Wirkungen des elektrischen Stroms auf den Menschen

Ein Stromunfall hat selten nur eine Ursache. Mehrere Größen wirken zusammen — vor allem die Stromstärke durch den Körper und die Zeit, in der sie fließt. Wer diese Zusammenhänge kennt, versteht, warum die Schutzkonzepte in der Elektrotechnik so aufgebaut sind, wie sie aufgebaut sind: Sie verhindern entweder das Auftreten gefährlicher Berührungsspannungen oder schalten ab, bevor der Körperstrom kritische Werte erreicht.

Vorwissen

  • Elektrischer Strom – Definition und Wirkungen
  • Elektrische Spannung – Definition und Erzeugung
  • Das Ohmsche Gesetz

Lernziele

Nach diesem Beitrag kannst du:

  • die drei Wirkungsmechanismen erklären, mit denen elektrischer Strom auf den Körper wirkt
  • benennen, welche Größen die Gefährdung bei einem Stromunfall bestimmen
  • die Wirkungsschwellen bei Wechselstrom mit den körperlichen Reaktionen zuordnen
  • aus Berührungsspannung und Körperwiderstand den zu erwartenden Körperstrom berechnen und einordnen
  • die zulässigen Berührungsspannungen nach ÖVE/ÖNORM E 8101 nennen
  • bei einem Stromunfall die richtige Reihenfolge der Maßnahmen einhalten

1. Wirkungsmechanismen — Was Strom im Körper auslöst

Der menschliche Körper ist ein elektrochemisches System. Nerven leiten Reize über kleine elektrische Potenzialunterschiede, Muskeln werden über genau dosierte Impulse gesteuert. Wenn von außen ein elektrischer Strom in dieses System eingespeist wird, überlagert er die feinen körpereigenen Signale — und zwar so stark, dass der Körper auf drei Wegen Schaden nimmt.

Thermische Wirkung

Jeder Stromfluss durch einen Widerstand erzeugt Wärme. Der Körper ist nichts anderes als ein Widerstand mit Schwerpunkt an den Eintritts- und Austrittsstellen, also dort, wo die Kontaktfläche klein und die Stromdichte hoch ist. Sichtbare Folgen sind sogenannte Strommarken — punktförmige, oft kreisrunde Verbrennungen an Eintritt und Austritt. Bei höheren Stromstärken kommen tiefere Verbrennungen dazu, manchmal bis ins Gewebe unter der Haut, ohne dass die Hautoberfläche stark beschädigt wirkt. Das macht Stromverletzungen tückisch: Außen unauffällig, innen schwer verletzt.

Elektrolytische Wirkung

Körperflüssigkeiten sind Elektrolyte. Fließt Gleichstrom über längere Zeit durch das Gewebe, kommt es zu elektrolytischen Vorgängen — Ionen wandern, das chemische Gleichgewicht in den Zellen wird gestört. Diese Wirkung spielt bei kurzen Wechselstromunfällen eine untergeordnete Rolle, weil sich die Wanderungsrichtung ständig umkehrt. Bei länger einwirkendem Gleichstrom ist sie dagegen ein eigener Schädigungspfad.

Physiologische Wirkung

Sie ist meistens der Grund, warum Stromunfälle lebensgefährlich werden. Der eingespeiste Strom reizt die Nerven und löst unkontrollierte Muskelkontraktionen aus. Treffen die Reize die Skelettmuskulatur, krampfen sich Arme oder Beine zusammen — der Verunfallte kann das spannungsführende Teil nicht loslassen. Trifft der Strom die Atemmuskulatur, kann es zu Atemstillstand kommen. Am gefährlichsten ist die Wirkung auf das Herz: Der elektrische Reiz bringt den geordneten Rhythmus der Herzkammern durcheinander, sie zucken nur noch unkoordiniert. Dieses Herzkammerflimmern wirft das Herz aus dem Takt, der Blutkreislauf bricht zusammen, und ohne Defibrillation endet das innerhalb weniger Minuten tödlich.

Welche Strom­wirkung macht es einer Person unmöglich, sich aus dem Stromkreis zu befreien, weil die Hand am spannungsführenden Teil verkrampft?

  • a) thermische Wirkung
  • b) elektrolytische Wirkung
  • c) physiologische Wirkung auf die Skelettmuskulatur
  • d) ausschließlich nervale Wirkung ohne Muskelbeteiligung

Richtig: c)

Der Strom reizt die motorischen Nerven, diese leiten den Reiz an die Muskeln weiter. Die Beugemuskeln in der Hand sind kräftiger als die Strecker, deshalb krallt sich die Hand zu und kann nicht mehr willentlich geöffnet werden. Das ist eine physiologische Wirkung, keine thermische. Die elektrolytische Wirkung tritt bei kurzen Wechselstrom­unfällen praktisch nicht in Erscheinung. Antwort d ist falsch, weil der Effekt gerade über die Muskelreaktion sichtbar wird.

Was beschreibt eine Strommarke korrekt?

  • a) eine lokal begrenzte, oft kreisrunde Verbrennung an Ein- und Austrittsstelle des Stroms
  • b) eine großflächige Rötung der gesamten Eintrittsseite ohne tiefere Verletzung
  • c) eine Hautausschlagsreaktion durch Elektrolyse
  • d) eine elektrische Aufladung der Haut, die mit der Zeit wieder abklingt

Richtig: a)

Strommarken entstehen, weil an der kleinen Kontaktfläche zwischen Körper und stromführendem Teil die Stromdichte am höchsten ist und dort die meiste Wärme entsteht. Sie sind meist scharf umrissen und können bei kleiner Hautläsion innerlich tiefer reichen, als sie äußerlich aussehen. Eine bloße Rötung oder eine elektrische Aufladung sind keine Strommarken.

Eine Person berührt mit der rechten Hand einen Außenleiter und steht barfuß auf nassem Beton. Warum ist dieser Stromweg besonders kritisch?

  • a) weil der Strom nur in der Hand bleibt und keine Organe erreichen kann
  • b) weil ausschließlich elektrolytische Wirkungen auftreten
  • c) weil Beton nicht leitet und damit kein Strom fließt
  • d) weil der Stromweg durch den Brustkorb und damit durchs Herz führt

Richtig: d)

Hand–Fuß-Stromwege gehen durch den Brustraum. Liegt das Herz mit im Pfad, ist das Risiko für Herzkammerflimmern deutlich höher als bei Stromwegen, die das Herz umgehen (z.B. von Hand zu Hand am gleichen Arm). Antwort a ist physikalisch falsch — der Strom sucht sich den Weg zur Bezugsmasse. Beton mit Feuchtigkeit leitet ausreichend. Elektrolytische Wirkungen sind nicht der Hauptpunkt bei einem kurzen Wechselstromunfall.

2. Einflussgrößen auf die Gefährdung

Ob ein Stromunfall harmlos ausgeht oder tödlich endet, hängt von mehreren Größen ab. Sie wirken zusammen und können sich gegenseitig verstärken oder abschwächen.

Stromstärke durch den Körper

Sie ist die entscheidende Größe für die Gefährdung. Nicht die Spannung selbst schädigt — die Spannung treibt nur den Strom durch den Körper. Erst der durchfließende Strom löst die thermische und physiologische Wirkung aus. Eine hohe Spannung an einem hohen Widerstand ergibt einen kleinen Strom und kann harmlos sein; eine kleine Spannung an einem niedrigen Widerstand ergibt einen großen Strom und kann tödlich sein.

Stromart

Wechselstrom mit Netzfrequenz ist deutlich gefährlicher als Gleichstrom bei vergleichbarer Stromstärke. Der Grund liegt im Herzen: Die Herzmuskelzellen haben eine eigene Reizleitung mit einer empfindlichen Phase im Herzzyklus, in der ein zusätzlicher elektrischer Reiz das Kammerflimmern auslösen kann. Wechselstrom mit 50 Hz trifft diese empfindliche Phase pro Sekunde mehrfach — die Wahrscheinlichkeit, ein Flimmern auszulösen, ist hoch. Gleichstrom liefert einen einmaligen Reiz beim Ein- und beim Ausschalten und bewirkt im Körper eher Muskelverkrampfung und elektrolytische Effekte. Faustregel: Bei vergleichbarer Stromstärke ist Gleichstrom etwa um den Faktor drei bis vier weniger gefährlich als 50-Hz-Wechselstrom — was aber nicht heißt, dass Gleichstrom harmlos wäre.

Frequenz

Innerhalb der Wechselstromfamilie ist der Bereich um die Netzfrequenz besonders kritisch. Höhere Frequenzen, etwa über 1 kHz, werden zunehmend an die Hautoberfläche verdrängt (Skineffekt), wirken weniger tief und sind für das Herz weniger gefährlich — sie können aber stärkere Verbrennungen verursachen.

Einwirkdauer

Je länger der Strom fließt, desto größer die Schadenswahrscheinlichkeit. Ein Stromstoß von 100 mA über 50 ms kann ohne Folgen bleiben; dieselben 100 mA über mehrere Sekunden führen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Herzkammerflimmern. Schutzeinrichtungen wie der Fehlerstrom-Schutzschalter (RCD) nutzen genau diesen Zusammenhang — sie schalten innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde ab und halten die kritische Zeit-Strom-Kombination unter der Gefahrenschwelle.

Stromweg durch den Körper

Der Strom nimmt nicht den kürzesten Weg, sondern den mit dem geringsten Widerstand. Entscheidend ist, ob lebenswichtige Organe — vor allem das Herz — im Pfad liegen. Hand–Hand ist gefährlich, Hand–Fuß durch den Brustkorb ebenfalls. Stromwege, die das Herz umgehen (z.B. von einem Finger zum nächsten der gleichen Hand), sind deutlich weniger lebensbedrohlich, können aber lokal schwere Verbrennungen verursachen.

Körperwiderstand

Der Körper ist kein konstanter Widerstand. Er setzt sich aus dem inneren Widerstand der Gewebe (relativ niedrig, in der Größenordnung einiger hundert Ohm) und dem Hautwiderstand zusammen, der den größten Anteil ausmacht und stark schwankt. Trockene, intakte Haut hat einen hohen Widerstand. Feuchte oder verschwitzte Haut, eine größere Kontaktfläche, ein höherer Anpressdruck und kleine Hautverletzungen senken den Hautwiderstand deutlich. Auch die anliegende Spannung selbst beeinflusst den Widerstand: Höhere Spannungen durchschlagen die Hautschicht und reduzieren ihren Widerstand schlagartig. Für Berechnungen im Schutzkonzept wird oft mit einem mittleren Körperwiderstand in der Größenordnung von 1000 bis 1500 Ohm gerechnet.

Welche Aussage zur Gefährlichkeit ist korrekt?

  • a) Bei gleicher Stromstärke ist Gleichstrom gefährlicher als 50-Hz-Wechselstrom.
  • b) Bei gleicher Stromstärke ist 50-Hz-Wechselstrom gefährlicher als Gleichstrom.
  • c) Wechselstrom und Gleichstrom sind bei gleicher Stromstärke gleich gefährlich.
  • d) Hochfrequenz über 1 kHz ist für das Herz besonders gefährlich.

Richtig: b)

Die periodische Reizung mit Netzfrequenz trifft die empfindliche Phase des Herzzyklus mehrfach pro Sekunde und kann Herzkammerflimmern auslösen. Gleichstrom wirkt eher als einmaliger Reiz beim Ein- und Ausschalten. Hochfrequenz wird durch den Skineffekt an die Hautoberfläche verdrängt und ist für das Herz weniger gefährlich, kann aber starke Verbrennungen verursachen.

Warum wird bei einem Fehlerstrom-Schutzschalter (RCD) eine sehr kurze Abschaltzeit verlangt?

  • a) damit die Spannung am Eintrittspunkt nicht beschädigt wird
  • b) damit der Hautwiderstand erhalten bleibt
  • c) damit die Stromstärke unter der Wahrnehmungsschwelle bleibt
  • d) weil die Gefährdung von der Kombination aus Stromstärke und Einwirkdauer abhängt

Richtig: d)

Auch ein Fehlerstrom über der Flimmerschwelle bleibt unkritisch, wenn er nur wenige Millisekunden fließt. RCDs schalten typischerweise innerhalb weniger zehn Millisekunden ab und halten die Kombination aus Strom und Zeit unter der Gefahrenschwelle. Die Stromstärke selbst kann ein RCD nicht reduzieren — er trennt nur schnell.

Ein Techniker hat schwitzige Hände und greift einen Schraubendreher mit Metallklinge an einer spannungsführenden Klemme an. Wie verändert sich seine Gefährdung gegenüber dem Zustand mit trockenen Händen?

  • a) sie steigt, weil die feuchte Haut den Körperwiderstand deutlich senkt
  • b) sie bleibt gleich, da der innere Körperwiderstand dominiert
  • c) sie sinkt, weil Feuchtigkeit den Strom an der Haut hält
  • d) sie hängt nur vom Material des Schraubendrehers ab

Richtig: a)

Den Hauptanteil am Körperwiderstand liefert die Haut. Feuchtigkeit reduziert deren Widerstand sehr stark, das treibt bei gleicher Spannung den Körperstrom nach oben. Der innere Körperwiderstand ist mit einigen hundert Ohm vergleichsweise klein und konstant; er allein bestimmt das Risiko nicht. Die Annahme „Feuchtigkeit hält den Strom an der Haut“ ist eine Verwechslung mit dem Skineffekt bei Hochfrequenz und gilt für 50 Hz nicht.

3. Wirkungsschwellen bei Wechsel- und Gleichstrom

Welche Stromstärke welche Reaktion im Körper auslöst, ist statistisch gut untersucht. Die ÖVE/ÖNORM EN 60479 beschreibt die Stromwirkungsbereiche für Wechselstrom im Bereich 15 Hz bis 100 Hz und vergleichbar für Gleichstrom. Die Werte sind keine scharfen Grenzen, sondern Bereiche, in denen die meisten Menschen so reagieren, wie hier beschrieben — Streuungen nach oben und unten gibt es immer.

Stromstärke (AC, 50 Hz)Wirkung auf den Körper
unter 0,5 mAmeist keine Wahrnehmung
ungefähr 0,5 mAWahrnehmungsschwelle, leichtes Kribbeln
1 bis 10 mAdeutliches Kribbeln, beginnende Muskelreaktion
etwa 10 bis 15 mALoslassgrenze — Muskelkrampf, das spannungsführende Teil kann nicht mehr losgelassen werden
25 bis 30 mAAtemstörungen bis Atemstillstand, Blutdruckanstieg
etwa 30 bis 50 mA, längere EinwirkdauerHerzkammerflimmern möglich, Wahrscheinlichkeit steigt mit Stromstärke und Zeit
deutlich darüber, längere Einwirkdauerhohe Flimmerwahrscheinlichkeit, Herzstillstand, schwere Verbrennungen, häufig tödlich

Die Werte gelten für einen typischen Stromweg von der Hand zu den Füßen und für eine Einwirkdauer im Sekundenbereich. Kürzere Einwirkdauern verschieben die Schwellen nach oben — bei wenigen Millisekunden vertragen die meisten Menschen auch deutlich höhere Ströme ohne Kammerflimmern.

Wahrnehmungsschwelle

Unter dieser Grenze spürt man den Stromfluss nicht. Genau darum sind Berührungen mit kleinen Strömen so heimtückisch — eine defekte Maschine kann einen Fehlerstrom abgeben, der unbemerkt durch jeden fließt, der sie berührt, und der ohne ausgelösten Schutzschalter über Stunden bestehen bleibt.

Loslassgrenze

Liegt der Körperstrom darüber, krampft die Hand, die das spannungsführende Teil hält, fester zu, statt es loszulassen — die Beugemuskeln sind stärker als die Strecker. Das ist der gefährliche Übergang: Bis zur Loslassgrenze kann sich eine Person noch selbst aus dem Stromkreis befreien, darüber nicht mehr. Die Einwirkdauer wird damit schlagartig länger, und der nächste Effekt (Atemstillstand, Kammerflimmern) bekommt Zeit zu wirken.

Atemstillstand

Krampft auch die Atemmuskulatur, hört die Atmung auf. Wird der Stromkreis rechtzeitig unterbrochen, setzt sie meist von selbst wieder ein. Geschieht das nicht, kommt es zur Erstickung.

Herzkammerflimmern

Die zentrale Lebensgefahr. Das Herz pumpt nicht mehr koordiniert, sondern zuckt unrhythmisch — der Kreislauf bricht zusammen. Nur eine Defibrillation kann den geordneten Rhythmus zurückbringen.

Vergleich mit Gleichstrom

Die genannten Schwellen liegen bei Gleichstrom deutlich höher. Wahrnehmung tritt etwa erst bei einigen Milliampere ein, Loslassen ist bei Gleichstrom weniger ausgeprägt — der Strom wird eher als anhaltendes Wärmegefühl oder schmerzhafte Verkrampfung erlebt. Herzkammerflimmern durch Gleichstrom benötigt mehrfach höhere Stromstärken als bei 50 Hz und tritt vorwiegend im Moment des Ein- oder Ausschaltens auf. Das macht Gleichstrom nicht harmlos, aber im akuten Stromunfall ein anderes Schadensbild — elektrolytische und thermische Verletzungen treten in den Vordergrund.

Ab welcher ungefähren Stromstärke spricht man bei 50 Hz von der Loslassgrenze?

  • a) ab 0,5 mA
  • b) ab 5 mA
  • c) ab etwa 10 bis 15 mA
  • d) ab 50 mA

Richtig: c)

Unter etwa 10 mA kann der Mensch das spannungsführende Teil noch loslassen. Im Bereich 10 bis 15 mA überwiegt die Verkrampfung der Beugemuskeln, der willentliche Befehl zum Öffnen der Hand reicht nicht mehr. 0,5 mA ist die Wahrnehmungsschwelle, 50 mA bereits der Bereich Atemstillstand/Kammerflimmern.

Warum ist die Loslassgrenze didaktisch so wichtig, obwohl die Stromstärke noch nicht direkt tödlich ist?

  • a) weil sie die Wahrnehmungsschwelle definiert
  • b) weil der Verunfallte nicht mehr loslassen kann und die Einwirkdauer dadurch deutlich steigt
  • c) weil sie die maximal zulässige Berührungsspannung definiert
  • d) weil ab dieser Grenze sofort Herzkammerflimmern auftritt

Richtig: b)

Genau über die Einwirkdauer hängen die nächsten gefährlichen Effekte zusammen. Wer nicht mehr loslassen kann, bleibt im Stromkreis, der Strom fließt weiter, Atemstillstand und Kammerflimmern bekommen Zeit. Die Wahrnehmungsschwelle liegt deutlich darunter, die zulässige Berührungsspannung ist ein normativer Wert, kein körperlicher Schwellwert. Kammerflimmern tritt erst bei höheren Strömen auf.

Ein DC-Fehlerstrom von 30 mA fließt über mehrere Sekunden durch den Körper. Wie ist das im Vergleich zu einem 30-mA-AC-Strom mit 50 Hz einzuordnen?

  • a) das Risiko für Herzkammerflimmern ist bei Gleichstrom in diesem Bereich geringer
  • b) Gleichstrom dieser Stärke ist immer harmlos
  • c) das Risiko ist identisch zum 50-Hz-Wechselstrom
  • d) Gleichstrom dieser Stärke verursacht zwangsläufig sofortigen Herzstillstand

Richtig: a)

Gleichstrom benötigt deutlich höhere Stromstärken als Wechselstrom mit Netzfrequenz, um Herzkammerflimmern auszulösen — meist Faktor drei bis vier. Bei 30 mA DC ist das Flimmerrisiko deshalb geringer als bei 30 mA AC mit 50 Hz. Harmlos ist Gleichstrom in dieser Stärke trotzdem nicht: Schmerzhafte Muskelverkrampfung und Verbrennungen sind möglich. Antworten c und d sind falsch.

4. Berührungsspannung, Schrittspannung und zulässige Grenzwerte

Die Schwellenwerte aus dem letzten Kapitel sind Stromstärken — der Strom ist aber das, was am Ende einer Kette steht. Was an einer Anlage greifbar ist, ist die Spannung. Aus der Sicht der Schutztechnik geht es darum, die Spannung, die im Fehlerfall an einem berührbaren Teil anliegen kann, so klein zu halten, dass der dazugehörige Körperstrom unkritisch bleibt.

Berührungsspannung

Das ist die Spannung, die zwischen zwei gleichzeitig berührbaren Punkten am Körper anliegt, wenn ein Mensch den fehlerhaften Stromkreis schließt. Üblich ist die Betrachtung zwischen Hand und Fuß. Wie diese Berührungsspannung entsteht — bei direktem Berühren eines Außenleiters oder bei indirektem Berühren über ein im Fehlerfall spannungsführendes Gehäuse — wird im Detail in den Beiträgen Schutz gegen direktes Berühren und Schutz bei indirektem Berühren – Überblick behandelt. Für die Wirkung auf den Menschen zählt nur, was tatsächlich am Körper anliegt.

Schrittspannung

Wenn ein Außenleiter Erdkontakt bekommt — eine umgestürzte Freileitung, ein liegen gebliebenes Kabel auf der Wiese, ein Erdschluss in einem Mast — verteilt sich das Potenzial trichterförmig in der Umgebung des Fehlerorts. In der Nähe der Berührstelle ist das Potenzial hoch, mit jedem Meter Entfernung nimmt es ab. Wer in diesem Spannungstrichter steht oder geht, hat zwischen seinen beiden Füßen eine Spannungsdifferenz — die Schrittspannung. Sie treibt einen Strom durch beide Beine durch den Unterleib. Je größer die Schrittweite und je näher man am Fehlerort steht, desto größer die Schrittspannung. Daraus folgt eine wichtige Verhaltensregel: Wenn man unbeabsichtigt in einen Spannungstrichter geraten ist, nicht weg­rennen, sondern mit kleinen Schritten oder geschlossenen Füßen langsam hinausarbeiten.

Zulässige Berührungsspannung UL

Die ÖVE/ÖNORM E 8101 legt fest, welche Berührungsspannung in welcher Umgebung dauerhaft anliegen darf, ohne dass abgeschaltet werden muss:

UmgebungWechselspannungGleichspannung
übliche, trockene Bereiche50 V120 V
feuchte, beengte oder erhöht gefährdete Bereiche25 V60 V

Diese Werte sind der Bezugspunkt für viele Schutzmaßnahmen — etwa für die Auslegung von Schutzleiter, Potentialausgleich und Abschaltbedingungen. Was nicht heißt, dass eine Berührungsspannung knapp darunter automatisch harmlos ist; es heißt, dass sie dauerhaft anliegen darf, ohne dass das Schutzkonzept eingreift.

Ohmsches Gesetz angewandt auf den Körperstrom

Hängt am Körper eine Berührungsspannung UB an und hat der Körper den Widerstand Rk, ergibt sich der Körperstrom direkt aus dem Ohmschen Gesetz:

I_k = U_B / R_k

  • I_k … Körperstrom in Ampere
  • U_B … Berührungsspannung in Volt
  • R_k … Körperwiderstand in Ohm

Setzt man typische Werte ein — 230 V Netzspannung, ein Körperwiderstand von 1500 Ω — kommt man auf rund 153 mA. Das liegt weit über der Flimmerschwelle und ist ohne schnelle Abschaltung lebensgefährlich.

Gelöstes Beispiel

Eine Person berührt mit der Hand einen Außenleiter mit 230 V und steht mit feuchten Schuhen auf einem leitfähigen Boden. Der wirksame Körperwiderstand inklusive Übergangs­widerständen wird mit 1200 Ω angenommen. Wie groß ist der Körperstrom, und welcher Wirkungsbereich wird damit erreicht?

Gegeben: UB = 230 V, Rk = 1200 Ω

Gesucht: Ik in mA

Lösungsweg:

  1. Schritt 1 — Körperstrom mit dem Ohmschen Gesetz: Ik = UB / Rk = 230 V / 1200 Ω = 0,1917 A
  2. Schritt 2 — Umrechnung in Milliampere: Ik = 191,7 mA

Ergebnis: rund 192 mA. Das liegt deutlich über dem Bereich, in dem Herzkammerflimmern wahrscheinlich wird. Ohne schnelle Abschaltung ist Herzkammerflimmern sehr wahrscheinlich.

Übungen

Wie groß ist der Körperstrom bei einer Berührungsspannung von 50 V und einem Körperwiderstand von 1000 Ω?

Ik = 50 / 1000 = 0,05 A = 50 mA. Der Wert zeigt das Worst-Case-Szenario mit einem ungewöhnlich niedrigen Körperwiderstand. Bei einem realistisch höheren mittleren Körperwiderstand bleibt der Strom bei 50 V deutlich unter dem Bereich, in dem Herzkammerflimmern auftritt — darauf basiert der dauerhaft zulässige Grenzwert UL = 50 V AC in trockenen Bereichen.

Eine Person hat unter ungünstigen Bedingungen einen Körperwiderstand von nur 800 Ω. Welche Berührungsspannung erzeugt einen Körperstrom von 30 mA?

UB = Ik · Rk = 0,030 A · 800 Ω = 24 V. Schon eine Spannung unter dem Grenzwert UL = 25 V kann unter diesen Bedingungen den Bereich Atemstillstand erreichen — deshalb der niedrigere Grenzwert in feuchten Bereichen.

Berechne den Körperstrom bei einer Berührungsspannung von 25 V und einem Körperwiderstand von 1500 Ω.

Ik = 25 / 1500 = 0,01667 A = 16,7 mA. Liegt knapp über der Loslassgrenze, aber deutlich unter der Flimmerschwelle.

Welche Berührungsspannung führt bei einem Körperwiderstand von 2000 Ω zu einem Körperstrom von 50 mA?

UB = 0,050 A · 2000 Ω = 100 V. Das ist der Grund, warum 100 V auch in trockenen Umgebungen nicht als Berührungsspannung dauerhaft zugelassen sind.

Eine Schrittspannung beträgt 80 V, der Widerstand des Strompfads durch die Beine wird mit 1000 Ω angesetzt. Berechne den durchfließenden Strom und ordne ihn ein. Was ändert sich, wenn die Person die Schrittweite halbiert und damit die wirksame Schrittspannung auf 40 V sinkt?

I = 80 / 1000 = 0,08 A = 80 mA — deutlich im Bereich, in dem Herzkammerflimmern wahrscheinlich wird. Bei halbierter Schrittspannung: I = 40 / 1000 = 0,04 A = 40 mA — immer noch im gefährlichen Bereich, in dem Flimmern möglich ist, aber mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit. Praktisch zeigt das, warum kleine Schritte aus dem Spannungstrichter helfen.

Welche zulässige Berührungsspannung UL gilt nach ÖVE/ÖNORM E 8101 für Wechselspannung in üblichen, trockenen Bereichen?

  • a) 25 V
  • b) 42 V
  • c) 60 V
  • d) 50 V

Richtig: d)

In üblichen Umgebungen ist die zulässige Berührungsspannung mit 50 V AC bzw. 120 V DC festgelegt. Die 25 V gelten für feuchte oder erhöht gefährdete Bereiche, 42 V ist ein veralteter Wert ohne aktuelle Norm­grundlage, 60 V ist der Gleichspannungswert für feuchte Bereiche.

In einer Werkstatt liegt nach einem Isolationsfehler an einem Gehäuse eine Spannung von 100 V gegen Erde an. Eine Person berührt das Gehäuse mit der Hand, der Körperwiderstand wird mit 1000 Ω angesetzt. Wie groß ist der Körperstrom, und in welchem Wirkungsbereich liegt er?

  • a) 10 mA, Wahrnehmungsschwelle
  • b) 100 mA, Bereich Herzkammerflimmern
  • c) 1 mA, deutlich unter der Wahrnehmungsgrenze
  • d) 1 A, sofortiger Herzstillstand ohne Auslösbarkeit der Schutzeinrichtung

Richtig: b)

I = 100 V / 1000 Ω = 0,1 A = 100 mA. Das liegt deutlich über der Flimmerschwelle. Antwort d übertreibt: 1 A wäre rechnerisch nur erreicht, wenn der Körperwiderstand auf 100 Ω sinkt — in der Praxis selten. Antwort a und c verwechseln die Größenordnungen.

Warum soll man sich nicht laufend aus einem Spannungstrichter entfernen?

  • a) weil man im Trichter nicht stehen bleiben sollte und Laufen die Erdung verbessert
  • b) weil das Tragen von Gummischuhen die Spannung erhöht
  • c) weil die Schrittweite die Schrittspannung bestimmt — kleine Schritte ergeben kleine Spannungsdifferenz zwischen den Füßen
  • d) weil die Schrittspannung nur beim Stehen wirkt

Richtig: c)

Im Spannungstrichter fällt das Potenzial mit der Entfernung zur Fehlerstelle ab. Die Schrittspannung ist die Differenz zwischen den Potenzialen unter den beiden Füßen — je größer der Abstand der Füße, desto größer diese Differenz. Beim Laufen mit normaler Schrittweite werden also gefährliche Spannungsdifferenzen aufgebaut. Antworten a und b sind sachlich falsch, Antwort d auch — die Schrittspannung wirkt immer, wenn die Füße auf unterschiedlichem Potenzial stehen.

5. Erste Hilfe und die 5 Sicherheitsregeln

Wer mit elektrischen Anlagen arbeitet, soll Stromunfälle erstens vermeiden und zweitens richtig reagieren, wenn sie doch passieren. Beides ist Teil der Sicherheitsarbeit, beides muss sitzen.

Die 5 Sicherheitsregeln

Vor jeder Arbeit an einer Anlage, die unter Spannung stehen könnte, werden in dieser festen Reihenfolge fünf Schritte abgearbeitet:

  1. Freischalten. Allpolig vom Netz trennen, an allen Einspeisungen.
  2. Gegen Wiedereinschalten sichern. Schalter abschließen, Warnschild anbringen, Sicherungseinsätze mitnehmen.
  3. Spannungsfreiheit feststellen. Mit einem zugelassenen, vorher und nachher an einer bekannten Spannungsquelle geprüften Spannungsprüfer an allen Leitern.
  4. Erden und kurzschließen. Bei Hochspannungsanlagen verbindlich, bei Niederspannung dort, wo Rückspeisung möglich ist.
  5. Benachbarte unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken. Schutz vor versehentlichem Berühren benachbarter, weiterhin spannungsführender Anlagenteile.

Die Reihenfolge ist kein Vorschlag, sondern verbindlich. Wer die Spannungsfreiheit feststellt, bevor er gegen Wiedereinschalten gesichert hat, kann während der Messung wieder eingeschaltet werden. Wer den Spannungsprüfer nicht vorher an einer bekannten Quelle prüft, glaubt im Zweifel einem defekten Gerät.

Verhalten bei einem Stromunfall

Wenn trotzdem etwas passiert, gilt eine klare Reihenfolge:

  • Eigenschutz zuerst. Niemals den Verunfallten anfassen, solange er noch im Stromkreis hängt — sonst gibt es einen zweiten Verunfallten. Erst Strom abschalten: Sicherung herausdrehen, FI auslösen, Stecker ziehen, Hauptschalter weg. Wenn das nicht geht: Person mit einem trockenen, nichtleitenden Gegenstand (Holzstiel, Kunststoff­schaufel) aus dem Stromkreis bewegen.
  • Notruf 144. In Österreich die Rettung. Bei größeren Anlagen zusätzlich die Feuerwehr (122) für die Anlagensicherung.
  • Erste Hilfe nach den allgemeinen Regeln. Bewusstsein und Atmung prüfen. Bei Bewusstlosigkeit mit normaler Atmung: stabile Seitenlage und Überwachung. Bei fehlender oder unnormaler Atmung: Herzdruckmassage starten, möglichst mit Atemspende, bis Hilfe eintrifft oder ein Defibrillator (AED) verfügbar ist.
  • Strommarken nicht eigenständig versorgen. Sie werden ärztlich behandelt, weil sie tiefer reichen können, als äußerlich sichtbar ist.
  • Ärztliche Kontrolle auch bei scheinbar unverletzter Person. Herzrhythmusstörungen können verzögert auftreten, manchmal Stunden nach dem Unfall. Wer in einem Stromunfall hängengeblieben war, gehört zur Beobachtung ins Krankenhaus, auch wenn er anschließend „eh wieder geht“. Das ist kein übertriebener Schutz, sondern Standard.

Welche Reihenfolge der 5 Sicherheitsregeln ist korrekt?

  • a) Freischalten — gegen Wiedereinschalten sichern — Spannungsfreiheit feststellen — Erden und kurzschließen — benachbarte Teile abdecken oder abschranken
  • b) Spannungsfreiheit feststellen — Freischalten — Erden — Sichern — Abdecken
  • c) Freischalten — Spannungsfreiheit feststellen — Sichern — Erden — Abdecken
  • d) Erden — Freischalten — Sichern — Spannungsfreiheit feststellen — Abdecken

Richtig: a)

Die Reihenfolge ist verbindlich, weil jede Regel die nächste erst sinnvoll macht. Erst freischalten, dann gegen versehentliches Wiedereinschalten sichern, dann erst messen — sonst kann zwischen Messung und Arbeitsbeginn wieder eingeschaltet werden. Erden und Kurzschließen folgt der Messung, weil sonst die Spannungsprüfung schon gegen das Kurzschließgerät gemessen würde. Die anderen Varianten kehren diese Logik um.

Eine Person liegt nach einem Stromunfall noch am Außenleiter und ist ansprechbar, aber kann sich nicht selbst befreien. Was ist der erste Schritt?

  • a) sofort hingehen und die Person wegziehen
  • b) Atemspende beginnen
  • c) Strom abschalten oder Stecker ziehen, bevor man die Person berührt
  • d) Notruf wählen und auf die Rettung warten, ohne die Person zu erreichen

Richtig: c)

Eigenschutz hat Vorrang. Wer den Verunfallten ohne Stromabschaltung berührt, gerät selbst in den Stromkreis. Erst Strom weg, dann ist die Person sicher anfassbar. Atemspende kommt nach Befreiung und Atmungs­kontrolle. Auf die Rettung zu warten, ohne den Stromkreis zu unterbrechen, würde den Verunfallten in der Gefährdung lassen.

Eine Person hat einen Stromunfall überstanden und sagt, sie fühle sich „eigentlich ganz gut“ und wolle die Arbeit fortsetzen. Wie ist zu reagieren?

  • a) Arbeitsfortsetzung zulassen, wenn die Person bei Bewusstsein ist
  • b) eine Stunde Pause anordnen und dann weiterarbeiten lassen
  • c) Person nur ärztlich vorstellen, wenn sichtbare Verletzungen vorhanden sind
  • d) ärztliche Untersuchung veranlassen, auch ohne sichtbare Verletzung

Richtig: d)

Nach einem nennenswerten Stromunfall sind Herzrhythmusstörungen mit Verzögerung möglich. Eine ärztliche Kontrolle ist deshalb auch bei subjektivem Wohlbefinden Pflicht. Eine Wartezeit oder das Abstellen auf sichtbare Verletzungen ist nicht ausreichend. Arbeits­fortsetzung im selben Zustand ist nicht zulässig.

Abschlusstest

Aufgabe 1: Eine Person berührt einen Außenleiter mit 400 V (Außenleiter–Außenleiter im Drehstromnetz) bei einem wirksamen Körperwiderstand von 1300 Ω. Berechne den Körperstrom und ordne ihn dem Wirkungsbereich zu.

Gegeben: UB = 400 V, Rk = 1300 Ω

Gesucht: Ik in mA

Lösungsweg:

  1. Ik = UB / Rk = 400 / 1300 = 0,3077 A

Ergebnis: rund 308 mA. Das liegt weit über der Flimmerschwelle, bereits im Bereich schwerer Verletzungen mit Verbrennungen. Lebensgefahr ist akut.

Aufgabe 2: Eine Person befindet sich in einem feuchten Kellerraum (Grenzwert UL = 25 V AC). Welche maximale Berührungsspannung darf an einem Gehäuse dauerhaft anliegen, und welcher Körperstrom fließt bei einem Körperwiderstand von 1000 Ω?

Gegeben: UL = 25 V, Rk = 1000 Ω

Gesucht: Ik in mA

Lösungsweg:

  1. Ik = 25 / 1000 = 0,025 A = 25 mA

Ergebnis: Bei der zulässigen Grenze UL fließen 25 mA. Das liegt knapp unter dem Bereich Atemstillstand, aber über der Loslassgrenze. Der niedrigere Grenzwert für feuchte Bereiche ist also fachlich begründet, weil dort niedrigere Körperwiderstände realistisch sind.

Eine Schutzeinrichtung greift bei einem Fehlerstrom von 30 mA innerhalb von 50 ms. Welche Aussage zur Gefährdung passt?

  • a) der Strom liegt sicher unterhalb der Wahrnehmungsschwelle
  • b) die kurze Einwirkdauer hält die Kombination Strom × Zeit unter der typischen Flimmerschwelle
  • c) eine Abschaltung bei dieser Stromstärke ist normativ nicht erforderlich
  • d) ohne Abschaltung wäre der Strom für jede Person harmlos

Richtig: b)

30 mA über lange Zeit wäre kritisch (Atemstillstand, in Richtung Flimmerschwelle). Bei 50 ms ist die Einwirkdauer aber so kurz, dass die kritische Zeit-Strom-Kombination nicht erreicht wird. Die Wahrnehmungsschwelle liegt deutlich tiefer. Eine Abschaltung in diesem Bereich ist normativ vorgeschrieben, gerade weil 30 mA ohne Abschaltung lebensgefährlich werden.

Welcher Stromweg ist im Vergleich am gefährlichsten?

  • a) Hand–Hand quer durch den Brustkorb
  • b) rechter Daumen zu rechtem Zeigefinger
  • c) linke Fußsohle zu linker Wade
  • d) linker Ellbogen zu linker Schulter

Richtig: a)

Hand–Hand quer durch den Brustkorb führt direkt durch das Herzgebiet — das höchste Risiko für Herzkammerflimmern. Lokale Wege innerhalb einer Hand oder eines Beins können schwere Verbrennungen verursachen, gehen aber nicht durchs Herz.

Welche Aussage über den Körperwiderstand ist richtig?

  • a) er ist eine feste Materialkonstante von ungefähr 100 kΩ
  • b) er ist immer höher als der innere Gewebewiderstand
  • c) er hängt stark von Hautfeuchte, Kontaktfläche und anliegender Spannung ab
  • d) er ist bei jeder Person identisch

Richtig: c)

Der Körperwiderstand ist die Summe aus innerem Gewebe­widerstand und Hautwiderstand. Den größten und variabelsten Anteil hat die Haut: Feuchtigkeit, Kontaktfläche und die Spannung selbst verändern den Widerstand stark. „Feste Materialkonstante“ und „bei jeder Person identisch“ sind sachlich falsch. Antwort b ist eine Verwechslung: Der Gesamtwiderstand ist die Summe, nicht „immer höher“ als der innere Teil.

Bei welchem Wechselstromwert beginnt typischerweise das Risiko für Herzkammerflimmern bei längerer Einwirkdauer?

  • a) ab 0,5 mA
  • b) ab 10 mA
  • c) ab 25 mA
  • d) ab etwa 50 mA

Richtig: d)

0,5 mA ist die Wahrnehmungsschwelle, 10 mA die Loslassgrenze, 25 bis 30 mA beginnender Atemstillstand. Im Bereich von etwa 30 bis 50 mA wird Herzkammerflimmern bei längerer Einwirkdauer möglich, mit zunehmender Stromstärke steigt das Risiko deutlich an — 50 mA ist der praxisübliche Schwellwert dafür.

Welche Berührungsspannung ist nach ÖVE/ÖNORM E 8101 in einem feuchten Bereich als Wechselspannung dauerhaft zulässig?

  • a) 25 V
  • b) 50 V
  • c) 60 V
  • d) 120 V

Richtig: a)

In feuchten oder beengten Bereichen sinkt der Körperwiderstand. Deshalb wird der zulässige Grenzwert UL für Wechselspannung von 50 V auf 25 V abgesenkt. 60 V und 120 V sind die Gleichspannungswerte (feucht bzw. üblich).

Warum ist die Spannungsfreiheit nach dem Freischalten und Sichern mit einem Spannungsprüfer aktiv festzustellen?

  • a) weil die Norm das aus formalen Gründen vorschreibt, ohne sachlichen Grund
  • b) weil ein Schalter, ein Plan oder ein Schaltbefehl irren oder zerstört sein können — gemessen wird, was tatsächlich an der Stelle anliegt
  • c) weil dadurch Lichtbögen unterdrückt werden
  • d) weil sonst der Schutzleiter unter Spannung bleibt

Richtig: b)

Die Spannungsfreiheit muss an der konkreten Arbeitsstelle gemessen werden, weil Schaltpläne nicht aktuell sein können, ein Schalter mechanisch hängen bleiben kann oder eine Rückspeisung übersehen wurde. Nur die direkte Messung gibt Sicherheit. Antwort a verkennt den Sicherheits­hintergrund, c und d sind sachlich falsch.

Eine Person berührt mit feuchten Händen einen schadhaften Bohrhammer und kann nicht mehr loslassen. Was ist der erste Schritt einer zweiten Person, die zur Hilfe kommt?

  • a) den Verunfallten direkt mit beiden Händen wegziehen
  • b) ärztlichen Notruf wählen und sonst warten
  • c) Atemspende beginnen
  • d) Stromzufuhr unterbrechen — Stecker ziehen, FI auslösen oder Sicherung entfernen

Richtig: d)

Eigenschutz vor Fremdhilfe. Wer in den Stromkreis hineingreift, gerät selbst in Gefahr. Erst Strom weg, dann sind alle weiteren Schritte sicher möglich. Atemspende ist erst sinnvoll, wenn die Person aus dem Stromkreis befreit und die Atmung kontrolliert wurde.

Eine Person tritt versehentlich in einen Spannungstrichter unter einer umgestürzten Freileitung. Welches Verhalten ist korrekt?

  • a) so schnell wie möglich mit großen Schritten weglaufen
  • b) liegenbleiben und auf Hilfe warten
  • c) mit kleinen, geschlossenen Schritten langsam aus dem Trichter herausarbeiten
  • d) hüpfen mit geöffneten Beinen

Richtig: c)

Die Schrittspannung steigt mit der Schrittweite. Kleine, geschlossene Schritte ergeben eine kleine Spannungsdifferenz zwischen den Füßen. Großes Laufen oder Hüpfen mit gespreizten Beinen baut hohe Schrittspannungen auf. Liegenbleiben löst das Problem nicht — und bei Berührung mit dem Oberkörper am Boden würde die Spannung über eine noch größere Fläche wirken.

Warum ist Gleichstrom bei gleicher Stromstärke und Einwirkdauer typischerweise weniger flimmer­auslösend als 50-Hz-Wechselstrom?

  • a) weil Gleichstrom nicht durch den Körper fließen kann
  • b) weil Wechselstrom die empfindliche Phase des Herzzyklus mehrfach pro Sekunde trifft
  • c) weil Gleichstrom überwiegend an der Haut bleibt
  • d) weil Gleichstrom keinen messbaren Körperstrom erzeugt

Richtig: b)

Die Herzmuskulatur hat eine empfindliche Phase im Reizleitungszyklus. Wechselstrom mit Netzfrequenz trifft sie pro Sekunde mehrmals — die Wahrscheinlichkeit, Kammerflimmern auszulösen, ist hoch. Gleichstrom liefert keinen periodischen Reiz, sondern wirkt vor allem im Einschalt- und Ausschaltmoment. Antworten a, c und d sind sachlich falsch.

Eine 60-V-Gleichspannungsquelle in einer trockenen Werkstatt. Welche Aussage trifft zu?

  • a) liegt unter dem Grenzwert UL = 120 V DC für übliche Bereiche und ist als Berührungsspannung dauerhaft zulässig
  • b) liegt über dem Grenzwert UL und muss sofort abgeschaltet werden
  • c) verursacht zwangsläufig Herzkammerflimmern, weil Gleichstrom unkalkulierbar ist
  • d) muss in jeder Umgebung wie eine 230-V-Wechselspannung behandelt werden

Richtig: a)

Der Grenzwert UL für Gleichspannung in üblichen, trockenen Bereichen liegt bei 120 V. 60 V liegen darunter und sind als dauerhafte Berührungsspannung zulässig. Das heißt nicht „völlig harmlos“, aber im Schutzkonzept akzeptabel. Antworten c und d sind fachlich falsch, b vertauscht den Grenzwert.

Glossar

Berührungsspannung
Spannung, die zwischen zwei gleichzeitig berührbaren Punkten am menschlichen Körper im Fehlerfall anliegt, meist betrachtet zwischen Hand und Fuß.
Schrittspannung
Spannungsdifferenz zwischen den beiden Füßen einer Person, wenn diese in einem Spannungstrichter um eine Erdschlussstelle steht.
Spannungstrichter
räumliche Potenzialverteilung um einen Punkt, an dem ein Außenleiter Erdkontakt hat; das Potenzial sinkt mit der Entfernung trichterförmig ab.
Körperwiderstand Rk
Gesamtwiderstand des Körpers gegen Stromfluss, bestehend aus dem inneren Gewebewiderstand und dem dominierenden, stark variablen Hautwiderstand.
Strommarke
lokale, oft punktförmig kreisrunde Verbrennung an Ein- und Austrittsstelle des Stroms; verrät dem Arzt den Stromweg im Körper.
Wahrnehmungsschwelle
Stromstärke, ab der ein Stromfluss durch den Körper als Kribbeln spürbar wird (bei 50 Hz rund 0,5 mA).
Loslassgrenze
Stromstärke, ab der ein Mensch ein spannungsführendes Teil nicht mehr willentlich loslassen kann (bei 50 Hz etwa 10 bis 15 mA).
Herzkammerflimmern
unkoordiniertes Zucken der Herzkammern infolge eines elektrischen Reizes; der Blutkreislauf bricht zusammen, ohne Defibrillation lebensbedrohlich.
Zulässige Berührungsspannung UL
der nach ÖVE/ÖNORM E 8101 maximal zulässige Wert der Berührungsspannung, der dauerhaft anliegen darf: AC 50 V bzw. DC 120 V in üblichen Bereichen, AC 25 V bzw. DC 60 V in feuchten oder beengten Bereichen.
5 Sicherheitsregeln
verbindliche Reihenfolge vor Arbeiten an elektrischen Anlagen: Freischalten, gegen Wiedereinschalten sichern, Spannungsfreiheit feststellen, Erden und kurzschließen, benachbarte unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken.
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