzschalter übernimmt den Überlast- und Phasenausfallschutz von Motoren, der FI-Schutzschalter (RCD) reagiert auf Fehlerströme im Personenschutz — beide ersetzen den LS-Schalter nicht, sondern ergänzen ihn.
Gelöstes Beispiel
Ein Stromkreis mit Verbrauchern von zusammen 18 A soll abgesichert werden. Die verlegte Leitung hat eine zulässige Strombelastbarkeit von 24 A. Welcher Bemessungsstrom kommt in Frage?
Gegeben:
- I_B = 18 A
- I_z = 24 A
Gesucht: passender I_n
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Auswahlregel anwenden: I_B ≤ I_n ≤ I_z, also 18 ≤ I_n ≤ 24
- Schritt 2 — handelsübliche Bemessungsströme im Bereich finden: LS-Schalter gibt es in 16 A, 20 A, 25 A. Im Bereich [18; 24] liegt nur 20 A.
Ergebnis: I_n = 20 A (B20- oder C20-Automat je nach Verbraucher).
Übungen
1. I_B = 12 A, I_z = 21 A. Welcher übliche LS-Schalter-Bemessungsstrom passt?
Bereich [12; 21] → 13 A, 16 A oder 20 A; üblich 16 A.
2. I_B = 22 A, I_z = 27 A. Welcher LS-Schalter passt?
Bereich [22; 27] → 25 A.
3. Eine Leitung verträgt 32 A. Der angeschlossene Drehstrommotor zieht 24 A Nennstrom mit hohem Einschaltstrom. Welche Charakteristik und welcher Bemessungsstrom sind sinnvoll?
I_n = 25 A oder 32 A; Charakteristik D (oder C) wegen hohem Einschaltstrom — also z. B. D25 oder C32.
4. Eine 6-A-Z-Sicherung schützt ein elektronisches Steuergerät. Welcher Strom darf laut Auswahlregel als Verbraucherstrom höchstens fließen?
I_B ≤ 6 A → der Steuerkreis darf maximal 6 A dauerhaft beziehen.
5. In einer Verteilung sitzt ein 63-A-Vorsicherungsblock NH gG, danach B16-LS-Schalter. Welche Bedingung erfüllt diese Anordnung im Hinblick auf Selektivität?
Vorsicherung hat höheren Bemessungsstrom (63 > 16) und ist deutlich träger (NH gG vs. LS-B); die Selektivität ist im Überlast- und im moderaten Kurzschlussbereich gegeben — der genaue Selektivitätsbereich ergibt sich aus den Herstellerangaben.
Frage 1: Welche Beziehung beschreibt die korrekte Auswahl eines Leitungsschutzschalters?
- a) I_z ≤ I_n ≤ I_B
- b) I_B ≤ I_n ≤ I_z
- c) I_n ≤ I_B ≤ I_z
- d) I_B ≤ I_z ≤ I_n
Richtig: b)
Der Bemessungsstrom muss den Betriebsstrom abdecken (I_B ≤ I_n) und gleichzeitig kleiner oder gleich der Strombelastbarkeit der Leitung sein (I_n ≤ I_z). Alle anderen Reihenfolgen würden entweder zu Fehlauslösungen oder zu ungeschützten Leitungen führen.
Frage 2: Selektivität in einer Verteilung bedeutet:
- a) Alle Sicherungen müssen identisch sein
- b) Bei einem Fehler löst die Hauptsicherung zuerst aus
- c) Bei einem Fehler löst nur der nächstgelegene Schutz aus, vorgeschaltete bleiben in Betrieb
- d) Sicherungen müssen nach Bauform sortiert sein
Richtig: c)
Selektivität ist das gezielte Auslösen genau dort, wo der Fehler ist — die Hauptsicherung soll gerade nicht fallen. Bauform und Sortierung sind nicht selektivitätsrelevant.
Frage 3: Welchen Bemessungsstrom wählt man typisch für einen Steckdosenkreis mit 2,5 mm² Kupferleitung?
- a) 6 A
- b) 32 A
- c) 50 A
- d) 16 A
Richtig: d)
Eine 2,5-mm²-Kupferleitung wird üblicherweise mit 16 A (oder 20 A) abgesichert. 6 A wäre zu niedrig für übliche Verbraucher, 32 A oder 50 A würden die Strombelastbarkeit der Leitung überschreiten.
Abschlusstest
Aufgabe 1: Eine Leitung trägt im Normalbetrieb 10 A. Im Fehlerfall steigt der Strom auf 30 A. Um welchen Faktor steigt die Verlustleistung im Leiter, wenn der Widerstand gleich bleibt?
Gegeben:
- I_1 = 10 A
- I_2 = 30 A
- R = konstant
Gesucht: P_2 / P_1
Lösungsweg:
- Schritt 1 — quadratisches Verhältnis: P_2 / P_1 = (I_2 / I_1)²
- Schritt 2 — einsetzen: P_2 / P_1 = (30 / 10)² = 9
Ergebnis: Die Verlustleistung steigt auf das 9-fache.
Aufgabe 2: Bestimme den magnetischen Auslösestrombereich eines B16-Automaten.
Gegeben:
- I_n = 16 A
- Charakteristik B: k = 3 bis 5
Gesucht: I_a_min und I_a_max
Lösungsweg:
- Schritt 1 — untere Grenze: I_a_min = 3 · 16 = 48 A
- Schritt 2 — obere Grenze: I_a_max = 5 · 16 = 80 A
Ergebnis: 48 A bis 80 A.
Aufgabe 3: Bestimme den magnetischen Auslösestrombereich eines D32-Automaten.
Gegeben:
- I_n = 32 A
- Charakteristik D: k = 10 bis 20
Gesucht: I_a_min und I_a_max
Lösungsweg:
- Schritt 1 — untere Grenze: I_a_min = 10 · 32 = 320 A
- Schritt 2 — obere Grenze: I_a_max = 20 · 32 = 640 A
Ergebnis: 320 A bis 640 A.
Aufgabe 4: Ein Stromkreis mit zusammen 13 A Betriebsstrom soll abgesichert werden. Die verlegte 2,5-mm²-Kupferleitung hat eine zulässige Strombelastbarkeit von 24 A. Welcher LS-Schalter-Bemessungsstrom ist passend?
Gegeben:
- I_B = 13 A
- I_z = 24 A
Gesucht: I_n
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Auswahlregel: I_B ≤ I_n ≤ I_z → 13 ≤ I_n ≤ 24
- Schritt 2 — verfügbare Standardwerte im Bereich: 16 A oder 20 A.
Ergebnis: Üblich für Steckdosenstromkreise ist I_n = 16 A.
Frage 1: Welches Bauteil in einem Leitungsschutzschalter ist für die Erkennung eines Kurzschlusses verantwortlich?
- a) Bimetall
- b) Thermoelement
- c) Quarzsand
- d) Elektromagnet
Richtig: d)
Der Elektromagnet zieht bei sehr hohem Strom innerhalb von Millisekunden den Anker an und löst aus. Das Bimetall ist nur für Überlast zuständig, Thermoelement und Quarzsand kommen im LS-Schalter nicht vor.
Frage 2: Welche Betriebsklasse von Schmelzsicherungen schützt eine Leitung sowohl gegen Überlast als auch gegen Kurzschluss?
- a) aR
- b) aM
- c) gG
- d) gN
Richtig: c)
Das „g“ steht für Vollbereichsschutz (Überlast und Kurzschluss), das „G“ für allgemeine Anwendung. aM schützt nur gegen Kurzschluss (Motoren), aR ist Halbleiterschutz, gN existiert nicht als Standardklasse.
Frage 3: In einem Steuerstromkreis mit Schaltnetzteilen empfiehlt sich welche Auslösecharakteristik?
- a) Z
- b) D
- c) B
- d) gG
Richtig: a)
Z-Charakteristik löst bereits bei 2- bis 3-fachem Bemessungsstrom magnetisch aus und passt zu empfindlichen elektronischen Schaltungen. B und D wären zu träge im magnetischen Bereich, gG ist keine LS-Charakteristik, sondern eine Sicherungsbetriebsklasse.
Frage 4: Welche Aussage zum thermischen Auslösebereich von LS-Schaltern ist korrekt?
- a) Er ist bei B, C, D unterschiedlich
- b) Er liegt bei allen Charakteristiken zwischen 1,13 · I_n und 1,45 · I_n
- c) Er löst sofort beim Erreichen des Bemessungsstroms aus
- d) Er ist nur bei Wechselstrom wirksam
Richtig: b)
Der thermische Bereich ist normgenormt gleich für B, C, D. Bei I_n selbst löst er nicht aus, und er wirkt bei Gleich- wie bei Wechselstrom (der Bimetallstreifen erwärmt sich in beiden Fällen).
Frage 5: Was passiert in einer Verteilung mit B16-LS-Schaltern hinter einer trägen 35-A-NH-Sicherung, wenn in einem einzelnen B16-Stromkreis ein Kurzschluss auftritt?
- a) Beide schalten gleichzeitig ab
- b) Der B16 schaltet ab, die 35-A-NH bleibt in Betrieb (Selektivität)
- c) Nur die 35-A-NH schaltet ab
- d) Keiner schaltet ab, weil der Strom zu kurz ist
Richtig: b)
Bei korrekter Selektivität fällt nur das Schutzgerät, das dem Fehler am nächsten ist. Die NH-Sicherung mit höherem Bemessungsstrom und trägerer Charakteristik bleibt stehen.
Frage 6: Welche Charakteristik wird typisch für allgemeine Stromkreise in Wohnungen empfohlen?
- a) D
- b) Z
- c) C
- d) B
Richtig: d)
Im Wohnbereich gibt es kaum hohe Einschaltströme; B mit 3- bis 5-fachem Auslösebereich passt. D wäre für Großmotoren, Z für Elektronik, C für Gewerbe und Leuchtmittel mit mittleren Einschaltspitzen.
Frage 7: Welcher Vorteil spricht für einen Leitungsschutzschalter gegenüber einer Schmelzsicherung?
- a) Der LS-Schalter ist immer billiger
- b) Der LS-Schalter ist nach Auslösung wieder einschaltbar
- c) Der LS-Schalter ist kleiner als alle Schmelzsicherungen
- d) Der LS-Schalter erkennt Erdschlüsse
Richtig: b)
Die Wiederverwendbarkeit ist der zentrale Vorteil — kein Ersatzteil, schnelle Wiederinbetriebnahme. Erdschluss-Erkennung ist Aufgabe des FI-Schalters, der Preisvergleich ist nicht eindeutig, und Schmelzsicherungen gibt es auch in sehr kompakten Bauformen.
Frage 8: Was muss bei der Auswahl eines LS-Schalters in Bezug auf die Leitung beachtet werden?
- a) Es darf nur Charakteristik B verwendet werden
- b) Der Bemessungsstrom muss exakt dem Verbraucherstrom entsprechen
- c) Die Leitungslänge ist irrelevant
- d) Der Bemessungsstrom darf die zulässige Strombelastbarkeit der Leitung nicht überschreiten
Richtig: d)
I_n ≤ I_z ist eine Kernregel — sonst wäre die Leitung vor dem Schutzgerät überlastet. Charakteristik richtet sich nach Anwendung, der Bemessungsstrom muss nur über dem Betriebsstrom liegen, nicht exakt gleich sein, und die Leitungslänge spielt für den Spannungsfall und den Kurzschlussstrom eine Rolle.
Frage 9: Welche Aussage zum Bemessungskurzschlussausschaltvermögen ist korrekt?
- a) Es ist der maximale Kurzschlussstrom, den der Schalter sicher abschalten kann
- b) Es gibt an, wie viele Auslösungen das Gerät übersteht
- c) Es ist die maximale Spannung im Auslösefall
- d) Es ist der Bemessungsstrom geteilt durch 1000
Richtig: a)
Das Bemessungskurzschlussausschaltvermögen (z. B. 6 kA, 10 kA) ist der höchste Strom, bei dem das Schaltvermögen des Geräts noch garantiert ist. Wird er überschritten, kann der Schalter zerstört werden, ohne sicher zu trennen.
Frage 10: Welche Aussage zur Schmelzsicherung der Betriebsklasse aM ist korrekt?
- a) Sie schützt sowohl gegen Überlast als auch gegen Kurzschluss
- b) Sie ist nur für Lichtstromkreise zugelassen
- c) Sie schützt ausschließlich gegen Kurzschluss und wird mit einem separaten Überlastschutz kombiniert
- d) Sie ist eine Halbleitersicherung
Richtig: c)
aM ist Teilbereichsschutz für Motoren: Kurzschluss-Schutz durch die Sicherung, Überlast-Schutz durch ein separates Motorschutzrelais. Vollbereichsschutz wäre gG, Halbleiterschutz aR.
Frage 11: Wofür wird die Charakteristik K vorrangig verwendet?
- a) Motorstromkreise mit hohen Einschaltströmen
- b) Wohnsteckdosen
- c) Lichtstromkreise
- d) USV-Anlagen
Richtig: a)
K-Charakteristik (8- bis 14-fach) ist auf Motorkreise in Steueranlagen ausgelegt. Wohnsteckdosen und Lichtstromkreise nehmen B, USV-Anlagen oft C oder Z je nach Bauart.
Frage 12: Welche Aussage zum Kurzschlussstrom ist korrekt?
- a) Er entsteht bei Überlast und steigt langsam an
- b) Er ist immer kleiner als der Bemessungsstrom
- c) Er fließt nur bei abgeschaltetem Stromkreis
- d) Er ist nur durch den Innenwiderstand der Quelle und die Leitungsimpedanz begrenzt
Richtig: d)
Im Kurzschluss entfällt der Verbraucher als strombegrenzendes Element — übrig bleiben nur Innenwiderstand der Quelle und die Leitung selbst. Die Werte erreichen leicht hunderte bis tausende Ampere, weit über dem Bemessungsstrom.
Glossar
- Überstromschutz
- Sammelbegriff für Schutzgeräte, die Leitungen und Geräte vor unzulässig hohen Strömen schützen (Schmelzsicherung, Leitungsschutzschalter, Motorschutzschalter).
- Überlast
- moderate Erhöhung des Stroms über den zulässigen Wert in einem grundsätzlich funktionstüchtigen Stromkreis, meist durch zu viele Verbraucher.
- Kurzschluss
- direkte, niederohmige Verbindung zwischen aktiven Leitern oder zwischen Leiter und Schutzleiter; Strom wird nur durch Innenwiderstand der Quelle und Leitungsimpedanz begrenzt.
- Schmelzsicherung
- Überstromschutzgerät mit einem dünnen Schmelzleiter, der bei zu hohem Strom durchschmilzt und nicht wieder verwendbar ist.
- Leitungsschutzschalter (LS-Schalter, MCB)
- mechanisches Schutzgerät mit thermischem und magnetischem Auslöser, nach Auslösung wieder einschaltbar.
- Bimetall
- Streifen aus zwei verschweißten Metallen mit unterschiedlicher Wärmeausdehnung; biegt sich bei Erwärmung und löst den thermischen Auslöser aus.
- Bemessungsstrom I_n
- Strom, den ein Schutzgerät dauerhaft tragen darf, ohne auszulösen; aufgedruckter Zahlenwert (z. B. 16 bei B16).
- Auslösecharakteristik
- Kennlinie eines LS-Schalters; gibt den magnetischen Auslösebereich als Vielfaches von I_n an (B, C, D, K, Z).
- Strombelastbarkeit I_z
- maximaler Dauerstrom, den eine Leitung verträgt, ohne dass die Isolierung Schaden nimmt; abhängig von Querschnitt, Material und Verlegungsart.
- Selektivität
- Eigenschaft hintereinander geschalteter Schutzgeräte, im Fehlerfall nur den dem Fehler nächstgelegenen Schutz auszulösen, vorgeschaltete Geräte bleiben in Betrieb.
- Betriebsklasse (gG, aM, aR)
- Bezeichnung bei Schmelzsicherungen; erster Buchstabe = Voll- (g) oder Teilbereichsschutz (a), zweiter Buchstabe = Anwendungsbereich (G allgemein, M Motoren, R Halbleiter).
- Bemessungskurzschlussausschaltvermögen
- maximaler Kurzschlussstrom, den ein Schutzgerät sicher abschalten kann, ohne zerstört zu werden; angegeben in kA.
- NH-Sicherung
- Niederspannungs-Hochleistungs-Sicherung; Schmelzsicherung für hohe Ströme bis über 1000 A, eingesetzt in Hauptverteilungen und Hausanschlüssen.
- D-System / D0-System
- bauartgleiche Schmelzsicherungssysteme mit farbcodierten Passeinsätzen; D bis 63 A, D0 (Neozed) als kompaktere Nachfolgevariante bis 100 A.
