Welle-Nabe-Verbindungen

Auf fast jeder Welle sitzt etwas: ein Zahnrad, eine Riemenscheibe, ein Kupplungsteil, ein Lüfterrad. Damit sich dieses Bauteil mit der Welle dreht und nicht durchrutscht, braucht es eine Verbindung zwischen Welle und Nabe. Welche Bauart die richtige ist, hängt vom Drehmoment ab, von der Belastungsart, davon ob die Verbindung wieder lösbar sein soll – und nicht zuletzt von den Kosten. Dieser Beitrag zeigt die gängigen Verbindungsarten, ordnet sie nach ihrem Wirkprinzip und gibt klare Kriterien für die Auswahl in der Praxis, samt der wichtigsten Auslegungsformeln.

Vorwissen

  • Drehbewegung und Drehmoment
  • Beanspruchungsarten: Zug, Druck, Biegung, Schub, Torsion
  • Reibung (Grundlagen Haftreibung)

Lernziele

Nach diesem Beitrag kannst du:

  • die drei Wirkprinzipien Formschluss, Kraftschluss und Stoffschluss unterscheiden und einer Verbindungsart zuordnen
  • aus einem Drehmoment die Umfangskraft an der Welle und die Flächenpressung an einer Passfeder berechnen
  • die Belastung eines Querstifts auf Abscherung rechnerisch abschätzen
  • das übertragbare Reibmoment einer kraftschlüssigen Verbindung bestimmen
  • für einen konkreten Anwendungsfall die passende Welle-Nabe-Verbindung auswählen und begründen

1. Aufgabe und Einteilung der Welle-Nabe-Verbindungen

Eine Nabe ist der Teil eines Bauteils, der auf der Welle sitzt – die Bohrung mitsamt dem umgebenden Material, zum Beispiel die Nabe eines Zahnrads oder einer Riemenscheibe. Die Welle-Nabe-Verbindung hat zwei Aufgaben: Sie soll das Drehmoment zwischen Welle und Nabe übertragen, und sie soll die Nabe in axialer Richtung sichern, damit sie nicht von der Welle wandert.

Für die Drehmomentübertragung gibt es drei grundlegend verschiedene Wirkprinzipien. Beim Formschluss greifen die Bauteile mechanisch ineinander. Eine Passfeder etwa liegt in einer Nut und blockiert die Verdrehung wie ein Riegel. Die Kraft wird über Flächen übertragen, die sich gegenseitig im Weg stehen.

Beim Kraftschluss – genauer Reibschluss – hält die Verbindung allein durch Reibung. Die Nabe wird so fest auf die Welle gepresst, dass die Haftreibung zwischen den Flächen das Drehmoment überträgt. Es gibt keine Nut, keinen Stift, nichts greift ineinander.

Beim Stoffschluss sind die Teile dauerhaft verbunden, etwa durch Kleben, Löten oder Schweißen. Diese Verbindung ist nicht mehr zerstörungsfrei lösbar und spielt bei klassischen Welle-Nabe-Verbindungen eine Nebenrolle.

Ein zweites Ordnungsmerkmal ist die Lösbarkeit. Manche Verbindungen lassen sich beliebig oft trennen und wieder zusammenbauen (lösbar), andere nur mit Aufwand oder unter Beschädigung von Teilen (bedingt lösbar), und manche gar nicht zerstörungsfrei (unlösbar).

VerbindungsartWirkprinzipLösbarkeit
PassfederFormschlusslösbar
KeilForm- und Kraftschlussbedingt lösbar
Keil-/ZahnwelleFormschlusslösbar
StiftverbindungFormschlussje nach Stiftart lösbar bis bedingt lösbar
KlemmverbindungKraftschlusslösbar
Spannsatz / KegelspannelementKraftschlusslösbar
PressverbandKraftschlussbedingt lösbar bis unlösbar
KlebenStoffschlussunlösbar

Frage 1: Eine Riemenscheibe wird durch eine geschlitzte Klemmnabe ohne Nut auf einer glatten Welle befestigt. Welchem Wirkprinzip entspricht das?

  • a) Formschluss, weil die Nabe die Welle umschließt
  • b) Stoffschluss, weil kein Spalt bleibt
  • c) Kraftschluss, weil das Drehmoment über Reibung übertragen wird
  • d) Form- und Kraftschluss gleichzeitig

Richtig: c)

Ohne Nut, Stift oder ineinandergreifende Konturen kann kein Formschluss vorliegen. Die Klemmnabe presst sich auf die Welle, das Drehmoment wird allein über die Haftreibung der Pressflächen übertragen – das ist Kraftschluss. Stoffschluss würde eine stoffliche Verbindung wie Kleben oder Schweißen voraussetzen.

Frage 2: Welche der folgenden Verbindungen ist im Regelfall am ehesten zerstörungsfrei wieder lösbar?

  • a) Querpresssitz (Schrumpfverband)
  • b) Klebeverbindung
  • c) Passfederverbindung
  • d) Spannstift-Verbindung in einer engen Bohrung

Richtig: c)

Die Passfeder lässt sich nach dem Abziehen der Nabe entnehmen und die Verbindung beliebig oft wieder herstellen. Der Schrumpfverband ist nur unter Erwärmung und Beschädigungsrisiko lösbar, die Klebeverbindung gar nicht zerstörungsfrei, und ein fest sitzender Spannstift wird beim Austreiben oft beschädigt.

2. Grundlagen: Drehmoment, Umfangskraft und Flächenpressung

Bevor wir die einzelnen Verbindungen durchgehen, brauchen wir zwei Größen, die in fast jeder Auslegung auftauchen: die Umfangskraft und die Flächenpressung.

Ein Drehmoment wirkt nicht direkt auf eine Passfeder oder einen Stift – diese spüren eine Kraft. Der Zusammenhang läuft über den Hebelarm, und der ist hier der Wellenradius. Das Drehmoment ist Umfangskraft mal Hebelarm, also T = F_u · d/2. Stellt man das nach der Umfangskraft um, ergibt sich aus dem zu übertragenden Drehmoment und dem Wellendurchmesser die Kraft, die am Wellenumfang tatsächlich auf das verbindende Element drückt.

F_u = 2 * T / d

  • F_u … Umfangskraft in N
  • T … Drehmoment in Nmm
  • d … Wellendurchmesser in mm

Achtung auf die Einheiten: Wird das Drehmoment in Newtonmeter angegeben, muss es für diese Formel in Newtonmillimeter umgerechnet werden (1 Nm = 1000 Nmm), damit das Ergebnis mit Durchmessern in Millimeter zusammenpasst.

Die zweite Größe ist die Flächenpressung. Sie beschreibt, wie stark eine Kraft auf eine Berührungsfläche drückt – Kraft geteilt durch die Fläche, auf der sie wirkt.

p = F / A

  • p … Flächenpressung in N/mm²
  • F … Kraft in N
  • A … gedrückte Fläche in mm²

Die Flächenpressung ist die zentrale Auslegungsgröße bei formschlüssigen Verbindungen. Wird sie zu groß, gibt das weichere Bauteil nach: Die Nut quetscht sich auf, die Passfeder gräbt sich ein, die Verbindung wird unbrauchbar. Deshalb vergleicht man die berechnete Pressung immer mit einer zulässigen Flächenpressung, die vom Werkstoff der Nabe und von der Belastungsart abhängt.

Gelöstes Beispiel

Eine Welle überträgt ein Drehmoment von 150 Nm. Der Wellendurchmesser beträgt 40 mm. Wie groß ist die Umfangskraft am Wellenumfang?

Gegeben: Drehmoment T = 150 Nm = 150 000 Nmm, Wellendurchmesser d = 40 mm

Gesucht: Umfangskraft F_u in N

Lösungsweg:

  1. Schritt 1 — Drehmoment in Nmm umrechnen: 150 Nm = 150 000 Nmm
  2. Schritt 2 — Umfangskraft berechnen: F_u = 2 · T / d = 2 · 150 000 Nmm / 40 mm = 7500 N

Ergebnis: F_u = 7500 N

Übungen

Eine Welle mit 25 mm Durchmesser überträgt 80 Nm. Berechne die Umfangskraft.

F_u = 2 · 80 000 / 25 = 6400 N

Eine Kraft von 5000 N drückt auf eine Fläche von 250 mm². Wie groß ist die Flächenpressung?

p = 5000 / 250 = 20 N/mm²

Eine Welle überträgt 220 Nm bei 50 mm Durchmesser. Wie groß ist die Umfangskraft?

F_u = 2 · 220 000 / 50 = 8800 N

Frage 1: Bei gleichem Drehmoment wird der Wellendurchmesser verdoppelt. Wie ändert sich die Umfangskraft?

  • a) Sie verdoppelt sich
  • b) Sie halbiert sich
  • c) Sie bleibt gleich
  • d) Sie vervierfacht sich

Richtig: b)

In der Formel F_u = 2·T/d steht der Durchmesser im Nenner. Verdoppelt sich d bei gleichem T, halbiert sich die Umfangskraft. Anschaulich: Der größere Durchmesser bietet einen längeren Hebelarm, dadurch reicht eine kleinere Kraft für dasselbe Moment.

3. Passfederverbindung

Die Passfeder ist die mit Abstand häufigste Welle-Nabe-Verbindung. Sie ist ein quaderförmiges Stahlteil, das zur Hälfte in einer Nut der Welle liegt und mit der anderen Hälfte in eine Nut der Nabe ragt. Dreht sich die Welle, schiebt die Passfederflanke gegen die Nabennut und nimmt die Nabe mit. Es ist eine rein formschlüssige Verbindung.

Nabe Welle Passfeder t₂ tragende Höhe schraffiert: wirksame Tragfläche (Flanke in der Nabe) Rücken der Passfeder: Spiel zur Nabe (kein Anstehen)
Querschnitt Welle-Passfeder-Nabe

p = F_u / (l_t * t_2)

  • p … Flächenpressung in N/mm²
  • F_u … Umfangskraft in N
  • l_t … tragende Länge der Passfeder in mm
  • t_2 … tragende Höhe in der Nabe in mm

4. Keilverbindung

Der Keil sieht der Passfeder ähnlich, hat aber einen entscheidenden Unterschied: einen Anzug. Seine obere Fläche ist leicht geneigt, typisch um 1:100. Beim Eintreiben verkeilt er sich zwischen Welle und Nabe und presst die Nabe gegen die Welle. Damit ist der Keil zugleich formschlüssig (er liegt in den Nuten) und kraftschlüssig (er erzeugt eine Pressung). Wegen des flachen Anzugs ist er selbsthemmend und sitzt auch ohne zusätzliche Sicherung fest.

Genau dieser Anzug ist aber auch das Problem. Weil der Keil die Nabe einseitig anhebt, sitzt sie nicht mehr exakt zentrisch auf der Welle. Es entsteht ein Rundlauffehler. Bei höheren Drehzahlen oder Präzisionsanwendungen ist es untragbar. Aus diesem Grund ist der Längskeil im modernen Maschinenbau weitgehend von der Passfeder verdrängt worden.

5. Stiftverbindungen

Ein Stift ist ein einfaches, meist zylindrisches oder kegeliges Bauteil, das durch eine Bohrung quer durch Welle und Nabe gesteckt wird. Stiftverbindungen sind günstig, schnell montiert und übernehmen zwei Aufgaben: Sie sichern Bauteile gegen Verdrehen oder Verschieben, und sie können kleinere Drehmomente übertragen.

Nabe Welle Querstift rote Linien: zwei Scherflächen (Stift wird zweischnittig belastet)

Bei der Drehmomentübertragung wird ein Querstift auf Abscherung belastet. Weil der Stift an zwei Stellen geschnitten würde – links und rechts der Welle –, spricht man von zweischnittiger Belastung.

tau = F_u / (2 * A_s)

  • tau … Schubspannung im Stift in N/mm²
  • F_u … Umfangskraft in N
  • A_s … Querschnittsfläche des Stifts in mm²

6. Kraftschlüssige Verbindungen: Klemm- und Pressverbindungen

Genau das vermeiden die kraftschlüssigen Verbindungen. Sie übertragen das Drehmoment allein über Reibung zwischen Nabe und Welle – ohne Materialschwächung, dafür auf größere Pressung angewiesen. Beispiele sind Klemmverbindungen, Spannsätze und der Pressverband.

T_R = mu * F_N * d / 2

  • T_R … übertragbares Reibmoment in Nmm
  • mu … Haftreibwert zwischen Welle und Nabe
  • F_N … gesamte Normal-(Anpress-)kraft in N
  • d … Wellendurchmesser in mm

7. Auswahl in der Praxis

Es gibt nicht die eine beste Welle-Nabe-Verbindung. Welche passt, ergibt sich aus dem Anwendungsfall. Als grobe Faustregel: Für den Standardfall mit mittlerem, eher ruhigem Moment ist die Passfeder die naheliegende, kostengünstige Wahl. Bei Wechsellast, hohem Moment oder Präzisionsanforderung lohnt der Griff zum Spannsatz oder zur Keilwelle.

Abschlusstest

Aufgabe 1: Eine Welle mit 45 mm Durchmesser überträgt ein Drehmoment von 180 Nm. Berechne die Umfangskraft am Wellenumfang.

Gegeben: T = 180 000 Nmm; d = 45 mm

Gesucht: F_u

Lösungsweg: F_u = 2 · 180 000 / 45 = 8000 N

Ergebnis: 8000 N

Frage 1: Eine Verbindung überträgt das Drehmoment, ohne dass eine Nut oder Bohrung in die Welle eingebracht wird. Zu welchem Wirkprinzip gehört sie?

  • a) Formschluss
  • b) Kraftschluss
  • c) Stoffschluss
  • d) Form- und Stoffschluss

Richtig: b)

Ohne Nut oder Bohrung kann kein Formschluss vorliegen. Die Übertragung läuft über Reibung zwischen den Pressflächen – das ist Kraftschluss.

Glossar

Nabe
Der Teil eines Bauteils, der auf der Welle sitzt, also Bohrung und umgebendes Material.
Formschluss
Wirkprinzip, bei dem Bauteile mechanisch ineinandergreifen.
Kraftschluss
Wirkprinzip, bei dem das Drehmoment über Reibung zwischen aneinandergepressten Flächen übertragen wird.
Stoffschluss
Dauerhafte Verbindung durch stoffliche Mittel wie Kleben oder Schweißen.

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