Lade- und Entladevorgang des Kondensators
Legt man eine Gleichspannung an einen Kondensator, springt seine Spannung nicht sofort auf den Endwert. Sie steigt nach einer charakteristischen Kurve an — und genau die gleiche Form beschreibt auch den umgekehrten Vorgang beim Entladen. Wer einmal verstanden hat, warum das so ist und was die Zeitkonstante τ damit zu tun hat, kann RC-Glieder, Glättungsschaltungen und Sicherheitsfristen an Frequenzumrichtern souverän einordnen.
Vorwissen
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- den zeitlichen Verlauf von Spannung und Strom beim Laden und Entladen eines Kondensators beschreiben und erklären
- die Zeitkonstante τ = R · C berechnen und ihre praktische Bedeutung deuten
- Werte für Kondensatorspannung und -strom zu einem beliebigen Zeitpunkt mit der e-Funktion ermitteln
- die im Kondensator gespeicherte Energie berechnen und den Leistungsverlust beim Ladevorgang einordnen
- typische Anwendungen erkennen und die Sicherheitsgefahr durch Restspannungen bewerten
1. Was passiert beim Laden und Entladen?
Eine Schaltung aus Gleichspannungsquelle, Widerstand und Kondensator ist die Grundform jedes RC-Vorgangs. Solange noch keine Spannung am Kondensator anliegt, ist er für die Quelle gesehen wie ein Kurzschluss — Strom fließt, Ladungen wandern auf die Platten. Mit jeder Ladung, die sich anlagert, wächst die Gegenspannung am Kondensator. Diese Spannung wirkt der Quelle entgegen. Je näher die Kondensatorspannung dem Quellwert kommt, desto kleiner wird die treibende Differenz — und damit auch der Strom.
Am Ende, wenn u_C = U_0 ist, gibt es keine Spannungsdifferenz mehr. Es fließt kein Strom. Der Kondensator ist geladen und verhält sich wie eine offene Stelle im Stromkreis. Genau das meint die Faustregel „im stationären Zustand sperrt der Kondensator Gleichstrom“. Strom fließt nie durch den Kondensator hindurch — er fließt nur im äußeren Kreis, weil sich auf den beiden Platten Ladungen ansammeln oder wieder verschwinden.
Beim Entladen läuft alles rückwärts. Verbindet man den geladenen Kondensator über einen Widerstand mit einem geschlossenen Kreis, treibt seine eigene Spannung den Strom durch R. Mit jedem verschobenen Coulomb sinkt die Plattenspannung, der Strom wird kleiner, und am Ende ist alles bei null. Die Stromrichtung beim Entladen ist genau entgegengesetzt zu der beim Laden — denn die Ladungen wandern dorthin zurück, wo sie hergekommen sind.
Wie der Kondensator selbst aufgebaut ist, welche Kapazität er hat und warum überhaupt Ladungen auf Platten gespeichert werden können, behandelt der eigene Beitrag Kondensator – Aufbau und Kapazität. Hier setzen wir voraus, dass die Kapazität C des Bauteils bekannt ist.
Warum nimmt der Ladestrom mit der Zeit ab, obwohl die Versorgungsspannung U₀ konstant bleibt?
- a) Weil der Widerstand R sich durch Erwärmung erhöht
- b) Weil die Spannungsquelle bei Belastung einbricht
- c) Weil die wachsende Kondensatorspannung der Quelle entgegenwirkt und die treibende Differenz kleiner wird
- d) Weil der Kondensator Strom in Wärme umwandelt
Richtig: c)
Treibende Größe für den Strom ist die Spannungsdifferenz (U₀ − u_C), nicht U₀ allein. Mit steigendem u_C schrumpft diese Differenz, deshalb sinkt i. Eine Erwärmung von R ist im idealen Modell nicht vorgesehen, die Quelle gilt als ideal, und der Kondensator wandelt nichts in Wärme — die Verluste finden im Widerstand statt.
Was gilt im stationären Zustand nach abgeschlossenem Ladevorgang an einer Gleichspannungsquelle?
- a) i = 0 und u_C = U₀
- b) i = U₀ / R und u_C = U₀
- c) i = U₀ / R und u_C = 0
- d) i und u_C oszillieren
Richtig: a)
Wenn keine Spannungsdifferenz mehr antreibt, fließt kein Strom mehr. Der Kondensator hat die volle Quellenspannung übernommen. Eine Oszillation entsteht nur in Verbindung mit Induktivitäten (Schwingkreis), nicht im reinen RC-Kreis an Gleichspannung.
2. Die Zeitkonstante τ
Die Zeitkonstante τ ist die zentrale Kenngröße jedes RC-Vorgangs. Sie sagt, wie schnell sich der Kondensator lädt oder entlädt. Definiert ist sie ganz einfach als Produkt aus Widerstand und Kapazität:
Auf den ersten Blick sieht die Einheitenkombination Ohm mal Farad merkwürdig aus. Eine kurze Einheitenprobe zeigt aber, dass das tatsächlich Sekunden ergibt:
Anschaulich gesprochen: Ein großer Widerstand bremst den Ladestrom — der Kondensator füllt sich langsam. Eine große Kapazität braucht viele Ladungen für jedes Volt — das dauert ebenfalls. Beides verlängert τ.
Die mathematische Bedeutung von τ wird in den nächsten Kapiteln klar: Nach einer Zeit von t = τ ist der Kondensator beim Laden auf rund 63,2 % seines Endwerts angekommen. Beim Entladen sind nach τ noch 36,8 % der Anfangsspannung übrig. Diese Werte folgen direkt aus der e-Funktion (1 − 1/e ≈ 0,632 bzw. 1/e ≈ 0,368).
Für die Praxis hat sich eine Faustregel eingebürgert: Nach 5 · τ gilt der Vorgang als praktisch abgeschlossen. Der Kondensator ist dann zu über 99 % geladen oder entladen. Das ist kein Naturgesetz, sondern eine bewährte Konvention — in vielen Anwendungen rechnet man mit 5τ als „fertig“.
Typische Größenordnungen aus der Praxis:
| Anwendung | R | C | τ |
|---|---|---|---|
| Tastenentprellung | 10 kΩ | 100 nF | 1 ms |
| Glättung im Linearnetzteil | 5 Ω | 4700 µF | ≈ 24 ms |
| Anlaufkondensator Motor | wenige Ω | 20 µF | < 1 ms |
| Zwischenkreis Umrichter | 1 kΩ Entladewiderstand | 470 µF | ≈ 0,5 s |
τ = R · C
- τ … Zeitkonstante in Sekunden (s)
- R … Widerstand in Ohm (Ω)
- C … Kapazität in Farad (F)
Ω · F = (V/A) · (A·s/V) = s
Gelöstes Beispiel
Ein Kondensator mit C = 470 µF wird über einen Widerstand R = 2,2 kΩ aufgeladen. Berechne die Zeitkonstante und die Zeit, nach der der Vorgang praktisch abgeschlossen ist.
Gegeben: R = 2,2 kΩ = 2200 Ω; C = 470 µF = 470 · 10⁻⁶ F
Gesucht: τ in s, 5τ in s
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Zeitkonstante: τ = R · C = 2200 Ω · 470 · 10⁻⁶ F = 1,034 s
- Schritt 2 — Praktischer Endzustand: 5τ = 5 · 1,034 s = 5,17 s
Ergebnis: τ ≈ 1,03 s; nach rund 5,2 s ist der Kondensator zu über 99 % geladen.
Übungen
Berechne τ für R = 10 kΩ und C = 22 nF.
τ = 10000 · 22 · 10⁻⁹ s = 220 µs
Welche Kapazität ergibt mit R = 1 kΩ eine Zeitkonstante von 100 ms?
C = τ/R = 0,1 s / 1000 Ω = 100 µF
Ein RC-Glied soll nach 0,5 s zu 99 % entladen sein. Wähle R und C so, dass diese Bedingung erfüllt ist. Begründe deine Wahl.
5τ = 0,5 s → τ = 0,1 s. Zum Beispiel R = 10 kΩ und C = 10 µF. Andere Kombinationen mit R · C = 0,1 s sind ebenso korrekt.
Ein Entladewiderstand R = 470 Ω parallel zu einem Zwischenkreis-Kondensator C = 1500 µF soll den Kondensator nach Netztrennung entladen. Wie lange dauert es, bis nach Faustregel der gefährliche Bereich verlassen ist?
τ = 470 · 1500 · 10⁻⁶ s = 0,705 s. 5τ ≈ 3,5 s.
Eine Schaltung erfordert eine Zeitkonstante von genau 1,0 s. Verfügbar sind Widerstände in der E12-Reihe (… 1,0 / 1,2 / 1,5 / 1,8 / 2,2 / 2,7 / 3,3 / 3,9 / 4,7 / 5,6 / 6,8 / 8,2 kΩ) und Elkos in den Werten 220 µF, 470 µF, 1000 µF. Schlage zwei Kombinationen vor und prüfe, welche der Vorgabe am nächsten kommt.
Mit C = 470 µF: R = 1/470·10⁻⁶ ≈ 2128 Ω → 2,2 kΩ ergibt τ = 1,034 s. Mit C = 1000 µF: R ≈ 1000 Ω → 1,0 kΩ ergibt τ = 1,0 s exakt. Die zweite Variante trifft die Vorgabe genauer.
Wie verändert sich die Zeitkonstante, wenn der Vorwiderstand verdoppelt und die Kapazität gleichzeitig halbiert wird?
- a) τ vervierfacht sich
- b) τ bleibt gleich
- c) τ halbiert sich
- d) τ verdoppelt sich
Richtig: b)
τ = R · C. Bei einer Verdopplung von R und einer Halbierung von C heben sich die Faktoren auf: 2 · R · ½ · C = R · C. Die Zeitkonstante bleibt also unverändert.
Welche Aussage zur Einheit der Zeitkonstante ist richtig?
- a) Ω · F = V
- b) Ω · F = Hz
- c) Ω · F = 1/s
- d) Ω · F = s
Richtig: d)
Ein Ohm ist V/A, ein Farad ist A·s/V. Multipliziert ergibt das (V/A) · (A·s/V) = s. Die Zeitkonstante hat also tatsächlich die Einheit Sekunde.
Ein RC-Glied hat τ = 50 ms. Nach welcher Zeit gilt der Ladevorgang als praktisch abgeschlossen?
- a) Nach 250 ms
- b) Nach 100 ms
- c) Nach 50 ms
- d) Nach 500 ms
Richtig: a)
Faustregel 5 · τ: 5 · 50 ms = 250 ms. Nach 100 ms wäre der Kondensator erst auf rund 86 % seines Endwerts, nach 50 ms auf 63 %. Erst nach 5 τ erreicht der Vorgang über 99 %.
3. Spannungs- und Stromverlauf beim Laden
Mit der Zeitkonstante im Gepäck lässt sich nun der zeitliche Verlauf exakt beschreiben. Das mathematische Werkzeug ist die e-Funktion. Für die Kondensatorspannung beim Laden gilt:
Bei t = 0 ist e⁰ = 1, der Klammerausdruck wird null — die Anfangsspannung ist null. Für t → ∞ geht der Exponentialterm gegen null, und u_C nähert sich U₀. Dazwischen wächst die Spannung in der typischen, von oben gesättigten Form.
Der Strom verläuft genau spiegelbildlich. Er springt im ersten Moment auf seinen Maximalwert und fällt dann exponentiell ab:
Im Moment des Einschaltens fließt der maximale Strom I_max = U₀/R — der Kondensator wirkt im ersten Augenblick wie ein Kurzschluss. Mit zunehmender Spannung am Kondensator wird die treibende Differenz kleiner, und der Strom nimmt ab.
Wichtige Zwischenwerte beim Ladevorgang:
| Zeit | u_C in % von U₀ | i in % von I_max |
|---|---|---|
| 0 | 0 % | 100 % |
| 1 τ | 63,2 % | 36,8 % |
| 2 τ | 86,5 % | 13,5 % |
| 3 τ | 95,0 % | 5,0 % |
| 4 τ | 98,2 % | 1,8 % |
| 5 τ | 99,3 % | 0,7 % |
u_C(t) = U₀ · (1 − e^(−t/τ))
- u_C … Kondensatorspannung in V
- U₀ … angelegte Quellenspannung in V
- t … Zeit ab Beginn des Ladens in s
- τ … Zeitkonstante R · C in s
i(t) = (U₀ / R) · e^(−t/τ)
- i … Ladestrom in A
- U₀ … Quellenspannung in V
- R … Vorwiderstand in Ω
- t, τ … Zeit und Zeitkonstante in s
Gelöstes Beispiel
Ein Kondensator mit C = 100 µF wird über R = 1 kΩ an U₀ = 24 V angeschlossen. Welche Spannung liegt nach t = 50 ms an, und welcher Strom fließt in diesem Moment?
Gegeben: U₀ = 24 V; R = 1 kΩ = 1000 Ω; C = 100 µF = 100 · 10⁻⁶ F; t = 50 ms = 0,05 s
Gesucht: u_C(t) in V; i(t) in mA
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Zeitkonstante: τ = R · C = 1000 · 100 · 10⁻⁶ s = 0,1 s
- Schritt 2 — Verhältnis t/τ: t/τ = 0,05 / 0,1 = 0,5
- Schritt 3 — Kondensatorspannung: u_C = 24 V · (1 − e^(−0,5)) = 24 V · (1 − 0,6065) = 24 V · 0,3935 ≈ 9,44 V
- Schritt 4 — Strom: i = (24 V / 1000 Ω) · e^(−0,5) = 24 mA · 0,6065 ≈ 14,56 mA
Ergebnis: u_C ≈ 9,44 V; i ≈ 14,56 mA.
Übungen
Berechne u_C nach genau t = τ bei U₀ = 12 V.
u_C = 12 V · (1 − e⁻¹) = 12 V · 0,632 ≈ 7,58 V
Bei U₀ = 230 V, R = 4,7 kΩ und C = 220 µF — wie groß ist der maximale Ladestrom unmittelbar nach dem Einschalten?
I_max = U₀/R = 230 V / 4700 Ω ≈ 48,9 mA
Wann ist der Kondensator beim Laden auf 90 % seiner Endspannung gekommen?
0,9 = 1 − e^(−t/τ) → e^(−t/τ) = 0,1 → t/τ = ln(10) ≈ 2,30 → t ≈ 2,3 · τ
Ein Kondensator wird über R = 2,2 kΩ an 15 V angeschlossen. Nach 4,5 ms misst man am Kondensator 9,5 V. Wie groß ist die Kapazität?
9,5/15 = 0,633 → 1 − e^(−t/τ) = 0,633 → e^(−t/τ) = 0,367 → t/τ = ln(1/0,367) ≈ 1,003 → τ ≈ t = 4,5 ms. Daraus C = τ/R = 4,5·10⁻³ / 2200 ≈ 2,05 µF.
Ein RC-Glied mit C = 47 µF soll von 0 V auf 95 % der Quellenspannung U₀ = 24 V in höchstens 100 ms ansteigen. Welcher Vorwiderstand R ist maximal zulässig?
95 % → t ≈ 3 · τ → τ ≤ 100/3 ms ≈ 33,3 ms. R = τ/C ≤ 33,3·10⁻³ / 47·10⁻⁶ ≈ 709 Ω. Aus der E12-Reihe etwa 680 Ω wählen.
Eine Schaltung wird mit U₀ = 10 V, R = 1 kΩ und C = 100 µF betrieben. Wie groß ist der Strom unmittelbar nach dem Einschalten?
- a) 0 mA
- b) 1 mA
- c) 10 mA
- d) 100 mA
Richtig: c)
Im Einschaltmoment ist u_C noch null. Der gesamte Spannungsabfall liegt über R, also i = U₀/R = 10 V / 1000 Ω = 10 mA. Mit der Zeit sinkt dieser Wert auf null ab.
Bei welchem Zeitpunkt erreicht die Kondensatorspannung beim Laden genau 63,2 % der Endspannung?
- a) Bei t = 5 τ
- b) Bei t = τ
- c) Bei t = 2 τ
- d) Bei t = 0,5 τ
Richtig: b)
Aus u_C/U₀ = 1 − e^(−t/τ) folgt für t = τ: 1 − e⁻¹ ≈ 1 − 0,368 = 0,632. Genau dieser 63-%-Wert ist die definitorische Bedeutung von τ. Bei 5 τ sind es schon über 99 %, bei 2 τ rund 86,5 %.
Verdoppelt man die Quellenspannung U₀, ohne R und C zu ändern, wie verändert sich die Zeitkonstante?
- a) Sie vervierfacht sich
- b) Sie halbiert sich
- c) Sie verdoppelt sich
- d) Sie bleibt gleich
Richtig: d)
τ ist nur von R und C abhängig, U₀ hat keinen Einfluss. Verdoppelt man U₀, verdoppelt sich der Anfangsstrom und das Endniveau der Spannung — die Form der Kurve ändert sich aber nicht, sie ist nur höher skaliert.
4. Spannungs- und Stromverlauf beim Entladen
Beim Entladen wird der vorher auf U₀ aufgeladene Kondensator über einen Widerstand R kurzgeschlossen. Die Quelle ist abgetrennt. Treibende Kraft ist nun die im Kondensator selbst gespeicherte Spannung. Sie sinkt mit der gleichen Trägheit, mit der sie sich aufgebaut hat:
Bei t = 0 ist e⁰ = 1, also u_C = U₀. Für t → ∞ geht u_C gegen null. Dazwischen folgt die Spannung einer rein exponentiell abklingenden Kurve.
Der Strom hat denselben Verlauf, nur mit umgekehrter Richtung im Vergleich zum Laden. Sein Betrag startet bei I_max = U₀/R und sinkt exponentiell auf null:
Wichtig: u_C und i klingen beim Entladen mathematisch gleich ab. Beide folgen e^(−t/τ). Beim Laden war das anders — dort steigt u_C, während i fällt. Wer sich diesen Unterschied einprägt, vermeidet die häufigste Verwechslung der beiden Vorgänge.
Wichtige Zwischenwerte beim Entladen:
| Zeit | u_C in % von U₀ | i in % von I_max |
|---|---|---|
| 0 | 100 % | 100 % |
| 1 τ | 36,8 % | 36,8 % |
| 2 τ | 13,5 % | 13,5 % |
| 3 τ | 5,0 % | 5,0 % |
| 4 τ | 1,8 % | 1,8 % |
| 5 τ | 0,7 % | 0,7 % |
u_C(t) = U₀ · e^(−t/τ)
- u_C … Kondensatorspannung in V
- U₀ … Anfangsspannung am Kondensator in V
- t … Zeit ab Beginn des Entladens in s
- τ … Zeitkonstante R · C in s
i(t) = (U₀ / R) · e^(−t/τ)
- i … Betrag des Entladestroms in A
- U₀ … Anfangsspannung am Kondensator in V
- R … Entladewiderstand in Ω
- t, τ … Zeit und Zeitkonstante in s
Gelöstes Beispiel
Ein auf U₀ = 400 V geladener Kondensator C = 220 µF wird über einen Entladewiderstand R = 1 kΩ entladen. Welche Spannung liegt nach 0,5 s noch an?
Gegeben: U₀ = 400 V; R = 1 kΩ = 1000 Ω; C = 220 µF = 220 · 10⁻⁶ F; t = 0,5 s
Gesucht: u_C(t) in V
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Zeitkonstante: τ = R · C = 1000 · 220 · 10⁻⁶ s = 0,22 s
- Schritt 2 — Verhältnis t/τ: t/τ = 0,5 / 0,22 ≈ 2,27
- Schritt 3 — Spannung: u_C = 400 V · e^(−2,27) = 400 V · 0,1033 ≈ 41,3 V
Ergebnis: Nach einer halben Sekunde sind noch etwa 41 V vorhanden — also weiterhin gefährlich.
Übungen
Welche Restspannung hat ein Kondensator nach 3 τ Entladezeit, ausgehend von 230 V?
u_C = 230 · e⁻³ = 230 · 0,0498 ≈ 11,5 V
Ein Kondensator C = 1000 µF ist auf 60 V geladen. Wie groß ist der erste Entladestrom durch R = 100 Ω?
I_max = U₀/R = 60 V / 100 Ω = 0,6 A
Nach welcher Zeit ist die Kondensatorspannung beim Entladen auf die Hälfte abgefallen?
0,5 = e^(−t/τ) → t = τ · ln(2) ≈ 0,693 · τ
Ein Zwischenkreis ist auf 565 V geladen und entlädt sich über R = 22 kΩ und C = 470 µF. Wann unterschreitet die Spannung den als ungefährlich definierten Wert von 60 V?
τ = 22000 · 470·10⁻⁶ s = 10,34 s. 60/565 = 0,1062 → t/τ = ln(1/0,1062) ≈ 2,24 → t ≈ 23,2 s.
In einer Schaltung wird gefordert, dass nach Netztrennung die Kondensatorspannung in 5 s unter 50 V fallen muss, ausgehend von 700 V. Welche Zeitkonstante τ ist maximal zulässig?
50/700 = 0,0714 → t/τ ≥ ln(1/0,0714) ≈ 2,64 → τ ≤ 5/2,64 ≈ 1,89 s.
Ein Kondensator entlädt sich. Was unterscheidet die Kurvenformen von u_C und |i|?
- a) Sie sind identisch (gleiche mathematische Form, beide klingen mit e^(−t/τ) ab)
- b) u_C steigt, |i| fällt
- c) u_C bleibt konstant, |i| schwingt
- d) Beide steigen exponentiell an
Richtig: a)
Im Gegensatz zum Laden, wo u_C steigt und i fällt, haben beim Entladen Spannung und Strom denselben Verlauf — beide starten beim Maximum und klingen mit e^(−t/τ) ab. Der einzige praktische Unterschied ist die Stromrichtung gegenüber dem Laden.
Ein Kondensator (C = 47 µF, U₀ = 300 V) wird über R = 10 kΩ entladen. Nach welcher Zeit sind noch 100 V vorhanden?
- a) 100 ms
- b) 250 ms
- c) 517 ms
- d) 1,2 s
Richtig: c)
τ = 10000 · 47·10⁻⁶ = 0,47 s. Aus u_C/U₀ = 100/300 = 0,333 folgt t/τ = ln(3) ≈ 1,10. Also t ≈ 0,47 · 1,10 ≈ 0,517 s.
Welche der folgenden Maßnahmen verkürzt die Entladezeit am stärksten?
- a) Kapazität verdoppeln
- b) Quellenspannung halbieren
- c) Anfangsspannung halbieren
- d) Entladewiderstand auf ein Zehntel reduzieren
Richtig: d)
Die Entladezeit hängt von τ = R · C ab. Eine Reduktion von R auf 1/10 zehntelt τ und damit die Entladezeit. Eine Verdopplung von C würde τ verdoppeln (Entladezeit länger). Die Anfangs- oder Quellenspannung hat keinen Einfluss auf τ — die Kurve sieht nur „höher“ aus, fällt aber genauso schnell relativ ab.
5. Energie im Kondensator
Die Spannung am Kondensator ist nicht alles, was zählt. Mindestens genauso wichtig ist die darin gespeicherte Energie. Sie sitzt im elektrischen Feld zwischen den Platten und lässt sich aus Kapazität und Spannung berechnen:
Der quadratische Zusammenhang ist entscheidend. Eine Verdopplung der Spannung führt zu vierfacher Energie. Ein auf 400 V geladener Elko enthält 16-mal so viel Energie wie der gleiche Elko bei 100 V. Diese Eigenschaft macht aufgeladene Kondensatoren in Geräten wie Defibrillatoren oder Blitzkondensatoren wirksam — aber auch gefährlich, wenn man nichts davon weiß.
Beim Ladevorgang gibt die Quelle Energie ab — aber nicht alles davon landet im Kondensator. Ein Teil wird im Widerstand R in Wärme umgesetzt. Erstaunlicherweise gilt: Genau die Hälfte der von der Quelle gelieferten Energie geht beim Laden im Widerstand verloren, unabhängig vom Wert von R. Größer ist nur die Zeit, in der die Verluste anfallen — die Energiemenge bleibt dieselbe.
Die Gesamtenergiebilanz beim Aufladen auf U₀:
Das heißt: Beim Laden über einen rein ohmschen Widerstand ist der Wirkungsgrad immer 50 %. Wer höheren Wirkungsgrad braucht, muss anders schalten — zum Beispiel mit Schaltreglern, die statt eines Widerstands eine Spule als Energiezwischenspeicher nutzen.
W = ½ · C · U²
- W … gespeicherte Energie in Joule (J)
- C … Kapazität in Farad (F)
- U … Spannung am Kondensator in V
W_Quelle = C · U₀²
- W_Kondensator = ½ · C · U₀²
- W_R = ½ · C · U₀²
Gelöstes Beispiel
Ein Elko mit C = 4700 µF wird auf U = 50 V geladen. Wie viel Energie speichert er, und wie viel Wärme entstand dabei im Vorwiderstand?
Gegeben: C = 4700 µF = 4700 · 10⁻⁶ F; U = 50 V
Gesucht: W_Kondensator in J; W_R in J
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Gespeicherte Energie: W_C = ½ · C · U² = ½ · 4700 · 10⁻⁶ · 50² = ½ · 4700 · 10⁻⁶ · 2500 = 5,875 J
- Schritt 2 — Verlustenergie: W_R = W_C = 5,875 J (gleich groß, unabhängig vom Widerstand)
Ergebnis: W_Kondensator ≈ 5,88 J; im Vorwiderstand wurden ebenfalls 5,88 J in Wärme umgesetzt.
Übungen
Berechne die Energie eines Kondensators mit C = 220 µF bei U = 100 V.
W = ½ · 220·10⁻⁶ · 100² = 1,1 J
Auf welche Spannung muss ein Kondensator mit C = 1000 µF geladen sein, damit er 10 J speichert?
U = √(2·W/C) = √(2 · 10 / 0,001) = √20000 ≈ 141 V
Ein Blitzlicht enthält einen Kondensator mit C = 1000 µF, geladen auf 300 V. Wie groß ist die gespeicherte Energie?
W = ½ · 1000·10⁻⁶ · 300² = 45 J
Vergleiche die Energie zweier Kondensatoren: A hat C = 100 µF bei 400 V, B hat C = 400 µF bei 100 V. Welcher speichert mehr?
W_A = ½ · 100·10⁻⁶ · 160000 = 8 J. W_B = ½ · 400·10⁻⁶ · 10000 = 2 J. A speichert das Vierfache, weil die Spannung quadratisch eingeht.
Ein Kondensator wurde auf 230 V geladen und über einen Widerstand auf 50 V entladen. Welcher Anteil der ursprünglichen Energie ist noch gespeichert?
Verhältnis (50/230)² = 0,0473 → rund 4,7 %. Der Rest wurde im Entladewiderstand in Wärme umgesetzt.
Ein Kondensator mit C = 100 µF wird von 0 V auf 100 V geladen. Welche Energie liegt am Ende im Kondensator?
- a) 1 J
- b) 0,1 J
- c) 10 J
- d) 0,5 J
Richtig: d)
W = ½ · C · U² = ½ · 100·10⁻⁶ · 100² = ½ · 100·10⁻⁶ · 10000 = 0,5 J. Bei den anderen Werten wurde entweder der Faktor ½ vergessen oder mit einer falschen Spannungspotenz gerechnet.
Beim Aufladen über einen Widerstand auf U₀ entstehen im Widerstand Verluste. Wie hängen diese vom Widerstandswert R ab?
- a) Unabhängig von R — immer gleich groß wie die im Kondensator gespeicherte Energie
- b) Proportional zu R
- c) Umgekehrt proportional zu R
- d) Quadratisch mit R wachsend
Richtig: a)
Die Verlustenergie beim Aufladen beträgt immer ½ · C · U₀², egal welchen Wert R hat. Ein kleines R bedeutet kurze Ladezeit mit hohem Strom, ein großes R bedeutet lange Ladezeit mit kleinem Strom — die Wärmemenge ist in beiden Fällen identisch. Lediglich die Verlustleistung (Energie pro Zeit) unterscheidet sich.
Ein Kondensator (C = 47 µF) ist auf 300 V geladen. Welche Energie ist gespeichert?
- a) 0,7 J
- b) 4,2 J
- c) 2,1 J
- d) 14,1 J
Richtig: c)
W = ½ · 47·10⁻⁶ · 300² = ½ · 47·10⁻⁶ · 90000 = 2,115 J. Achtung: 300² = 90 000, nicht 9000.
6. Praxisanwendungen und Sicherheit
Lade- und Entladevorgänge des Kondensators sind keine Laborkuriosität, sondern bilden den Kern zahlreicher Schaltungen, mit denen Mechatroniker und Elektriker täglich zu tun haben.
Glättung in Netzteilen. Nach einer Brücken-Gleichrichtung schwankt die Spannung pulsierend mit 100 Hz. Parallel zum Verbraucher liegt ein Glättungs-Elko. Er lädt sich an den Spitzen jeder Halbwelle auf und entlädt sich in den Tälern langsam in den Verbraucher — die Restwelligkeit der Ausgangsspannung wird dadurch deutlich kleiner. Wie viel kleiner, hängt direkt von τ = R_Last · C ab.
Zeitglieder. Ein RC-Glied an einem Komparator oder einer Schmitt-Triggerschaltung bildet einen einfachen Zeitgeber. Die Ladezeit auf eine Schwellspannung bestimmt das Zeitintervall. Klassische Anwendungen sind Treppenhaus-Beleuchtung, Verzögerung beim Lüfternachlauf, Tastenentprellung und die Steuerung von Anlaufverzögerungen.
Energiespeicher mit hoher Leistung. Blitzlichter in Kameras, Studiogeräte und Defibrillatoren laden einen großen Elko langsam aus dem Netz auf und entladen ihn dann in Sekundenbruchteilen über die Blitzlampe oder die Elektroden. Die abgegebene Leistung übertrifft kurzzeitig die Anschlussleistung um ein Vielfaches — möglich nur durch den Kondensator als Pufferspeicher.
Anlaufkondensatoren an Einphasenmotoren. In einer separaten Hilfswicklung sitzt ein Kondensator, der eine Phasenverschiebung erzeugt und damit das Anlaufdrehmoment ermöglicht. Lade- und Entladevorgänge im engeren Sinn spielen hier zwar eine geringere Rolle als im Wechselstromverhalten — das Prinzip ist Stoff eines eigenen Beitrags. Aber: Defekte Anlaufkondensatoren bleiben oft aufgeladen und können beim Service einen schmerzhaften Schlag verursachen.
Restspannung in Frequenzumrichtern und Schaltnetzteilen. Im Zwischenkreis solcher Geräte sitzen Elkos im Bereich von einigen 100 µF bis mehreren mF, geladen auf Spannungen zwischen 300 V und 800 V (DC). Auch nach Trennung vom Netz bleibt diese Spannung gefährlich lange erhalten. Eingebaute Entladewiderstände sollen den Kondensator innerhalb einer definierten Zeit auf ungefährliche Werte herunterbringen. Auf den Geräten findet sich typischerweise ein Warnaufkleber mit der vorgeschriebenen Wartezeit nach Netztrennung — übliche Werte liegen zwischen einigen Minuten und einer Viertelstunde.
Welche Größe bestimmt, wie wirksam ein Glättungskondensator hinter einem Gleichrichter arbeitet?
- a) Nur die Kapazität C
- b) Die Zeitkonstante R_Last · C im Verhältnis zur Periodendauer der Welligkeit
- c) Nur der Lastwiderstand R_Last
- d) Die maximale Spannung am Kondensator
Richtig: b)
Wenn τ deutlich größer als die Periodendauer der Welligkeit ist (z. B. 20 ms bei 50 Hz oder 10 ms bei 100 Hz nach Brückengleichrichtung), bleibt die Spannung zwischen zwei Spitzen nahezu konstant. Kapazität oder Last allein sagen wenig; entscheidend ist das Verhältnis von τ zur Periode.
Warum ist die Restspannung an einem Zwischenkreis-Kondensator auch nach Netztrennung gefährlich?
- a) Weil der Wert auf der Skala falsch angezeigt wird
- b) Weil der Schutzleiter dann fehlt
- c) Weil die Schmelzsicherung neu auslöst
- d) Weil der Kondensator ohne Last langsam entlädt und je nach R · C minuten- bis viertelstundenlang gefährliche Spannungen hält
Richtig: d)
Bei großen Zwischenkreis-Elkos und hohen Spannungen ergeben die Entladewiderstände Zeitkonstanten im Bereich vieler Sekunden bis Minuten. Nach 5 τ ist die Spannung unter 1 %, vorher kann sie noch klar im gefährlichen Bereich liegen. Schutzleiter und Sicherungen haben damit nichts zu tun, der Zwischenkreis ist auch ohne Netz potentialgetrennt aufgeladen.
Was ist im Service vor der Berührung des DC-Zwischenkreises eines Frequenzumrichters unbedingt zu tun?
- a) Spannung mit Messgerät prüfen, vorgeschriebene Wartezeit einhalten und gegebenenfalls aktiv entladen
- b) Hauptschalter zweimal betätigen
- c) Anlage einen Tag stehen lassen
- d) FI-Schutzschalter ausschalten
Richtig: a)
Verbindlich ist die Messung. Wartezeit allein reicht nicht, falls Entladewiderstände defekt sind. Ein zweifaches Betätigen des Hauptschalters ändert nichts an der Restspannung, und der FI hat mit dem Zwischenkreis ohnehin nichts zu tun.
Abschlusstest
Aufgabe 1: Ein Kondensator mit C = 330 µF wird über R = 4,7 kΩ geladen. Berechne die Zeitkonstante und die Zeit, nach der der Vorgang praktisch beendet ist.
Gegeben: R = 4700 Ω; C = 330 · 10⁻⁶ F
Gesucht: τ, 5τ in s
Lösungsweg:
- τ = R · C = 4700 · 330·10⁻⁶ = 1,551 s. 5τ = 7,755 s.
Ergebnis: τ ≈ 1,55 s; 5τ ≈ 7,76 s.
Aufgabe 2: Welche Spannung liegt nach t = 2,5 ms an einem Kondensator C = 1 µF, der über R = 1 kΩ an 12 V geladen wird?
Gegeben: U₀ = 12 V; R = 1000 Ω; C = 10⁻⁶ F; t = 2,5·10⁻³ s
Gesucht: u_C(t)
Lösungsweg:
- τ = 1·10⁻³ s. t/τ = 2,5. u_C = 12 · (1 − e^(−2,5)) = 12 · (1 − 0,0821) = 12 · 0,9179 ≈ 11,01 V.
Ergebnis: u_C ≈ 11,0 V.
Aufgabe 3: Wie groß ist der Anfangsstrom beim Aufladen eines Kondensators C = 220 µF über R = 220 Ω an 24 V?
Gegeben: U₀ = 24 V; R = 220 Ω
Gesucht: I_max
Lösungsweg:
- I_max = U₀/R = 24/220 ≈ 0,109 A.
Ergebnis: I_max ≈ 109 mA.
Aufgabe 4: Ein auf U₀ = 60 V geladener Kondensator C = 470 µF wird über R = 1,5 kΩ entladen. Welche Spannung liegt nach 1 s an?
Gegeben: U₀ = 60 V; R = 1500 Ω; C = 470·10⁻⁶ F; t = 1 s
Gesucht: u_C(t)
Lösungsweg:
- τ = 0,705 s. t/τ = 1,418. u_C = 60 · e^(−1,418) ≈ 60 · 0,2422 ≈ 14,5 V.
Ergebnis: u_C ≈ 14,5 V.
Aufgabe 5: Bei welcher Zeit ist ein Kondensator beim Laden auf genau 95 % seines Endwerts gekommen?
Gegeben: u_C/U₀ = 0,95
Gesucht: t in Vielfachen von τ
Lösungsweg:
- 0,95 = 1 − e^(−t/τ) → e^(−t/τ) = 0,05 → t/τ = ln(20) ≈ 3,00.
Ergebnis: Nach etwa 3 τ ist der Kondensator zu 95 % geladen.
Aufgabe 6: Berechne die im Kondensator gespeicherte Energie bei C = 22 µF und U = 450 V.
Gegeben: C = 22·10⁻⁶ F; U = 450 V
Gesucht: W in J
Lösungsweg:
- W = ½ · 22·10⁻⁶ · 450² = ½ · 22·10⁻⁶ · 202500 ≈ 2,23 J.
Ergebnis: W ≈ 2,23 J.
Aufgabe 7: Ein Zwischenkreis-Kondensator C = 680 µF ist auf U₀ = 565 V geladen. Über einen Entladewiderstand R = 15 kΩ soll er nach Netztrennung entladen werden. Nach welcher Zeit ist die Spannung unter 60 V gesunken?
Gegeben: U₀ = 565 V; R = 15000 Ω; C = 680·10⁻⁶ F; u_C = 60 V
Gesucht: t in s
Lösungsweg:
- τ = 15000 · 680·10⁻⁶ = 10,2 s. 60/565 = 0,1062. t/τ = ln(1/0,1062) ≈ 2,24. t ≈ 22,9 s.
Ergebnis: t ≈ 22,9 s (rund 23 Sekunden).
Aufgabe 8: Eine RC-Schaltung soll als Tastenentprellung dienen. Gefordert ist, dass nach 5 ms 99 % des Endwerts erreicht sind. Wähle R, wenn C = 100 nF fest vorgegeben ist.
Gegeben: C = 100·10⁻⁹ F; 5τ ≤ 5·10⁻³ s
Gesucht: R_max
Lösungsweg:
- τ_max = 5·10⁻³/5 = 1·10⁻³ s. R_max = τ_max/C = 1·10⁻³ / 100·10⁻⁹ = 10000 Ω.
Ergebnis: R ≤ 10 kΩ. In der Praxis z. B. R = 4,7 kΩ wählen, damit Toleranzen den Wert nicht überschreiten.
Welche Zeit benötigt ein RC-Glied mit τ = 0,2 s, bis 99 % des Endwerts erreicht sind?
- a) 0,4 s
- b) 1,0 s
- c) 0,2 s
- d) 2,0 s
Richtig: b)
Nach 5 τ ist der Vorgang zu über 99 % abgeschlossen. 5 · 0,2 s = 1,0 s.
Beim Entladen eines Kondensators über einen ohmschen Widerstand verläuft der Strom betragsmäßig genauso wie:
- a) Die Quellenspannung beim Laden
- b) Die Kondensatorspannung beim Entladen
- c) Eine ansteigende Gerade
- d) Eine konstante Linie
Richtig: b)
Beim Entladen folgen u_C und |i| dem gleichen Verlauf U₀ · e^(−t/τ) bzw. I_max · e^(−t/τ). Ihre Kurven sind formgleich, nur die Werte unterscheiden sich um den Faktor 1/R.
Was passiert mit der Zeitkonstante, wenn man R verdoppelt und C ebenfalls verdoppelt?
- a) Sie bleibt gleich
- b) Sie verdoppelt sich
- c) Sie halbiert sich
- d) Sie vervierfacht sich
Richtig: d)
τ = R · C. Verdoppelt man beide Faktoren, vervierfacht sich das Produkt. Die Ladezeit wird also viermal so lang.
Ein Kondensator wird über einen Widerstand R von einer Spannungsquelle U₀ auf seinen Endwert geladen. Welcher Anteil der von der Quelle gelieferten Gesamtenergie landet als Wärme im Widerstand?
- a) 50 %
- b) 100 %
- c) Hängt von R ab
- d) 0 %, da R verlustfrei sein kann
Richtig: a)
Eine bemerkenswerte Eigenschaft des RC-Aufladevorgangs: Genau die Hälfte der von der Quelle gelieferten Energie geht im Widerstand verloren, unabhängig von dessen Wert. Ein verlustfreier Widerstand existiert per Definition nicht — er wäre kein Widerstand mehr.
Welche der folgenden Werte einer τ-Reihe ist für eine Tastenentprellung typisch?
- a) 1 µs
- b) 1 s
- c) 1 ms
- d) 1 min
Richtig: c)
Mechanische Schalter prellen typischerweise einige Millisekunden lang. Eine Zeitkonstante im Millisekundenbereich glättet diese Prellungen aus, ohne den Tastendruck träge wirken zu lassen. Mikrosekunden wären zu kurz, Sekunden bis Minuten viel zu lang.
Was misst man unmittelbar nach Trennung eines Frequenzumrichters vom Netz am DC-Zwischenkreis?
- a) 0 V, weil das Netz fehlt
- b) Die gespeicherte Kondensatorspannung, oft mehrere hundert Volt — entlädt sich gemäß e-Funktion
- c) Die Phasenspannung des Netzes
- d) Eine Wechselspannung mit 50 Hz
Richtig: b)
Der Zwischenkreis ist ein gleichgerichtetes und kondensatorgepuffertes System. Nach Netztrennung bleibt die Gleichspannung erhalten und klingt nur entsprechend der RC-Zeitkonstante der Entladewiderstände ab. Erst nach 5 τ ist sie sicher unter 1 % gefallen.
Beim Aufladen über einen Widerstand R: Wie viel Prozent der Endspannung sind nach 2 τ erreicht?
- a) 95 %
- b) 63 %
- c) 99 %
- d) 86,5 %
Richtig: d)
u_C/U₀ = 1 − e⁻² = 1 − 0,135 = 0,865. Nach zwei Zeitkonstanten sind also 86,5 % erreicht. 63 % gilt für 1 τ, 95 % für etwa 3 τ und 99 % für 5 τ.
Welche Aussage über die im Kondensator gespeicherte Energie ist korrekt?
- a) Energie und Spannung sind proportional zueinander
- b) Energie wächst linear mit der Kapazität, quadratisch mit der Spannung
- c) Energie ist unabhängig von der Spannung
- d) Energie ist nur von der Kapazität abhängig
Richtig: b)
Aus W = ½ · C · U² folgt: linear in C, quadratisch in U. Eine doppelte Spannung bedeutet vierfache Energie. Antwort a behauptet bewusst Proportionalität — das gilt nur für die Ladung Q = C · U, nicht für die Energie.
Welche Bauteilkombination liefert die kürzeste Zeitkonstante?
- a) R = 1 MΩ, C = 1 µF (τ = 1 s)
- b) R = 10 kΩ, C = 1 µF (τ = 10 ms)
- c) R = 1 kΩ, C = 1 mF (τ = 1 s)
- d) R = 100 Ω, C = 1 F (τ = 100 s)
Richtig: b)
Die Berechnungen ergeben: a) 1 s, b) 10 ms, c) 1 s, d) 100 s. Die kürzeste ist also Antwort b mit 10 ms.
Ein Kondensator wird mehrmals nacheinander geladen und entladen. Welche Aussage gilt zur Energiebilanz?
- a) Pro Zyklus wird Energie erzeugt
- b) Die Verluste pro Zyklus sind null
- c) Pro Zyklus entstehen Wärmeverluste in den Widerständen der Lade- und Entladekreise
- d) Der Kondensator nimmt nach mehreren Zyklen weniger Energie auf
Richtig: c)
In jedem Ladevorgang gehen 50 % der gelieferten Energie im Ladewiderstand verloren, im Entladevorgang wird die im Kondensator gespeicherte Energie vollständig im Entladewiderstand in Wärme umgesetzt. Energie aus dem Nichts gibt es nicht. Der Kondensator selbst nimmt im idealen Modell pro Zyklus immer die gleiche Energiemenge auf.
Ein Kondensator ist auf 100 V geladen. Nach welcher Zeit ist beim Entladen über R die Spannung auf 50 V abgesunken?
- a) 0,5 τ
- b) 1,0 τ
- c) 0,693 τ
- d) 2,0 τ
Richtig: c)
0,5 = e^(−t/τ) → t/τ = ln(2) ≈ 0,693. Dies ist die sogenannte Halbwertszeit der Entladekurve — ein Konzept, das aus dem radioaktiven Zerfall bekannt ist und mathematisch dieselbe Struktur hat.
Welche Aussage zum Anlauf eines RC-Lade-Vorgangs ist richtig?
- a) Der Strom beginnt bei null und steigt mit der Zeit
- b) Der Strom ist konstant U₀/R während des gesamten Vorgangs
- c) Der Strom springt im Einschaltmoment auf U₀/R und klingt exponentiell ab
- d) Strom und Spannung beginnen beide bei null
Richtig: c)
Beim Einschalten ist u_C = 0, die gesamte Quellenspannung treibt den Strom durch R. Im Verlauf des Ladens wächst u_C, der Spannungsabfall über R sinkt entsprechend, und der Strom klingt nach i(t) = (U₀/R) · e^(−t/τ) ab. Konstant ist er nur im Sonderfall einer idealen Stromquelle — die hier nicht vorliegt.
Glossar
- Zeitkonstante τ
- Produkt aus Widerstand und Kapazität eines RC-Glieds. Sie hat die Einheit Sekunde und bestimmt, wie schnell Lade- und Entladevorgänge ablaufen.
- Ladekurve
- Verlauf der Kondensatorspannung u_C(t) = U₀ · (1 − e^(−t/τ)) beim Aufladen eines Kondensators über einen Widerstand an Gleichspannung.
- Entladekurve
- Verlauf der Kondensatorspannung u_C(t) = U₀ · e^(−t/τ) beim Entladen eines geladenen Kondensators über einen Widerstand.
- e-Funktion
- Die Exponentialfunktion e^x mit der Eulerschen Zahl e ≈ 2,718. In der Elektrotechnik beschreibt sie Trägheits- und Zerfallsvorgänge wie das Aufladen oder Entladen von Energiespeichern.
- Zwischenkreis
- Gleichspannungsabschnitt in Geräten wie Frequenzumrichtern und Schaltnetzteilen. Er enthält große Elkos, die nach Netztrennung gefährliche Spannungen halten können.
- Entladewiderstand
- Festwiderstand, der dauerhaft parallel zu einem Zwischenkreis-Kondensator liegt und ihn nach Abschalten innerhalb einer definierten Zeit auf ungefährliche Werte entlädt.
- Glättungskondensator
- Großer Kondensator hinter einem Gleichrichter, der die pulsierende Gleichspannung über sein RC-Verhalten zu einer nahezu konstanten Gleichspannung glättet.
- Restspannung
- Spannung, die nach Abschalten eines Geräts noch an Kondensatoren anliegt und bei unbedachtem Eingriff zu einem elektrischen Schlag führen kann.
Österreichische Normen
- ÖNORM EN 60204-1: Sicherheit von Maschinen — Elektrische Ausrüstung von Maschinen. Enthält Anforderungen an die Restspannung an berührbaren Teilen nach Abschaltung; legt Grenzwerte und Wartezeiten fest, innerhalb derer der gefährliche Bereich verlassen sein muss.
- ÖNORM EN 61010-1: Sicherheitsbestimmungen für elektrische Mess-, Steuer-, Regel- und Laborgeräte. Behandelt unter anderem Kondensatoren in solchen Geräten und die Anforderungen an automatische Entladung nach Netztrennung.
- ÖNORM EN 60384-1: Festkondensatoren zur Verwendung in elektronischen Geräten — Fachgrundspezifikation. Beschreibt Prüf- und Bewertungsverfahren für Kondensatoren, einschließlich Bezeichnungen, Toleranzen und Belastbarkeiten.
