Kerbschlagbiegeversuch
Einteil Bauteil kann im Zugversuch glänzende Werte liefern und trotzdem an einem kalten Wintermorgen plötzlich durchbrechen – ohne Vorwarnung, ohne sichtbare Verformung. Genau diese Gefahr macht der Kerbschlagbiegeversuch sichtbar. Er beantwortet eine Frage, die die statische Festigkeit allein nicht klären kann: Wie viel Energie steckt ein Werkstoff weg, bevor er bei einem Schlag bricht – und wie ändert sich das mit der Temperatur?
Dieser Beitrag zeigt, wie der Versuch aufgebaut ist, was die Schlagarbeit aussagt, warum es eine Übergangstemperatur vom zähen zum spröden Verhalten gibt und welche Rolle das in der täglichen Werkstoffwahl spielt.
Vorwissen
- Werkstoffeigenschaften: Festigkeit, Härte, Zähigkeit
- Arbeit, Energie, Leistung
- Eisen und Stahl – Grundlagen (insbesondere innerer Aufbau: Gefüge und Kristallgitter)
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- erklären, warum ein Werkstoff trotz hoher Festigkeit spröde brechen kann
- den Aufbau und Ablauf des Kerbschlagbiegeversuchs am Pendelschlagwerk beschreiben
- die Schlagarbeit aus den Pendelhöhen berechnen und die Kerbschlagzähigkeit als bezogenen Kennwert daraus ableiten
- den Verlauf der Schlagarbeit-Temperatur-Kurve mit Hochlage, Steilabfall und Tieflage deuten
- begründen, warum die Stahl-Güteklasse von der tiefsten Einsatztemperatur abhängt
1. Warum überhaupt schlagen? – Zähigkeit als eigene Eigenschaft
Im Zugversuch wird ein Werkstoff langsam und gleichmäßig auseinandergezogen. Daraus bekommt man Festigkeitswerte wie die Streckgrenze oder die Zugfestigkeit. Diese Werte sagen aber wenig darüber aus, wie sich der Werkstoff bei einer schlagartigen Belastung verhält – also wenn die Last nicht langsam ansteigt, sondern in Sekundenbruchteilen einschlägt.
Genau hier kommt die Zähigkeit ins Spiel: das Vermögen eines Werkstoffs, vor dem Bruch Energie aufzunehmen und sich plastisch zu verformen. Festigkeit und Zähigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Ein gehärteter Stahl kann sehr fest und gleichzeitig sehr spröde sein – er bricht beim Schlag wie Glas. Ein zäher Stahl verbiegt sich zuerst und kündigt den Bruch an.
Das Gegenteil von zäh ist spröde. Ein Sprödbruch läuft schlagartig ab, fast ohne plastische Verformung, und die Bruchfläche sieht glänzend-körnig aus. Das Tückische daran: Er kommt ohne Ankündigung. Es gibt keine sichtbare Einschnürung, kein Verbiegen, das warnen würde.
Dass das kein theoretisches Problem ist, zeigte sich an geschweißten Stahlkonstruktionen, die bei tiefen Temperaturen plötzlich versagten – Schiffe, Brücken und Behälter, die im Sommer einwandfrei trugen und im Winter spröde brachen. Der Auslöser war fast immer eine Kombination aus drei Dingen: tiefe Temperatur, eine Kerbe oder ein scharfer Übergang als Spannungsspitze und eine stoßartige Belastung. Der Kerbschlagbiegeversuch bildet genau diese drei Faktoren gezielt nach, um die Sprödbruchneigung eines Werkstoffs messbar zu machen.
Ein Werkstoff zeigt im Zugversuch eine hohe Zugfestigkeit. Welche Aussage über sein Schlagverhalten ist korrekt?
- a) Aus der Zugfestigkeit allein lässt sich die Sprödbruchneigung nicht ableiten
- b) Hohe Zugfestigkeit bedeutet automatisch hohe Schlagzähigkeit
- c) Hohe Zugfestigkeit schließt einen Sprödbruch grundsätzlich aus
- d) Schlagverhalten und Festigkeit sind dieselbe Eigenschaft
Richtig: a)
Festigkeit und Zähigkeit sind unabhängige Eigenschaften. Ein hochfester, gehärteter Stahl kann ausgesprochen spröde sein. Deshalb braucht es einen eigenen Versuch für das Schlagverhalten – b, c und d setzen Festigkeit und Zähigkeit fälschlich gleich.
Welche drei Faktoren begünstigen gemeinsam einen Sprödbruch?
- a) Hohe Temperatur, glatte Oberfläche, langsame Belastung
- b) Tiefe Temperatur, Kerbe als Spannungsspitze, stoßartige Belastung
- c) Hohe Temperatur, Kerbe, statische Belastung
- d) Tiefe Temperatur, glatte Oberfläche, langsame Belastung
Richtig: b)
Sprödbruch wird durch Kälte, eine kerbartige Spannungsspitze und eine schlagartige Last gefördert – genau diese Kombination bildet der Versuch nach. Hohe Temperatur und langsame, statische Belastung (a, c, d) wirken dem Sprödbruch entgegen.
2. Aufbau und Ablauf des Versuchs
Der Versuch wird auf einem Pendelschlagwerk durchgeführt. Das Grundprinzip geht auf den sogenannten Charpy-Versuch zurück und ist in der ÖNORM EN ISO 148-1 geregelt.
Das Herzstück ist ein schwerer Pendelhammer an einem langen Arm. Man hebt ihn auf eine festgelegte Ausgangshöhe und lässt ihn los. Im tiefsten Punkt der Pendelbahn trifft er auf die Probe, zerschlägt sie und schwingt auf der anderen Seite wieder nach oben. Die Höhe, die er dabei noch erreicht, ist die entscheidende Messgröße – dazu mehr im nächsten Kapitel.
Die Probe ist genormt: ein Stäbchen mit quadratischem Querschnitt von meist 10 × 10 mm und 55 mm Länge. In der Mitte sitzt eine Kerbe, die als gezielte Spannungsspitze wirkt und den Bruch an einer definierten Stelle einleitet. Üblich sind zwei Kerbformen: die V-Kerbe (spitzwinklig, schärfer) und die U-Kerbe (rundlicher Kerbgrund). Welche Kerbform verwendet wird, beeinflusst das Ergebnis – die Werte sind deshalb nicht direkt untereinander vergleichbar.
Die Probe liegt waagrecht auf zwei Auflagern, die Kerbe zeigt vom Hammer weg, also auf die Zugseite beim Durchbiegen. Der Hammer schlägt mittig auf die der Kerbe gegenüberliegende Seite.
Der Ablauf in Schritten:
- Probe mit definierter Kerbe vorbereiten, gegebenenfalls auf Prüftemperatur bringen.
- Pendel auf die genormte Ausgangshöhe anheben und arretieren.
- Probe auf die Auflager legen, Kerbe korrekt ausrichten.
- Pendel auslösen – es zerschlägt die Probe im tiefsten Punkt.
- Steighöhe des Pendels auf der Gegenseite ablesen (über Schleppzeiger oder Skala).
- Daraus die verbrauchte Schlagarbeit bestimmen.
Je mehr… Energie das Zerschlagen der Probe kostet, desto weniger hoch schwingt das Pendel wieder hoch. Eine zähe Probe „bremst“ das Pendel stark, eine spröde Probe kaum.
Warum sitzt in der Probe eine genormte Kerbe?
- a) Um eine definierte Spannungsspitze zu erzeugen und den Bruch an einer festgelegten Stelle einzuleiten
- b) Damit die Probe leichter auf die Auflager passt
- c) Um die Masse der Probe zu verringern
- d) Damit das Pendel die Probe nicht verfehlt
Richtig: a)
Die Kerbe konzentriert die Spannung und legt die Bruchstelle fest, sodass alle Proben unter vergleichbaren Bedingungen geprüft werden. Die übrigen Antworten betreffen Nebensächlichkeiten ohne Einfluss auf das Messprinzip.
Eine zähe und eine spröde Probe werden mit gleicher Ausgangshöhe geschlagen. Was beobachtet man am Pendel?
- a) Beide Pendel steigen gleich hoch
- b) Das Pendel steigt bei der spröden Probe weniger hoch
- c) Die Steighöhe hängt nicht von der Probe ab
- d) Das Pendel steigt bei der zähen Probe weniger hoch
Richtig: d)
Die zähe Probe nimmt mehr Energie auf, bremst das Pendel also stärker, sodass es niedriger zurückschwingt. Bei der spröden Probe bleibt mehr Restenergie, das Pendel steigt höher – b verwechselt genau das.
Wie liegt die Probe im Pendelschlagwerk?
- a) Senkrecht eingespannt, Kerbe oben
- b) Waagrecht, Kerbe direkt zum Hammer hin
- c) Waagrecht auf zwei Auflagern, Kerbe vom Hammer abgewandt
- d) Frei hängend am Pendel befestigt
Richtig: c)
Die Probe liegt auf zwei Auflagern, der Hammer trifft die kerbabgewandte Seite, sodass die Kerbe auf der Zugseite der Durchbiegung liegt. Läge die Kerbe zum Hammer hin (b), würde sie zusammengedrückt statt aufgerissen.
3. Die Schlagarbeit – was gemessen wird
Das Pendel ist nichts anderes als ein Energiespeicher. In der Ausgangshöhe h1 hat es eine bestimmte potentielle Energie. Nach dem Durchschlag erreicht es nur noch die Resthöhe h2. Die Energie, die auf dem Weg verloren ging, wurde fast vollständig zum Zerschlagen der Probe verbraucht. Das ist die Schlagarbeit.
Sie ergibt sich direkt aus der Höhendifferenz des Pendels:
W = m * g * (h1 – h2)
- W … Schlagarbeit in Joule (J)
- m … Pendelmasse in Kilogramm (kg)
- g … Fallbeschleunigung, 9,81 m/s²
- h1 … Ausgangshöhe in Meter (m)
- h2 … Resthöhe in Meter (m)
In der Praxis liest man den Wert allerdings nicht über die Höhen ab, sondern direkt an einer geeichten Skala des Pendelschlagwerks, die bereits in Joule anzeigt. Die Höhenformel zeigt, woher der Wert physikalisch kommt.
Je nach Kerbform bekommt die Schlagarbeit eine eigene Bezeichnung: KV für die V-Kerbe und KU für die U-Kerbe. Beide werden in Joule angegeben. Weil die Kerbform das Ergebnis beeinflusst, gehört die Kerbform immer zum Wert dazu – ein KV-Wert lässt sich nicht direkt mit einem KU-Wert vergleichen.
Die reine Schlagarbeit in Joule ist ein Wert für die ganze Probe. Will man einen Werkstoffkennwert haben, der unabhängig von der genauen Probengröße ist, bezieht man die Schlagarbeit auf den Probenquerschnitt unter der Kerbe. Das ergibt die Kerbschlagzähigkeit:
a_v = A_v / S
- a_v … Kerbschlagzähigkeit in J/cm²
- A_v … Schlagarbeit in Joule (J)
- S … Restquerschnitt unter der Kerbe in cm²
Bei der genormten 10 × 10-mm-Probe mit 2 mm Kerbtiefe bleibt ein Restquerschnitt von 8 mm × 10 mm = 80 mm², also 0,8 cm². Teilt man die gemessene Schlagarbeit durch diese Fläche, erhält man die auf den Querschnitt bezogene Zähigkeit.
Gelöstes Beispiel
Ein Pendelschlagwerk hat eine Pendelmasse von 20 kg. Die Ausgangshöhe beträgt 1,6 m, nach dem Durchschlag der Probe erreicht das Pendel noch 0,9 m. Die Probe hat einen Restquerschnitt von 0,8 cm². Bestimme die Schlagarbeit und die Kerbschlagzähigkeit.
Gegeben: m = 20 kg, h1 = 1,6 m, h2 = 0,9 m, g = 9,81 m/s², S = 0,8 cm²
Gesucht: Schlagarbeit W in J, Kerbschlagzähigkeit a_v in J/cm²
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Höhendifferenz: h1 − h2 = 1,6 m − 0,9 m = 0,7 m
- Schritt 2 — Schlagarbeit: W = m · g · (h1 − h2) = 20 kg · 9,81 m/s² · 0,7 m = 137,34 J
- Schritt 3 — Kerbschlagzähigkeit: a_v = W / S = 137,34 J / 0,8 cm² = 171,68 J/cm²
Ergebnis: W ≈ 137,34 J; a_v ≈ 171,68 J/cm²
Übungen
Ein Pendel mit 15 kg startet bei 1,5 m und schwingt nach dem Schlag auf 1,1 m. Wie groß ist die Schlagarbeit?
W = 15 · 9,81 · (1,5 − 1,1) = 15 · 9,81 · 0,4 = 58,86 J
Eine Probe verbraucht eine Schlagarbeit von 96 J. Der Restquerschnitt beträgt 0,8 cm². Wie groß ist die Kerbschlagzähigkeit?
a_v = 96 / 0,8 = 120 J/cm²
Ein Pendel (m = 20 kg) startet bei 1,6 m. Nach dem Schlag erreicht es 1,2 m. Bestimme Schlagarbeit und Kerbschlagzähigkeit bei S = 0,8 cm².
W = 20 · 9,81 · 0,4 = 78,48 J; a_v = 78,48 / 0,8 = 98,1 J/cm²
Zwei Proben des gleichen Stahls werden bei verschiedenen Temperaturen geprüft. Bei +20 °C ergibt sich W = 130 J, bei −20 °C nur W = 22 J. Um welchen Faktor ist die Schlagarbeit bei Kälte kleiner?
Faktor = 130 / 22 ≈ 5,9 – die Schlagarbeit ist bei −20 °C rund sechsmal kleiner.
Ein Pendel mit 22,5 kg startet bei 1,55 m. Eine zähe Probe bremst es auf eine Resthöhe von 0,42 m. Reibungsverluste werden vernachlässigt. Bestimme die Schlagarbeit und die Kerbschlagzähigkeit (S = 0,8 cm²).
W = 22,5 · 9,81 · (1,55 − 0,42) = 22,5 · 9,81 · 1,13 = 249,4 J; a_v = 249,4 / 0,8 = 311,8 J/cm²
Mit einem Pendel (m = 20 kg) startet bei h1 = 1,5 m und steigt nach dem Schlag auf h2 = 1,0 m. Wie groß ist die Schlagarbeit?
- a) 49,05 J
- b) 147,15 J
- c) 294,3 J
- d) 98,1 J
Richtig: d)
W = 20 · 9,81 · (1,5 − 1,0) = 20 · 9,81 · 0,5 = 98,1 J. Antwort a nimmt fälschlich die halbe Differenz, b rechnet mit der vollen Ausgangshöhe statt der Differenz, c verdoppelt zusätzlich.
Worin unterscheiden sich KV und a_v grundsätzlich?
- a) KV ist die Schlagarbeit der ganzen Probe in Joule, a_v bezieht sie auf den Restquerschnitt
- b) KV is in J/cm², a_v in Joule
- c) Beide sind identisch, nur anders benannt
- d) KV gilt nur für U-Kerben, a_v nur für V-Kerben
Richtig: a)
KV is die gemessene Schlagarbeit in Joule, a_v teilt diese durch den Restquerschnitt und ergibt einen flächenbezogenen Kennwert in J/cm². Antwort b vertauscht die Einheiten, d verwechselt die Kerbformen.
Warum darf man einen KV-Wert nicht ohne Weiteres mit einem KU-Wert vergleichen?
- a) Weil sie in unterschiedlichen Einheiten angegeben werden
- b) Weil die Kerbform den Spannungszustand und damit das Ergebnis beeinflusst
- c) Weil KU immer doppelt so groß ist wie KV
- d) Weil KU nur bei Aluminium gemessen wird
Richtig: b)
Die schärfere V-Kerbe erzeugt eine andere Spannungskonzentration als die rundere U-Kerbe, deshalb fallen die Werte unterschiedlich aus. Beide stehen in Joule (a falsch), und ein festes Verhältnis (c) gibt es nicht.
4. Steilabfall und Übergangstemperatur
Prüft man denselben Stahl bei verschiedenen Temperaturen, zeigt sich ein bemerkenswertes Verhalten: Bei Wärme ist die Schlagarbeit hoch, der Werkstoff bricht zäh. Sinkt die Temperatur, bleibt die Schlagarbeit zunächst hoch – und fällt dann in einem schmalen Temperaturbereich plötzlich stark ab. Bei tiefer Temperatur landet man auf einem niedrigen Niveau, der Werkstoff bricht spröde.
Diesen Verlauf nennt man die Schlagarbeit-Temperatur-Kurve. Sie hat drei Bereiche:
- die Hochlage: hohe Schlagarbeit, zäher Bruch, viel plastische Verformung
- den Steilabfall: der schmale Bereich, in dem die Zähigkeit zusammenbricht
- die Tieflage: niedrige Schlagarbeit, spröder Bruch
Die Temperatur in der Mitte des Steilabfalls ist die Übergangstemperatur. Sie ist die wichtigste Kenngröße des Versuchs: Oberhalb verhält sich der Werkstoff zäh, unterhalb spröde. Ein Stahl ist also nicht „grundsätzlich zäh“ oder „grundsätzlich spröde“ – es kommt darauf an, ob er über oder unter seiner Übergangstemperatur betrieben wird.
Warum gibt es diesen Steilabfall überhaupt – und warum nicht bei jedem Metall? Das hängt am inneren Aufbau, am Kristallgitter. Die Atome in einem Metall sind regelmäßig angeordnet, und die Art der Anordnung entscheidet darüber, wie leicht sich die Atomebenen bei Belastung gegeneinander verschieben können. Diese Verschiebung ist die Grundlage jeder plastischen Verformung – und damit der Zähigkeit.
Stähle haben bei Raumtemperatur überwiegend ein kubisch-raumzentriertes Gitter (Abkürzung krz): ein Würfel mit einem Atom in jeder Ecke und einem in der Mitte. In diesem Gittertyp wird das Verschieben der Atomebenen bei Kälte zunehmend erschwert – deshalb zeigen krz-Stähle den typischen Steilabfall und werden bei tiefen Temperaturen spröde.
Werkstoffe mit kubisch-flächenzentriertem Gitter (Abkürzung kfz) – ein Würfel mit Atomen in den Ecken und zusätzlich in den Flächenmitten – verhalten sich anders. Hier bleibt das Verschieben der Atomebenen auch bei Kälte möglich. Austenitische Edelstähle und Aluminium gehören dazu: Sie zeigen keinen ausgeprägten Steilabfall und bleiben auch bei tiefen Temperaturen zäh.
Übrigens verrät schon die Bruchfläche, in welchem Bereich man sich befindet: Ein zäher Bruch aus der Hochlage sieht matt und faserig aus, ein spröder Bruch aus der Tieflage glänzend und körnig. Im Steilabfall findet man Mischbrüche mit beiden Anteilen.
Was beschreibt die Übergangstemperatur?
- a) Die Temperatur in der Mitte des Steilabfalls, die zähes von sprödem Verhalten trennt
- b) Die Temperatur, bei der der Stahl schmilzt
- c) Die höchste zulässige Betriebstemperatur eines Bauteils
- d) Die Temperatur, bei der die Schlagarbeit ihr Maximum erreicht
Richtig: a)
Die Übergangstemperatur markiert den Umschlag von zäh auf spröde im Steilabfall. Mit Schmelzen (b) oder einer Betriebsgrenze (c) hat sie nichts zu tun; das Maximum der Schlagarbeit (d) liegt in der Hochlage, nicht im Übergang.
Warum bleibt austenitischer Edelstahl auch bei tiefen Temperaturen zäh?
- a) Weil er ein kubisch-raumzentriertes Gitter hat
- b) Weil er besonders hart ist
- c) Weil er keine Kerbe verträgt
- d) Weil sein kubisch-flächenzentriertes Gitter das Verschieben der Atomebenen auch bei Kälte zulässt
Richtig: d)
Im kfz-Gitter bleibt die plastische Verformung auch bei Kälte möglich, ein Steilabfall tritt nicht auf. Antwort a beschreibt gerade das gegenteilige, steilabfallgefährdete Gitter; Härte (b) und Kerbverhalten (c) sind hier nicht die Ursache.
Eine Bruchfläche ist glänzend und körnig. Worauf deutet das hin?
- a) Auf einen zähen Bruch aus der Hochlage
- b) Auf einen Sprödbruch aus der Tieflage
- c) Auf einen Messfehler
- d) Auf eine zu kleine Probe
Richtig: b)
Eine glänzend-körnige Fläche ist typisch for den Sprödbruch der Tieflage. Der zähe Bruch (a) wäre matt und faserig; mit Messfehler oder Probengröße (c, d) hat das Aussehen nichts zu tun.
Welcher Gittertyp gehört typischerweise zu Baustahl bei Raumtemperatur und zeigt einen Steilabfall?
- a) kubisch-flächenzentriert
- b) kubisch-raumzentriert
- c) Aluminiumgitter
- d) ein Gitter ganz ohne Ordnung
Richtig: b)
Baustahl ist bei Raumtemperatur überwiegend kubisch-raumzentriert und zeigt deshalb den Steilabfall. Das kfz-Gitter (a) gehört zu den zähbleibenden Werkstoffen; Metalle sind grundsätzlich kristallin geordnet (d falsch).
5. Einflussgrößen und Praxisbedeutung
Mehrere Faktoren entscheiden darüber, ob ein Werkstoff zäh oder spröde bricht:
- Temperatur: Je kälter, desto näher rückt man an die Tieflage. Das ist der stärkste Hebel.
- Kerbschärfe: Je schärfer die Kerbe, desto höher die Spannungsspitze und desto eher der Sprödbruch.
- Belastungsgeschwindigkeit: Ein schneller Schlag begünstigt sprödes Verhalten stärker als eine langsame Last.
- Gefüge und Legierung: Feinkörniges Gefüge verschiebt die Übergangstemperatur nach unten, der Werkstoff bleibt länger zäh. Auch Legierungselemente und Wärmebehandlung wirken darauf ein.
- Alterung: Manche Stähle versproden mit der Zeit, die Übergangstemperatur wandert nach oben.
Für die Praxis ist die wichtigste Schlussfolgerung: Ein Werkstoff muss zu seiner tiefsten Einsatztemperatur passen. Genau hier schließt sich der Kreis zum Versuch, denn die geforderte Mindest-Schlagarbeit ist direkt in den Stahl-Güteklassen verschlüsselt (die systematische Stahlbezeichnung wird in einem eigenen Beitrag behandelt).
Was bedeutet die Bezeichnung „J2″ bei einem Baustahl S355J2?
- a) 27 J Kerbschlagarbeit bei +20 °C
- b) 27 J Kerbschlagarbeit bei 0 °C
- c) 355 J Kerbschlagarbeit bei Raumtemperatur
- d) 27 J Kerbschlagarbeit bei −20 °C
Richtig: d)
„J2″ steht für eine garantierte Kerbschlagarbeit von 27 Joule bei −20 °C. „JR“ entspricht +20 °C (a), „J0″ entspricht 0 °C (b); die Zahl 355 (c) ist die Streckgrenze, nicht die Schlagarbeit.
Für eine Stahlkonstruktion im Hochgebirge mit Wintertemperaturen um −20 °C – welche Güte ist sinnvoll?
- a) S235JR, weil günstig und ausreichend
- b) Eine Güte ohne Kerbschlagprüfung
- c) Mindestens eine bei −20 °C geprüfte Güte wie S235J2
- d) Egal, da die Güte das Schlagverhalten nicht beeinflusst
Richtig: c)
Bei −20 °C Einsatztemperatur muss der Stahl bei dieser Temperatur noch zäh sein, also eine entsprechend geprüfte Güte (J2) haben. JR ist nur bei +20 °C geprüft (a) und kann im Winter spröde sein; die Güte ist gerade der entscheidende Faktor (b, d falsch).
Welcher Faktor hat den stärksten Einfluss darauf, ob ein krz-Stahl spröde bricht?
- a) Die Farbe des Stahls
- b) Die Temperatur
- c) Die Länge der Probe
- d) Das Gewicht des Pendels
Richtig: b)
Die Temperatur ist der entscheidende Hebel, weil sie den Werkstoff über oder unter die Übergangstemperatur bringt. Farbe (a) ist irrelevant, Probenlänge (c) ist genormt, und das Pendelgewicht (d) betrifft nur die Messung, nicht das Werkstoffverhalten.
Wie wirkt sich ein feinkörniges Gefüge auf das Zähigkeitsverhalten aus?
- a) Es erhöht die Übergangstemperatur
- b) Es senkt die Übergangstemperatur und hält den Werkstoff länger zäh
- c) Es hat keinen Einfluss
- d) Es macht den Werkstoff bei jeder Temperatur spröde
Richtig: b)
Ein feinkörniges Gefüge verschiebt die Übergangstemperatur nach unten, der Werkstoff bleibt also bis zu tieferen Temperaturen zäh. Antwort a behauptet das Gegenteil, c und d widersprechen der Wirkung der Kornfeinung.
Abschlusstest
Aufgabe 1: Ein Pendelschlagwerk hat eine Pendelmasse von 20 kg. Die Ausgangshöhe beträgt 1,6 m, nach dem Durchschlag erreicht das Pendel noch 1,1 m. Bestimme die Schlagarbeit.
Gegeben: m = 20 kg; h1 = 1,6 m; h2 = 1,1 m; g = 9,81 m/s²
Gesucht: Schlagarbeit W in J
Lösungsweg: W = m · g · (h1 − h2) = 20 · 9,81 · (1,6 − 1,1) = 20 · 9,81 · 0,5
Ergebnis: W = 98,1 J
Aufgabe 2: Bei einer Prüfung wird eine Schlagarbeit von 144 J gemessen. Der Restquerschnitt der Probe unter der Kerbe beträgt 0,8 cm². Bestimme die Kerbschlagzähigkeit.
Gegeben: A_v = 144 J; S = 0,8 cm²
Gesucht: Kerbschlagzähigkeit a_v in J/cm²
Lösungsweg: a_v = A_v / S = 144 / 0,8
Ergebnis: a_v = 180 J/cm²
Aufgabe 3: Ein Pendel mit der Masse 25 kg startet bei 1,7 m. Eine spröde Probe wird bei −30 °C geprüft, das Pendel schwingt auf 1,55 m zurück. Bestimme Schlagarbeit und Kerbschlagzähigkeit (S = 0,8 cm²).
Gegeben: m = 25 kg; h1 = 1,7 m; h2 = 1,55 m; g = 9,81 m/s²; S = 0,8 cm²
Gesucht: W in J, a_v in J/cm²
Lösungsweg: W = 25 · 9,81 · (1,7 − 1,55) = 25 · 9,81 · 0,15 = 36,79 J; a_v = 36,79 / 0,8
Ergebnis: W ≈ 36,79 J; a_v ≈ 45,98 J/cm²
Aufgabe 4: Derselbe Stahl wird bei +20 °C und bei −40 °C geprüft. Bei +20 °C ergibt sich W = 150 J, bei −40 °C nur W = 18 J. Um wie viel Prozent ist die Schlagarbeit bei −40 °C gegenüber +20 °C eingebrochen?
Gegeben: W_warm = 150 J; W_kalt = 18 J
Gesucht: prozentualer Rückgang
Lösungsweg: Rückgang = (150 − 18) / 150 = 132 / 150 = 0,88
Ergebnis: 88 % Rückgang – im Steilabfall verliert der Stahl fast seine gesamte Zähigkeit.
Welche Eigenschaft eines Werkstoffs misst der Kerbschlagbiegeversuch in erster Linie?
- a) Die Schlagzähigkeit beziehungsweise Sprödbruchneigung
- b) Die Härte
- c) Die Dichte
- d) Die elektrische Leitfähigkeit
Richtig: a)
Der Versuch erfasst, wie viel Energie ein Werkstoff beim Schlag aufnimmt, bevor er bricht – also seine Zähigkeit und damit die Sprödbruchgefahr. Härte (b) wird mit anderen Verfahren bestimmt, Dichte (c) und Leitfähigkeit (d) sind völlig andere Größen.
Ein Pendel (m = 30 kg) startet bei h1 = 1,8 m und erreicht nach dem Schlag h2 = 1,3 m. Wie groß ist die Schlagarbeit?
- a) 73,58 J
- b) 147,15 J
- c) 294,3 J
- d) 220,7 J
Richtig: b)
W = 30 · 9,81 · (1,8 − 1,3) = 30 · 9,81 · 0,5 = 147,15 J. Antwort a halbiert das Ergebnis fälschlich, c rechnet mit der vollen Ausgangshöhe, d ist ein willkürlicher Zwischenwert.
Warum zeigen krz-Stähle einen Steilabfall, kfz-Werkstoffe aber nicht?
- a) Weil krz-Stähle leichter sind
- b) Weil kfz-Werkstoffe keine Kerbe haben
- c) Weil krz-Stähle nicht geprüft werden können
- d) Weil im kfz-Gitter das Verschieben der Atomebenen auch bei Kälte möglich bleibt
Richtig: d)
Das kfz-Gitter erlaubt plastische Verformung auch bei tiefen Temperaturen, deshalb fehlt der Steilabfall. Im krz-Gitter wird diese Verformung bei Kälte erschwert. Gewicht (a) und Prüfbarkeit (c) spielen keine Rolle, und Kerben werden bei beiden eingebracht (b).
Welche Bruchfläche erwartet man bei einer Probe aus der Tieflage?
- a) Glänzend und körnig
- b) Matt und faserig
- c) Spiegelglatt poliert
- d) Geschmolzen
Richtig: a)
In der Tieflage liegt ein Sprödbruch vor, dessen Fläche glänzend-körnig erscheint. Matt-faserig (b) ist der zähe Bruch der Hochlage; poliert oder geschmolzen (c, d) entsteht beim Schlagbruch nicht.
Ein Bauteil wird im Sommer eingebaut und funktioniert einwandfrei, bricht aber im ersten kalten Winter spröde. Welche Erklärung passt?
- a) Der Werkstoff wurde im Winter elektrisch aufgeladen
- b) Im Winter ist die Schwerkraft größer
- c) Die Betriebstemperatur sank unter die Übergangstemperatur des Werkstoffs
- d) Kälte erhöht grundsätzlich die Zähigkeit jedes Metalls
Richtig: c)
Fällt die Temperatur unter die Übergangstemperatur, wechselt der Werkstoff in die Tieflage und wird spröde. Antwort d behauptet das Gegenteil, a und b sind physikalisch unsinnig.
Was bewirkt eine schärfere Kerbe in der Probe?
- a) Sie senkt die Spannungsspitze
- b) Sie hat keinen Einfluss auf das Ergebnis
- c) Sie erhöht die gemessene Schlagarbeit
- d) Sie erhöht die Spannungsspitze und begünstigt den Sprödbruch
Richtig: d)
Eine schärfere Kerbe konzentriert die Spannung stärker und fördert damit den spröden Bruch, die Schlagarbeit sinkt. Antwort a und c behaupten das Gegenteil, b widerspricht der Tatsache, dass die Kerbform den Wert beeinflusst.
Welcher Kennwert ist auf den Probenquerschnitt bezogen?
- a) Die Kerbschlagzähigkeit a_v
- b) KV
- c) KU
- d) Die Pendelmasse
Richtig: a)
Die Kerbschlagzähigkeit a_v entsteht durch Teilen der Schlagarbeit durch den Restquerschnitt und ist daher in J/cm² flächenbezogen. KV und KU (b, c) sind reine Schlagarbeiten in Joule, die Pendelmasse (d) ist ein Geräteparameter.
Für eine ungeschützte Stahlkonstruktion im alpinen Außenbereich – welche Anforderung an die Stahlgüte ist sinnvoll?
- a) Prüfung der Kerbschlagarbeit bei +20 °C genügt
- b) Die Kerbschlagarbeit ist im Stahlbau nicht relevant
- c) Eine bei tiefer Temperatur geprüfte Güte, passend zur tiefsten Einsatztemperatur
- d) Nur die Zugfestigkeit zählt, das Schlagverhalten nicht
Richtig: c)
Die Güte muss zur tiefsten zu erwartenden Temperatur passen, damit der Stahl dort noch zäh ist. Eine Prüfung nur bei +20 °C (a) lässt das Winterverhalten offen; die Schlagzähigkeit ist im Stahlbau gerade zentral (b, d falsch).
Was sagt eine hohe Schlagarbeit über einen Werkstoff aus?
- a) Er ist besonders hart
- b) Er hat eine hohe Dichte
- c) Er ist elektrisch gut leitfähig
- d) Er nimmt vor dem Bruch viel Energie auf und verhält sich zäh
Richtig: d)
Eine hohe Schlagarbeit bedeutet, dass der Werkstoff viel Energie aufnimmt, bevor er bricht – er ist zäh. Härte (a), Dichte (b) und Leitfähigkeit (c) sind davon unabhängige Eigenschaften.
Warum ist die Übergangstemperatur keine feste Materialkonstante?
- a) Weil sie sich täglich ändert
- b) Weil sie für alle Stähle gleich ist
- c) Weil sie von Kerbform, Probengröße und Legierung abhängt
- d) Weil sie nur geschätzt werden kann
Richtig: c)
Die Übergangstemperatur hängt von den Prüfbedingungen und der Werkstoffzusammensetzung ab, deshalb gehören die Bedingungen immer dazu. Sie ändert sich nicht täglich (a), ist messbar (d) und für verschiedene Stähle unterschiedlich (b).
Ein Pendel mit 18 kg startet bei 1,5 m und steigt nach dem Schlag auf 0,7 m. Wie groß ist die Schlagarbeit?
- a) 70,6 J
- b) 264,9 J
- c) 141,3 J
- d) 105,9 J
Richtig: c)
W = 18 · 9,81 · (1,5 − 0,7) = 18 · 9,81 · 0,8 = 141,26 J ≈ 141,3 J. Antwort a halbiert fälschlich, b rechnet mit voller Höhe, d nimmt eine falsche Differenz.
Welche Aussage zur Bedeutung der Kerbe im Versuch ist richtig?
- a) Die Kerbe verhindert, dass die Probe bricht
- b) Die Kerbe bildet eine Spannungsspitze nach, wie sie an realen Bauteilen vorkommt
- c) Die Kerbe dient nur dem leichteren Einlegen
- d) Die Kerbe hat keinen Zweck
Richtig: b)
Reale Bauteile haben Übergänge, Bohrungen und Schweißnähte, die als Spannungsspitzen wirken – die genormte Kerbe bildet diesen Effekt kontrolliert nach. Sie verhindert den Bruch nicht (a), und sie hat einen klaren Zweck (c, d falsch).
Glossar
- Schlagarbeit
- Die beim Zerschlagen der Probe verbrauchte Energie, in Joule, abgeleitet aus der Höhendifferenz des Pendels (Bezeichnung KV bei V-Kerbe, KU bei U-Kerbe).
- Kerbschlagzähigkeit
- Auf den Restquerschnitt unter der Kerbe bezogene Schlagarbeit, in J/cm²; ergibt sich aus a_v = A_v / S.
- Kerbe
- Gezielt eingebrachte Aussparung in der Probe (V- oder U-Form), die als definierte Spannungsspitze wirkt und den Bruch einleitet.
- Sprödbruch
- Schlagartiger Bruch fast ohne plastische Verformung, mit glänzend-körniger Bruchfläche und ohne Vorwarnung.
- Pendelschlagwerk
- Prüfgerät mit schwingendem Pendelhammer, das die Probe im tiefsten Punkt zerschlägt; Messgröße ist die Steighöhe nach dem Durchschlag.
- Übergangstemperatur
- Temperatur in der Mitte des Steilabfalls, die zähes von sprödem Werkstoffverhalten trennt; keine feste Konstante, da sie von Kerbform, Probengröße und Legierung abhängt.
- Steilabfall
- Schmaler Temperaturbereich, in dem die Schlagarbeit von der Hochlage in die Tieflage abfällt.
- Kubisch-raumzentriert (krz)
- Kristallgitter mit einem Atom in jeder Würfelecke und einem im Würfelzentrum; typisch für Stahl bei Raumtemperatur, zeigt einen Steilabfall.
- Kubisch-flächenzentriert (kfz)
- Kristallgitter mit Atomen in den Würfelecken und zusätzlich in den Flächenmitten; bleibt auch bei Kälte zäh (z. B. austenitischer Edelstahl, Aluminium).
