Bohren, Senken, Reiben
Ein Loch ins Werkstück bringen klingt simpel. In der Werkstatt steckt aber mehr dahinter: Erst wird gebohrt, oft danach gesenkt, und wenn es wirklich genau werden muss, kommt am Schluss die Reibahle. Drei Verfahren, die meist aufeinanderfolgen und doch jedes für sich eine eigene Aufgabe erfüllen. Wer den Unterschied versteht, greift zum richtigen Werkzeug und wählt die richtige Drehzahl – statt teure Bohrer abzubrechen oder Passungen zu versauen.
Vorwissen
- Schnittgeschwindigkeit und Drehzahl – das Verfahren wird hier nur angewendet, nicht hergeleitet
- Trenn-, Umform- und Urformverfahren im Überblick
- Längen- und Winkelmessmittel
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- die drei Verfahren Bohren, Senken und Reiben voneinander abgrenzen und ihre typische Reihenfolge an einem Werkstück benennen
- die Bohrdrehzahl aus Schnittgeschwindigkeit und Bohrerdurchmesser berechnen und passende Schnittwerte auswählen
- den richtigen Senker für eine gegebene Schraubenverbindung bestimmen
- erklären, wann eine Bohrung gerieben werden muss und wie sich die Schnittwerte beim Reiben gegenüber dem Bohren ändern
- die wichtigsten Sicherheits- und Fehlerquellen an der Bohrmaschine vermeiden
1. Spanende Bearbeitung von Bohrungen – der Überblick
Bohren, Senken und Reiben gehören alle zur spanenden Bearbeitung mit geometrisch bestimmter Schneide. Das heißt: Das Werkzeug hat klar definierte Schneiden, die in den Werkstoff eindringen und Span abheben – im Gegensatz etwa zum Schleifen, wo unzählige unbestimmte Körner arbeiten.
Warum drei getrennte Verfahren? Weil jedes eine andere Aufgabe hat:
- Bohren erzeugt das Loch überhaupt erst. Ein Spiralbohrer arbeitet sich ins volle Material und schafft eine Bohrung mit mäßiger Genauigkeit.
- Senken bearbeitet die Mündung der fertigen Bohrung – etwa um eine Senkschraube bündig versenken zu können oder um den Bohrungsrand zu entgraten.
- Reiben ist der Feinschliff: Eine bereits vorhandene Bohrung wird auf ein genaues Maß und eine glatte Oberfläche gebracht.
An einem typischen Werkstück laufen die Schritte oft genau in dieser Reihenfolge ab. Erst kommt das Loch, dann die Bearbeitung der Kante, und nur wenn die Anwendung es verlangt, folgt das Reiben. Nicht jede Bohrung braucht alle drei Schritte.
Eine Bohrung soll später als Sitz für einen Passstift dienen und braucht enges Maß sowie glatte Oberfläche. Welche Verfahrensfolge ist sinnvoll?
- a) Nur bohren, das genügt für Passstifte
- b) Bohren, dann senken
- c) Bohren, dann reiben
- d) Senken, dann reiben
Richtig: c)
Der Passstiftsitz braucht Maßgenauigkeit und glatte Oberfläche – das leistet nur das Reiben nach dem Vorbohren. Senken (b, d) bearbeitet nur die Mündung und brings keine Maßgenauigkeit über die Tiefe. Bohren allein (a) erreicht die geforderte Genauigkeit nicht.
Was kennzeichnet die „geometrisch bestimmte Schneide“ beim Bohren?
- a) Klar definierte Schneidkanten mit festgelegter Form
- b) Eine Vielzahl unbestimmt angeordneter Schleifkörner
- c) Eine glühende Schneide, die den Werkstoff aufschmilzt
- d) Eine chemisch wirkende Werkzeugfläche
Richtig: a)
Geometrisch bestimmt heißt: Lage und Form der Schneiden sind eindeutig festgelegt, wie beim Spiralbohrer. Unbestimmte Körner (b) beschreiben das Schleifen. Aufschmelzen (c) oder chemisches Abtragen (d) sind keine spanenden Verfahren mit Schneide.
2. Bohren
Das wichtigste Werkzeug ist der Spiralbohrer. Sein Name kommt von den schraubenförmig gewundenen Spannuten, durch die der Span aus dem Loch nach oben transportiert wird. An der Spitze sitzen die beiden Hauptschneiden, die den eigentlichen Span abheben. Dazwischen liegt die Querschneide – eine kurze Kante in der Bohrermitte, die nicht richtig schneidet, sondern den Werkstoff eher quetscht. Genau deshalb braucht ein Bohrer mehr Druck als man denkt, und genau deshalb bohrt man große Durchmesser vor.
Der Spitzenwinkel liegt beim Standard-Spiralbohrer für Stahl bei etwa 118°. Für harte oder zähe Werkstoffe wird er größer geschliffen, für weiche Werkstoffe wie Aluminium oder Kunststoff kleiner.
Beim Bohren laufen zwei Bewegungen zusammen: die Schnittbewegung (der Bohrer dreht sich) und die Vorschubbewegung (der Bohrer wird ins Werkstück gedrückt). Aus der Drehung ergibt sich die Schnittgeschwindigkeit an der Schneide, aus dem Vorschub, wie schnell sich der Bohrer in die Tiefe arbeitet.
Ein paar Punkte aus der Werkstattpraxis:
- Anbohren: Damit der Bohrer nicht verlauf, wird die Bohrstelle vorher gekörnt. Der Körnerpunkt gibt der Bohrerspitze Führung. Das Anreißen und Körnen ist ein Thema für sich und wird in einem eigenen Beitrag behandelt.
- Vorbohren: Bei großen Durchmessern bohrt man zuerst mit einem kleinen Bohrer vor. Das entlastet die Querschneide, die sonst nur quetscht statt schneidet, und schont die Maschine.
- Durchgangs- oder Sackloch: Beim Durchgangsloch tritt der Bohrer hinten aus – hier am Ende den Vorschub verringern, sonst reißt der Bohrer durch und es bildet sich ein Grat. Beim Sackloch (Loch mit Boden) muss die Tiefe überwacht werden.
- Kühlschmierung: Sie führt Wärme ab und spült die Späne aus. Stahl wird in der Regel gekühlt, Gusseisen oft trocken gebohrt.
Schnittwerte richtig wählen
Bevor man die Maschine einschaltet, muss die Drehzahl stimmen. Sie ergibt sich nicht zufällig, sondern aus der Schnittgeschwindigkeit – also der Geschwindigkeit, mit der sich die Schneide am Bohrerumfang durch den Werkstoff bewegt.
Die Schnittgeschwindigkeit v_c ist ein Erfahrungswert, der vom Werkstoff und vom Schneidstoff abhängt. Sie steht in Tabellen: weiche Werkstoffe und schnittfreudige Schneidstoffe erlauben hohe Werte, harte Werkstoffe verlangen niedrige. Diesen Wert gibt man also vor – berechnet wird daraus die Drehzahl.
Der Zusammenhang am Bohrer:
v_c = (d * π * n) / 1000
- v_c … Schnittgeschwindigkeit in m/min
- d ….. Bohrerdurchmesser in mm
- n ….. Drehzahl in 1/min
- π ….. Kreiszahl, rund 3,1416
Stellt man nach der gesuchten Drehzahl um:
n = (v_c * 1000) / (d * π)
- n ….. Drehzahl in 1/min
- v_c … Schnittgeschwindigkeit in m/min
- d ….. Bohrerdurchmesser in mm
- π ….. Kreiszahl, rund 3,1416
Daraus folgt eine Faustregel, die man sich merken sollte: Je größer der Bohrer, desto kleiner die Drehzahl. Der Durchmesser steht im Nenner. Ein kleiner Bohrer dreht schnell, ein großer langsam – sonst läuft die Schneide am Umfang viel zu schnell und überhitzt.
Der Vorschub f (in mm pro Umdrehung) wird ebenfalls aus Tabellen gewählt und wächst tendenziell mit dem Bohrerdurchmesser. Bei der Handbohrmaschine spürt man den Vorschub im Druck auf den Hebel, bei der CNC-Maschine ist er programmiert.
Was passiert bei falschen Werten? Zu hohe Drehzahl lässt die Schneide überhitzen – der Bohrer verliert seine Härte, die Schneide wird stumpf, im schlimmsten Fall verfärbt sich die Bohrerspitze blau. Zu niedrige Drehzahl kostet Zeit und kann den Bohrer beim Verkanten brechen lassen. Falscher Vorschub führt zu schlechter Oberfläche oder ebenfalls zum Bruch.
Gelöstes Beispiel
Ein Stahlteil soll mit einem Spiralbohrer von 10 mm Durchmesser gebohrt werden. Für die Werkstoff-Schneidstoff-Paarung wird eine Schnittgeschwindigkeit von 30 m/min vorgegeben. Welche Drehzahl ist einzustellen?
Gegeben: v_c = 30 m/min, d = 10 mm
Gesucht: Drehzahl n in 1/min
Lösungsweg:
- Formel nach n umstellen: n = (v_c * 1000) / (d * π)
- Werte einsetzen: n = (30 * 1000) / (10 * 3,1416) -> n = 30000 / 31,416
Ergebnis: n ≈ 955 1/min. An der Maschine wählt man die nächstniedrigere Stufe.
Übungen
Ein Bohrer mit 5 mm Durchmesser soll mit einer Schnittgeschwindigkeit von 25 m/min arbeiten. Berechne die Drehzahl.
n = (25 · 1000) / (5 · 3,1416) ≈ 1592 1/min.
Aluminium erlaubt eine hohe Schnittgeschwindigkeit von 60 m/min. Mit einem 8-mm-Bohrer – welche Drehzahl ergibt sich?
n = (60 · 1000) / (8 · 3,1416) ≈ 2387 1/min.
An einer Maschine ist die Drehzahl auf 700 1/min eingestellt, der Bohrer hat 12 mm Durchmesser. Welche Schnittgeschwindigkeit liegt tatsächlich an?
v_c = (12 · 3,1416 · 700) / 1000 ≈ 26,4 m/min.
Für einen 16-mm-Bohrer in Stahl ist v_c = 28 m/min vorgesehen. Berechne die Drehzahl und vergleiche sie mit der Drehzahl eines 4-mm-Bohrers bei gleicher Schnittgeschwindigkeit.
16 mm: n = (28 · 1000) / (16 · 3,1416) ≈ 557 1/min. 4 mm: n = (28 · 1000) / (4 · 3,1416) ≈ 2228 1/min. Der kleine Bohrer dreht rund viermal so schnell – passend zum Durchmesserverhältnis 16:4.
Eine Bohrung in Edelstahl soll mit v_c = 12 m/min und einem 6,8-mm-Bohrer (Kernloch für ein M8-Gewinde) gebohrt werden. Welche Drehzahl ist nötig, und warum liegt sie so niedrig?
n = (12 · 1000) / (6,8 · 3,1416) ≈ 562 1/min. Edelstahl ist zäh und neigt zur Kaltverfestigung – die niedrige Schnittgeschwindigkeit hält die Schneide kühl und verhindert vorzeitigen Verschleiß.
Warum muss ein 20-mm-Bohrer deutlich langsamer drehen als ein 5-mm-Bohrer, wenn beide dieselbe Schnittgeschwindigkeit haben sollen?
- a) Weil bei gleichem v_c und größerem Durchmesser die Drehzahl sinken muss
- b) Weil ein großer Bohrer mehr Späne erzeugt
- c) Weil große Bohrer aus weicherem Material bestehen
- d) Weil die Querschneide bei großen Bohrern fehlt
Richtig: a)
In der Formel n = (v_c · 1000) / (d · π) steht der Durchmesser im Nenner. Bei festem v_c und größerem d wird n kleiner – das ist reine mathematik der Formel. Die Spanmenge (b) ändert nichts an dieser Beziehung, das Bohrermaterial (c) ist unabhängig, und die Querschneide (d) ist bei großen Bohrern besonders ausgeprägt, nicht weg.
Welche Folge hat eine zu hoch gewählte Drehzahl beim Bohren in Stahl?
- a) Der Bohrer dringt gar nicht ins Material ein
- b) Die Schnittgeschwindigkeit wird zu niedrig
- c) Die Schneide überhitzt und verliert ihre Härte
- d) Der Vorschub steigt automatisch mit
Richtig: c)
Hohe Drehzahl bedeutet hohe Schnittgeschwindigkeit an der Schneide, dadurch starke Wärmeentwicklung – die Schneide wird weich und stumpf, oft sichtbar an blauer Anlassfarbe. Antwort (b) ist das Gegenteil. Eindringen (a) findet sehr wohl statt, nur mit Schaden. Der Vorschub (d) ist eine unabhängig eingestellte Größe.
Wozu dient das Vorbohren mit einem kleineren Bohrer vor dem Bohren eines großen Durchmessers?
- a) Um den Bohrer zu kühlen
- b) Um den Spitzenwinkel zu vergrößern
- c) Um auf das Körnen verzichten zu können
- d) Um die quetschende Querschneide zu entlasten
Richtig: d)
Die Querschneide in der Bohrermitte schneidet kaum, sie quetscht und braucht hohen Druck. Eine kleinere Vorbohrung schafft Platz, sodass beim großen Bohrer die Hauptschneiden arbeiten und die Querschneide ins Leere läuft. Kühlung (a) ist Aufgabe des Schmiermittels, der Spitzenwinkel (b) ist eine feste Schliffgröße, und gekörnt wird unabhängig vom Vorbohren (c).
3. Senken
Senken bearbeitet nicht die Tiefe, sondern die Mündung einer schon vorhandenen Bohrung. Drei Aufgaben kommen in der Praxis am häufigsten vor: einen Schraubenkopf versenken, eine ebene Auflagefläche schaffen oder den Bohrungsrand entgraten.
Welcher Senker dafür zuständig ist, hängt von der Schraube und vom Zweck ab:
- Der Kegelsenker hat eine kegelige Schneidfläche, typisch mit 90° Spitzenwinkel. Er passt zur Senkkopfschraube, deren Kopf ebenfalls kegelig ist. Nach dem Senken sitzt der Schraubenkopf bündig in der Fläche – nichts steht über. Derselbe Kegelsenker, nur kurz angesetzt, ist auch das übliche Werkzeug zum Entgraten von Bohrungsrändern.
- Der Flachsenker (auch Plansenker) erzeugt eine ebene, kreisrunde Vertiefung mit flachem Boden. Er wird gebraucht, wenn ein Zylinderkopf-Schraubenkopf versenkt werden soll oder wenn eine raue Gussfläche eine plane Auflage für Kopf oder Mutter braucht. Viele Flachsenker haben einen Führungszapfen, der in der vorhandenen Bohrung läuft und den Senker zentriert.
Der entscheidende Unterschied zum Bohren: Ein Bohrer geht ins volle Material und macht das Loch. Ein Senker setzt eine bereits vorhandene Bohrung voraus und bearbeitet nur deren oberen Bereich. Senken läuft mit deutlich niedrigerer Drehzahl als Bohren – die größere Schneidfläche und der Wunsch nach sauberer Oberfläche verlangen es.
Damit der Schraubenkopf am Ende exakt bündig sitzt, müssen Senkdurchmesser und Senkwinkel zum Kopf passen. Diese Abmessungen sind nicht frei wählbar, sondern für Senkschrauben in Tabellenwerken festgelegt – etwa nach ÖNORM EN ISO 10642 für Senkschrauben mit Innensechskant. Aus solchen Tabellen entnimmt man, wie tief und wie weit zu senken ist. Die folgende Darstellung zeigt das Prinzip einer 90°-Kegelsenkung.
Eine Senkkopfschraube soll bündig in einem Blech sitzen. Welches Werkzeug bereitet die Bohrung dafür vor?
- a) Flachsenker mit Führungszapfen
- b) Kegelsenker mit 90°
- c) Reibahle
- d) Spiralbohrer mit großem Spitzenwinkel
Richtig: b)
Der kegelige Kopf der Senkkopfschraube passt in eine kegelige Senkung – dafür ist der 90°-Kegelsenker das richtige Werkzeug. Der Flachsenker (a) erzeugt einen flachen Boden für Zylinderkopfschrauben. Die Reibahle (c) bringt Maßgenauigkeit in zylindrische Bohrungen. Ein Bohrer (d) erzeugt keine saubere Senkfläche für den Kopf.
Worin liegt der grundsätzliche Unterschied zwischen Bohren und Senken?
- a) Senken erzeugt das Loch, Bohren bearbeitet die Mündung
- b) Beim Senken dreht das Werkzeug schneller als beim Bohren
- c) Senken kommt ohne Schneide aus
- d) Bohren geht ins volle Material, Senken bearbeitet eine vorhandene Bohrung
Richtig: d)
Der Bohrer schafft das Loch im vollen Werkstoff, der Senker setzt eine fertige Bohrung voraus und bearbeitet deren oberen Bereich. Antwort (a) vertauscht beides. Senken läuft langsamer, nicht schneller (b), und arbeitet ebenfalls mit geometrisch bestimmter Schneide (c).
Wofür wird ein Flachsenker typischerweise eingesetzt?
- a) Zum Versenken kegeliger Schraubenköpfe
- b) Zum Reiben einer Passung
- c) Zum Schaffen einer ebenen Auflagefläche für einen Zylinderkopf
- d) Zum Vorbohren großer Durchmesser
Richtig: c)
Der Flachsenker erzeugt einen flachen Boden – ideal als plane Auflage für Zylinderkopfschrauben oder auf rauen Gussflächen. Kegelige Köpfe (a) brauchen den Kegelsenker. Reiben (b) und Vorbohren (d) sind völlig andere Verfahren.
4. Reiben
Manche Bohrungen müssen genauer sein, als ein Bohrer es schafft. Ein gebohrtes Loch hat eine begrenzte Maßgenauigkeit und eine eher raue Wand. Sobald ein Lagersitz, eine Passung oder die Aufnahme für einen Passstift gefragt ist, reicht das nicht. Dann kommt die Reibahle.
Die Reibahle ist ein Werkzeug mit vielen Schneiden am Umfang, das eine vorgebohrte Bohrung auf ihr endgültiges Maß bringt und die Oberfläche glättet. Sie trägt nur eine geringe Materialmenge ab – das Aufmaß liegt im Bereich von wenigen Zehntel Millimetern. Genau deshalb muss vorher passend vorgebohrt werden: zu viel Aufmaß überlastet die Reibahle, zu wenig führt zum Rattern.
Es gibt Handreibahlen, die mit einem Windeisen von Hand gedreht werden, und Maschinenreibahlen für die Bohrmaschine. Worauf es bei beiden ankommt:
- Niedrige Drehzahl, hoher Vorschub. Das ist der zentrale Unterschied zum Bohren. Eine Faustregel aus der Praxis: Die Reibdrehzahl liegt etwa bei der Hälfte bis einem Drittel der entsprechenden Bohrdrehzahl, der Vorschub dagegen wird höher gewählt als beim Bohren. Eine zu hohe Drehzahl zerstört die Reibahle und verschlechtert die Oberfläche.
- Gleichmäßig drehen, niemals zurückdrehen. Wird die Reibahle gegen die Schnittrichtung gedreht, beschädigen die Späne die feinen Schneiden. Beim Herausziehen wird in Schnittrichtung weitergedreht.
- Gut schmieren. Kühlschmierstoff sorgt für die glatte Oberfläche und schont die Schneiden.
Mit dem Reiben erreicht man eine deutlich bessere Maßgenauigkeit und Oberflächengüte als mit dem reinen Bohren – die Voraussetzung für funktionierende Passungen. Welche Toleranzen und Passungen es im Einzelnen gibt, ist ein eigenes Thema und wird gesondert behandelt; hier zählt: Reiben ist das Verfahren, mit dem man die Bohrung passgenau macht.
Eine Bohrung wurde mit 800 1/min gebohrt und soll anschließend mit gleichem Durchmesser gerieben werden. Welche Reibdrehzahl ist nach der Praxis-Faustregel sinnvoll?
- a) Etwa 1600 1/min
- b) Etwa 800 1/min, also unverändert
- c) Etwa 250 bis 400 1/min
- d) So hoch wie möglich für glatte Oberfläche
Richtig: c)
Die Faustregel lautet rund ein Halb bis ein Drittel der Bohrdrehzahl – aus 800 1/min werden also grob 250 bis 400 1/min. Höhere Drehzahlen (a, b, d) überhitzen und zerstören die feinen Schneiden und verschlechtern gerade die Oberfläche, statt sie zu verbessern.
Warum darf eine Reibahle beim Herausziehen nicht zurückgedreht werden?
- a) Weil die Späne die feinen Schneiden beschädigen
- b) Weil sonst die Bohrung zu groß wird
- c) Weil sich sonst der Vorschub umkehrt
- d) Weil die Drehzahl dann zu hoch wird
Richtig: a)
Dreht man gegen die Schnittrichtung, drücken sich Späne zwischen Schneide und Werkstoffwand und beschädigen die empfindlichen Schneidkanten. Das Maß (b) ändert sich dadurch nicht systematisch, und Vorschub (c) wie Drehzahl (d) sind unabhängig eingestellte Größen.
Welche Anforderung macht das Reiben einer Bohrung überhaupt erst notwendig?
- a) Ein einfaches Durchgangsloch für eine Schraube
- b) Eine bündig versenkte Senkkopfschraube
- c) Ein spielfreier Sitz für ein Wälzlager
- d) Das Entgraten des Bohrungsrandes
Richtig: c)
Ein Lagersitz braucht enges Maß und glatte Oberfläche – das leistet nur das Reiben. Das Durchgangsloch (a) wird nur gebohrt, die Senkkopfschraube (b) verlangt Senken, und das Entgraten (d) erledigt ein Kegelsenker. Keine dieser drei Anforderungen braucht die Maßgenauigkeit des Reibens.
5. Sicherheit und typische Fehler an der Bohrmaschine
Beim Arbeiten an der Bohrmaschine wirken hohe Kräfte und Drehmomente. Ohne die passenden Schutzmaßnahmen kommt es hier schnell zu schweren Unfällen. Die wichtigsten Regeln:
- Werkstück immer spannen. Niemals von Hand halten. Bleibt der Bohrer im Werkstück hängen, reißt die Maschine das Teil herum – ein Blech wird dann zur rotierenden Klinge. Schraubstock, Spanneisen oder Maschinenschraubstock benutzen.
- Keine Handschuhe an der rotierenden Spindel. Ein Handschuh wird vom Bohrer erfasst und zieht die Hand mit hinein. Das gilt auch für lose Ärmel, Krawatten, Ketten und offene lange Haare – alles, was sich aufwickeln kann.
- Späne niemals mit der Hand entfernen. Bohrspäne sind scharf und oft heiß. Spanhaken oder Pinsel verwenden, und nur bei stillstehender Maschine.
- Schutzbrille tragen. Späne fliegen, gerade bei Guss und spröden Werkstoffen.
- Bohrer richtig und fest spannen. Ein schlecht gespannter Bohrer schlägt, läuft unrund oder löst sich. Bohrfutterschlüssel nach dem Spannen sofort abziehen – steckt er beim Einschalten noch im Futter, wird er weggeschleudert.
Warum ist es gefährlich, beim Bohren Handschuhe zu tragen?
- a) Die Handschuhe verschmutzen das Werkstück
- b) Der Handschuh kann erfasst und die Hand mitgezogen werden
- c) Handschuhe verringern die Bohrgenauigkeit
- d) Handschuhe leiten die Wärme des Bohrers
Richtig: b)
Ein vom Bohrer erfasster Handschuh wickelt sich auf und zieht die Hand in die Maschine – eine schwere Verletzungsgefahr. Verschmutzung (a) und Genauigkeit (c) sind keine Sicherheitsfragen, und die Wärmeleitung (d) spielt für die Gefährdung keine Rolle.
Ein Blechteil wird beim Bohren nur mit der Hand gehalten und der Bohrer bleibt beim Durchbruch hängen. Was ist die unmittelbare Gefahr?
- a) Das Blech wird herumgerissen und verletzt die Hand
- b) Der Bohrer wird zu langsam
- c) Eine Bohrung wird unrund
- d) Die Maschine schaltet automatisch ab
Richtig: a)
Bleibt der Bohrer im Durchbruch hängen, überträgt sich das Drehmoment auf das ungespannte Blech – es wird zur rotierenden Klinge. Deshalb gilt: immer spannen. Eine unrunde Bohrung (c) wäre das kleinste Problem, ein automatisches Abschalten (d) gibt es bei einfachen Maschinen nicht, und langsamer (b) wird der Bohrer dabei nicht.
Woran erkennt man beim Bohren in Stahl, dass der Bohrer stumpf ist oder zu heiß läuft?
- a) Die Späne werden besonders lang und gleichmäßig
- b) Der Bohrer quietscht, zieht nicht mehr und läuft heiß
- c) Die Drehzahl steigt von selbst
- d) Das Werkstück wird kälter
Richtig: b)
Ein stumpfer oder überhitzter Bohrer reibt statt zu schneiden – er quietscht, braucht mehr Druck und wird heiß, oft mit Verfärbung. Lange gleichmäßige Späne (a) sind gerade ein Zeichen für gutes Schneiden. Drehzahl (c) und Werkstücktemperatur (d) verhalten sich genau gegenteilig zur Behauptung.
Abschlusstest
Aufgabe 1: Ein Spiralbohrer mit 7 mm Durchmesser soll in Stahl mit einer Schnittgeschwindigkeit von 28 m/min arbeiten.
Gegeben: v_c = 28 m/min, d = 7 mm
Gesucht: Drehzahl n in 1/min
Lösungsweg:
- n = (v_c · 1000) / (d · π) = (28 · 1000) / (7 · 3,1416) = 28000 / 21,99
Ergebnis: n ≈ 1273 1/min
Aufgabe 2: An einer Säulenbohrmaschine ist die nächstniedrigere wählbare Stufe 1120 1/min. Welche Schnittgeschwindigkeit liegt mit dem 7-mm-Bohrer aus Aufgabe 1 dann tatsächlich an?
Gegeben: n = 1120 1/min, d = 7 mm
Gesucht: tatsächliche v_c in m/min
Lösungsweg:
- v_c = (d · π · n) / 1000 = (7 · 3,1416 · 1120) / 1000 = 24631 / 1000
Ergebnis: v_c ≈ 24,6 m/min – etwas niedriger als der Tabellenwert, was unkritisch ist.
Aufgabe 3: Ein 14-mm-Bohrer soll in Aluminium mit v_c = 55 m/min laufen.
Gegeben: v_c = 55 m/min, d = 14 mm
Gesucht: Drehzahl n in 1/min
Lösungsweg:
- n = (55 · 1000) / (14 · 3,1416) = 55000 / 43,98
Ergebnis: n ≈ 1250 1/min
Aufgabe 4: Eine Bohrung wurde mit 900 1/min gebohrt und soll gerieben werden. Welcher Drehzahlbereich ist nach der Faustregel (ein Halb bis ein Drittel) zu wählen?
Gegeben: n_bohr = 900 1/min
Gesucht: Reibdrehzahlbereich
Lösungsweg:
- Hälfte = 900 / 2 = 450 1/min
- Drittel = 900 / 3 = 300 1/min
Ergebnis: rund 300 bis 450 1/min
Welche Aussage zum Spiralbohrer ist korrekt?
- a) Die Querschneide ist die schärfste Schneide des Bohrers
- b) Die Spannuten transportieren den Span aus dem Loch
- c) Der Spitzenwinkel für Stahl beträgt rund 60°
- d) Die Hauptschneiden sitzen am Schaft
Richtig: b)
Die schraubenförmigen Spannuten führen den Span nach oben aus der Bohrung. Die Querschneide (a) quetscht eher, als dass sie schneidet. Der Spitzenwinkel für Stahl liegt bei rund 118°, nicht 60° (c). Die Hauptschneiden (d) sitzen an der Spitze, nicht am Schaft.
Bei welcher Anforderung ist das Reiben unverzichtbar?
- a) Bündiges Versenken einer Senkkopfschraube
- b) Entgraten eines Bohrungsrandes
- c) Maßgenauer, glatter Sitz für einen Passstift
- d) Schnelles Durchgangsloch in Blech
Richtig: c)
Nur der Passstiftsitz (c) verlangt die enge Toleranz und glatte Oberfläche, die das Reiben liefert. Versenken (a) und Entgraten (b) sind Aufgaben des Senkers, das einfache Durchgangsloch (d) wird nur gebohrt.
Ein großer Bohrer dreht bei gleicher Schnittgeschwindigkeit langsamer als ein kleiner. Worauf beruht das?
- a) Auf dem größeren Gewicht des Bohrers
- b) Auf der höheren Reibung großer Bohrer
- c) Auf dem kleineren Spitzenwinkel großer Bohrer
- d) Auf dem Durchmesser im Nenner der Drehzahlformel
Richtig: d)
In n = (v_c · 1000) / (d · π) steht d im Nenner – größerer Durchmesser, kleinere Drehzahl. Gewicht (a) und Reibung (b) ändern an dieser Beziehung nichts, und der Spitzenwinkel (c) hängt vom Werkstoff ab, nicht direkt vom Durchmesser.
Welcher Senker schafft eine ebene Auflagefläche mit flachem Boden?
- a) Flachsenker
- b) Kegelsenker 90°
- c) Handreibahle
- d) Spiralbohrer
Richtig: a)
Der Flachsenker erzeugt einen flachen Boden, etwa für Zylinderkopfschrauben oder als plane Auflage. Der Kegelsenker (b) macht eine kegelige Senkung, die Reibahle (c) glättet zylindrische Bohrungen, und der Bohrer (d) erzeugt das Loch.
Warum wird ein großer Durchmesser oft vorgebohrt?
- a) Um die Kühlschmierung zu sparen
- b) Um die quetschende Querschneide zu entlasten
- c) Um die Schnittgeschwindigkeit zu erhöhen
- d) Um den Span länger zu machen
Richtig: b)
Die Vorbohrung schafft Platz, sodass die Querschneide des großen Bohrers ins Leere läuft und nur die Hauptschneiden arbeiten. Mit Kühlung (a), Schnittgeschwindigkeit (c) oder Spanlänge (d) hat das nichts zu tun.
Was ist die richtige Reaktion, wenn ein Bohrer in Stahl quietscht, nicht mehr zieht und heiß wird?
- a) Mehr Druck auf den Vorschubhebel geben
- b) Die Drehzahl weiter erhöhen
- c) Ohne Kühlung weiterarbeiten, um Zeit zu sparen
- d) Bohrer prüfen, nachschärfen oder wechseln und Kühlung sicherstellen
Richtig: d)
Die Anzeichen sprechen für einen stumpfen oder überhitzter Bohrer – mehr Druck (a) oder höhere Drehzahl (b) verschlimmern das. Richtig ist, den Bohrer zu prüfen und zu kühlen (d). Trockenbohren in Stahl (c) ist gerade die Ursache des Problems.
Welche Drehzahl ist für einen 10-mm-Bohrer bei v_c = 30 m/min korrekt?
- a) Rund 480 1/min
- b) Rund 955 1/min
- c) Rund 1910 1/min
- d) Rund 3000 1/min
Richtig: b)
n = (30 · 1000) / (10 · 3,1416) ≈ 955 1/min. Antwort (a) wäre etwa ein halb so hoher, (c) ein doppelt so hoher Wert – beide passen nicht zur Formel, ebensowenig (d).
Welches Verhalten ist beim Reiben falsch?
- a) Beim Herausziehen zurückdrehen
- b) Gleichmäßig in Schnittrichtung drehen
- c) Niedrige Drehzahl wählen
- d) Gut schmieren
Richtig: a)
Zurückdrehen (a) beschädigt die feinen Schneiden durch eingeklemmte Späne und ist deshalb verboten. Gleichmäßiges Drehen (b), niedrige Drehzahl (c) und gute Schmierung (d) sind genau richtig.
Welche Sicherheitsregel an der Bohrmaschine ist korrekt?
- a) Späne bei laufender Maschine mit der Hand wegwischen
- b) Werkstück bei kleinen Bohrungen ruhig von Hand halten
- c) Bohrfutterschlüssel nach dem Spannen sofort abziehen
- d) Bei feinen Arbeiten Handschuhe tragen
Richtig: c)
Ein im Futter steckender Schlüssel wird beim Einschalten weggeschleudert – deshalb sofort abziehen (c). Späne von Hand (a), Werkstück von Hand halten (b) und Handschuhe (d) sind allesamt gefährlich und verboten.
Ein Kernloch für ein M8-Gewinde (6,8 mm) soll in zähem Edelstahl mit v_c = 12 m/min gebohrt werden. Welche Drehzahl ist sinnvoll und warum so niedrig?
- a) Rund 2200 1/min, weil Edelstahl schnell zerspant werden muss
- b) Rund 1500 1/min, weil der kleine Durchmesser hohe Drehzahl erlaubt
- c) Rund 100 1/min, weil Edelstahl extrem hart ist
- d) Rund 560 1/min, weil die niedrige Schnittgeschwindigkeit die Schneide kühl hält
Richtig: d)
n = (12 · 1000) / (6,8 · 3,1416) ≈ 562 1/min. Edelstahl ist zäh und neigt zur Kaltverfestigung, die niedrige v_c hält die Schneide kühl (d). Die hohen Werte (a, b) würden die Schneide überhitzen, der sehr niedrige Wert (c) ist unnötig langsam – maßgeblich ist die niedrige Schnittgeschwindigkeit, nicht eine extreme Härte.
Glossar
- Spiralbohrer
- Standardbohrwerkzeug mit schraubenförmigen Spannuten, zwei Hauptschneiden und einer Querschneide in der Mitte.
- Querschneide
- Kurze Schneide in der Bohrermitte, die den Werkstoff eher quetscht als schneidet und beim Bohren hohen Druck verlangt.
- Spannut
- Schraubenförmige Nut am Bohrer, die den Span aus der Bohrung nach oben transportiert.
- Spitzenwinkel
- Winkel zwischen den beiden Hauptschneiden an der Bohrerspitze; für Stahl rund 118°.
- Schnittgeschwindigkeit
- Geschwindigkeit, mit der sich die Schneide am Werkzeugumfang durch den Werkstoff bewegt, angegeben in m/min; werkstoffabhängiger Tabellenwert.
- Vorschub
- Strecke, um die das Werkzeug pro Umdrehung in die Tiefe vordringt, angegeben in mm pro Umdrehung.
- Kegelsenker
- Senkwerkzeug mit kegeliger Schneidfläche, typisch 90°, zum bündigen Versenken von Senkkopfschrauben und zum Entgraten.
- Flachsenker
- Senkwerkzeug mit flachem Boden, oft mit Führungszapfen, für ebene Auflageflächen und das Versenken von Zylinderkopfschrauben.
- Reibahle
- Werkzeug mit mehreren Umfangsschneiden, das eine vorgebohrte Bohrung auf genaues Maß und glatte Oberfläche bringt.
- Aufmaß
- Geringe Materialmenge von wenigen Zehntel Millimetern, die beim Reiben gegenüber der Vorbohrung abgetragen wird.
