Lorentzkraft
Strom und Magnetfeld allein sind für sich schon interessant. Wenn beides zusammentrifft, passiert jedoch etwas Handfestes: Es entsteht eine mechanische Kraft. Ein stromdurchflossener Leiter im Magnetfeld wird weggedrückt, ein einzelnes Elektron auf seiner Bahn abgelenkt. Diese Wirkung heißt Lorentzkraft.
Was wie ein physikalisches Laborexperiment klingt, steckt hinter einem Großteil der elektrotechnischen Geräte im täglichen Betrieb: im Gleichstrommotor, im Drehspulmesswerk, im Lautsprecher und in Hall-Sensoren. Wer die Lorentzkraft in Betrag und Richtung berechnen und einordnen kann, versteht das physikalische Fundament hinter all diesen Baugruppen.
Vorwissen
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- Die Kraft auf einen stromdurchflossenen Leiter im Magnetfeld berechnen und die Rolle des Winkels erklären
- Die Richtung der Lorentzkraft mithilfe der Drei-Finger-Regel bestimmen
- Die allgemeine Formel für die Kraft auf eine bewegte Ladung anwenden und den Hall-Effekt erklären
- Typische Anwendungen der Lorentzkraft in der Elektrotechnik und Mechatronik nennen und den Wirkzusammenhang erläutern
1. Kraft auf den stromdurchflossenen Leiter
Einstieg
Ein gerader Kupferdraht hängt locker zwischen den Polen eines Hufeisenmagneten. Solange kein Strom fließt, passiert gar nichts. Schaltet man den Strom ein, bewegt sich der Draht — er wird seitlich weggedrückt. Nicht durch Wärme, nicht durch Elektrostatik, sondern durch eine Kraft, die direkt aus dem Zusammenspiel von Strom und Magnetfeld entsteht.
Hauptinhalt
Das Magnetfeld des Permanentmagneten und das Eigenfeld des stromdurchflossenen Leiters überlagern sich. Auf einer Seite des Leiters verstärken sich beide Felder, auf der anderen schwächen sie sich ab. Das Ergebnis ist eine resultierende Kraft, die den Leiter aus dem stärkeren Bereich in den schwächeren drückt.
Der Betrag dieser Kraft lässt sich einfach berechnen:
F = B · I · l
- F … Kraft in N (Newton)
- B … magnetische Flussdichte in T (Tesla)
- I … Stromstärke in A (Ampere)
- l … wirksame Leiterlänge im Magnetfeld in m (Meter)
Diese Grundformel gilt für den häufig idealisiert angenommenen Sonderfall, dass der Leiter exakt senkrecht zum Magnetfeld steht (Winkel 90°). In der Realität kommt der Leiter oft schräg zur Feldrichtung zu liegen. Dann liefert nur die senkrechte Komponente einen Beitrag zur Kraft. Das führt zur allgemeinen Form:
F = B · I · l · sin(α)
- α … Winkel zwischen Leiterlängsachse und magnetischer Feldlinie in Grad
Zwei Grenzfälle machen das Verhalten sofort anschaulich:
Liegt der Leiter parallel zu den Feldlinien (α = 0°), ergibt sin(0°) = 0 — es wirkt keine Kraft. Parallel ausgerichtete Felder können nicht wechselwirken, der Leiter bleibt an Ort und Stelle.
Liegt der Leiter senkrecht zu den Feldlinien (α = 90°), ergibt sin(90°) = 1 — die Kraft ist maximal. Jeder Zentimeter Leiterlänge trägt voll zum Ergebnis bei.
Gelöstes Beispiel
Ein gerader Leiter der Länge 30 cm liegt senkrecht im homogenen Magnetfeld einer Flussdichte von 0,8 T. Durch den Leiter fließen 15 A.
Gegeben: l = 0,30 m, B = 0,8 T, I = 15 A, α = 90°
Gesucht: F in N
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Formel aufstellen: F = B · I · l · sin(α)
- Schritt 2 — Einsetzen und berechnen: F = 0,8 T · 15 A · 0,30 m · sin(90°) = 0,8 · 15 · 0,30 · 1 = 3,6 N
Ergebnis: F = 3,6 N
Übungen
Ein Leiter (l = 25 cm) steht senkrecht in einem Magnetfeld (B = 0,5 T). Es fließen 8 A. Wie groß ist die Lorentzkraft?
F = 0,5 · 8 · 0,25 · sin(90°) = 1,0 N
Derselbe Leiter wie in Übung 1 führt weiterhin 8 A, ist aber jetzt in einem Winkel von 30° zur Feldrichtung geneigt. Wie groß ist die Kraft?
F = 0,5 · 8 · 0,25 · sin(30°) = 1,0 · 0,5 = 0,5 N
Ein Leiter der Länge 40 cm liegt parallel zum Magnetfeld (B = 1,2 T, I = 20 A). Wie groß ist die Kraft?
α = 0° → sin(0°) = 0 → F = 0 N (keine Kraft, Leiter parallel zu den Feldlinien)
Welche Stromstärke muss durch einen 20 cm langen Leiter fließen, damit im Feld von B = 0,6 T bei senkrechter Ausrichtung eine Kraft von 2,4 N entsteht?
I = F / (B · l) = 2,4 / (0,6 · 0,20) = 20 A
Ein Leiter (l = 50 cm, I = 25 A) steht in einem Winkel von 60° zum Magnetfeld. Die gemessene Kraft beträgt 4,33 N. Wie groß ist die magnetische Flussdichte?
B = F / (I · l · sin(60°)) = 4,33 / (25 · 0,50 · 0,866) ≈ 0,40 T
Ein 20 cm langer Leiter führt 5 A und steht senkrecht in einem Feld von B = 0,4 T. Welche Kraft wirkt auf ihn?
- a) 0,2 N
- b) 0,5 N
- c) 0,4 N
- d) 4,0 N
Richtig: c)
F = 0,4 · 5 · 0,20 · sin(90°) = 0,4 N. Option a) entsteht durch einen Rechenfehler beim Einsetzen der Leiterlänge, b) ist willkürlich falsch, d) lässt den l-Term weg.
Ein Leiter liegt exakt parallel zu den Magnetfeldlinien (α = 0°). Was gilt für die Lorentzkraft auf ihn?
- a) Sie ist null, weil sin(0°) = 0
- b) Sie ist maximal, weil der gesamte Leiter im Feld liegt
- c) Sie ist proportional zu B und I, aber unabhängig vom Winkel
- d) Sie hängt nur von der Leiterlänge ab
Richtig: a)
sin(0°) = 0, damit ist F = 0 unabhängig von B, I und l. Nur der zur Feldrichtung senkrechte Anteil der Leiterlänge erzeugt eine Kraft.
Verdoppelt man bei gleichem Leiter und gleichem Winkel gleichzeitig die Flussdichte B und die Stromstärke I, was passiert mit der Kraft?
- a) Sie verdoppelt sich
- b) Sie halbiert sich
- c) Sie erhöht sich auf das 1,5-Fache
- d) Sie vervierfacht sich
Richtig: d)
F = B · I · l · sin(α) ist in B und I je linear. Verdopplung beider Größen ergibt 2 · 2 = 4-fache Kraft. Verdopplung nur einer Größe würde F verdoppeln (Option a), nicht alle vier.
2. Richtung der Kraft – die Drei-Finger-Regel
Einstieg
Den Betrag der Kraft zu kennen reicht nicht. Ob ein Motorwicklungspaket nach innen oder nach außen, nach oben oder nach unten gedrückt wird, macht den ganzen Unterschied. Für die Richtung gibt es eine einfache Merkhilfe, die kein Auswendiglernen von Formeln erfordert.
Hauptinhalt
Die Drei-Finger-Regel der rechten Hand – auch UVW-Regel oder Motorhand genannt – ordnet die drei physikalischen Größen den drei Fingern zu:
- Daumen → Richtung des technischen Stroms (I) im Leiter
- Zeigefinger → Richtung der magnetischen Feldlinien (B, von Nord nach Süd)
- Mittelfinger → Richtung der resultierenden Kraft (F)
Man streckt Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand so aus, dass sie möglichst senkrecht zueinander stehen. Dann zeigt der Mittelfinger automatisch in die Richtung, in die der Leiter gedrückt wird.
Zwei Konsequenzen dieser Regel sind für die Praxis besonders wichtig:
Stromumkehr kehrt die Kraft um: Dreht man den Daumen um (Stromrichtung verkehrt), dreht sich der Mittelfinger automatisch mit — die Kraft wirkt nun in die entgegengesetzte Richtung. Ein Elektromotor, der rückwärts läuft, hat genau das bekommen: eine umgekehrte Stromrichtung in den Wicklungen.
Feldumkehr kehrt die Kraft um: Tauscht man Nord- und Südpol (oder dreht den Magneten um), kehrt sich der Zeigefinger um — und damit der Mittelfinger. Auch dieses Prinzip nutzen bestimmte Motorsteuerungen gezielt aus.
Wie diese Effekte in Gleichstrommotoren mit Kommutator technisch umgesetzt werden, beschreibt der Beitrag Gleichstrommotor – Aufbau und Funktion.
Die Drei-Finger-Regel der rechten Hand ordnet Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger bestimmten Größen zu. Welche Zuordnung ist korrekt?
- a) Daumen = B, Zeigefinger = I, Mittelfinger = F
- b) Daumen = I, Zeigefinger = B, Mittelfinger = F
- c) Daumen = F, Zeigefinger = I, Mittelfinger = B
- d) Daumen = B, Zeigefinger = F, Mittelfinger = I
Richtig: b)
Daumen = technischer Strom I, Zeigefinger = Magnetfeld B, Mittelfinger = resultierende Kraft F. Alle anderen Optionen vertauschen mindestens zwei der Zuordnungen und liefern damit eine falsche Kraftrichtung.
Ein Leiter wird in einem Magnetfeld nach oben gedrückt. Was passiert mit der Kraftrichtung, wenn man sowohl den Strom als auch das Magnetfeld gleichzeitig umkehrt?
- a) Der Leiter wird seitwärts gedrückt
- b) Die Kraft wird null, weil sich Umkehrungen aufheben
- c) Der Leiter wird weiterhin nach oben gedrückt
- d) Der Leiter wird nach unten gedrückt
Richtig: c)
Jede einzelne Umkehrung (Strom oder Feld) würde die Kraftrichtung umkehren. Zwei Umkehrungen hintereinander heben sich auf — das Vorzeichen ändert sich zweimal (–1)·(–1) = +1. Die Kraft zeigt wieder in dieselbe Richtung.
In welche Richtung fließt der technische Strom per Konvention durch den äußeren Stromkreis?
- a) Von Minus nach Plus, entgegen der Elektronenbewegung
- b) Parallel zu den Magnetfeldlinien, unabhängig von der Polung
- c) Immer senkrecht zu den Magnetfeldlinien
- d) Von Plus nach Minus
Richtig: d)
Per Konvention fließt der technische Strom vom Pluspol der Spannungsquelle durch den äußeren Stromkreis zum Minuspol. Die tatsächliche Elektronenbewegung ist entgegengesetzt (von Minus nach Plus), hat aber für die Richtungsbestimmung mit der Drei-Finger-Regel keine Relevanz.
3. Kraft auf bewegte Ladungen
Einstieg
Im Leiter bewegen sich Elektronen — sie sind die eigentlichen Träger des Stroms. Die Lorentzkraft wirkt also nicht auf den Leiter als Ganzes, sondern auf jede einzelne Ladung darin. Diese Perspektive öffnet den Blick auf einen breiteren Wirkungsbereich: Die Lorentzkraft gilt für jede bewegte Ladung im Magnetfeld, egal ob sie in einem Kupferdraht steckt oder frei im Vakuum fliegt.
Hauptinhalt
Betrachtet man einen stromdurchflossenen Leiter auf mikroskopischer Ebene, fließt Strom, weil sich Ladungsträger mit einer mittleren Driftgeschwindigkeit v durch das Material bewegen. Der Zusammenhang zur bekannten Leiterformel ist direkt: Je mehr Ladungsträger pro Zeiteinheit durch einen Querschnitt fließen (= größerer Strom), desto größer die Gesamtkraft. Die Formel für die Kraft auf eine einzelne Ladung lautet:
F = q · v · B
- F … Kraft in N (Newton)
- q … Ladung des Teilchens in C (Coulomb)
- v … Geschwindigkeit des Teilchens senkrecht zu B in m/s
- B … magnetische Flussdichte in T (Tesla)
Diese Formel gilt für den Fall, dass v und B senkrecht zueinander stehen. Steht das Teilchen schräg, gilt analog zur Leiterformel: F = q · v · B · sin(α).
Für positive Ladungen gilt die gewohnte Drei-Finger-Regel. Für negative Ladungen (Elektronen) kehrt sich das Vorzeichen von q um — die Kraft zeigt in die entgegengesetzte Richtung, verglichen mit einer gleich schnellen positiven Ladung.
Der Hall-Effekt ist eine direkte und praktisch nutzbare Folge dieser Kraftwirkung. Ein Strom fließt durch einen flachen Leiter (oder Halbleiter). Gleichzeitig liegt ein senkrechtes Magnetfeld an. Die Lorentzkraft drückt die Ladungsträger seitlich aus ihrer ursprünglichen Bahn — sie sammeln sich auf einer Seite des Leiters an.
Die angesammelten Ladungen auf der einen Seite und der Mangel an Ladungen auf der anderen erzeugen eine Querspannung — die Hall-Spannung U_H. Diese Spannung wächst, bis ihre elektrische Kraft die Lorentzkraft auf neu ankommende Ladungsträger ausgleicht. Im Gleichgewicht fließen die Ladungsträger wieder geradeaus.
Die Hall-Spannung ist proportional zur magnetischen Flussdichte B. Das macht sie direkt messbar und auswertbar: Je größer das Magnetfeld, desto größer die Hall-Spannung.
Gelöstes Beispiel
Ein Proton (Ladung q = 1,6 · 10⁻¹⁹ C) bewegt sich mit v = 3 · 10⁷ m/s senkrecht durch ein Magnetfeld von B = 0,2 T.
Gegeben: q = 1,6 · 10⁻¹⁹ C, v = 3 · 10⁷ m/s, B = 0,2 T
Gesucht: F in N
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Formel aufstellen: F = q · v · B
- Schritt 2 — Einsetzen und berechnen: F = 1,6 · 10⁻¹⁹ C · 3 · 10⁷ m/s · 0,2 T = 1,6 · 3 · 0,2 · 10⁻¹⁹⁺⁷ N = 0,96 · 10⁻¹² N ≈ 9,6 · 10⁻¹³ N
Ergebnis: F ≈ 9,6 · 10⁻¹³ N
Übungen
Ein Elektron (q = 1,6 · 10⁻¹⁹ C) bewegt sich mit v = 5 · 10⁶ m/s senkrecht durch ein Feld von B = 0,4 T. Wie groß ist die Kraft?
F = 1,6 · 10⁻¹⁹ · 5 · 10⁶ · 0,4 = 3,2 · 10⁻¹³ N
Eine geladene Staubpartikel (q = 8 · 10⁻⁸ C) bewegt sich mit v = 150 m/s senkrecht durch B = 0,3 T. Wie groß ist die Lorentzkraft?
F = 8 · 10⁻⁸ · 150 · 0,3 = 3,6 · 10⁻⁶ N = 3,6 μN
Auf eine Ladung (q = 2 · 10⁻⁶ C) wirkt im Magnetfeld von B = 0,5 T eine Kraft von F = 1,5 · 10⁻³ N. Wie groß ist die Geschwindigkeit des Teilchens?
v = F / (q · B) = 1,5 · 10⁻³ / (2 · 10⁻⁶ · 0,5) = 1500 m/s
Zwei Teilchen mit gleicher Geschwindigkeit und gleichem B bewegen sich durch dasselbe Magnetfeld. Teilchen A hat Ladung q, Teilchen B hat Ladung 3q. Wie verhält sich die Kraft auf B zur Kraft auf A?
F_B / F_A = 3q / q = 3. Die Kraft auf B ist dreimal so groß.
Ein Teilchen bewegt sich parallel zu den Magnetfeldlinien (α = 0°). Seine Ladung beträgt q = 5 · 10⁻⁹ C, die Geschwindigkeit v = 1000 m/s, B = 2 T. Welche Kraft wirkt?
F = q · v · B · sin(0°) = 0 N (keine Kraft, da Bewegungsrichtung parallel zum Feld)
Ein Proton (q = 1,6 · 10⁻¹⁹ C) bewegt sich mit v = 2 · 10⁷ m/s senkrecht durch B = 0,5 T. Wie groß ist die Kraft?
- a) 1,6 · 10⁻¹² N
- b) 1,6 · 10⁻¹⁰ N
- c) 1,6 · 10⁻⁷ N
- d) 0 N, weil keine Ladungsträger fließen
Richtig: a)
F = 1,6 · 10⁻¹⁹ · 2 · 10⁷ · 0,5 = 1,6 · 10⁻¹² N. Option b) enthält einen Zehnerpotenzen-Rechenfehler, c) ist noch größer falsch, d) verwechselt den Einzelladungsfall mit dem Leiterfall.
Beim Hall-Effekt fließt konventioneller Strom durch einen Leiter, während ein senkrechtes Magnetfeld anliegt. Was erzeugt die Hall-Spannung U_H?
- a) Die thermische Bewegung der Elektronen an den Rändern
- b) Die Ladungstrennung infolge der Lorentzkraft auf die Ladungsträger
- c) Eine Änderung des ohmschen Widerstands durch das Magnetfeld
- d) Die Induktion einer Gegenspannung durch das variable Magnetfeld
Richtig: b)
Die Lorentzkraft drückt Ladungsträger seitlich aus der Bahn. Sie sammeln sich auf einer Seite des Leiters, die andere Seite wird verarmt. Diese Ladungstrennung baut die Hall-Spannung auf. Widerstandsänderungen oder Induktion spielen dabei keine Rolle.
Ein Elektron und ein Proton bewegen sich mit gleicher Geschwindigkeit in gleicher Richtung durch dasselbe Magnetfeld. Welche Aussage zu den wirkenden Kräften ist korrekt?
- a) Auf beide wirkt dieselbe Kraft in dieselbe Richtung
- b) Auf beide wirkt keine Kraft, weil die Ladungen sich aufheben
- c) Die Kräfte sind gleich groß, aber entgegengesetzt gerichtet
- d) Auf das Elektron wirkt eine stärkere Kraft, weil seine Masse kleiner ist
Richtig: c)
F = q · v · B — Betrag der Ladung ist bei Proton und Elektron gleich (e), Vorzeichen ist verschieden (+e vs. –e). Gleicher Betrag, entgegengesetzte Richtung. Masse spielt bei der Lorentzkraft keine Rolle (sie beeinflusst die Beschleunigung, nicht die Kraft selbst).
4. Anwendungen in der Praxis
Einstieg
Die Lorentzkraft ist kein Laboreffekt, der nur unter besonderen Bedingungen auftritt. Sie steckt in Geräten, die täglich in Betrieb, gewartet und instand gehalten werden. Drei Beispiele zeigen, wie das physikalische Prinzip zu technisch nutzbaren Effekten wird.
Hauptinhalt
Drehspulmesswerk
Das Drehspulmesswerk ist eines der anschaulichsten Beispiele für die Lorentzkraft in einem Messgerät. Eine Rechteckspule aus feinem Kupferdraht hängt drehbar zwischen den Polschuhen eines Permanentmagneten. Fließt Strom durch die Spule, wirkt die Lorentzkraft auf die stromdurchflossenen Leiter — an einem Spulenseitenleiter nach oben, am gegenüberliegenden nach unten. Das erzeugt ein Drehmoment auf die Spule. Eine Spiralfeder wirkt dagegen, bis sich ein Gleichgewicht einstellt. Der am Spulenrahmen befestigte Zeiger zeigt dann auf der Skala die Stromstärke an.
Das Drehspulmesswerk ist linear: Je mehr Strom fließt, desto größer die Lorentzkraft, desto größer das Drehmoment, desto weiter der Ausschlag. Das ermöglicht eine gleichmäßige Skala.
Lautsprecher
Im Lautsprecher ist eine Schwingspule starr mit der Membran verbunden und taucht in den Spalt eines Ringmagneten ein. Der Wechselstrom des Audiosignals wechselt ständig seine Richtung — damit wechselt auch die Richtung der Lorentzkraft auf die Schwingspule, und zwar exakt im Takt des Signals. Die Spule und damit die Membran schwingen vor und zurück und erzeugen Schallwellen. Die Frequenz des Stroms bestimmt die Tonhöhe, die Stromstärke die Lautstärke.
Massenspektrometer und Teilchenauswahl
In der analytischen Messtechnik und Materialforschung können Teilchen unterschiedlicher Masse durch ein Magnetfeld voneinander getrennt werden. Gleich geladene, gleich schnelle Teilchen erfahren dieselbe Lorentzkraft — werden aber durch diese Kraft verschieden stark abgelenkt, weil Teilchen mit größerer Masse träger sind (F = m · a). So lässt sich aus dem Ablenkradius direkt auf die Masse schließen. Dieses Prinzip nutzen Massenspektrometer.
Elektromotoren
Die Lorentzkraft ist das grundlegende Wirkprinzip aller Elektromotoren, die stromdurchflossene Leiter in Magnetfeldern bewegen. Wie ein Gleichstrommotor konkret aufgebaut ist, wie der Kommutator die Stromrichtung schaltet und wie das Drehmoment über die M-n-Kennlinie beschrieben wird, behandelt der Beitrag Gleichstrommotor – Aufbau und Funktion.
Im Drehspulmesswerk lenkt der Zeiger proportional zur Stromstärke aus. Was passiert, wenn man die Stromrichtung umkehrt?
- a) Der Ausschlag bleibt gleich, ändert sich aber in der Skala
- b) Der Ausschlag verdoppelt sich
- c) Das Instrument zeigt keine Reaktion
- d) Der Zeiger schlägt in die entgegengesetzte Richtung aus
Richtig: d)
Stromumkehr kehrt die Kraftrichtung um (Drei-Finger-Regel). Das Drehmoment dreht sich in die andere Richtung, der Zeiger schlägt auf der anderen Seite aus oder stößt gegen den Anschlag. Deshalb sind Drehspulmesswerke standardmäßig auf eine feste Stromrichtung ausgelegt.
Ein Lautsprecher gibt einen 440-Hz-Ton aus. Wie oft ändert die Lorentzkraft auf die Schwingspule dabei pro Sekunde ihre Richtung?
- a) 880-mal
- b) 440-mal
- c) 220-mal
- d) Einmal pro Sekunde, unabhängig von der Frequenz
Richtig: a)
Bei 440 Hz durchläuft der Strom 440 vollständige Perioden pro Sekunde. In jeder Periode wechselt die Kraft zweimal die Richtung (einmal positiv, einmal negativ). Damit ergibt sich 440 · 2 = 880 Richtungswechsel pro Sekunde.
Hall-Sensoren sind in der Automatisierungstechnik weit verbreitet. Welche Eigenschaft macht sie dort besonders attraktiv?
- a) Sie benötigen direkten mechanischen Kontakt zum Messobjekt
- b) Sie erfassen Magnetfelder berührungslos, ohne bewegliche Teile und ohne Verschleiß
- c) Sie sind ausschließlich für Wechselstrom-Applikationen geeignet
- d) Sie liefern ein digitales Ausgangssignal ausschließlich bei Temperaturen über 50 °C
Richtig: b)
Hall-Sensoren haben keinerlei bewegliche Teile und berühren das Messobjekt (z. B. den Magneten im Pneumatikkolben) nicht. Das macht sie wartungsarm und langlebig — ein entscheidender Vorteil gegenüber mechanischen Endschaltern.
Abschlusstest
Aufgabe 1: Ein Motorwicklungsstab (l = 35 cm) führt im Betrieb 40 A und liegt senkrecht im Ständermagnetfeld von B = 0,85 T.
Gegeben: l = 0,35 m, I = 40 A, B = 0,85 T, α = 90°
Gesucht: Lorentzkraft F in N
Lösungsweg:
- F = B · I · l · sin(α)
- F = 0,85 T · 40 A · 0,35 m · sin(90°)
- F = 0,85 · 40 · 0,35 · 1 = 11,9 N
Ergebnis: F = 11,9 N
Aufgabe 2: Ein geladenes Staubteilchen (q = 3 · 10⁻⁸ C) bewegt sich mit v = 400 m/s senkrecht durch ein Magnetfeld von B = 0,25 T.
Gegeben: q = 3 · 10⁻⁸ C, v = 400 m/s, B = 0,25 T
Gesucht: Lorentzkraft F in N
Lösungsweg:
- F = q · v · B
- F = 3 · 10⁻⁸ C · 400 m/s · 0,25 T
- F = 3 · 400 · 0,25 · 10⁻⁸ = 300 · 10⁻⁸ N = 3 · 10⁻⁶ N = 3 μN
Ergebnis: F = 3 μN
Welche der folgenden Bedingungen ist für das Entstehen der Lorentzkraft auf eine Ladung NICHT erforderlich?
- a) Ein Magnetfeld muss vorhanden sein
- b) Die Ladung muss sich relativ zu den Feldlinien bewegen
- c) Das Magnetfeld muss zeitlich veränderlich sein
- d) Die Ladung darf nicht null sein (q ≠ 0)
Richtig: c)
F = q · v · B funktioniert auch mit einem vollständig statischen, konstanten Magnetfeld. Eine zeitliche Veränderung von B ist keine Voraussetzung — das wäre die Bedingung für elektromagnetische Induktion. Die Lorentzkraft benötigt lediglich ein vorhandenes B-Feld, eine von null verschiedene Ladung und Relativbewegung zwischen Ladung und Feldlinie.
Ein 15 cm langer Leiter führt 12 A und ist in einem Winkel von 30° zu den Feldlinien (B = 0,8 T) ausgerichtet. Wie groß ist die Kraft auf den Leiter?
- a) 1,44 N
- b) 0,36 N
- c) 1,25 N
- d) 0,72 N
Richtig: d)
F = 0,8 · 12 · 0,15 · sin(30°) = 0,8 · 12 · 0,15 · 0,5 = 0,72 N. Option a) entsteht, wenn sin(30°) = 1 gesetzt wird (also α = 90° angenommen wird). b) und c) sind falsch berechnet.
Die Drei-Finger-Regel zeigt: Daumen nach rechts (I), Zeigefinger nach oben (B). In welche Richtung zeigt der Mittelfinger (F)?
- a) Aus der Zeichenebene heraus, auf den Betrachter zu
- b) In die Zeichenebene hinein, vom Betrachter weg
- c) Nach unten
- d) Ebenfalls nach rechts, parallel zu I
Richtig: a)
I nach rechts (+x), B nach oben (+y) → F in die Richtung +x × +y = +z, also aus der Ebene heraus auf den Betrachter zu. Option b) wäre das Ergebnis mit der linken Hand oder bei umgekehrter Stromrichtung, c) wäre F = –y (falsche Kreuzproduktrichtung), d) wäre keine Kraft (parallel = kein Kreuzprodukt).
Beim Hall-Effekt fließt konventioneller Strom von links nach rechts. Das Magnetfeld zeigt in die Seite (×). An welchem Rand des Leiters häufen sich positive Ladungsträger an?
- a) Am linken Rand (Eingang)
- b) Am oberen Rand
- c) Am rechten Rand (Ausgang)
- d) Am unteren Rand
Richtig: b)
Strom nach rechts (+x), B in die Seite (–z). Kraft auf positive Träger: F = q(+x × –z) = q · (–1) · (x × z) = q · (–1) · (–y) = q · (+y) = nach oben. Positive Träger sammeln sich am oberen Rand.
Wie verhält sich die Lorentzkraft auf einen Leiter, wenn man die Stromstärke verdreifacht und gleichzeitig die Flussdichte halbiert?
- a) Die Kraft verdreifacht sich
- b) Die Kraft halbiert sich
- c) Die Kraft erhöht sich auf das 1,5-Fache
- d) Die Kraft bleibt gleich
Richtig: c)
F‘ = (B/2) · (3I) · l · sin(α) = (3/2) · B · I · l · sin(α) = 1,5 · F. Verdreifachung des Stroms und Halbierung der Flussdichte ergeben zusammen den Faktor 3/2 = 1,5.
Warum muss in einem Gleichstrommotor die Stromrichtung in den Wicklungen während der Rotation regelmäßig umgeschaltet werden?
- a) Um Übererwärmung der Wicklungen durch dauerhaften Strom zu vermeiden
- b) Um die Impedanz der Wicklungen konstant zu halten
- c) Um die magnetische Flussdichte zu stabilisieren
- d) Damit die Lorentzkraft auf die Wicklungsleiter stets in dieselbe Umlaufrichtung wirkt
Richtig: d)
Ohne Stromumkehr würde die Kraft nach dem Passieren der Mittellage in die entgegengesetzte Richtung zeigen und den Rotor abbremsen. Der Kommutator sorgt dafür, dass die Stromrichtung im richtigen Moment wechselt, sodass das Drehmoment immer in dieselbe Richtung wirkt.
Welche Größe hat keinen Einfluss auf den Betrag der Lorentzkraft F = q · v · B auf eine einzelne Ladung?
- a) Die Masse der Ladung
- b) Die Größe der Ladung q
- c) Die Geschwindigkeit v des Teilchens
- d) Die magnetische Flussdichte B
Richtig: a)
F = q · v · B enthält keine Masse. Die Masse beeinflusst die durch F erzeugte Beschleunigung (a = F/m), nicht aber die Kraft selbst. Eine schwerere Ladung wird durch dieselbe Lorentzkraft langsamer abgelenkt, erfährt aber dieselbe Kraft.
In einem Hall-Sensor wird B verdoppelt, während der Strom konstant bleibt. Was passiert mit der Hall-Spannung U_H?
- a) U_H bleibt unverändert, weil der Strom konstant ist
- b) U_H verdoppelt sich
- c) U_H halbiert sich
- d) U_H wird viermal so groß
Richtig: b)
Die Hall-Spannung ist bei konstantem Strom direkt proportional zur Flussdichte B. Das ist der Kern der Messprinzip-Eigenschaft von Hall-Sensoren: U_H ~ B. Verdopplung von B → Verdopplung von U_H.
Welche Aussage zur Winkelabhängigkeit der Lorentzkraft ist korrekt?
- a) Die Kraft ist unabhängig vom Winkel zwischen Leiter und Feldlinie
- b) Die Kraft bei α = 45° ist exakt halb so groß wie bei α = 90°
- c) Die Kraft ist null bei paralleler Ausrichtung und maximal bei senkrechter Ausrichtung
- d) Die Kraft ist bei α = 0° am größten, weil der Leiter ganz im Feld liegt
Richtig: c)
F = B · I · l · sin(α). Bei α = 0°: sin(0°) = 0, F = 0. Bei α = 90°: sin(90°) = 1, F = F_max. Bei α = 45°: sin(45°) ≈ 0,707, also etwa 71 % von F_max, nicht genau die Hälfte. Option d) ist ein klassischer Denkfehler: „Im Feld liegen“ allein erzeugt keine Kraft.
Ein Drehspulmesswerk ist auf 100 mA Vollausschlag ausgelegt. Strom und Flussdichte werden beide verdoppelt. Was ist die Konsequenz?
- a) Der Zeiger zeigt den doppelten Wert an (200 mA)
- b) Der Zeiger schlägt bis zum Anschlag und das Instrument zeigt 400 mA an
- c) Das Instrument arbeitet normal, weil die Sensitivität sich halbiert
- d) Die Lorentzkraft auf die Spule vervierfacht sich und das Instrument wird überlastet
Richtig: d)
F = B · I · l. Verdopplung von B UND I ergibt 2 · 2 = 4-fache Kraft. Ein auf 100 mA ausgelegtes Instrument, das plötzlich eine vierfache Kraft erfährt, wird mechanisch überlastet — der Zeiger schlägt gegen den Anschlag und die Spiralfeder oder der Zeiger kann beschädigt werden.
Glossar
- Lorentzkraft
- Die Kraft auf einen stromdurchflossenen Leiter oder eine bewegte Ladung in einem Magnetfeld. Berechnet sich für den Leiter mit F = B · I · l · sin(α) und für eine einzelne Ladung mit F = q · v · B.
- Magnetische Flussdichte (B)
- Die Größe, die beschreibt, wie dicht und stark die magnetischen Feldlinien an einem Ort sind. Einheit: Tesla (T). Bestimmt zusammen mit I und l den Betrag der Lorentzkraft.
- Technische Stromrichtung
- Konvention, nach der Strom vom Pluspol durch den äußeren Stromkreis zum Minuspol fließt. Entgegengesetzt zur tatsächlichen Bewegungsrichtung der Elektronen. Maßgeblich für die Drei-Finger-Regel.
- Drei-Finger-Regel
- Gedächtnishilfe zur Bestimmung der Kraftrichtung bei der Lorentzkraft. Rechte Hand: Daumen = Strom I, Zeigefinger = Magnetfeld B, Mittelfinger = Kraft F.
- Hall-Effekt
- Querablenkung von Ladungsträgern in einem stromdurchflossenen Leiter durch ein senkrechtes Magnetfeld. Führt zur Ladungstrennung und einer messbaren Querspannung (Hall-Spannung).
- Hall-Spannung (U_H)
- Die Querspannung, die beim Hall-Effekt entsteht, wenn sich Ladungsträger auf einer Seite des Leiters ansammeln. Proportional zur magnetischen Flussdichte B.
- Drehspulmesswerk
- Elektrisches Messgerät, das die Lorentzkraft auf eine stromdurchflossene Spule im Magnetfeld eines Permanentmagneten zur proportionalen Zeigerauslenkung nutzt. Grundbaustein analoger Amperemeter und Voltmeter.
- Schwingspule
- Spule im Lautsprecher, die im Spalt eines Ringmagneten sitzt. Der durch sie fließende Wechselstrom des Audiosignals erzeugt eine wechselnde Lorentzkraft, die die Membran zum Schwingen bringt.
