Selbstinduktion und Energiespeicherung

Schalte eine Spule ein, und der Strom springt nicht sofort auf seinen Endwert – er steigt langsam an. Schalte sie ab, und es kann gefährlich knallen, Funken springen am Schalter über. Beides hat denselben Grund: Die Spule wehrt sich gegen jede Änderung ihres Stroms. Dieser Effekt heißt Selbstinduktion, und er hängt eng damit zusammen, dass eine Spule Energie in ihrem Magnetfeld speichert. Wer das verstanden hat, weiß, warum eine induktive Last – ein Verbraucher, dessen Verhalten maßgeblich durch ein Magnetfeld bestimmt wird, etwa ein Motor, ein Schütz oder eine Drossel – so eigen ist und warum man sie nicht einfach hart abschalten darf.

Vorwissen

  • Das magnetische Feld
  • Spule – Aufbau und Induktivität
  • Elektromagnetische Induktion

Lernziele

Nach diesem Beitrag kannst du:

  • erklären, wie und warum in einer Spule durch eine Stromänderung eine Spannung in ihr selbst entsteht
  • die selbstinduzierte Spannung aus Induktivität und Stromänderungsgeschwindigkeit berechnen
  • den zeitlichen Verlauf von Strom und Spannung beim Ein- und Ausschalten beschreiben und die Zeitkonstante bestimmen
  • die im Magnetfeld einer Spule gespeicherte Energie berechnen
  • erklären, warum beim Abschalten induktiver Lasten Überspannungen entstehen und wie man sie beherrscht

1. Selbstinduktion – warum sich eine Spule gegen Stromänderung wehrt

Eine Spule ist im einfachsten Fall nur ein aufgewickelter Draht. Fließt Strom hindurch, baut sich rund um die Wicklung ein Magnetfeld auf. So weit nichts Neues. Spannend wird es, wenn sich dieser Strom ändert.

Ändert sich the Strom, ändert sich auch das Magnetfeld der Spule. Und ein sich änderndes Magnetfeld erzeugt in jeder Leiterschleife, die es durchsetzt, eine Spannung – das ist das Grundprinzip der elektromagnetischen Induktion. Der Clou bei der Spule: Das eigene Magnetfeld durchsetzt die eigenen Windungen. Die Spule induziert also eine Spannung in sich selbst. Genau das meint der Begriff Selbstinduktion.

Die entscheidende Frage ist die Richtung dieser Spannung. Hier hilft die Lenzsche Regel: Die induzierte Spannung wirkt immer so, dass sie ihrer Ursache entgegenwirkt. Bei der Spule heißt das konkret:

  • Steigt der Strom, baut die Selbstinduktion eine Spannung auf, die den Stromanstieg bremst.
  • Sinkt der Strom, baut die Selbstinduktion eine Spannung auf, die den Strom aufrechtzuerhalten versucht.

Die Spule wirkt also wie eine Art elektrischer Trägheit. So wie eine schwere Masse nicht ruckartig beschleunigt werden kann, lässt sich der Strom durch eine Spule nicht ruckartig ändern. Die dabei in der Spule entstehende Spannung nennt man Selbstinduktionsspannung oder, weil sie der Ursache entgegenwirkt, oft auch Gegenspannung.

Wie groß diese Spannung ist, hängt von zwei Dingen ab: von der Induktivität der Spule und davon, wie schnell sich der Strom ändert.

u_L = L * (di / dt)

  • u_L … selbstinduzierte Spannung in Volt
  • L ….. Induktivität in Henry
  • di/dt . Stromänderung pro Zeit in Ampere pro Sekunde

Der Ausdruck di/dt ist nichts Mysteriöses: Er steht für die Geschwindigkeit der Stromänderung. Ändert sich der Strom um 2 Ampere innerhalb von 1 Millisekunde, ist di/dt gleich 2 A geteilt durch 0,001 s, also 2000 A/s. Je steiler die Stromänderung, desto höher die induzierte Spannung. Das Minuszeichen, das in der Physik oft vor dieser Formel steht, drückt nur die entgegenwirkende Richtung nach der Lenzschen Regel aus – für die Berechnung des Betrags lassen wir es hier weg.

Wichtig ist die Konsequenz: Bei konstantem Strom (di/dt = 0) ist die Selbstinduktionsspannung null. Eine Spule „merkt“ nur Änderungen. Im stationären Zustand, wenn sich nichts mehr ändert, verhält sie sich für den Gleichstrom wie ein simpler Draht mit seinem ohmschen Wicklungswiderstand.

Durch eine Spule fließt ein konstanter Gleichstrom von 3 A. Welche Selbstinduktionsspannung entsteht in dieser Spule?

  • a) Eine konstante Spannung proportional zum Strom
  • b) Keine, da sich der Strom nicht ändert
  • c) Eine Spannung proportional zur Induktivität
  • d) Eine ständig steigende Spannung

Richtig: b)

Die Selbstinduktionsspannung folgt aus u_L = L * (di/dt). Bei konstantem Strom ist die Stromänderung di/dt gleich null, also ist auch die induzierte Spannung null. Die Höhe des Stroms selbst spielt dafür keine Rolle – nur seine Änderung zählt. Die Antworten a und c verwechseln den Strom bzw. die Induktivität mit der Änderungsgeschwindigkeit; d hat keine physikalische Grundlage.

In einer Spule steigt der Strom in beiden Fällen um denselben Betrag. Im ersten Fall geschieht das in 10 ms, im zweiten in 1 ms. Wie verhält sich die induzierte Spannung im zweiten Fall zum ersten?

  • a) Sie ist zehnmal größer
  • b) Sie ist zehnmal kleiner
  • c) Sie ist gleich groß, weil der Strombetrag identisch ist
  • d) Sie ist nur halb so groß

Richtig: a)

Maßgeblich ist di/dt. Bei gleichem Stromhub, aber einem Zehntel der Zeit, ist die Änderungsgeschwindigkeit zehnmal so hoch – und damit auch die induzierte Spannung. Das ist der Grund, warum schnelles Abschalten besonders hohe Überspannungen erzeugt.

Eine Spule ist über einen Schalter an eine Gleichspannung angeschlossen. In welche Richtung wirkt die Selbstinduktionsspannung im Moment des Einschaltens?

  • a) Sie unterstützt den anwachsenden Strom
  • b) Sie ist null, weil gerade erst eingeschaltet wurde
  • c) Sie kehrt die Polarität der Quelle um
  • d) Sie wirkt dem anwachsenden Strom entgegen

Richtig: d)

Nach der Lenzschen Regel wirkt die induzierte Spannung ihrer Ursache entgegen. Beim Einschalten ist die Ursache der anwachsende Strom, also bremst die Selbstinduktionsspannung diesen Anstieg. Genau deshalb steigt der Strom nicht sprunghaft, sondern allmählich an. Antwort a kehrt die Wirkung um, b ignoriert die hohe Änderungsrate im Einschaltmoment, c ist physikalisch falsch.

2. Die Induktivität L als Maß für die Selbstinduktion

Im ersten Kapitel ist der Begriff Induktivität schon aufgetaucht. Sie ist die Kenngröße, die beschreibt, wie stark eine bestimmte Spule auf Stromänderungen reagiert. Das Formelzeichen ist L, die Einheit das Henry mit dem Kurzzeichen H.

Anschaulich ist die Induktivität das Maß für die elektrische „Trägheit“ der Spule. Eine Spule mit großer Induktivität erzeugt schon bei mäßiger Stromänderung eine hohe Gegenspannung und bremst Stromänderungen entsprechend stark. Eine Spule mit kleiner Induktivität lässt Stromänderungen leichter zu.

Eine Induktivität von einem Henry liegt vor, wenn eine Stromänderung von 1 Ampere pro Sekunde eine Selbstinduktionsspannung von 1 Volt erzeugt. Ein Henry ist in der Praxis ein großer Wert. Übliche Bauteile liegen weit darunter:

Bauteiltyp typische Induktivität
Drosselspule im Netzteil einige mH
Schützspule einige zehn bis hundert mH
HF-Drossel in der Elektronik wenige µH
große Glättungsdrossel bis zu mehreren H

Wovon die Induktivität abhängt, wird im Beitrag zum Aufbau der Spule ausführlich behandelt. Kurz zusammengefasst: Sie wächst mit dem Quadrat der Windungszahl, mit dem Spulenquerschnitt und ganz besonders mit der Permeabilität des Kernmaterials – also damit, wie gut der Kern das Magnetfeld führt. Ein Eisenkern kann die Induktivität gegenüber einer Luftspule um das Tausendfache erhöhen. Mit der Spulenlänge nimmt die Induktivität dagegen ab.

Für die Berechnung der Selbstinduktionsspannung in der Praxis brauchen wir meist nur die Formel aus Kapitel 1. Statt mit den infinitesimalen Größen di und dt rechnet man dabei oft mit endlichen Änderungen: der Stromänderung ΔI über die Zeitspanne Δt.

u_L = L * (delta_I / delta_t)

  • u_L …… selbstinduzierte Spannung in Volt
  • L …….. Induktivität in Henry
  • delta_I .. Stromänderung in Ampere
  • delta_t .. zugehörige Zeitspanne in Sekunden

Das ist dieselbe Formel, nur mit gemittelten Werten – praktisch immer dann, wenn der Strom sich gleichmäßig ändert oder man mit dem Durchschnitt arbeiten will.

Gelöstes Beispiel

Eine Drosselspule hat eine Induktivität von 0,4 H. Durch sie steigt der Strom gleichmäßig innerhalb von 5 ms um 3 A an. Welche Spannung wird in der Spule induziert?

Gegeben: L = 0,4 H; ΔI = 3 A; Δt = 5 ms = 0,005 s

Gesucht: u_L in V

Lösungsweg:

  1. Stromänderungsgeschwindigkeit: ΔI / Δt = 3 A / 0,005 s = 600 A/s
  2. Selbstinduktionsspannung: u_L = L · (ΔI / Δt) = 0,4 H · 600 A/s = 240 V

Ergebnis: u_L = 240 V

Übungen

Eine Spule mit 0,1 H erfährt eine Stromänderung von 1 A in 2 ms. Wie groß ist die induzierte Spannung?

u_L = 0,1 · (1 / 0,002) = 50 V

Welche Induktivität hat eine Spule, in der bei einer Stromänderung von 4 A in 8 ms eine Spannung von 200 V entsteht?

L = u_L / (ΔI/Δt) = 200 / (4/0,008) = 200 / 500 = 0,4 H

In einer Spule von 0,25 H sollen 150 V induziert werden. Wie schnell muss sich der Strom dafür ändern (in A/s)?

ΔI/Δt = u_L / L = 150 / 0,25 = 600 A/s

Durch eine Drossel von 2 H fällt der Strom gleichmäßig von 5 A auf 1 A innerhalb von 20 ms. Welche Spannung wird induziert?

ΔI = 4 A, Δt = 0,02 s; u_L = 2 · (4/0,02) = 2 · 200 = 400 V

Eine Spule erzeugt bei einer gleichmäßigen Stromabnahme von 6 A 360 V. Die Induktivität beträgt 0,3 H. In welcher Zeitspanne erfolgt die Stromänderung?

ΔI/Δt = u_L / L = 360 / 0,3 = 1200 A/s; Δt = ΔI / 1200 = 6 / 1200 = 0,005 s = 5 ms

Zwei Spulen unterscheiden sich nur in der Windungszahl: Spule B hat doppelt so viele Windungen wie Spule A. Wie verhält sich die Induktivität von B zu A (alle anderen Größen gleich)?

  • a) doppelt so groß
  • b) gleich groß
  • c) viermal so groß
  • d) halb so groß

Richtig: c)

Die Induktivität wächst mit dem Quadrat der Windungszahl. Verdoppelt man die Windungen, vervierfacht sich die Induktivität (2² = 4). Das ist ein häufiger Stolperstein – viele nehmen einen einfachen linearen Zusammenhang an.

Eine Luftspule wird unverändert mit einem Eisenkern versehen. Welche Aussage trifft zu?

  • a) Die Induktivität bleibt gleich, nur das Gewicht ändert sich
  • b) Die Induktivität sinkt, weil Eisen den Stromfluss behindert
  • c) Die Induktivität steigt deutlich, weil Eisen das Magnetfeld besser führt
  • d) Die Induktivität hängt nicht vom Kernmaterial ab

Richtig: c)

Das Kernmaterial geht über seine Permeabilität direkt in die Induktivität ein. Eisen führt das Magnetfeld weit besser als Luft, daher steigt die Induktivität – je nach Material um das Hundert- bis Tausendfache. Antwort b verwechselt magnetische Führung mit elektrischem Widerstand.

In einer Spule von 0,2 H soll bei einer Stromänderung von 5 A in 10 ms welche Spannung entstehen?

  • a) 50 V
  • b) 10 V
  • c) 1000 V
  • d) 100 V

Richtig: d)

ΔI/Δt = 5 A / 0,01 s = 500 A/s. Damit ist u_L = 0,2 H · 500 A/s = 100 V. Antwort a unterschlägt die Zeitumrechnung, b rechnet mit falschen Einheiten, c überschätzt um den Faktor 10.

Welche Einheit ist gleichbedeutend mit einem Henry?

  • a) V·s/A
  • b) A·s/V
  • c) V·A/s
  • d) A/(V·s)

Richtig: a)

Aus u_L = L · (di/dt) folgt L = u_L · dt / di, also Volt mal Sekunde geteilt durch Ampere. Ein Henry entspricht damit 1 V·s/A. Diese Einheitenbetrachtung hilft, Formeln auf Plausibilität zu prüfen.

3. Ein- und Ausschaltverhalten – der Strom braucht Zeit

Bisher haben wir die Spule für sich betrachtet. In einer echten Schaltung liegt sie immer mit einem ohmschen Widerstand in Reihe – mindestens mit dem Widerstand ihrer eigenen Wicklung, oft zusätzlich mit dem angeschlossenen Verbraucher. Diese Kombination aus Induktivität und Widerstand bestimmt, wie sich der Strom über die Zeit verhält.

Einschalten: Im Moment des Einschaltens wirkt die Selbstinduktionsspannung dem Stromanstieg maximal entgegen. Der Strom kann deshalb nicht sofort seinen Endwert annehmen, sondern steigt von null aus allmählich an. Anfangs steil, dann immer flacher, bis er sich seinem Endwert I = U / R annähert. Der Verlauf ist exponentiell.

Ausschalten: Beim Trennen versucht die Spule, ihren Strom aufrechtzuerhalten. Steht ein Entladeweg zur Verfügung, klingt der Strom exponentiell ab. Ein solcher Entladeweg ist ein geschlossener Parallelkreis, über den der Spulenstrom weiterfließen kann, auch nachdem die Quelle abgetrennt ist – bei einer einfachen Spule mit Reihenwiderstand muss dieser Weg also erst geschaffen werden (siehe Freilaufdiode weiter unten). Wird der Stromkreis dagegen hart aufgetrennt, ohne dass ein solcher Parallelkreis existiert, entsteht das eingangs erwähnte Problem.

Wie schnell diese Vorgänge ablaufen, beschreibt die Zeitkonstante τ (Tau):

tau = L / R

  • tau … Zeitkonstante in Sekunden
  • L ….. Induktivität in Henry
  • R ….. ohmscher Widerstand im Stromkreis in Ohm

Die Zeitkonstante ist eine anschauliche Größe: Nach einer Zeitkonstante hat der Strom beim Einschalten rund 63 % seines Endwerts erreicht. Nach etwa pfünf Zeitkonstanten gilt der Vorgang praktisch als abgeschlossen – der Strom hat dann über 99 % erreicht. Eine große Induktivität oder ein kleiner Widerstand machen τ groß und den Vorgang langsam.

Der zeitliche Stromverlauf beim Einschalten lässt sich mit der Exponentialfunktion exakt beschreiben:

i = (U / R) * (1 – e^(-t / tau))

  • i ….. Momentanstrom zum Zeitpunkt t in Ampere
  • U ….. angelegte Spannung in Volt
  • R ….. Widerstand in Ohm
  • t ….. Zeit seit dem Einschalten in Sekunden
  • tau … Zeitkonstante in Sekunden
  • e ….. Eulersche Zahl, rund 2,718

Die folgende Skizze zeigt beide Vorgänge: den Stromanstieg beim Einschalten und das Abklingen beim Ausschalten über einen Entladeweg.

t i Endwert I = U/R 63 % τ Einschalten Abschalten Ausschalten

Abschaltüberspannung: Trennt ein Schalter den Stromkreis hart, gibt es für den Spulenstrom keinen Weg mehr. Die Spule zwingt den Strom dennoch weiter, indem sie eine sehr hohe Spannung aufbaut – di/dt wird durch das schlagartige Abschalten extrem groß, und nach u_L = L · (di/dt) wird die induzierte Spannung entsprechend hoch. Diese Spannung sucht sich einen Weg und überbrückt die sich öffnenden Schaltkontakte: Es entsteht ein Lichtbogen, ein Funke. Der ist nicht nur ein optisches Phänomen – er verschleißt die Kontakte und stört empfindliche Elektronik durch Spannungsspitzen.

Gelöstes Beispiel

Eine Spule mit 0,5 H liegt in Reihe mit einem Widerstand von 100 Ω an 24 V. Berechne die Zeitkonstante und den Strom 5 ms nach dem Einschalten.

Gegeben: L = 0,5 H; R = 100 Ω; U = 24 V; t = 5 ms = 0,005 s

Gesucht: τ in s, i in A

Lösungsweg:

  1. Zeitkonstante: τ = L / R = 0,5 H / 100 Ω = 0,005 s = 5 ms
  2. Endwert des Stroms: I = U / R = 24 V / 100 Ω = 0,24 A
  3. Momentanstrom bei t = τ: Wegen t = τ gilt der Faktor (1 − e^(−1)) ≈ 0,632. i = 0,24 A · 0,632 = 0,152 A

Ergebnis: τ = 5 ms, i ≈ 0,152 A (also rund 63 % des Endwerts)

Übungen

Eine Spule von 0,2 H liegt in Reihe mit 50 Ω. Wie groß ist die Zeitkonstante?

τ = L/R = 0,2 / 50 = 0,004 s = 4 ms

Nach welcher Zeit gilt ein Einschaltvorgang mit τ = 8 ms praktisch als abgeschlossen?

rund 5 Zeitkonstanten, also etwa 5 · 8 ms = 40 ms

Eine RL-Schaltung hat L = 1 H und R = 250 Ω und liegt an 50 V. Wie groß ist der Endwert des Stroms?

I = U/R = 50 / 250 = 0,2 A

Bei welchem Widerstand hat eine Spule von 0,6 H eine Zeitkonstante von 3 ms?

R = L/τ = 0,6 / 0,003 = 200 Ω

Eine Spule von 0,4 H mit 80 Ω liegt an 48 V. Wie groß ist der Strom nach genau zwei Zeitkonstanten?

τ = 0,4/80 = 0,005 s; I_end = 48/80 = 0,6 A; bei t = 2τ ist der Faktor (1 − e^(−2)) ≈ 0,865; i = 0,6 · 0,865 ≈ 0,519 A

Eine RL-Schaltung mit L = 0,3 H und R = 60 Ω wird eingeschaltet. Nach welcher Zeit hat der Strom etwa 63 % seines Endwerts erreicht?

  • a) nach 0,5 ms
  • b) nach 5 ms
  • c) nach 18 ms
  • d) nach 50 ms

Richtig: b)

Die 63 %-Marke wird genau nach einer Zeitkonstante erreicht. τ = L/R = 0,3/60 = 0,005 s = 5 ms. Antwort c verrechnet sich, a und d liegen um Größenordnungen daneben.

Warum entsteht beim harten Abschalten einer Spule eine hohe Überspannung?

  • a) Weil das schlagartige Abschalten ein sehr großes di/dt erzeugt und u_L = L·(di/dt) damit hoch wird
  • b) Weil der Widerstand beim Abschalten gegen unendlich geht und so die Spannung steigt, ohne dass die Spule beteiligt ist
  • c) Weil die Spule ihre gesamte gespeicherte Ladung auf einmal abgibt
  • d) Weil sich die Polarität der Versorgungsspannung umkehrt

Richtig: a)

Der Kern ist die hohe Stromänderungsgeschwindigkeit. Beim schlagartigen Trennen wird di/dt sehr groß, und nach u_L = L · (di/dt) schießt die induzierte Spannung hoch. Antwort c verwechselt die Spule mit einem Kondensator (Spulen speichern keine Ladung, sondern Energie im Magnetfeld), d ist falsch.

Welche Funktion hat eine antiparallel geschaltete Freilaufdiode an einer Gleichstromspule?

  • a) Sie erhöht die Schaltgeschwindigkeit
  • b) Sie begrenzt den Einschaltstrom
  • c) Sie bietet dem Spulenstrom beim Abschalten einen Weg zum kontrollierten Abklingen
  • d) Sie erhöht die Induktivität der Spule

Richtig: c)

Beim Abschalten würde die Spule sonst eine Überspannung aufbauen. Die Freilaufdiode leitet in diesem Moment und lässt den Strom kontrolliert abklingen, statt eine Spannungsspitze entstehen zu lassen. Mit dem Einschaltvorgang (a, b) oder der Induktivität (d) hat sie nichts zu tun.

Eine Spule mit großer Induktivität liegt an einem kleinen Widerstand. Was gilt für die Zeitkonstante und damit den Einschaltvorgang?

  • a) τ ist klein, der Vorgang läuft schnell ab
  • b) τ hängt nur von der Spannung ab
  • c) τ ist null, der Strom springt sofort
  • d) τ ist groß, der Vorgang läuft langsam ab

Richtig: d)

τ = L/R. Großes L und kleines R ergeben ein großes τ, also einen langsamen Vorgang. Die Spannung U geht in die Zeitkonstante gar nicht ein (b falsch); ein sofortiger Sprung (c) widerspricht dem Wesen der Spule.

4. Energiespeicherung im Magnetfeld

Jetzt lässt sich die letzte offene Frage klären: Woher kommt eigentlich die Energie für die Überspannung beim Abschalten? Die Antwort: aus dem Magnetfeld der Spule. Solange Strom fließt, steckt im Magnetfeld Energie. Wird der Strom unterbrochen, muss diese Energie irgendwohin – im ungünstigen Fall in den Lichtbogen am Schaltkontakt.

Eine Spule ist damit ein Energiespeicher, genau wie der Kondensator. Nur speichert der Kondensator seine Energie im elektrischen Feld zwischen seinen Platten, die Spule dagegen im Magnetfeld um ihre Wicklung. Wie viel Energie eine Spule speichert, hängt von ihrer Induktivität und vom Quadrat des Stroms ab:

W = 0.5 * L * I^2

  • W … gespeicherte Energie in Joule (Wattsekunden)
  • L … Induktivität in Henry
  • I … Strom durch die Spule in Ampere

Das Quadrat ist entscheidend: Verdoppelt man den Strom, vervierfacht sich die gespeicherte Energie. Eine Spule mit hohem Betriebsstrom speichert also überproportional viel Energie – und gibt beim Abschalten entsprechend viel frei.

Der Vergleich zum Kondensator macht die Symmetrie sichtbar. Beide Formeln sind parallel gebaut:

Größe Spule (Magnetfeld) Kondensator (elektrisches Feld)
gespeicherte Energie W = ½ · L · I² W = ½ · C · U²
maßgebliche Kenngröße Induktivität L Kapazität C
maßgebliche elektrische Größe Strom I Spannung U
„träge“ Größe der Strom die Spannung

Beim Kondensator is die Spannung die träge Größe, die sich nicht sprunghaft ändern kann; bei der Spule ist es der Strom. Diese Spiegelbildlichkeit zieht sich durch die ganze Elektrotechnik.

Gelöstes Beispiel

Eine Drosselspule mit 0,8 H wird von einem Strom von 3 A durchflossen. Wie viel Energie ist im Magnetfeld gespeichert?

Gegeben: L = 0,8 H; I = 3 A

Gesucht: W in J

Lösungsweg:

  1. Strom quadrieren: I² = (3 A)² = 9 A²
  2. Energie berechnen: W = ½ · L · I² = 0,5 · 0,8 H · 9 = 3,6 J

Ergebnis: W = 3,6 J

Übungen

Welche Energie speichert eine Spule von 0,2 H bei einem Strom von 5 A?

W = 0,5 · 0,2 · 5² = 0,5 · 0,2 · 25 = 2,5 J

Eine Spule speichert bei 4 A eine Energie von 1,6 J. Wie groß ist ihre Induktivität?

L = 2W / I² = (2 · 1,6) / 16 = 3,2 / 16 = 0,2 H

Bei welchem Strom speichert eine Spule von 0,5 H eine Energie von 9 J?

I = √(2W / L) = √((2·9)/0,5) = √36 = 6 A

Der Strom durch eine Spule wird von 2 A auf 4 A verdoppelt. Um welchen Faktor steigt die gespeicherte Energie?

Wegen W ∝ I² steigt die Energie um den Faktor 2² = 4

Eine Spule von 1,2 H führt 2,5 A. Vergleiche ihre Energie mit der eines Kondensators von 2000 µF bei 80 V.

Spule: W = 0,5 · 1,2 · 2,5² = 0,5 · 1,2 · 6,25 = 3,75 J; Kondensator: W = 0,5 · 0,002 · 80² = 0,5 · 0,002 · 6400 = 6,4 J. Der Kondensator speichert hier mehr Energie.

Der Strom durch eine Spule wird verdreifacht. Um welchen Faktor ändert sich die im Magnetfeld gespeicherte Energie?

  • a) Faktor 3
  • b) Faktor 6
  • c) Faktor 1,5
  • d) Faktor 9

Richtig: d)

Die Energie hängt vom Quadrat des Stroms ab: W = ½ · L · I². Verdreifacht man I, steigt die Energie um 3² = 9. Antwort a unterstellt einen linearen Zusammenhang – ein typischer Fehler.

Wo speichert eine Spule die ihr zugeführte Energie?

  • a) als Ladung auf der Wicklung
  • b) im Magnetfeld um die Wicklung
  • c) im elektrischen Feld zwischen den Windungen
  • d) als Wärme im Kern

Richtig: b)

Die Energie steckt im Magnetfeld. Ladung (a) und elektrisches Feld (c) gehören zum Kondensator; Wärme (d) wäre ein Verlust, kein Speicher. Genau diese Magnetfeldenergie wird beim Abschalten frei.

Eine Spule von 0,5 H führt 4 A. Wie groß ist die gespeicherte Energie?

  • a) 4 J
  • b) 1 J
  • c) 2 J
  • d) 8 J

Richtig: a)

W = 0,5 · 0,5 · 4² = 0,5 · 0,5 · 16 = 4 J. Antwort c vergisst das Quadrat, d quadriert zusätzlich falsch.

Welche Aussage zum Vergleich von Spule und Kondensator ist korrekt?

  • a) Beide speichern Energie im elektrischen Feld
  • b) Bei der Spule ist die Spannung die träge Größe, beim Kondensator der Strom
  • c) Bei der Spule kann sich der Strom nicht sprunghaft ändern, beim Kondensator die Spannung nicht
  • d) Beide Energieformeln sind linear in der jeweiligen elektrischen Größe

Richtig: c)

Die träge Größe ist bei der Spule der Strom, beim Kondensator die Spannung – Antwort c trifft das genau, b vertauscht es. Die Spule speichert magnetisch, nicht elektrisch (a falsch). Beide Energieformeln enthalten ein Quadrat, sind also nicht linear (d falsch).

Abschlusstest

Aufgabe 1: Eine Spule mit 0,6 H erfährt eine gleichmäßige Stromänderung von 5 A innerhalb von 4 ms. Berechne die induzierte Spannung.

Gegeben: L = 0,6 H; ΔI = 5 A; Δt = 0,004 s

Gesucht: u_L in V

Lösungsweg: u_L = L · (ΔI/Δt) = 0,6 · (5/0,004) = 0,6 · 1250 = 750 V

Ergebnis: u_L = 750 V

Aufgabe 2: In einer Spule von 0,3 H entsteht bei einer Stromänderung in 2 ms eine Spannung von 90 V. Um welchen Betrag hat sich der Strom geändert?

Gegeben: L = 0,3 H; Δt = 0,002 s; u_L = 90 V

Gesucht: ΔI in A

Lösungsweg: ΔI = (u_L · Δt)/L = (90 · 0,002)/0,3 = 0,18/0,3 = 0,6 A

Ergebnis: ΔI = 0,6 A

Aufgabe 3: Eine RL-Schaltung besteht aus L = 0,5 H und R = 125 Ω an 25 V. Berechne Zeitkonstante und Endwert des Stroms.

Gegeben: L = 0,5 H; R = 125 Ω; U = 25 V

Gesucht: τ in s, I in A

Lösungsweg: τ = L/R = 0,5/125 = 0,004 s = 4 ms; I = U/R = 25/125 = 0,2 A

Ergebnis: τ = 4 ms; I = 0,2 A

Aufgabe 4: Eine Spule von 0,4 H mit 100 Ω liegt an 40 V. Wie groß ist der Strom nach genau einer Zeitkonstante?

Gegeben: L = 0,4 H; R = 100 Ω; U = 40 V; t = τ

Gesucht: i in A

Lösungsweg: I_end = U/R = 40/100 = 0,4 A; bei t = τ ist der Regelkreis Faktor (1 − e^(−1)) ≈ 0,632; i = 0,4 · 0,632 ≈ 0,253 A

Ergebnis: i ≈ 0,253 A

Aufgabe 5: Welche Energie speichert eine Spule von 0,75 H bei einem Strom von 4 A?

Gegeben: L = 0,75 H; I = 4 A

Gesucht: W in J

Lösungsweg: W = ½ · L · I² = 0,5 · 0,75 · 16 = 6 J

Ergebnis: W = 6 J

Aufgabe 6: Eine Spule speichert bei 3 A eine Energie von 2,25 J. Bestimme ihre Induktivität.

Gegeben: I = 3 A; W = 2,25 J

Gesucht: L in H

Lösungsweg: L = 2W/I² = (2 · 2,25)/9 = 4,5/9 = 0,5 H

Ergebnis: L = 0,5 H

Welche Größe bestimmt zusammen mit der Induktivität die Höhe der Selbstinduktionsspannung?

  • a) der Betrag des Stroms
  • b) der ohmsche Widerstand der Wicklung
  • c) die Frequenz der Versorgungsspannung
  • d) die Geschwindigkeit der Stromänderung

Richtig: d)

Nach u_L = L · (di/dt) zählt allein die Stromänderungsgeschwindigkeit, nicht der Strombetrag selbst (a). Widerstand und Frequenz spielen für diese Grundformel keine Rolle.

Eine Spule mit doppelter Windungszahl bei sonst gleichem Aufbau hat welche Induktivität?

  • a) die doppelte
  • b) die gleiche
  • c) die vierfache
  • d) die halbe

Richtig: c)

Die Induktivität wächst mit dem Quadrat der Windungszahl, also 2² = 4. Der lineare Ansatz (a) ist der klassische Fehler.

Nach welcher Zeit gilt ein Einschaltvorgang in einer RL-Schaltung praktisch als abgeschlossen?

  • a) nach etwa pfünf Zeitkonstanten
  • b) nach einer Zeitkonstante
  • c) nach einer halben Zeitkonstante
  • d) sofort, da Spulen verzögerungsfrei sind

Richtig: a)

Nach etwa 5 τ hat der Strom über 99 % erreicht und der Vorgang gilt als beendet. Nach einer Zeitkonstante (b) sind erst rund 63 % erreicht; d widerspricht dem Wesen der Spule.

Warum springt am Schaltkontakt ein Funke, wenn man eine Spule hart abschaltet?

  • a) Weil sich die gespeicherte Ladung schlagartig entlädt
  • b) Weil der Widerstand der Spule beim Abschalten auf null fällt
  • c) Weil die Versorgungsspannung kurzzeitig ansteigt
  • d) Weil das große di/dt eine hohe Spannung induziert, die den Kontaktspalt überbrückt

Richtig: d)

Das schlagartige Abschalten erzeugt ein sehr großes di/dt und damit nach u_L = L · (di/dt) eine hohe Spannung, die als Lichtbogen überschlägt. Spulen speichern keine Ladung (a), und der Wicklungswiderstand bleibt unverändert (b).

Welche Schutzmaßnahme lässt den Spulenstrom beim Abschalten einer Gleichstromlast kontrolliert abklingen?

  • a) ein Vorwiderstand in Reihe zur Quelle
  • b) eine antiparallele Freilaufdiode
  • c) ein größerer Schaltkontakt
  • d) eine höhere Versorgungsspannung

Richtig: b)

Die Freilaufdiode bietet dem Strom beim Abschalten einen geschlossenen Weg, sodass er ohne Überspannung abklingt. Ein Vorwiderstand (a) wirkt im Betrieb, nicht beim Abschaltimpuls; c und d helfen nicht.

Verdoppelt man den Strom durch eine Spule, ändert sich die gespeicherte Energie um welchen Faktor?

  • a) Faktor 2
  • b) Faktor 4
  • c) Faktor 0,5
  • d) Faktor 1, sie bleibt gleich

Richtig: b)

W = ½ · L · I². Wegen des Quadrats führt die Stromverdopplung zum Faktor 2² = 4.

Wo speichert eine Spule ihre Energie, und wo ein Kondensator?

  • a) Spule im magnetischen Feld, Kondensator im elektrischen Feld
  • b) Spule im elektrischen, Kondensator im magnetischen Feld
  • c) beide im magnetischen Feld
  • d) beide als Ladung auf ihren Anschlüssen

Richtig: a)

Die Spule speichert im Magnetfeld, der Kondensator im elektrischen Feld zwischen seinen Platten – Antwort b vertauscht beides.

Eine RL-Schaltung hat L = 0,2 H und R = 40 Ω. Wie groß ist die Zeitkonstante?

  • a) 8 ms
  • b) 5 ms
  • c) 0,2 ms
  • d) 200 ms

Richtig: b)

τ = L/R = 0,2/40 = 0,005 s = 5 ms. Antwort a multipliziert statt zu dividieren.

Bei konstantem Gleichstrom verhält sich eine ideale Spule (ohne Wicklungswiderstand) wie:

  • a) ein offener Schalter
  • b) ein großer Widerstand
  • c) eine Kurzschlussverbindung
  • d) ein Kondensator

Richtig: c)

Bei konstantem Strom ist di/dt = 0, also keine Selbstinduktionsspannung. Eine ideale Spule ohne Wicklungswiderstand wirkt dann wie ein widerstandsloser Draht, also eine Kurzschlussverbindung. Das ist das Gegenteil des Kondensators, der Gleichstrom sperrt (a).

Eine Spule von 0,5 H und ein Kondensator von 1000 µF sollen dieselbe Energie speichern. Die Spule führt 2 A. Welche Spannung muss am Kondensator anliegen?

  • a) etwa 20 V
  • b) etwa 32 V
  • c) etwa 45 V
  • d) etwa 100 V

Richtig: c)

Spulenenergie: W = ½ · 0,5 · 2² = 1 J. Für den Kondensator gilt W = ½ · C · U², also U = √(2W/C) = √(2 · 1 / 0,001) = √2000 ≈ 44,7 V, also rund 45 V. Antwort a und b unterschätzen, d überschätzt den Wert.

Glossar

Selbstinduktion
Erzeugung einer Spannung in einer Spule durch ihr eigenes, sich änderndes Magnetfeld. Sie tritt nur bei Stromänderungen auf.
Selbstinduktionsspannung
die durch Selbstinduktion entstehende Spannung; sie wirkt der auslösenden Stromänderung entgegen und wird daher auch Gegenspannung genannt.
Lenzsche Regel
Grundregel, nach der eine induzierte Spannung stets so gerichtet ist, dass sie ihrer Ursache entgegenwirkt.
Zeitkonstante (τ)
Maß für das Tempo der Strom-Änderung in einer RL-Schaltung: τ = L/R. Nach einer Zeitkonstante sind beim Einschalten rund 63 % des Endstroms erreicht.
Abschaltüberspannung
die hohe Spannungsspitze, die beim schnellen Trennen einer stromdurchflossenen Spule entsteht, weil das große di/dt eine entsprechend hohe Selbstinduktionsspannung erzwingt.
Freilaufdiode
antiparallel zu einer Gleichstromspule geschaltete Diode, die dem Spulenstrom beim Abschalten einen Weg zum kontrollierten Abklingen bietet und so Überspannungen verhindert.
Induktive Last
Verbraucher, dessen elektrisches Verhalten maßgeblich durch ein Magnetfeld bestimmt wird, etwa Motor, Schütz oder Drossel. Beim Abschalten neigt sie zu Überspannungen.

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