Sprungantwort und Einstellverfahren (Ziegler-Nichols)
Einen Regler einzustellen heißt nicht, an drei Knöpfen so lange zu drehen, bis es zufällig passt. Wer das Verhalten der Anlage kennt, findet brauchbare Reglerwerte in Minuten statt in Stunden. Der Schlüssel dazu ist die Sprungantwort – die Reaktion der Strecke auf eine plötzliche Verstellung. Aus ihr lassen sich mit den Verfahren von Ziegler und Nichols direkt Startwerte für einen Regler ableiten.
Dieser Beitrag zeigt, wie man die Sprungantwort aufnimmt, welche Kennwerte man daraus abliest und wie aus diesen Werten konkrete Reglereinstellungen werden.
Vorwissen
- PID-Regler
- Aufbau eines Regelkreises
- Regelkreis-Begriffe: Sollwert, Istwert, Stellgröße, Regelgröße, Störgröße
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- erklären, warum man das Verhalten der Regelstrecke kennen muss, bevor man einen Regler einstellt
- eine Sprungantwort aufnehmen und den Streckentyp (mit/ohne Ausgleich, mit Totzeit) bestimmen
- Verzugszeit, Ausgleichszeit und Streckenverstärkung mit der Wendetangente aus der Sprungantwort ablesen
- mit dem Sprungantwort-Verfahren von Ziegler-Nichols Reglerparameter für P-, PI- und PID-Regler berechnen
- das Schwingungsverfahren anwenden und seine Risiken in der Praxis einschätzen
1. Warum man die Strecke kennen muss, bevor man regelt
Im Regelkreis vergleicht der Regler den Istwert mit dem Sollwert und stellt über die Stellgröße nach. Wie kräftig und wie schnell er nachstellen darf, hängt davon ab, wie die Regelstrecke – also die Anlage zwischen Stelleingang und Messstelle – auf eine Verstellung reagiert. Ein träger Heizofen verlangt eine andere Einstellung als ein flinker Druckregelkreis.
Welche Reglertypen es gibt (P, I, PI, PID) und wie ein Regelkreis grundsätzlich aufgebaut ist, ist jeweils ein Thema für sich. Hier genügt der Gedanke: Ein PID-Regler hat drei Stellschrauben – Verstärkung, Nachstellzeit und Vorhaltzeit. Werte für diese drei Größen bekommt man nicht durch Raten, sondern indem man die Strecke einmal sauber „befragt“.
Diese Befragung ist ein Stellsprung: Man verstellt die Stellgröße sprunghaft um einen festen Betrag und zeichnet auf, wie der Istwert darauf antwortet. Genau diese Antwort ist die Sprungantwort, und sie ist die Grundlage für alles Weitere.
Warum lässt sich für unterschiedliche Anlagen nicht dieselbe feste Reglereinstellung verwenden?
- a) Weil das Regelverhalten vom dynamischen Verhalten der Strecke abhängt
- b) Weil jede Anlage andere Sollwerte hat
- c) Weil verschiedene Regler unterschiedliche Knöpfe haben
- d) Weil der Istwert je nach Anlage anders gemessen wird
Richtig: a)
Entscheidend ist, wie träge oder flink die Strecke auf eine Stellgrößenänderung reagiert. a ist richtig. Sollwerte (b) sind eine Vorgabe und sagen nichts über die Dynamik. Die Bauform des Reglers (c) ändert nicht das Streckenverhalten. Die Messart (d) betrifft die Sensorik, nicht die Einstellregel.
Was versteht man unter einem Stellsprung bei der Aufnahme der Sprungantwort?
- a) Eine sprunghafte Änderung des Sollwerts
- b) Eine sprunghafte Änderung der Störgröße
- c) Eine sprunghafte Änderung der Stellgröße bei offenem Regelkreis
- d) Ein kurzes Ein- und Ausschalten des Reglers
Richtig: c)
Beim Sprungantwort-Verfahren wird die Stellgröße direkt verstellt, der Regler ist dabei nicht active. c ist richtig. Eine Sollwertänderung (a) prüft das Führungsverhalten des geschlossenen Kreises. Eine Störgröße (b) wirkt unkontrolliert. Ein Ein-Aus-Tippen (d) liefert keine auswertbare Sprungantwort.
2. Die Sprungantwort – das Verhalten der Strecke messbar machen
Man trennt den Regler ab und gibt von Hand einen festen Stellgrößensprung auf die Strecke, zum Beispiel das Stellventil von 40 % auf 60 % öffnen. Dann beobachtet man den Istwert über die Zeit. Diese aufgezeichnete Kurve ist die Sprungantwort.
Strecken verhalten sich dabei sehr unterschiedlich. Zwei Grundtypen sollte man auseinanderhalten:
Eine Strecke mit Ausgleich strebt nach dem Sprung einem neuen, festen Wert zu und bleibt dort. Beispiel: Eine Heizung – mehr Leistung führt zu einer höheren, aber konstanten Endtemperatur. Den Endwert nennt man Beharrungswert.
Eine Strecke ohne Ausgleich läuft nach dem Sprung immer weiter, ohne sich auf einen Wert einzupendeln. Beispiel: Ein Behälter, dessen Zulaufventil man weiter öffnet – der Füllstand steigt unaufhörlich, bis der Behälter voll ist.
Dazu kommen zwei Eigenschaften, die fast jede reale Strecke mitbringt:
Eine Totzeit ist die Zeitspanne, in der nach dem Sprung zunächst gar nichts passiert. Das Stellsignal braucht eine Weile, bis es überhaupt am Messpunkt ankommt – etwa bei einem Förderband oder einer langen Rohrleitung.
Eine Verzögerung sorgt dafür, dass der Istwert nicht abrupt springt, sondern allmählich ansteigt. Je mehr Energiespeicher eine Strecke enthält (Masse, Wärmekapazität, Volumen), desto höher die Ordnung der Verzögerung und desto runder die S-Form der Kurve.
Die typische Antwort einer Strecke mit Ausgleich und Verzögerung höherer Ordnung sieht so aus:
Nach dem Sprung bleibt der Istwert zunächst flach (Totzeit), steigt dann immer steiler an, durchläuft einen Wendepunkt und nähert sich schließlich dem Beharrungswert. Diese charakteristische S-Form ist der Normalfall bei Temperatur-, Druck- und Füllstandsstrecken – und genau aus ihr holt man im nächsten Kapitel die Kennwerte.
Eine Strecke nähert sich nach dem Stellsprung einem festen Endwert und bleibt dort. Um welchen Streckentyp handelt es sich?
- a) Strecke ohne Ausgleich
- b) Reine Totzeitstrecke
- c) Strecke mit Ausgleich
- d) Instabile Strecke
Richtig: c)
Das Einpendeln auf einen Beharrungswert kennzeichnet die Strecke mit Ausgleich. c ist richtig. Eine Strecke ohne Ausgleich (a) läuft unbegrenzt weiter. Eine reine Totzeitstrecke (b) gibt das Eingangssignal nur zeitversetzt unverändert wieder. Instabil (d) wäre sie, wenn sie aufschwingt.
Was beschreibt die Totzeit einer Regelstrecke?
- a) Die Zeit, bis der Beharrungswert erreicht ist
- b) Die Zeit, in der der Istwert am steilsten steigt
- c) Die Zeit zwischen zwei Stellsprüngen
- d) Die Zeit nach dem Sprung, in der noch keine Reaktion am Ausgang sichtbar ist
Richtig: d)
In der Totzeit bleibt die Kurve flach, das Signal ist noch unterwegs zur Messstelle. d ist richtig. Die Zeit bis zum Beharrungswert (a) umfasst Totzeit plus Anstieg. Der steilste Anstieg (b) liegt am Wendepunkt. Ein Abstand zwischen Sprüngen (c) ist frei wählbar und keine Streckeneigenschaft.
Warum reagiert eine Strecke mit vielen Energiespeichern verzögert und nicht sprunghaft?
- a) Weil die Totzeit dadurch verschwindet
- b) Weil die Stellgröße kleiner wird
- c) Weil der Beharrungswert sinkt
- d) Weil die Speicher erst nach und nach umgeladen werden müssen
Richtig: d)
Massen, Wärmekapazitäten und Volumina müssen erst gefüllt bzw. erwärmt werden, das braucht Zeit – daher der allmähliche Anstieg. d ist richtig. Die Totzeit (a) bleibt davon unberührt. Die Stellgröße (b) ändert sich beim Sprung nicht mehr. Der Beharrungswert (c) hängt von der Verstärkung ab, nicht von der Verzögerung.
3. Kennwerte aus der Sprungantwort: Wendetangente, Verzugszeit, Ausgleichszeit
Die S-Kurve allein nützt wenig – man braucht Zahlen. Ziegler und Nichols beschreiben die Strecke mit drei Kennwerten, die man rein grafisch aus der Sprungantwort gewinnt.
Man legt im Wendepunkt der Kurve eine Wendetangente an, also die Gerade, die im steilsten Punkt anliegt. Sie schneidet die Zeitachse (die Höhe vor dem Sprung) und die Beharrungswert-Linie. Aus diesen beiden Schnittpunkten ergeben sich:
Die Verzugszeit Tu – der Abstand vom Sprungzeitpunkt bis zu der Stelle, an der die Wendetangente die Ausgangslinie schneidet. Sie fasst Totzeit und Anlaufverzögerung zusammen.
Die Ausgleichszeit Tg – der Abstand zwischen den beiden Schnittpunkten der Wendetangente, also von der Ausgangslinie bis zur Beharrungswert-Linie. Sie ist ein Maß dafür, wie lange die Strecke zum Ausregeln braucht.
Die dritte Größe ist die Streckenverstärkung Ks. Sie sagt, um wie viel sich der Istwert je Einheit Stellgröße ändert:
Ks = Δx / Δy
- Ks … Streckenverstärkung (Einheit je nach Strecke)
- Δx … Änderung der Regelgröße (Beharrungswert minus Startwert)
- Δy … Änderung der Stellgröße (Höhe des Stellsprungs)
Aus Verzugszeit und Ausgleichszeit lässt sich außerdem die Regelbarkeit abschätzen. Das Verhältnis Tg/Tu ist dafür die Faustgröße: Je größer Tg im Vergleich to Tu, desto gutmütiger die Strecke. Als grobe Orientierung gilt ein Verhältnis über 10 als gut regelbar, zwischen 3 und 10 als regelbar mit etwas Aufwand, unter 3 als schwierig.
Wie konstruiert man Verzugszeit und Ausgleichszeit aus der Sprungantwort?
- a) Durch eine Tangente am Anfang der Kurve
- b) Durch eine Tangente im Wendepunkt der Kurve
- c) Durch eine Waagrechte auf halber Höhe
- d) Durch Verbinden von Start- und Endpunkt
Richtig: b)
Die Wendetangente wird im steilsten Punkt – dem Wendepunkt – angelegt; ihre Schnittpunkte mit Ausgangs- und Beharrungslinie liefern Tu und Tg. b ist richtig. Eine Anfangstangente (a) ist bei der flachen Totzeitphase unbrauchbar. Eine Waagrechte (c) liefert keine Zeitabschnitte dieser Art. Die direkte Verbindung Start–Ende (d) ignoriert die Krümmung.
Eine Strecke hat Tu = 20 s and Tg = 50 s. Wie ist ihre Regelbarkeit einzuordnen?
- a) Sehr gut regelbar
- b) Gut regelbar, kaum Aufwand
- c) Regelbar, aber mit Aufwand
- d) Praktisch nicht regelbar
Richtig: c)
Das Verhältnis Tg/Tu = 50/20 = 2,5 liegt unter 3. Genau genommen ist das schon der schwierige Bereich; im Grenzbereich um 3 spricht man von „mit Aufwand regelbar“. c trifft die Einordnung am besten. Werte über 10 (a, b) liegen klar darüber. „Praktisch nicht regelbar“ (d) wäre erst bei noch kleinerem Verhältnis und großer Totzeitdominanz gerechtfertigt.
Ein Stellsprung von 20 % erhöht den Istwert um 40 °C. Was ergibt sich für die Streckenverstärkung?
- a) 2 °C je Prozent
- b) 0,5 °C je Prozent
- c) 20 °C je Prozent
- d) 800 °C je Prozent
Richtig: a)
Ks = Δx/Δy = 40 °C / 20 % = 2 °C je Prozent. a ist richtig. 0,5 (b) wäre der Kehrwert. 20 (c) verwechselt Δy mit 1. 800 (d) multipliziert statt zu dividieren.
4. Ziegler-Nichols: Einstellregeln aus der Sprungantwort
Liegen Tu, Tg und Ks vor, kommt das eigentliche Verfahren. Ziegler und Nichols haben aus vielen Versuchen Faustformeln aufgestellt, die aus diesen drei Kennwerten direkt Reglerparameter machen. Weil man dafür nur die am offenen Kreis aufgenommene Sprungantwort braucht, heißt es Sprungantwort-Verfahren (auch Streckenkennlinien-Verfahren).
Die Reglerverstärkung wird so gewählt, dass sie die Streckenverstärkung berücksichtigt und sich am Verhältnis Tg/Tu orientiert. Je nach Reglertyp gelten unterschiedliche Faktoren:
Kp = Faktor / Ks * Tg / Tu
- Kp … Reglerverstärkung (dimensionslos bzw. passend zur Strecke)
- Ks … Streckenverstärkung
- Tg … Ausgleichszeit in s
- Tu … Verzugszeit in s
Die Faktoren und die Zeiteinstellungen für die drei Reglertypen:
| Reglertyp | Reglerverstärkung Kp | Nachstellzeit Tn | Vorhaltzeit Tv |
|---|---|---|---|
| P | 1,0 / Ks · Tg/Tu | –– | – |
| PI | 0,9 / Ks · Tg/Tu | 3,33 · Tu | – |
| PID | 1,2 / Ks · Tg/Tu | 2,0 · Tu | 0,5 · Tu |
Beim reinen P-Regler entfallen Nachstellzeit und Vorhaltzeit. Beim PI-Regler kommt die Nachstellzeit dazu, die die bleibende Regelabweichung beseitigt. Der PID-Regler ergänzt zusätzlich die Vorhaltzeit, die schneller auf Änderungen reagiert – dafür darf er etwas kräftiger verstärken.
Das Verfahren passt gut zu Strecken mit Ausgleich und mäßiger Totzeit. Wird die Strecke stark totzeitdominiert (Tu groß gegenüber Tg), liefert es zu scharfe Werte und der Kreis neigt zum Schwingen. Dann ist Vorsicht und kräftiges Nachjustieren angesagt.
Gelöstes Beispiel
Für eine Temperaturstrecke wurde aufgenommen: Ks = 2 °C/%, Tu = 30 s, Tg = 240 s. Gesucht sind die PID-Reglerparameter nach dem Sprungantwort-Verfahren.
Gegeben: Ks = 2 °C/%, Tu = 30 s, Tg = 240 s
Gesucht: Kp, Tn, Tv des PID-Reglers
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Reglerverstärkung: Kp = 1,2 / Ks · Tg/Tu = 1,2 / 2 · 240/30 = 0,6 · 8 = 4,8
- Schritt 2 — Nachstellzeit: Tn = 2,0 · Tu = 2,0 · 30 s = 60 s
- Schritt 3 — Vorhaltzeit: Tv = 0,5 · Tu = 0,5 · 30 s = 15 s
Ergebnis: Kp = 4,8; Tn = 60 s; Tv = 15 s
Übungen
Eine Strecke hat Ks = 1, Tu = 10 s, Tg = 100 s. Bestimme die Reglerverstärkung eines P-Reglers.
Kp = 1,0 / 1 · 100/10 = 10
Berechne für dieselbe Strecke (Ks = 1, Tu = 10 s, Tg = 100 s) die Parameter eines PI-Reglers.
Kp = 0,9 / 1 · 100/10 = 9; Tn = 3,33 · 10 s = 33,3 s
Für eine Druckstrecke gilt Ks = 0,5 bar/%, Tu = 8 s, Tg = 96 s. Bestimme die PID-Parameter.
Kp = 1,2 / 0,5 · 96/8 = 2,4 · 12 = 28,8; Tn = 2,0 · 8 s = 16 s; Tv = 0,5 · 8 s = 4 s
Vergleiche für die Strecke Ks = 2, Tu = 15 s, Tg = 150 s die Reglerverstärkung von P-, PI- und PID-Regler. Was fällt auf?
Kp_P = 1,0/2 · 150/15 = 5; Kp_PI = 0,9/2 · 10 = 4,5; Kp_PID = 1,2/2 · 10 = 6. Der PI-Regler verstärkt am vorsichtigsten, der PID-Regler darf wegen des stabilisierenden D-Anteils am stärksten verstärken.
Eine Strecke ist stark totzeitbehaftet: Ks = 1,5, Tu = 40 s, Tg = 120 s. Berechne die PID-Verstärkung und beurteile die Regelbarkeit.
Kp = 1,2 / 1,5 · 120/40 = 0,8 · 3 = 2,4; Tn = 2,0 · 40 s = 80 s; Tv = 0,5 · 40 s = 20 s. Das Verhältnis Tg/Tu = 3 liegt im schwierigen Bereich – die berechneten Werte sind nur ein Startpunkt und müssen am realen Kreis vorsichtig nachgezogen werden.
Welche drei Streckenkennwerte braucht das Sprungantwort-Verfahren von Ziegler-Nichols?
- a) Sollwert, Istwert, Stellgröße
- b) Verzugszeit, Ausgleichszeit, Streckenverstärkung
- c) Nachstellzeit, Vorhaltzeit, Verstärkung
- d) Kritische Verstärkung, kritische Periode, Totzeit
Richtig: b)
Aus Tu, Tg und Ks der Sprungantwort werden die Reglerwerte berechnet. b ist richtig. a sind Größen des laufenden Regelkreises, keine Streckenkennwerte. c sind die Ergebnisse, nicht die Eingangsgrößen. d gehört zum Schwingungsverfahren.
Warum darf der PID-Regler eine höhere Verstärkung bekommen als der PI-Regler?
- a) Weil er keine Nachstellzeit hat
- b) Weil der I-Anteil entfällt
- c) Weil der D-Anteil dämpfend wirkt und höhere Verstärkung erlaubt
- d) Weil die Streckenverstärkung kleiner wird
Richtig: c)
Der Vorhalt (D-Anteil) reagiert auf die Änderungsgeschwindigkeit und wirkt stabilisierend, daher der höhere Faktor (1,2 statt 0,9). c ist richtig. Der PID-Regler hat sehr wohl eine Nachstellzeit (a falsch) und einen I-Anteil (b falsch). Die Streckenverstärkung (d) ist eine feste Eigenschaft der Strecke und ändert sich nicht mit dem Reglertyp.
Eine Strecke hat Ks = 4, Tu = 20 s, Tg = 200 s. Wie groß ist die Reglerverstärkung eines P-Reglers?
- a) 2,5
- b) 1,25
- c) 10
- d) 40
Richtig: a)
Kp = 1,0 / Ks · Tg/Tu = 1,0/4 · 200/20 = 0,25 · 10 = 2,5. a ist richtig. 1,25 (b) halbiert fälschlich. 10 (c) lässt Ks weg. 40 (d) multipliziert mit Ks statt zu dividieren.
Wie verändert sich die berechnete PID-Vorhaltzeit Tv, wenn die Verzugszeit Tu größer wird?
- a) Tv bleibt gleich
- b) Tv wird kleiner
- c) Tv wird negativ
- d) Tv wird größer
Richtig: d)
Tv = 0,5 · Tu steigt direkt mit Tu. d ist richtig. Da Tv proportional zu Tu ist, bleibt es nicht gleich (a) und sinkt nicht (b). Zeiten können nicht negativ werden (c).
5. Ziegler-Nichols: Das Schwingungsverfahren
Manchmal lässt sich keine saubere Sprungantwort aufnehmen – etwa weil die Strecke ohne Ausgleich arbeitet oder ein längeres Abkoppeln im laufenden Betrieb nicht möglich ist. Für solche Fälle gibt es das zweite Verfahren von Ziegler-Nichols, das am geschlossenen Regelkreis arbeitet.
Man stellt den Regler auf reines P-Verhalten (I- und D-Anteil aus) und erhöht die Verstärkung Schritt für Schritt, bis der Regelkreis eine gleichmäßige Dauerschwingung ausführt – also genau an der Stabilitätsgrenze steht. Die Verstärkung an diesem Punkt ist die kritische Verstärkung Kr_krit, die Dauer einer vollen Schwingung die kritische Periodendauer Tkrit.
Wichtig ist die gleichbleibende Amplitude: Die Schwingung darf weder abklingen (dann ist Kr noch zu klein) noch aufschaukeln (dann ist Kr schon zu groß). Erst die stehende Dauerschwingung markiert den kritischen Punkt.
Aus Kr_krit und Tkrit ergeben sich die Reglerparameter wieder über eine Tabelle:
| Reglertyp | Reglerverstärkung Kp | Nachstellzeit Tn | Vorhaltzeit Tv |
|---|---|---|---|
| P | 0,5 · Kr_krit | –– | – |
| PI | 0,45 · Kr_krit | 0,85 · Tkrit | – |
| PID | 0,6 · Kr_krit | 0,5 · Tkrit | 0,12 · Tkrit |
Das Verfahren ist bestechend einfach, hat aber einen ernsten Haken: Man treibt die Anlage bewusst bis an die Stabilitätsgrenze. Bei einem Temperaturkreis ist das harmlos, bei einem Druck- oder Antriebskreis kann die Dauerschwingung Material überlasten oder gefährliche Zustände erzeugen. In der Praxis fährt man die Verstärkung deshalb sehr behutsam hoch und bricht beim ersten Anzeichen einer aufschaukelnden Schwingung sofort ab.
Gelöstes Beispiel
Ein Regelkreis schwingt bei einer Reglerverstärkung von Kr_krit = 8 mit einer Periodendauer von Tkrit = 50 s gleichmäßig. Gesucht sind die PID-Parameter nach dem Schwingungsverfahren.
Gegeben: Kr_krit = 8, Tkrit = 50 s
Gesucht: Kp, Tn, Tv des PID-Reglers
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Reglerverstärkung: Kp = 0,6 · Kr_krit = 0,6 · 8 = 4,8
- Schritt 2 — Nachstellzeit: Tn = 0,5 · Tkrit = 0,5 · 50 s = 25 s
- Schritt 3 — Vorhaltzeit: Tv = 0,12 · Tkrit = 0,12 · 50 s = 6 s
Ergebnis: Kp = 4,8; Tn = 25 s; Tv = 6 s
Übungen
Ein Kreis schwingt bei Kr_krit = 6 mit Tkrit = 40 s. Bestimme die Verstärkung eines P-Reglers.
Kp = 0,5 · 6 = 3
Bestimme für denselben Kreis (Kr_krit = 6, Tkrit = 40 s) die PI-Parameter.
Kp = 0,45 · 6 = 2,7; Tn = 0,85 · 40 s = 34 s
Für Kr_krit = 10 und Tkrit = 30 s sind die PID-Parameter gesucht.
Kp = 0,6 · 10 = 6; Tn = 0,5 · 30 s = 15 s; Tv = 0,12 · 30 s = 3,6 s
Ein Antriebskreis erreicht bei Kr_krit = 12 eine Dauerschwingung mit Tkrit = 20 s. Berechne die PID-Parameter und nenne ein Sicherheitsrisiko des Versuchs.
Kp = 0,6 · 12 = 7,2; Tn = 0,5 · 20 s = 10 s; Tv = 0,12 · 20 s = 2,4 s. Risiko: Die Dauerschwingung belastet Mechanik und Antrieb mechanisch wechselnd, bei zu hoher Verstärkung kann der Kreis aufschaukeln.
Zwei Verfahren liefern für dieselbe Strecke unterschiedliche PID-Werte. Schwingungsverfahren: Kr_krit = 8, Tkrit = 60 s. Berechne Kp, Tn, Tv und erkläre, warum die Werte nur Startwerte sind.
Kp = 0,6 · 8 = 4,8; Tn = 0,5 · 60 s = 30 s; Tv = 0,12 · 60 s = 7,2 s. Beide Verfahren sind empirische Faustregeln; sie zielen auf ein zügiges Ausregeln mit deutlichem Überschwingen ab, das fast immer am realen Kreis entschärft werden muss.
Welcher Zustand des Regelkreises markiert beim Schwingungsverfahren den kritischen Point?
- a) Eine abklingende Schwingung
- b) Eine aufschaukelnde Schwingung
- c) Eine gleichmäßige Dauerschwingung mit konstanter Amplitude
- d) Ein stationärer Endwert ohne Schwingung
Richtig: c)
Nur die stehende Schwingung mit konstanter Amplitude liegt exakt an der Stabilitätsgrenze. c ist richtig. Eine abklingende Schwingung (a) zeigt, dass Kr noch zu klein ist; eine aufschaukelnde (b), dass Kr zu groß ist. Ein ruhiger Endwert (d) bedeutet, der Kreis ist noch deutlich im stabilen Bereich.
Welche Reglereinstellung wird beim Hochfahren der Verstärkung verwendet, um Kr_krit zu finden?
- a) Reiner I-Regler
- b) Reiner P-Regler
- c) Vollständiger PID-Regler
- d) PD-Regler
Richtig: b)
I- und D-Anteil werden abgeschaltet, nur die P-Verstärkung wird erhöht. b ist richtig. Ein I-Regler (a) würde das Schwingungsbild verfälschen. Ein vollständiger PID (c) oder PD (d) bringt zusätzliche Dynamik ins Spiel, die den kritischen Punkt verschiebt.
Ein Kreis schwingt bei Kr_krit = 10 mit Tkrit = 40 s. Wie groß ist die PI-Nachstellzeit?
- a) 34 s
- b) 20 s
- c) 48 s
- d) 4,5 s
Richtig: a)
Tn = 0,85 · Tkrit = 0,85 · 40 s = 34 s. a ist richtig. 20 s (b) wäre 0,5·Tkrit (PID-Wert). 48 s (c) überschätzt den Faktor. 4,5 s (d) verwechselt mit der Verstärkung 0,45·Kr_krit.
Warum ist das Schwingungsverfahren in vielen realen Anlagen riskant?
- a) Weil der Regler dabei abgeschaltet wird
- b) Weil die Strecke bewusst an die Stabilitätsgrenze gebracht wird
- c) Weil die Sprungantwort verfälscht wird
- d) Weil keine Kennwerte ablesbar sind
Richtig: b)
Die kontrollierte Dauerschwingung bedeutet Betrieb am Rand der Stabilität, was Material und Prozess gefährden kann. b ist richtig. Der Regler bleibt aktiv (a falsch). Die Sprungantwort (c) spielt hier keine Rolle, das ist das andere Verfahren. Kennwerte sind sehr wohl ablesbar (d falsch) – gerade deshalb funktioniert das Verfahren.
6. Einstellen in der Praxis – was die Tabelle nicht sagt
Beide Verfahren liefern Startwerte, kein fertiges Ergebnis. Ziegler und Nichols haben ihre Regeln auf ein zügiges Ausregeln getrimmt, und das bedeutet bewusst ein kräftiges Überschwingen – oft 20 % bis 40 % über den Sollwert hinaus. Für viele Prozesse ist das zu viel.
In der Praxis ist der häufigste Handgriff danach, die Reglerverstärkung Kp zurückzunehmen. Schon eine Reduktion auf etwa zwei Drittel bis die Hälfte des berechneten Werts beruhigt den Kreis spürbar, ohne ihn träge zu machen. Wer mehr Dämpfung braucht, verlängert zusätzlich die Nachstellzeit.
Beim Schwingungsverfahren kommt der Sicherheitsaspekt dazu: Das bewusste Anschwingen darf man nur dort machen, wo eine Dauerschwingung niemanden gefährdet und nichts beschädigt. Im Zweifel ist die Sprungantwort der sicherere Weg.
Und schließlich der Blick auf den heutigen Arbeitsalltag: Von Hand wird in modernen Anlagen kaum noch nach Ziegler-Nichols gerechnet. Die meisten Frequenzumrichter und Kompaktregler haben ein Autotuning an Bord, das den Stellsprung selbst ausführt, die Antwort auswertet und die Parameter setzt. In Steuerungsumgebungen wie dem Siemens TIA Portal läuft das über eine geführte Erst- und Nachoptimierung des PID-Bausteins – im Kern dieselbe Idee, nur von der Software erledigt. Wer die Verfahren von Ziegler-Nichols verstanden hat, weiß trotzdem, was diese Assistenten im Hintergrund tun – und kann eingreifen, wenn das automatische Ergebnis nicht passt.
Welches Verhalten zeigt ein nach Ziegler-Nichols eingestellter Kreis typischerweise zuerst?
- a) Ein zu langsames, schleichendes Anfahren
- b) Eine bleibende Regelabweichung
- c) Eine Dauerschwingung
- d) Ein deutliches Überschwingen über den Sollwert
Richtig: d)
Die Faustregeln sind auf zügiges Ausregeln getrimmt und nehmen 20–40 % Überschwingen in Kauf. d ist richtig. Schleichendes Anfahren (a) ist das Gegenteil. Eine bleibende Abweichung (b) verhindert der I-Anteil. Eine Dauerschwingung (c) wäre ein Zeichen für eine deutlich zu hohe Verstärkung.
Wie reduziert man das Überschwingen eines nach Ziegler-Nichols eingestellten Kreises am einfachsten?
- a) Vorhaltzeit auf null setzen
- b) Nachstellzeit stark verkürzen
- c) Streckenverstärkung erhöhen
- d) Reglerverstärkung Kp verringern
Richtig: d)
Eine kleinere Kp beruhigt den Kreis am direktesten. d ist richtig. Die Vorhaltzeit zu streichen (a) nimmt dem Regler den dämpfenden D-Anteil. Eine kürzere Nachstellzeit (b) macht den I-Anteil aggressiver und verstärkt das Schwingen. Die Streckenverstärkung (c) ist eine Anlageneigenschaft und nicht am Regler einstellbar.
Was leistet das Autotuning eines modernen Reglers oder des TIA Portals im Kern?
- a) Es ersetzt die Regelstrecke durch ein Modell
- b) Es führt selbstständig einen Anregelversuch aus und setzt daraus die Parameter
- c) Es schaltet den Regler dauerhaft ab
- d) Es erhöht die Streckenverstärkung automatisch
Richtig: b)
Das Autotuning macht im Prinzip dasselbe wie Ziegler-Nichols von Hand: anregen, auswerten, Parameter setzen. b ist richtig. Die Strecke bleibt die reale Anlage (a falsch). Der Regler wird nicht abgeschaltet (c), sondern eingestellt. Die Streckenverstärkung (d) bleibt unverändert.
Abschlusstest
Aufgabe 1: Für eine Füllstandstrecke wurde aufgenommen: Ks = 3, Tu = 12 s, Tg = 180 s. Bestimme die Parameter eines PID-Reglers nach dem Sprungantwort-Verfahren.
Gegeben: Ks = 3; Tu = 12 s; Tg = 180 s
Gesucht: Kp, Tn, Tv
Lösungsweg:
Kp = 1,2/3 · 180/12 = 0,4 · 15 = 6; Tn = 2,0 · 12 s = 24 s; Tv = 0,5 · 12 s = 6 s
Ergebnis: Kp = 6; Tn = 24 s; Tv = 6 s
Aufgabe 2: Dieselbe Strecke (Ks = 3, Tu = 12 s, Tg = 180 s) soll mit einem PI-Regler betrieben werden. Bestimme die Parameter.
Gegeben: Ks = 3; Tu = 12 s; Tg = 180 s
Gesucht: Kp, Tn
Lösungsweg:
Kp = 0,9/3 · 180/12 = 0,3 · 15 = 4,5; Tn = 3,33 · 12 s = 39,96 s
Ergebnis: Kp = 4,5; Tn ≈ 40 s
Aufgabe 3: Ein Kreis schwingt bei Kr_krit = 9 mit einer Periodendauer Tkrit = 36 s. Bestimme die PID-Parameter nach dem Schwingungsverfahren.
Gegeben: Kr_krit = 9; Tkrit = 36 s
Gesucht: Kp, Tn, Tv
Lösungsweg:
Kp = 0,6 · 9 = 5,4; Tn = 0,5 · 36 s = 18 s; Tv = 0,12 · 36 s = 4,32 s
Ergebnis: Kp = 5,4; Tn = 18 s; Tv = 4,32 s
Aufgabe 4: Ermittle für denselben Versuch (Kr_krit = 9, Tkrit = 36 s) die Parameter eines P-Reglers und eines PI-Reglers.
Gegeben: Kr_krit = 9; Tkrit = 36 s
Gesucht: Kp_P; Kp_PI, Tn_PI
Lösungsweg:
Kp_P = 0,5 · 9 = 4,5; Kp_PI = 0,45 · 9 = 4,05; Tn_PI = 0,85 · 36 s = 30,6 s
Ergebnis: P-Regler Kp = 4,5; PI-Regler Kp = 4,05 und Tn = 30,6 s
Aufgabe 5: Ein Stellsprung von 25 % erhöht den Istwert von 50 °C auf 110 °C. Verzugszeit Tu = 18 s, Ausgleichszeit Tg = 144 s. Bestimme die Streckenverstärkung, das Regelbarkeits-Verhältnis und die PID-Reglerverstärkung.
Gegeben: Δy = 25 %; Δx = 110 − 50 = 60 °C; Tu = 18 s; Tg = 144 s
Gesucht: Ks, Tg/Tu, Kp (PID)
Lösungsweg:
Ks = 60/25 = 2,4 °C/%; Tg/Tu = 144/18 = 8; Kp = 1,2/2,4 · 8 = 0,5 · 8 = 4
Ergebnis: Ks = 2,4 °C/%; Tg/Tu = 8 (regelbar); Kp = 4
Aufgabe 6: Eine Strecke hat Ks = 1,5, Tu = 25 s, Tg = 75 s. Bestimme die PID-Parameter und beurteile die Regelbarkeit.
Gegeben: Ks = 1,5; Tu = 25 s; Tg = 75 s
Gesucht: Kp, Tn, Tv, Regelbarkeit
Lösungsweg:
Tg/Tu = 75/25 = 3 (schwierig); Kp = 1,2/1,5 · 3 = 0,8 · 3 = 2,4; Tn = 2,0 · 25 s = 50 s; Tv = 0,5 · 25 s = 12,5 s
Ergebnis: Kp = 2,4; Tn = 50 s; Tv = 12,5 s; Regelbarkeit grenzwertig, Werte nur als vorsichtiger Startpunkt
Welche Aussage zur Sprungantwort einer Strecke mit Ausgleich ist korrekt?
- a) Der Istwert läuft nach dem Sprung unbegrenzt weiter
- b) Der Istwert nähert sich einem festen Beharrungswert
- c) Der Istwert springt sofort auf den Endwert
- d) Der Istwert kehrt zum Startwert zurück
Richtig: b)
Eine Strecke mit Ausgleich pendelt sich auf einen neuen festen Wert ein. b ist richtig. Unbegrenztes Weiterlaufen (a) kennzeichnet die Strecke ohne Ausgleich. Ein sofortiger Sprung (c) gäbe es nur ohne jede Verzögerung. Eine Rückkehr zum Start (d) widerspricht der bleibenden Stellgrößenänderung.
Wozu dient die Wendetangente bei der Auswertung der Sprungantwort?
- a) Zur Bestimmung des Sollwerts
- b) Zur Messung der Schwingungsperiode
- c) Zur Ermittlung von Verzugszeit und Ausgleichszeit
- d) Zur Berechnung der Streckenverstärkung
Richtig: c)
Aus den Schnittpunkten der Wendetangente liest man Tu und Tg ab. c ist richtig. Der Sollwert (a) ist eine Vorgabe. Die Schwingungsperiode (b) gehört zum Schwingungsverfahren. Die Streckenverstärkung (d) berechnet man aus Δx/Δy, nicht aus der Tangente.
Eine Strecke hat Ks = 2, Tu = 20 s, Tg = 160 s. Wie groß ist die PI-Reglerverstärkung nach dem Sprungantwort-Verfahren?
- a) 3,6
- b) 4,0
- c) 4,8
- d) 8,0
Richtig: a)
Kp = 0,9/Ks · Tg/Tu = 0,9/2 · 160/20 = 0,45 · 8 = 3,6. a ist richtig. 4,0 (b) ließe den Faktor 0,9 weg. 4,8 (c) wäre the PID-Wert (Faktor 1,2). 8,0 (d) ist nur das Verhältnis Tg/Tu.
Beim Schwingungsverfahren stellt sich bei Kr = 7 noch eine abklingende Schwingung ein, bei Kr = 9 eine aufschaukelnde. Was lässt sich über Kr_krit sagen?
- a) Kr_krit liegt unter 7
- b) Kr_krit liegt über 9
- c) Kr_krit lässt sich daraus nicht eingrenzen
- d) Kr_krit liegt zwischen 7 und 9
Richtig: d)
Der Übergang von abklingend zu aufschaukelnd liegt am kritischen Punkt, also zwischen 7 und 9. d ist richtig. Unter 7 (a) wäre die Schwingung schon bei 7 nicht mehr abklingend. Über 9 (b) wäre sie bei 9 noch nicht aufschaukelnd. Eingrenzen lässt sich der Bereich sehr wohl (c falsch).
Warum gelten die nach Ziegler-Nichols berechneten Werte nur als Startwerte?
- a) Weil sie immer zu klein sind
- b) Weil sie nur für P-Regler gelten
- c) Weil die Faustregeln auf schnelles Ausregeln mit Überschwingen zielen
- d) Weil sie keine Zeiteinstellungen liefern
Richtig: c)
Die Regeln nehmen bewusst Überschwingen in Kauf, das für viele Prozesse nachjustiert werden muss. c ist richtig. Die Werte sind nicht grundsätzlich zu klein (a) – das Überschwingen deutet eher auf zu kräftige Einstellung. Sie gelten für P, PI und PID (b falsch) und liefern Tn und Tv (d falsch).
Eine Strecke ist stark totzeitdominiert (Tg/Tu = 2,5). Was ist beim Einsatz des Sprungantwort-Verfahrens zu erwarten?
- a) Die berechneten Werte sind besonders gutmütig
- b) Das Verfahren liefert tendenziell zu scharfe Werte, der Kreis neigt zum Schwingen
- c) Es lässt sich gar kein Wert berechnen
- d) Die Streckenverstärkung wird negativ
Richtig: b)
Bei kleinem Tg/Tu liefert das Verfahren zu hohe Verstärkungen, was zum Schwingen führt. b ist richtig. Gutmütig (a) wäre erst ein großes Verhältnis. Rechnen lässt sich immer (c falsch). Die Streckenverstärkung bleibt positiv (d falsch).
Welcher Reglertyp erhält im Sprungantwort-Verfahren die höchste Verstärkungsformel?
- a) P-Regler
- b) PI-Regler
- c) PID-Regler
- d) Alle gleich
Richtig: c)
Der PID-Regler hat den Faktor 1,2, höher als P (1,0) und PI (0,9), weil der D-Anteil stabilisiert. c ist richtig. P (a) liegt bei 1,0, PI (b) bei 0,9. Gleich sind sie nicht (d).
Ein PID-Regler ist nach Schwingungsverfahren eingestellt: Kr_krit = 8, Tkrit = 50 s. Wie groß ist die Vorhaltzeit?
- a) 4 s
- b) 25 s
- c) 50 s
- d) 6 s
Richtig: d)
Tv = 0,12 · Tkrit = 0,12 · 50 s = 6 s. d ist richtig. 4 s (a) verwendet einen falschen Faktor. 25 s (b) ist die Nachstellzeit (0,5·Tkrit). 50 s (c) ist Tkrit selbst.
Worin unterscheiden sich Sprungantwort- und Schwingungsverfahren grundlegend?
- a) Im verwendeten Reglertyp am Ende
- b) Im Ort der Messung: offener gegenüber geschlossenem Regelkreis
- c) In den Einheiten der Ergebnisse
- d) Darin, dass nur eines davon Tn liefert
Richtig: b)
Das Sprungantwort-Verfahren misst am offenen Kreis, das Schwingungsverfahren am geschlossenen. b ist richtig. Beide stellen denselben Reglertyp ein (a falsch), liefern vergleichbare Ergebnisse (c falsch) und beide geben Tn an (d falsch).
Eine Anlage darf aus Sicherheitsgründen nicht bewusst in Dauerschwingung gebracht werden. Welches Verfahren ist zu wählen?
- a) Sprungantwort-Verfahren
- b) Schwingungsverfahren
- c) Beide gleichermaßen
- d) Keines von beiden
Richtig: a)
Das Sprungantwort-Verfahren arbeitet am offenen Kreis ohne Anschwingen und ist daher sicherer. a ist richtig. Das Schwingungsverfahren (b) verlangt genau die unerwünschte Dauerschwingung. „Beide“ (c) ignoriert das Risiko. Auswertbar bleibt das Sprungantwort-Verfahren in jedem Fall (d falsch).
Glossar
- Sprungantwort
- Zeitlicher Verlauf der Regelgröße nach einer sprunghaften Änderung der Stellgröße am offenen Regelkreis.
- Regelstrecke
- Der Teil der Anlage zwischen Stelleingang und Messstelle, dessen Verhalten geregelt werden soll.
- Stellsprung
- Sprunghafte, von Hand aufgebrachte Änderung der Stellgröße um einen festen Betrag zur Aufnahme der Sprungantwort.
- Strecke mit Ausgleich
- Regelstrecke, deren Regelgröße nach dem Stellsprung einem festen Endwert (Beharrungswert) zustrebt.
- Strecke ohne Ausgleich
- Regelstrecke, deren Regelgröße nach dem Stellsprung ohne Einpendeln immer weiterläuft.
- Beharrungswert
- Konstanter Endwert, den die Regelgröße einer Strecke mit Ausgleich nach dem Stellsprung erreicht.
- Totzeit
- Zeitspanne nach dem Stellsprung, in der noch keine Reaktion der Regelgröße sichtbar ist.
- Wendetangente
- Im Wendepunkt der Sprungantwort angelegte Gerade, aus deren Schnittpunkten Verzugszeit und Ausgleichszeit abgelesen werden.
- Verzugszeit (Tu)
- Zeit vom Stellsprung bis zum Schnittpunkt der Wendetangente mit der Ausgangslinie; fasst Totzeit und Anlaufverzögerung zusammen.
- Ausgleichszeit (Tg)
- Zeit zwischen den beiden Schnittpunkten der Wendetangente mit Ausgangslinie und Beharrungswert; Maß für die Ausregeldauer.
- Streckenverstärkung (Ks)
- Verhältnis der Änderung der Regelgröße zur Änderung der Stellgröße.
- Sprungantwort-Verfahren
- Einstellverfahren nach Ziegler-Nichols, das Reglerparameter aus Tu, Tg und Ks der am offenen Kreis aufgenommenen Sprungantwort berechnet.
- Schwingungsverfahren
- Einstellverfahren nach Ziegler-Nichols, das am geschlossenen Kreis aus kritischer Verstärkung und kritischer Periodendauer die Reglerparameter ableitet.
- Kritische Verstärkung (Kr_krit)
- Reglerverstärkung, bei der der geschlossene Regelkreis eine gleichmäßige Dauerschwingung an der Stabilitätsgrenze ausführt.
- Kritische Periodendauer (Tkrit)
- Dauer einer vollen Schwingung des Regelkreises an der Stabilitätsgrenze.
- Autotuning
- Selbsttätiges Einstellverfahren moderner Regler und Steuerungen, das den Anregelversuch ausführt und die Reglerparameter automatisch ermittelt.
