Neutralleiter: Aufgabe und Belastung
Im Drehstromnetz liegen vier Leiter: drei Außenleiter und der Neutralleiter. Die drei Außenleiter transportieren die Energie, und solange auf allen dreien gleich viel hängt, hat der vierte praktisch nichts zu tun. Sobald die Last aber ungleich verteilt ist – und das ist im echten Betrieb die Regel – fließt im Neutralleiter ein Strom, dessen Größe man nicht einfach ablesen, sondern berechnen muss. Dieser Beitrag zeigt, welche Aufgabe der Neutralleiter hat, warum er bei gleichmäßiger Last stromlos bleibt, wie man seinen Strom bei ungleicher Last bestimmt und worauf man bei Querschnitt und Unterbrechung achten muss.
Vorwissen
- Sternschaltung im Drehstromsystem
- Zeigerdiagramme und Phasenverschiebung
- Strang- und Außenleiterspannung
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- die Aufgabe des Neutralleiters im Vierleiternetz erklären und ihn von Schutzleiter und PEN-Leiter abgrenzen
- begründen, warum der Neutralleiter bei symmetrischer Last stromlos bleibt
- den Neutralleiterstrom bei unsymmetrischer ohmscher Last rechnerisch bestimmen
- einschätzen, wann der Neutralleiter so stark wie ein Außenleiter belastet wird und wann sogar stärker
- die Gefahren eines unterbrochenen Neutralleiters benennen
1. Was der Neutralleiter ist und wozu er dient
Beim Drehstrom werden drei um 120° versetzte Wechselspannungen erzeugt. Verbindet man die drei Wicklungen an einem gemeinsamen Punkt, dem Sternpunkt, entsteht die Sternschaltung. Von diesem Sternpunkt führt ein vierter Leiter mit hinaus in die Anlage – der Neutralleiter (Kurzzeichen N). Er ist also direkt mit dem Mittelpunkt des Drehstromsystems verbunden.
Der Neutralleiter hat zwei Aufgaben. Erstens stellt er eine zweite Spannungsebene bereit: Zwischen zwei Außenleitern liegen 400 V, zwischen einem Außenleiter und dem Neutralleiter 230 V. Erst dadurch lassen sich einphasige 230-V-Verbraucher – Steckdosen, Beleuchtung, Haushaltsgeräte – überhaupt am Drehstromnetz betreiben. Zweitens dient er als Rückleiter für genau diese einphasigen Lasten: Der Strom, der über einen Außenleiter zum Verbraucher fließt, muss einen Rückweg zum Sternpunkt finden, und den bietet der Neutralleiter.
Wichtig ist die Abgrenzung zu zwei verwandten Leitern. Der Schutzleiter (PE) führt im Normalbetrieb keinen Strom und dient ausschließlich der Sicherheit – er verbindet berührbare Metallteile mit Erde. Der Neutralleiter dagegen ist ein Betriebsleiter und führt im Normalbetrieb sehr wohl Strom. In manchen Netzformen werden beide Funktionen in einem einzigen Leiter zusammengefasst, dem PEN-Leiter; welche Netzform wo zum Einsatz kommt, ist aber ein eigenes Thema und wird hier nicht vertieft.
Worin unterscheidet sich der Neutralleiter grundsätzlich vom Schutzleiter?
- a) Der Neutralleiter führt im Normalbetrieb keinen Strom, der Schutzleiter schon
- b) Beide sind reine Sicherheitsleiter ohne Betriebsfunktion
- c) Der Neutralleiter ist ein Betriebsleiter und führt im Normalbetrieb Strom, der Schutzleiter nicht
- d) Der Schutzleiter stellt die 230-V-Ebene bereit, der Neutralleiter die 400-V-Ebene
Richtig: c)
Der Neutralleiter ist mit dem Sternpunkt verbunden und führt den Rückstrom einphasiger Verbraucher – also im Normalbetrieb Strom. Der Schutzleiter ist im fehlerfreien Betrieb stromlos und dient nur der Sicherheit. Antwort a vertauscht beide Rollen, b ignoriert die Betriebsfunktion des N, und d verwechselt die Spannungsebenen mit der Leiterfunktion.
Warum lassen sich an einem Drehstromnetz ohne Neutralleiter keine üblichen 230-V-Verbraucher anschließen?
- a) Weil ohne N keine 400 V zur Verfügung stehen
- b) Weil der Schutzleiter then die Last übernehmen müsste
- c) Weil ohne den Sternpunktanschluss die 230-V-Ebene zwischen Außenleiter und Mittelpunkt fehlt
- d) Weil die drei Außenleiter ohne N nicht um 120° versetzt sind
Richtig: c)
Die 230 V entstehen zwischen einem Außenleiter und dem Sternpunkt. Ohne herausgeführten Neutralleiter gibt es diesen Bezugspunkt in der Anlage nicht, also keine 230-V-Ebene. Die 400 V (Antwort a) bleiben dagegen auch ohne N zwischen den Außenleitern erhalten. Der Schutzleiter darf niemals Betriebsstrom führen (b), und die 120°-Versetzung (d) ist eine Eigenschaft der Erzeugung, nicht des N.
2. Symmetrische Belastung – warum der Neutralleiter stromlos bleibt
Hängt an allen drei Außenleitern dieselbe Last – gleicher Betrag, gleiche Art –, spricht man von symmetrischer Belastung. In diesem Fall sind die drei Strangströme gleich groß und genau wie die Spannungen um 120° gegeneinander versetzt. Und drei gleich große, um 120° verschobene Wechselgrößen ergeben in Summe zu jedem Zeitpunkt null.
Das lässt sich auf zwei Arten sehen. Im Zeigerdiagramm bilden die drei gleich langen Stromzeiger einen perfekt symmetrischen Stern; aneinandergehängt schließen sie sich zu einem geschlossenen Dreieck, der resultierende Zeiger hat die Länge null. Zeitlich betrachtet heißt das: Wenn ein Strom gerade sein Maximum erreicht, sind die beiden anderen negativ und summieren sich exakt zum Gegenwert auf. Die Momentanwerte heben sich in jedem Augenblick auf.
Bei symmetrischer Last gilt für die Effektivwerte also:
Genau deshalb darf der Neutralleiter bei rein symmetrischer Last theoretisch entfallen – etwa bei einem Drehstrommotor, der seine drei Wicklungen gleichmäßig belastet und gar keinen N-Anschluss hat.
Mit dem Rechner kannst du nachvollziehen, dass sich die drei Momentanwerte bei gleicher Amplitude zu jedem Zeitpunkt aufheben. Stelle die gemeinsame Amplitude und den Winkel ein und sieh dir die Summe an – sie bleibt null.
i_N = i_1 + i_2 + i_3
- i_N … Momentanwert des Neutralleiterstroms in A
- i_1, i_2, i_3 … Momentanwerte der drei Außenleiterströme in A
I_N = 0
- I_N … Neutralleiterstrom in A (bei symmetrischer Last)
Gelöstes Beispiel
An ein Drehstromnetz sind drei gleiche Heizwiderstände angeschlossen, je 16 A. Wie groß ist der Neutralleiterstrom?
Gegeben: I_1 = 16 A, I_2 = 16 A, I_3 = 16 A, rein ohmsche, symmetrische Last
Gesucht: I_N in A
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Symmetrie prüfen: Alle drei Ströme sind gleich groß und es handelt sich um gleichartige ohmsche Lasten. Damit liegt symmetrische Belastung vor.
- Schritt 2 — Neutralleiterstrom: Bei symmetrischer Last heben sich die drei um 120° versetzten Ströme auf. I_N = 0 A
Ergebnis: I_N = 0 A
Übungen
Drei gleiche Glühlampen mit je 0,5 A sind gleichmäßig auf L1, L2, L3 verteilt. Wie groß ist der Neutralleiterstrom?
Symmetrische Last → I_N = 0 A.
Ein Drehstrommotor zieht je Strang 8 A. Warum besitzt er meist gar keinen Neutralleiteranschluss?
Die drei Wicklungen werden gleich belastet, die Last ist symmetrisch, der Neutralleiterstrom wäre null. Ein N-Anschluss wäre funktionslos und entfällt.
Drei gleiche ohmsche Verbraucher ziehen je 10 A. Einer wird abgeschaltet. Liegt danach noch Symmetrie vor?
Nein. Nur noch zwei Stränge sind belastet, die Last ist unsymmetrisch, im Neutralleiter fließt jetzt ein Strom.
Bei symmetrischer Last von je 12 A: Welchen Betrag hat die geometrische Summe der drei Stromzeiger?
Null. Die drei gleich langen, um 120° versetzten Zeiger schließen sich zu einem Dreieck, die resultierende Länge ist 0 A.
Drei gleichartige Lasten mit je 20 A sind angeschlossen. Wie ändert sich der Neutralleiterstrom, wenn man alle drei gleichzeitig auf je 25 A erhöht?
Er bleibt null. Solange die drei Ströme gleich groß bleiben, ist die Last symmetrisch und I_N = 0 A, unabhängig von der absoluten Höhe.
Drei gleichartige ohmsche Verbraucher mit je 14 A hängen an L1, L2, L3. Wie groß ist der Neutralleiterstrom?
- a) 0 A
- b) 42 A
- c) 14 A
- d) 24,2 A
Richtig: a)
Gleiche Höhe, gleiche Art – die Last ist symmetrisch, die drei um 120° versetzten Zeiger heben sich auf, I_N = 0 A. Antwort b wäre die rein arithmetische Summe, die nur bei gleicher Phasenlage stimmen würde; 14 A (c) und 24,2 A (d) ergeben sich bei bestimmten unsymmetrischen Fällen, nicht hier.
Welche Aussage trifft auf den Zeitverlauf der drei Strangströme bei Symmetrie zu?
- a) Alle drei erreichen gleichzeitig ihr Maximum
- b) Die Summe der Momentanwerte schwankt sinusförmig um null
- c) Die Momentanwerte sind konstant
- d) Wenn einer im Maximum ist, sind die anderen beiden negativ und gleichen ihn exakt aus
Richtig: d)
Durch die 120°-Versetzung ist im Augenblick des positiven Maximums eines Stroms die Summe der beiden anderen exakt der negative Gegenwert – die Momentanwertsumme ist zu jedem Zeitpunkt null, nicht nur im Mittel. Deshalb ist b falsch (sie ist konstant null, nicht schwankend), a widerspricht der Versetzung, und c gilt für Gleichstrom, nicht für Wechselgrößen.
3. Unsymmetrische Belastung – die Berechnung des Neutralleiterstroms
In der Praxis ist die Last fast nie exakt gleich verteilt. Ein Stromkreis zieht gerade viel, ein anderer wenig, ein dritter gar nichts. Sobald sich die drei Außenleiterströme in Betrag oder Art unterscheiden, spricht man von unsymmetrischer Belastung: Die Ströme heben sich nicht mehr vollständig auf, und der Neutralleiterstrom wird ungleich null. Sein Wert lässt sich nicht durch einfaches Zusammenzählen finden, denn die drei Ströme stehen wegen der 120°-Phasenlage geometrisch zueinander.
Man legt die drei Stromzeiger gedanklich in ein Koordinatensystem und zerlegt jeden in einen waagerechten und einen senkrechten Anteil. Mit L1 als Bezugsrichtung (0°), L2 bei −120° und L3 bei +120° ergibt sich:
Der Neutralleiterstrom ist dann der Betrag aus beiden Komponenten:
Für den häufigen Fall rein ohmscher Lasten – Heizungen, Glühlampen, also Verbraucher ohne Phasenverschiebung – lässt sich das zu einer geschlossenen Formel zusammenfassen:
Diese Formel gilt nur, solange alle Lasten rein ohmsch sind und damit in Phase mit ihrer jeweiligen Spannung liegen. Sobald induktive oder kapazitive Anteile ins Spiel kommen, muss man auf die Komponentenzerlegung zurückgreifen.
Zwei Sonderfälle prägt man sich am besten direkt ein. Ist nur ein einziger Strang belastet, fließt der gesamte Strom über den Neutralleiter zurück: I_N = I_Strang. Sind zwei Stränge mit gleichem Strom belastet und der dritte stromlos, ergibt die Formel I_N = I_Strang – der Neutralleiter führt genau so viel wie jeder der beiden belasteten Außenleiter.
Gib die drei Außenleiterströme ein und der Rechner liefert den Neutralleiterstrom nach der Formel für rein ohmsche Lasten.
I_x = I_1 + I_2 * cos(-120°) + I_3 * cos(120°)
I_y = I_2 * sin(-120°) + I_3 * sin(120°)
- I_x … waagerechte Komponente der Stromsumme in A
- I_y … senkrechte Komponente der Stromsumme in A
- I_1, I_2, I_3 … Beträge der drei Außenleiterströme in A
I_N = Wurzel aus (I_x² + I_y²)
- I_N … Neutralleiterstrom in A
I_N = Wurzel aus (I_1² + I_2² + I_3² − I_1*I_2 − I_2*I_3 − I_3*I_1)
- I_N … Neutralleiterstrom in A
- I_1, I_2, I_3 … Beträge der drei Außenleiterströme in A
Gelöstes Beispiel
An einem Drehstromnetz hängen rein ohmsche Verbraucher: L1 zieht 16 A, L2 zieht 10 A, L3 ist nicht belastet. Wie groß ist der Neutralleiterstrom?
Gegeben: I_1 = 16 A, I_2 = 10 A, I_3 = 0 A, rein ohmsche Lasten
Gesucht: I_N in A
Lösungsweg:
- Schritt 1 — Formel ansetzen: I_N = Wurzel aus (I_1² + I_2² + I_3² − I_1·I_2 − I_2·I_3 − I_3·I_1)
- Schritt 2 — Werte einsetzen: I_N = Wurzel aus (16² + 10² + 0² − 16·10 − 10·0 − 0·16) -> I_N = Wurzel aus (256 + 100 + 0 − 160 − 0 − 0) -> I_N = Wurzel aus 196
- Schritt 3 — Wurzel ziehen: I_N = 14 A
Ergebnis: I_N = 14 A
Übungen
L1 = 12 A, L2 = 0 A, L3 = 0 A, rein ohmsch. Wie groß ist I_N?
Nur ein strang belastet → der ganze Strom fließt über N zurück. I_N = 12 A. (Probe mit Formel: Wurzel aus 144 = 12 A.)
L1 = 10 A, L2 = 10 A, L3 = 0 A, rein ohmsch. Wie groß ist I_N?
I_N = Wurzel aus (100 + 100 + 0 − 100 − 0 − 0) = Wurzel aus 100 = 10 A.
L1 = 20 A, L2 = 15 A, L3 = 5 A, rein ohmsch. Wie groß ist I_N?
I_N = Wurzel aus (400 + 225 + 25 − 300 − 75 − 100) = Wurzel aus 175 ≈ 13,23 A.
L1 = 25 A, L2 = 25 A, L3 = 10 A, rein ohmsch. Wie groß ist I_N?
I_N = Wurzel aus (625 + 625 + 100 − 625 − 250 − 250) = Wurzel aus 225 = 15 A.
Eine ohmsche Last verteilt sich auf L1 = 30 A, L2 = 18 A, L3 = 6 A. Bestimme I_N und vergleiche mit der einfachen Summe der Ströme.
I_N = Wurzel aus (900 + 324 + 36 − 540 − 108 − 180) = Wurzel aus 432 ≈ 20,78 A. Die einfache Summe wäre 54 A – die geometrische Addition liefert weniger als die Hälfte davon, weil die Phasenlage berücksichtigt wird.
Rein ohmsche Last: L1 = 16 A, L2 = 12 A, L3 = 0 A. Welcher Neutralleiterstrom ergibt sich?
- a) 28 A
- b) 20 A
- c) 0 A
- d) rund 14,4 A
Richtig: d)
I_N = Wurzel aus (256 + 144 + 0 − 192 − 0 − 0) = Wurzel aus 208 ≈ 14,42 A. Antwort a ist die unzulässige einfache Summe, b passt zu keinem korrekten Rechenweg, und c würde nur bei Symmetrie gelten.
In welchem Fall führt der Neutralleiter genauso viel Strom wie der belastete Außenleiter?
- a) Wenn alle drei Stränge gleich belastet sind
- b) Wenn nur ein einziger Strang belastet ist
- c) Wenn zwei Stränge mit unterschiedlichem Strom belastet sind
- d) Nie, der N führt immer weniger als die Außenleiter
Richtig: b)
Bei nur einem belasteten Strang gibt es keinen zweiten Pfad, der Strom muss vollständig über den Neutralleiter zurück – I_N = I_Strang. Bei Symmetrie (a) ist I_N = 0, der ungleiche Zweistrangfall (c) liefert einen anderen Wert, und die Pauschalaussage d ist falsch, wie der Einstrangfall zeigt.
Warum darf man die drei Außenleiterströme bei Unsymmetrie nicht einfach addieren?
- a) Weil die Ströme unterschiedliche Frequenz haben
- b) Weil der Neutralleiter einen höheren Widerstand hat
- c) Weil sie um 120° phasenverschoben sind und geometrisch addiert werden müssen
- d) Weil die Spannungen unterschiedlich groß sind
Richtig: c)
Die drei Ströme folgen den um 120° versetzten Spannungen, stehen also geometrisch zueinander. Nur die vektorielle Addition liefert den richtigen Wert, die arithmetische überschätzt ihn. Die Frequenz ist gleich (a), der N-Widerstand (b) spielt für die Stromsumme keine Rolle, und die Außenleiterspannungen sind im Normalfall gleich groß (d).
4. Belastbarkeit und Querschnitt des Neutralleiters
Weil der Neutralleiter bei jeder Unsymmetrie Strom führt und im Einstrangfall sogar den vollen Außenleiterstrom übernimmt, wird er grundsätzlich genauso ausgelegt wie ein Außenleiter – gleicher Querschnitt, gleiche Belastbarkeit. Einen reduzierten Neutralleiterquerschnitt darf man nur dort vorsehen, wo dauerhaft annähernd symmetrische Belastung sichergestellt ist und keine nennenswerten Oberschwingungen auftreten. Die Errichtung elektrischer Anlagen in Österreich richtet sich dabei nach der ÖVE/ÖNORM E 8101; sie regelt, unter welchen Bedingungen ein reduzierter Querschnitt zulässig ist und wann der Neutralleiter voll dimensioniert werden muss.
Eine Besonderheit verdienen Oberschwingungen, also Stromanteile mit Vielfachen der Netzfrequenz. Bei nichtlinearen Verbrauchern – Schaltnetzteilen in IT-Geräten, LED-Beleuchtung, elektronischen Vorschaltgeräten – entsteht vor allem die dritte Harmonische (150 Hz). Das Tückische daran: Während sich die Grundschwingungen bei Symmetrie im Neutralleiter aufheben, addieren sich die dritten Harmonischen der drei Außenleiter dort auf, statt sich auszulöschen. In Anlagen mit vielen solchen Geräten kann der Neutralleiterstrom dadurch sogar größer werden als die Außenleiterströme – obwohl die Grundlast scheinbar gleichmäßig verteilt ist.
Genau deshalb verlangt die ÖVE/ÖNORM E 8101, dass bei nennenswertem Oberschwingungsanteil der Neutralleiter bei der Querschnittswahl besonders berücksichtigt wird: Er darf dann nicht reduziert werden und kann je nach Anteil sogar den maßgebenden Leiter für die Dimensionierung darstellen. Wer in der Praxis eine Verteilung für moderne Bürogebäude oder Beleuchtungsanlagen plant, muss den Neutralleiter also voll dimensionieren und darf sich nicht auf die scheinbare Symmetrie der Grundschwingung verlassen.
Warum wird der Neutralleiter im Regelfall so kräftig ausgeführt wie ein Außenleiter?
- a) Weil ihn immer den höchsten Strom der Anlage führt
- b) Weil er bei Unsymmetrie – im Extremfall bei nur einem belasteten Strang – den vollen Außenleiterstrom übernimmt
- c) Weil der Schutzleiter sonst überlastet würde
- d) Weil die Netzspannung sonst absinkt
Richtig: b)
Im Einstrangfall fließt der gesamte Laststrom über den Neutralleiter zurück, er muss also dieselbe Belastung wie ein Außenleiter aushalten. Er führt nicht grundsätzlich den höchsten Strom (a), hat mit dem Schutzleiter (c) nichts zu tun und beeinflusst die Spannungshöhe nicht direkt (d).
Welche Aussage zur dritten Harmonischen im Neutralleiter is korrekt?
- a) Sie hebt sich wie die Grundschwingung bei Symmetrie auf
- b) Sie tritt nur bei rein ohmschen Lasten auf
- c) Sie addiert sich im Neutralleiter, sodass dessen Strom die Außenleiterströme übersteigen kann
- d) Sie verschwindet, wenn die Last symmetrisch ist
Richtig: c)
Die dritten Harmonischen der drei Außenleiter sind gleichphasig und summieren sich im Neutralleiter, statt sich auszulöschen – der N-Strom kann dadurch die Außenleiterströme übertreffen. Das passiert gerade bei nichtlinearen Lasten (b ist falsch) und sogar bei symmetrischer Grundlast (a und d sind falsch).
5. Gefahr des unterbrochenen Neutralleiters
Der Neutralleiter ist im Betrieb stromführend und sicherheitsrelevant – deshalb darf er nicht wie ein gewöhnlicher Leiter behandelt werden. Eine Unterbrechung des Neutralleiters bei gleichzeitig unsymmetrischer Last hat ernste Folgen: Der gemeinsame Bezugspunkt der einphasigen Verbraucher löst sich vom Sternpunkt, und die Spannungen verteilen sich neu. An gering belasteten Strängen steigt die Spannung weit über 230 V an und kann sich im Extremfall der Außenleiterspannung von 400 V annähern, während stark belastete Stränge zu wenig Spannung bekommen. Geräte, die für 230 V ausgelegt sind, werden dabei zerstört.
Welcher Mechanismus genau hinter dieser Spannungsverlagerung steht und wie sie sich im Vektordiagramm darstellt, ist Gegenstand eines eigenen Topics zur Sternpunktverschiebung. Für den Neutralleiter zählt hier vor allem die praktische Konsequenz: Ein N-Bruch bei unsymmetrischer Last führt zu Überspannung an einem Teil der Verbraucher und damit zu Geräteschäden.
Daraus folgt eine wichtige Regel für die Installation: Der Neutralleiter wird nicht einzeln abgesichert oder einzeln geschaltet. Würde man ihn allein auftrennen, könnte genau der gefährliche Zustand entstehen, dass die Außenleiter noch unter Spannung stehen, der Rückweg aber fehlt. Geschaltet wird der Neutralleiter, wenn überhaupt, nur gemeinsam und gleichzeitig mit den Außenleitern.
Was passiert bei einem unterbrochenen Neutralleiter und gleichzeitig unsymmetrischer Last?
- a) Alle Verbraucher erhalten weiterhin genau 230 V
- b) An gering belasteten Strängen steigt die Spannung an und kann Geräte zerstören
- c) Der Strom in den Außenleitern wird null
- d) Die Außenleiterspannung sinkt auf 230 V
Richtig: b)
Ohne Neutralleiter verschiebt sich der Bezugspunkt, die Spannungen verteilen sich ungleich – gering belastete Stränge bekommen Überspannung, ihre 230-V-Geräte werden beschädigt. Die Spannung bleibt also nicht stabil (a), die Außenleiter führen weiter Strom (c), und die 400 V zwischen den Außenleitern ändern sich dadurch nicht auf 230 V (d).
Warum wird der Neutralleiter nicht einzeln abgesichert oder einzeln geschaltet?
- a) Weil er keinen Strom führt und eine Absicherung sinnlos wäre
- b) Weil Sicherungen im Neutralleiter technisch nicht herstellbar sind
- c) Weil der Schutzleiter diese Aufgabe übernimmt
- d) Weil bei alleiniger Auftrennung die Außenleiter unter Spannung bleiben, der Rückweg aber fehlt – ein gefährlicher Zustand
Richtig: d)
Trennt man nur den N auf, während die Außenleiter aktiv bleiben, entsteht genau die gefährliche Unterbrechung mit möglicher Überspannung. Der Neutralleiter führt sehr wohl Strom (a), Sicherungen wären technisch baubar (b), und der Schutzleiter hat damit nichts zu tun (c).
Eine ältere Verteilung zeigt sporadisch zerstörte Geräte an einem Stromkreis, obwohl die Absicherung nicht auslöst. Was ist die wahrscheinlichste Ursache?
- a) Ein zu groß gewählter Außenleiterquerschnitt
- b) Ein dauerhaft symmetrischer Lastzustand
- c) Eine lose oder korrodierte Neutralleiterklemme, die bei Lastverschiebung Überspannung verursacht
- d) Ein zu empfindlicher FI-Schutzschalter
Richtig: c)
Ein schlechter N-Kontakt wirkt wie eine teilweise Unterbrechung: Bei symmetrischer Last unauffällig, bei Lastverschiebung entsteht Überspannung und Geräte gehen kaputt, ohne dass ein Überstromschutz anspricht. Ein größerer Querschnitt (a) schadet nicht, ein symmetrischer Zustand (b) wäre gerade unkritisch, und ein FI (d) würde bei Fehlerströmen auslösen, nicht bei Überspannung.
Abschlusstest
Aufgabe 1: Rein ohmsche Last: L1 = 18 A, L2 = 12 A, L3 = 6 A. Bestimme den Neutralleiterstrom.
Gegeben: I_1 = 18 A, I_2 = 12 A, I_3 = 6 A, rein ohmsch
Gesucht: I_N in A
Lösungsweg:
- I_N = Wurzel aus (18² + 12² + 6² − 18·12 − 12·6 − 6·18)
- I_N = Wurzel aus (324 + 144 + 36 − 216 − 72 − 108) -> I_N = Wurzel aus 108
Ergebnis: I_N ≈ 10,39 A
Aufgabe 2: Rein ohmsche Last: L1 = 24 A, L2 = 0 A, L3 = 0 A. Bestimme den Neutralleiterstrom.
Gegeben: I_1 = 24 A, I_2 = 0 A, I_3 = 0 A, rein ohmsch
Gesucht: I_N in A
Lösungsweg:
- Nur ein Strang belastet, der gesamte Strom fließt über N zurück.
- I_N = Wurzel aus (576 + 0 + 0 − 0 − 0 − 0) = Wurzel aus 576
Ergebnis: I_N = 24 A
Aufgabe 3: Drei gleiche ohmsche Verbraucher mit je 13 A sind symmetrisch verteilt. Bestimme den Neutralleiterstrom.
Gegeben: I_1 = I_2 = I_3 = 13 A, symmetrisch
Gesucht: I_N in A
Lösungsweg:
- Symmetrische Last → die drei um 120° versetzten Ströme heben sich auf.
- I_N = Wurzel aus (169 + 169 + 169 − 169 − 169 − 169) = Wurzel aus 0
Ergebnis: I_N = 0 A
Aufgabe 4: Rein ohmsche Last: L1 = 20 A, L2 = 20 A, L3 = 0 A. Bestimme den Neutralleiterstrom.
Gegeben: I_1 = 20 A, I_2 = 20 A, I_3 = 0 A, rein ohmsch
Gesucht: I_N in A
Lösungsweg:
- I_N = Wurzel aus (400 + 400 + 0 − 400 − 0 − 0) = Wurzel aus 400
Ergebnis: I_N = 20 A
Mit welchem Sternpunkt-Anschluss ist der Neutralleiter im Drehstromsystem verbunden?
- a) Mit der Erdungsanlage des Gebäudes
- b) Mit dem gemeinsamen Verbindungspunkt der drei Wicklungen
- c) Mit dem Schutzleiter des am stärksten belasteten Strangs
- d) Mit der Sammelschiene der Außenleiter
Richtig: b)
Der Neutralleiter geht vom Sternpunkt aus, an dem die drei Wicklungen zusammengeschaltet sind. Die Erdung (a) ist eine getrennte Funktion, der Schutzleiter (c) ist nicht der Sternpunkt, und die Außenleiter (d) sind gerade nicht der Mittelpunkt.
Welche Spannung liegt zwischen einem Außenleiter und dem Neutralleiter im üblichen Niederspannungsnetz?
- a) 230 V
- b) 690 V
- c) 400 V
- d) 110 V
Richtig: a)
Zwischen Außenleiter und Neutralleiter liegen 230 V, zwischen zwei Außenleitern 400 V. 690 V (b) ist eine andere Netzebene, 110 V (d) im hiesigen Netz unüblich.
Rein ohmsche Last: L1 = 15 A, L2 = 9 A, L3 = 0 A. Wie groß ist der Neutralleiterstrom?
- a) rund 13,1 A
- b) 24 A
- c) 6 A
- d) 0 A
Richtig: a)
I_N = Wurzel aus (225 + 81 + 0 − 135 − 0 − 0) = Wurzel aus 171 ≈ 13,08 A. 24 A (b) wäre die unzulässige Summe, 6 A (c) die einfache Differenz, und 0 A (d) gälte nur bei Symmetrie.
Wann darf ein reduzierter Neutralleiterquerschnitt überhaupt in Betracht gezogen werden?
- a) Immer, der N führt ohnehin weniger Strom
- b) Nur in Anlagen mit vielen Schaltnetzteilen
- c) Wenn ausschließlich einphasige Verbraucher angeschlossen sind
- d) Nur bei dauerhaft annähernd symmetrischer Last ohne nennenswerte Oberschwingungen
Richtig: d)
Reduzierung ist nur zulässig, wenn Symmetrie gesichert ist und keine relevanten Oberschwingungen auftreten. Pauschal (a) gilt das nicht, bei vielen Schaltnetzteilen (b) ist sogar das Gegenteil der Fall, und reine Einphasenlasten (c) bedeuten eher Unsymmetrie.
Warum kann der Neutralleiterstrom in einer Anlage mit vielen LED-Leuchten höher sein als die Außenleiterströme?
- a) Weil sich die dritten Harmonischen der drei Außenleiter im Neutralleiter aufaddieren
- b) Weil LEDs mehr Wirkleistung als andere Lasten ziehen
- c) Weil LEDs den Neutralleiter als Schutzleiter mitnutzen
- d) Weil die Grundschwingung im N verdreifacht wird
Richtig: a)
Nichtlineare Lasten wie LED-Treiber erzeugen dritte Harmonische, die gleichphasig sind und sich im N summieren, statt sich aufzuheben. Mit die Wirkleistung (b) hat das nichts zu tun, der Schutzleiter (c) wird nicht mitgenutzt, und die Grundschwingung (d) hebt sich bei Symmetrie gerade auf.
Ein Drehstrommotor in Sternschaltung hat keinen Neutralleiteranschluss. Warum ist das unproblematisch?
- a) Weil Motoren grundsätzlich keinen Rückstrom haben
- b) Weil die drei Wicklungen symmetrisch belastet werden und I_N null wäre
- c) Weil der Schutzleiter den Neutralleiter ersetzt
- d) Weil Motoren mit Gleichstrom betrieben werden
Richtig: b)
Ein Motor belastet seine drei Stränge gleich, die Last ist symmetrisch, ein Neutralleiterstrom entstünde nicht – der Anschluss wäre funktionslos. Rückstrom gibt es sehr wohl (a), der Schutzleiter ersetzt den N nicht (c), und Drehstrommotoren laufen mit Wechselstrom (d).
Rein ohmsche Last: L1 = 30 A, L2 = 30 A, L3 = 30 A. Wie groß ist der Neutralleiterstrom?
- a) 90 A
- b) 30 A
- c) rund 52 A
- d) 0 A
Richtig: d)
Drei gleiche Ströme bedeuten Symmetrie, die Zeiger heben sich auf, I_N = 0 A. 90 A (a) wäre die Summe, 30 A (b) ein Einzelstrom, 52 A (c) entspräche keinem korrekten Ansatz.
Welche Folge hat ein N-Bruch bei stark unsymmetrischer Last am ehesten?
- a) Auslösen aller Leitungsschutzschalter
- b) Überspannung an gering belasteten Strängen mit Geräteschäden
- c) Vollständiger Stromausfall in der gesamten Anlage
- d) Absinken der Außenleiterspannung auf 0 V
Richtig: b)
Der Bezugspunkt verschiebt sich, gering belastete Stränge bekommen Überspannung – ihre Geräte werden zerstört. Die Schutzschalter sprechen darauf nicht zwingend an (a), ein Totalausfall (c) tritt nicht ein, und die Außenleiterspannung bricht nicht auf null zusammen (d).
Welche Addition liefert den korrekten Neutralleiterstrom bei unsymmetrischer Last?
- a) Die geometrische (vektorielle) Addition unter Berücksichtigung der 120°-Phasenlage
- b) Die arithmetische Summe der drei Beträge
- c) Der Mittelwert der drei Ströme
- d) Der größte der drei Einzelströme
Richtig: a)
Wegen der 120°-Versetzung müssen die Ströme als Zeiger addiert werden. Die arithmetische Summe (b) überschätzt den Wert, Mittelwert (c) und Maximum (d) haben keinen physikalischen Bezug zum Rückstrom.
Warum schaltet man den Neutralleiter – wenn überhaupt – nur gemeinsam mit den Außenleitern?
- a) Damit die Außenleiter schneller abkühlen
- b) Weil ein allein aufgetrennter N bei aktiven Außenleitern zu gefährlicher Überspannung führen kann
- c) Weil der Neutralleiter sonst zu heiß wird
- d) Weil sonst der Schutzleiter Strom führt
Richtig: b)
Trennt man nur den N, bleiben die Außenleiter unter Spannung, der Rückweg fehlt – es droht Überspannung an den Verbrauchern. Mit Abkühlung (a) oder Erwärmung (c) hat das nichts zu tun, und der Schutzleiter (d) ist davon nicht betroffen.
Rein ohmsche Last: L1 = 21 A, L2 = 14 A, L3 = 7 A. Wie groß ist der Neutralleiterstrom?
- a) 42 A
- b) 7 A
- c) 0 A
- d) rund 12,1 A
Richtig: d)
I_N = Wurzel aus (441 + 196 + 49 − 294 − 98 − 147) = Wurzel aus 147 ≈ 12,12 A. 42 A (a) ist die Summe, 7 A (b) der kleinste Einzelstrom, 0 A (c) gälte nur bei Symmetrie.
Welche Aussage beschreibt die Doppelaufgabe des Neutralleiters richtig?
- a) Er führt Schutzfunktion und Rückleitung zugleich
- b) Er stellt die 230-V-Ebene bereit und dient als Rückleiter für einphasige Lasten
- c) Er ersetzt bei Bedarf einen ausgefallenen Außenleiter
- d) Er gleicht ausschließlich Oberschwingungen aus
Richtig: b)
Der Neutralleiter ermöglicht durch den Sternpunktbezug die 230-V-Ebene und führt den Rückstrom einphasiger Verbraucher. Schutzfunktion (a) ist Sache des PE, einen Außenleiter ersetzt er nicht (c), und der Oberschwingungstransport (d) ist eine Nebenfolge, nicht seine Aufgabe.
Glossar
- Neutralleiter (N)
- Mit dem Sternpunkt verbundener Betriebsleiter im Drehstromnetz; stellt die 230-V-Ebene bereit und führt den Rückstrom einphasiger Verbraucher.
- Sternpunkt
- Gemeinsamer Verbindungspunkt der drei Wicklungen in der Sternschaltung; Ausgangspunkt des Neutralleiters.
- Symmetrische Belastung
- Zustand, in dem alle drei Außenleiter gleich groß und gleichartig belastet sind; der Neutralleiterstrom ist dann null.
- Unsymmetrische Belastung
- Ungleiche Verteilung der Last auf die drei Außenleiter; im Neutralleiter fließt ein von null verschiedener Strom.
- Neutralleiterstrom (I_N)
- Strom, der bei Unsymmetrie über den Neutralleiter zum Sternpunkt zurückfließt; ergibt sich aus der geometrischen Addition der Außenleiterströme.
- Dritte Harmonische
- Oberschwingung mit dreifacher Netzfrequenz (150 Hz), die von nichtlinearen Lasten erzeugt wird und sich im Neutralleiter aufaddiert, statt sich auszulöschen.
