Anreißen, Körnen, Kennzeichnen
Jedes Werkstück beginnt als Rohling – ein Stück Blech, eine Stange, ein Gussteil. Bevor gebohrt, gesägt oder gefeilt wird, muss klar sein, wo welche Kontur hinkommt. Genau das leisten die ersten Handgriffe in der Werkstatt: anreißen, körnen, kennzeichnen. Sie übertragen die Zeichnung aufs Material und legen damit fest, wie genau das fertige Teil am Ende wird. Wer hier schlampt, holt den Fehler später nicht mehr ein.
Vorwissen
- Werkstoffeigenschaften: Festigkeit, Härte, Zähigkeit
- Längen- und Winkelmessmittel
- Normgerechte technische Zeichnung
Lernziele
Nach diesem Beitrag kannst du:
- erklären, warum vor der spanenden Bearbeitung angerissen wird und welche Rolle die Bezugskante dabei spielt
- die wichtigsten Anreißwerkzeuge benennen und situationsgerecht auswählen
- Parallelen, Senkrechte, Winkel und Lochbilder von einer Bezugskante aus anreißen
- erklären, wozu gekörnt wird, und einen Körner sicher und maßhaltig setzen
- die Verfahren zum dauerhaften und temporären Kennzeichnen unterscheiden und beurteilen, wann eine Schlagkennzeichnung unzulässig ist
1. Warum vor der Bearbeitung angerissen wird
Auf der technischen Zeichnung steht alles drauf: Maße, Bohrungen, Kanten. Auf dem Rohling steht nichts. Anreißen ist das Übertragen dieser Maße von der Zeichnung auf das Werkstück – mit feinen, gut sichtbaren Linien, die später als Begrenzung beim Sägen, Feilen oder Bohren dienen.
Der entscheidende Punkt ist die Bezugskante. Alle Maße einer Zeichnung beziehen sich auf einen Ausgangspunkt oder eine Ausgangsfläche. Beim Anreißen wählt man dieselbe Kante oder Fläche als Bezug und misst von dort aus an. Würde man jedes Maß von einer anderen Stelle aus antragen, summieren sich kleine Ungenauigkeiten auf und das Lochbild sitzt schief.
Eine saubere Bezugskante ist deshalb Voraussetzung. Bei einem Rohling, dessen Kanten noch krumm oder gratig sind, wird zuerst eine Fläche und eine Kante bearbeitet – die werden zur Bezugsfläche und Bezugskante, von der aus alles Weitere angerissen wird.
Die Reihenfolge im Fertigungsablauf ist fast immer dieselbe: Werkstück säubern, Bezugskante festlegen, anreißen, körnen, dann erst trennen oder bohren. Das Anreißen ist also kein Selbstzweck, sondern die Vorarbeit, die über die Maßhaltigkeit des fertigen Teils entscheidet.
Eine rechteckige Platte soll mit mehreren Bohrungen versehen werden. Warum trägt man alle Lochabstände von ein und derselben Kante aus an, statt jeweils vom zuletzt angerissenen Loch?
- a) Weil sich beim Antragen von Loch zu Loch die Einzelfehler aufsummieren
- b) Weil das schneller geht
- c) Weil die Reißnadel sonst stumpf wird
- d) Weil die Zeichnung das vorschreibt
Richtig: a)
Wird von Punkt zu Punkt gemessen (Kettenmaß durch Anreißen), addiert sich jede kleine Ungenauigkeit. Vom gemeinsamen Bezug aus (Parallelmaß) bleibt jeder Einzelfehler für sich und pflanzt sich nicht fort. b und c sind sachfremd, d ist nicht der eigentliche Grund.
Der Rohling hat noch keine saubere, gerade Kante. Was ist die richtige Reihenfolge?
- a) Sofort anreißen, Kante stört nicht
- b) Erst alle Bohrungen setzen, dann die Kante bearbeiten
- c) Zuerst eine Bezugskante bearbeiten, dann von dieser aus anreißen
- d) Von der gegenüberliegenden Rohkante aus anreißen
Richtig: c)
Ohne saubere Bezugskante gibt es keinen verlässlichen Ausgangspunkt. Deshalb wird zuerst eine Kante bearbeitet, die dann als Bezug dient. a und d führen zu krummen Maßen, b kehrt die sinnvolle Reihenfolge um.
2. Anreißwerkzeuge und ihr Einsatz
Zum Anreißen gehört eine überschaubare, aber präzise Werkzeuggruppe.
Die Reißnadel ist das wichtigste Werkzeug: ein gehärteter Stahlstift mit feiner Spitze, der die Linie als feine Ritzspur ins Material zieht. Sie wird leicht geneigt und an einem Lineal oder Winkel entlanggeführt. Reißnadeln gibt es in unterschiedlichen Ausführungen je nach Werkstoffhärte – für übliche Stähle und Buntmetalle genügt eine Spitze aus Werkzeugstahl, für gehärtete oder sehr harte Oberflächen kommt eine Hartmetallspitze zum Einsatz. Wer mit der falschen Paarung arbeitet, ruiniert entweder die Spitze oder bekommt keine saubere Linie.
Der Reißzirkel überträgt Maße und reißt Kreise und Bögen an. Eine Spitze sitzt im Mittelpunkt, die andere zieht die Kreislinie. Für das Antragen gleicher Abstände – etwa bei einer Lochreihe – ist er ebenfalls praktisch.
Der Anreißwinkel dient zum Anreißen rechtwinkliger Linien zur Bezugskante. Er wird mit dem Anschlag an die Bezugskante gelegt, die Reißnadel läuft an der Schenkelkante entlang. Für veränderliche Winkel gibt es die verstellbare Schmiege (auch Stellwinkel genannt): Ihr Schenkel lässt sich auf einen beliebigen Winkel einstellen und feststellen, sodass sich auch schräge Linien sauber anreißen lassen.
Das Streichmaß reißt Linien parallel zu einer Kante an. Der Anschlag gleitet an der Bezugskante, die Reißnadel oder der Reißstift trägt die Parallele in konstantem Abstand auf.
Für genaues Arbeiten auf der Anreißplatte kommt der Höhenreißer (Parallelreißer) zum Einsatz. Er steht auf der ebenen Platte, seine Reißnadel lässt sich in der Höhe einstellen und über eine Skala ablesen. So werden waagrechte Linien in exakt definierter Höhe über der Platte angerissen.
Damit feine Ritzlinien überhaupt sichtbar sind, wird die Oberfläche vorher mit Anreißfarbe (Tuschierfarbe) dünn eingestrichen. Die Reißnadel kratzt die Farbe weg, die Linie hebt sich kontrastreich vom gefärbten Untergrund ab. Auf blankem Metall wäre eine feine Ritzspur kaum zu erkennen.
Eine gehärtete Stahloberfläche soll angerissen werden. Welche Reißnadel is geeignet?
- a) Eine Reißnadel mit Werkzeugstahlspitze
- b) Jede Reißnadel, die Härte spielt keine Rolle
- c) Eine Reißnadel mit Hartmetallspitze
- d) Ein einfacher Bleistift
Richtig: c)
An gehärtetem Stahl versagt eine Werkzeugstahlspitze – sie wird stumpf oder ritzt nicht. Die Hartmetallspitze ist härter als die Oberfläche und zieht eine saubere Linie. b ignoriert das Werkstoffproblem, d hinterlässt keine dauerhafte Ritzlinie.
Wozu dient das Streichmaß beim Anreißen?
- a) Zum Anreißen von Linien parallel zur Bezugskante
- b) Zum Setzen von Körnerpunkten
- c) Zum Anreißen von Kreisen
- d) Zum Messen von Winkeln
Richtig: a)
Der Anschlag des Streichmaßes gleitet an der Kante, die Nadel trägt eine Parallele in festem Abstand auf. Kreise reißt der Zirkel (c), Körnen ist ein anderer Arbeitsgang (b), Winkel misst man mit anderen Mitteln (d).
Warum wird die Werkstückoberfläche vor dem Anreißen oft mit Tuschierfarbe eingestrichen?
- a) Zum Schutz vor Korrosion während der Bearbeitung
- b) Damit die Reißnadel besser gleitet
- c) Um die Oberfläche zu härten
- d) Damit die feine Ritzlinie kontrastreich sichtbar wird
Richtig: d)
Auf blankem Metall verschwindet eine feine Ritzspur im Glanz. Die Reißnadel kratzt die Farbe weg, die Linie wird gut sichtbar. Korrosionsschutz (a) ist nicht der Zweck, die Farbe verändert weder Gleitverhalten (b) noch Härte (c) nennenswert.
3. Anreißtechniken in der Praxis
Mit den Werkzeugen aus Kapitel 2 lassen sich alle gängigen Konturen anreißen – wenn man systematisch vorgeht.
Parallelen werden mit dem Streichmaß oder dem Höhenreißer angerissen. Anschlag an die Bezugskante, Abstand einstellen, durchziehen. Für mehrere Parallelen wird der Abstand jeweils neu von der Bezugskante aus eingestellt, nicht von der zuletzt gezogenen Linie.
Senkrechte zur Bezugskante entstehen mit dem Anreißwinkel: Anschlag an die Kante, Linie an der Schenkelkante entlang ziehen.
Winkel, die nicht 90° betragen, werden mit der verstellbaren Schmiege übertragen. Der gewünschte Winkel wird – etwa von der Zeichnung oder einem Gradmesser – auf die Schmiege übertragen, festgestellt und dann auf das Werkstück angerissen.
Kreise und Bögen zieht der Reißzirkel um einen vorher festgelegten Mittelpunkt. Dieser Mittelpunkt wird angerissen und – damit der Zirkel nicht verrutscht – leicht gekörnt, bevor der Kreis gezogen wird.
Lochbilder sind der häufigste und fehleranfälligste Fall. Hier zahlt sich das konsequente Arbeiten von der Bezugskante aus. Man reißt zunächst alle waagrechten und senkrechten Bezugslinien an, die Schnittpunkte ergeben die Lochmittelpunkte.
Zur Veranschaulichung, wie ein Lochbild von zwei Bezugskanten aus konstruiert wird:
Die Lochmittelpunkte sitzen dort, wo sich die von den Bezugskanten aus angerissenen Linien kreuzen. Jeder Abstand (a, b, c, d) wird vom Bezug aus eingestellt – nie von Loch zu Loch.
Typische Fehlerquellen lauern dabei überall. Beim Ablesen am Lineal entsteht durch schräges Draufschauen der Parallaxefehler – das Auge muss senkrecht über der Markierung stehen. Eine zu stark geneigte oder doppelt gezogene Reißnadel hinterlässt eine verlaufene, breite Linie, deren Mitte nicht mehr eindeutig ist. Und wer den Winkel nicht fest an die Bezugskante drückt, reißt eine Linie, die nicht wirklich senkrecht steht.
Bei einem Lochbild mit vier Bohrungen liegt das letzte Loch sichtbar daneben, obwohl jeder Einzelabstand „gestimmt“ hat. Was ist die wahrscheinlichste Ursache?
- a) Im Kettenmaß angerissen, dadurch Fehleraddition
- b) Falsche Reißnadel verwendet
- c) Zu wenig Tuschierfarbe aufgetragen
- d) Der Reißzirkel war falsch eingestellt
Richtig: a)
Wenn jeder Abstand vom vorherigen Loch statt vom Bezug aus angetragen wird, summieren sich die kleinen Fehler bis zum letzten Loch auf. Die Werkzeugwahl (b), die Farbe (c) oder der Zirkel (d) erklären eine systematische Verschiebung in eine Richtung nicht.
Was bewirkt der Parallaxefehler beim Anreißen?
- a) Die Reißnadel verläuft seitlich
- b) Das Maß wird durch schräges Ablesen am Lineal falsch übertragen
- c) Die Tuschierfarbe trocknet ungleichmäßig
- d) Der Anreißwinkel verkantet
Richtig: b)
Parallaxe entsteht, wenn das Auge nicht senkrecht über der Markierung steht – die abgelesene Stelle weicht von der tatsächlichen ab. Mit der Reißnadel selbst (a), der Farbe (c) oder dem Winkel (d) hat das nichts zu tun.
Bevor ein Kreis mit dem Reißzirkel gezogen wird, sollte der Mittelpunkt
- a) mit Tuschierfarbe markiert werden
- b) gebohrt werden
- c) mit dem Streichmaß angerissen werden
- d) leicht angekörnt werden, damit die Zirkelspitze nicht verrutscht
Richtig: d)
Ein kleiner Körnerpunkt gibt der Zirkelspitze einen festen Sitz, sonst rutscht sie beim Drehen weg und der Kreis wird unrund. Farbe allein (a) hält die Spitze nicht, Bohren (b) kommt erst später, das Streichmaß (c) reißt Parallelen, keine Punkte.
4. Körnen – warum und wie
Eine angerissene Linie ist fein und verschwindet leicht – durch Handschweiß, beim Hantieren oder unter Kühlmittel. Vor allem aber rutscht ein Bohrer auf glatter Fläche weg, bevor er fasst. Beide Probleme löst das Körnen: Mit einem Körner – einem gehärteten Stahlstift mit kegeliger Spitze – wird per Hammerschlag eine kleine kegelige Vertiefung ins Material geschlagen.
Diese Vertiefung erfüllt zwei Aufgaben. Sie sichert die Anrisslinie dauerhaft, weil die Körnerpunkte auch dann noch sichtbar sind, wenn die Ritzlinie längst weg ist. Und sie zentriert den Bohrer: Die Bohrerspitze findet die Vertiefung und kann nicht mehr verlaufen.
Bei den Körnern unterscheidet man mehrere Bauarten. Der Ankörner (Vorkörner) hat eine spitzere Spitze von etwa 60° und setzt einen feinen Punkt genau auf die Linienkreuzung – ideal zum exakten Markieren. Der Zentrierkörner hat eine stumpfere Spitze von etwa 90° und schlägt die größere Vertiefung, die der Bohrer zum Zentrieren braucht. Oft wird zuerst fein angekörnt und dann nachgekörnt. Der Automatikkörner löst den Schlag über eine eingebaute Federmechanik selbst aus, wenn man ihn aufdrückt – kein Hammer nötig, gut für gleichmäßige Punkte in Serie.
Die Technik entscheidet über die Genauigkeit. Der Körner wird zunächst schräg angesetzt, damit man die Spitze exakt auf den Schnittpunkt der Anrisslinien einfädeln kann. Dann wird er aufgerichtet, bis er senkrecht steht, und mit einem kurzen, gezielten Hammerschlag getrieben. Steht der Körner schief, sitzt der Punkt neben der Linie und der Bohrer zieht später in die falsche Richtung. Bei langen Linien, die nur gesichert werden sollen, setzt man die Körnerpunkte in regelmäßigem Abstand – eng genug, dass die Linie auch ohne Ritzspur erkennbar bleibt.
Arbeitssicherheit und Werkzeugpflege dürfen hier nicht fehlen. Der Schlagkopf des Körners darf keinen Grat und keine ausgebrochenen Stellen haben. Mit der Zeit wölbt sich der Kopf durch die Hammerschläge pilzartig auf – dieser Bart kann beim nächsten Schlag absplittern und Verletzungen verursachen. Deshalb wird der Schlagkopf regelmäßig entgratet und nachgeschliffen. Der Hammer wird sicher geführt: fester Griff, Blick auf den Körner, kurze kontrollierte Schläge statt wuchtiger. Wer den Körner mit der haltenden Hand zu nah an der Schlagstelle umfasst, riskiert bei einem Fehlschlag Quetschungen.
Warum wird ein Bohransatz vor dem Bohren gekörnt?
- a) Damit die Bohrung größer wird
- b) Damit der Bohrer langsamer wird
- c) Damit die Bohrerspitze in der Vertiefung zentriert und nicht verläuft
- d) Damit die Anrissfarbe besser haftet
Richtig: c)
Die kegelige Vertiefung führt die Bohrerspitze und verhindert, dass sie auf der glatten Fläche wegrutscht. Den Durchmesser (a) oder die Drehzahl (b) beeinflusst der Körnerpunkt nicht, und mit der Farbhaftung (d) hat er nichts zu tun.
Welche Aussage zur Schlagtechnik beim Körnen ist korrekt?
- a) Der Körner wird von Anfang an senkrecht aufgesetzt
- b) Der Körner wird schräg angesetzt, eingefädelt und dann zum Schlag aufgerichtet
- c) Der Körner wird mit möglichst kräftigem Schlag getrieben
- d) Die Genauigkeit hängt nur vom Hammer ab
Richtig: b)
Das schräge Ansetzen erlaubt das exakte Treffen des Schnittpunkts, danach wird aufgerichtet und gezielt geschlagen. Sofort senkrecht (a) trifft man die Linie schlechter, ein Maximalschlag (c) erhöht nur die Fehlerfolgen, und die Genauigkeit liegt vor allem an der Ansetztechnik, nicht am Hammer (d).
Der Schlagkopf eines lange benutzten Körners hat sich pilzartig aufgeworfen. Warum ist das ein Sicherheitsproblem?
- a) Der Körner wird dadurch zu schwer
- b) Die Spitze wird dadurch stumpf
- c) Abgesplitterte Gratstücke können beim Schlag wegfliegen und verletzen
- d) Der Körner rostet schneller
Richtig: c)
Der aufgeworfene Bart ist sprödes, kaltverfestigtes Material, das beim nächsten Schlag absplittern und herumfliegen kann. Das Gewicht (a), die Spitze (b) und Korrosion (d) sind nicht das Sicherheitsthema – die Splittergefahr ist es.
Was ist der Vorteil eines Automatikkörners gegenüber dem klassischen Körner?
- a) Er setzt tiefere Vertiefungen als jeder andere Körner
- b) Er funktioniert nur an gehärtetem Stahl
- c) Er ersetzt die Reißnadel
- d) Er löst den Schlag über eine Feder aus und braucht keinen Hammer
Richtig: d)
Die eingebaute Federmechanik löst beim Aufdrücken selbst aus – das ermöglicht einhändiges Arbeiten ohne Hammer. Eine grundsätzlich tiefere Vertiefung (a) ergibt sich nicht, die Werkstoffbindung (b) ist falsch, und mit dem Anreißen (c) hat er nichts zu tun.
5. Kennzeichnen von Werkstücken
Fertige oder halbfertige Teile müssen oft beschriftet werden – mit Teilenummern, Materialangaben, Stückzählern oder Prüfvermerken. Je nachdem, ob die Kennzeichnung dauerhaft halten oder nur vorübergehend dienen soll, kommen verschiedene Verfahren infrage.
Zur dauerhaften Kennzeichnung gehören Schlagstempel, Gravur und Ritzen. Schlagzahlen und Schlagbuchstaben sind gehärtete Stempel, die mit dem Hammer ins Material getrieben werden – schnell, robust, gut lesbar. Gravieren trägt Material mit einem Stichel oder maschinell ab und eignet sich für feine, präzise Beschriftungen. Ritzen mit der Reißnadel ist die einfachste Form, hält aber nur bei oberflächlicher Beanspruchung.
Zur temporären Kennzeichnung dienen Markierstifte und Lackstifte. Sie sind schnell aufgebracht und wieder entfernbar, eignen sich für Zwischenschritte, Sortiermarkierungen oder Hinweise, die nach der Bearbeitung verschwinden dürfen. Auf öligen oder rauen Flächen halten sie allerdings schlecht.
Die Wahl des Kennzeichnungsverfahrens hängt primär von der späteren Bauteilbelastung ab. Schlagstempel verdrängen Material und erzeugen eine Kerbe – und genau diese Kerbe ist an mechanisch beanspruchten Bauteilen gefährlich. An einer Stelle, die unter Zug-, Biege- oder Wechselbelastung steht, wirkt die Kerbe als Spannungserhöhung (Kerbwirkung). Von dort können Haarrisse ausgehen, die sich unter wechselnder Last zum Dauerbruch ausweiten. Deshalb dürfen hochbeanspruchte Bauteile – etwa Achsen, Wellen oder Federn – an den belasteten Querschnitten nicht mit Schlagstempeln gekennzeichnet werden. Wo eine dauerhafte Kennzeichnung an solchen Teilen nötig ist, wählt man kerbarme Verfahren wie das Gravieren mit geringer Tiefe oder bringt die Kennzeichnung an einer unbelasteten Stelle an.
Kennzeichnen ist also nicht nur „Schrift draufschlagen“, sondern eine Entscheidung, die Werkstoff und Belastung des Bauteils berücksichtigt.
Warum darf eine hochbeanspruchte Welle an ihrem tragenden Querschnitt nicht mit Schlagzahlen gekennzeichnet werden?
- a) Weil die Kerbwirkung Haarrisse begünstigt, die zum Dauerbruch führen können
- b) Weil die Schlagzahlen sonst unleserlich werden
- c) Weil die Welle dadurch zu schwer wird
- d) Weil Schlagstempel an Stahl grundsätzlich nicht halten
Richtig: a)
Der Stempel erzeugt eine Kerbe, an der sich unter Wechselbelastung die Spannung erhöht – Ausgangspunkt für Risse und Dauerbruch. Die Lesbarkeit (b), das Gewicht (c) und eine angebliche Nichthaftung (d) sind nicht der Grund.
Welches Verfahren eignet sich für eine vorübergehende Sortiermarkierung, die nach der Bearbeitung verschwinden darf?
- a) Schlagbuchstaben
- b) Tiefe Gravur
- c) Lackstift
- d) Körnerpunkte
Richtig: c)
Der Lackstift ist schnell aufgebracht und wieder entfernbar – ideal für temporäre Markierungen. Schlagbuchstaben (a) und Gravur (b) sind dauerhaft, Körnerpunkte (d) dienen dem Bohren, nicht dem Beschriften.
An einem belasteten Bauteil ist trotzdem eine dauerhafte Kennzeichnung gefordert. Welche Lösung ist am sinnvollsten?
- a) Tiefe Schlagstempel am tragenden Querschnitt
- b) Kennzeichnung an einer unbelasteten Stelle oder kerbarmes Gravieren
- c) Auf jede Kennzeichnung verzichten
- d) Mit der Reißnadel tief einritzen
Richtig: b)
Die Kennzeichnung wird dorthin verlegt, wo sie die Festigkeit nicht gefährdet, oder mit einem kerbarmen Verfahren ausgeführt. Tiefe Stempel am Querschnitt (a) sind genau das Problem, ein Verzicht (c) erfüllt die Anforderung nicht, tiefes Ritzen (d) erzeugt ebenfalls eine Kerbe.
Abschlusstest
Frage 1: Ein Werkstück mit fünf Bohrungen in einer Reihe wird angerissen. Welches Vorgehen vermeidet die Fehleraddition?
- a) Jeden Abstand vom gemeinsamen Bezug aus antragen
- b) Jeden Abstand vom vorherigen Loch antragen
- c) Nur das erste und letzte Loch genau anreißen
- d) Die Löcher gleichmäßig nach Augenmaß verteilen
Richtig: a)
Vom gemeinsamen Bezug aus (Parallelmaß) bleibt jeder Einzelfehler isoliert. Beim Antragen von Loch zu Loch (b) summieren sich die Fehler. c und d sind ungenau und unsystematisch.
Frage 2: Welche Eigenschaft macht die Hartmetall-Reißnadel an gehärtetem Stahl notwendig?
- a) Ihr geringes Gewicht
- b) Ihre höhere Härte als die zu ritzende Oberfläche
- c) Ihre Rostfreiheit
- d) Ihre Flexibilität
Richtig: b)
Nur ein Werkstoff, der härter ist als die Oberfläche, ritzt eine saubere Linie. Gewicht (a), Rostfreiheit (c) und Flexibilität (d) sind dafür unerheblich.
Frage 3: Der Höhenreißer wird wofür eingesetzt?
- a) Zum Setzen von Körnerpunkten
- b) Zum Messen von Bohrungsdurchmessern
- c) Zum Gravieren von Kennzeichnungen
- d) Zum maßgenauen Anreißen waagrechter Linien über der Anreißplatte
Richtig: d)
Der Höhenreißer steht auf der Anreißplatte und reißt Linien in einer einstellbaren, ablesbaren Höhe. Körnen (a), Durchmesser messen (b) und Gravieren (c) sind andere Vorgänge.
Frage 4: Wozu dient die Tuschierfarbe beim Anreißen?
- a) Sie härtet die Oberfläche
- b) Sie macht die feine Ritzlinie kontrastreich sichtbar
- c) Sie schmiert die Reißnadel
- d) Sie verhindert das Verlaufen des Bohrers
Richtig: b)
Die weggekratzte Farbe hebt die Linie vom gefärbten Untergrund ab. Härten (a), Schmieren (c) und Bohrerführung (d) leistet sie nicht – Letzteres ist Aufgabe des Körnerpunkts.
Frage 5: Welche Spitzenwinkel sind für Ankörner und Zentrierkörner typisch?
- a) Ankörner ≈60°, Zentrierkörner ≈90°
- b) Beide etwa 30°
- c) Ankörner ≈90°, Zentrierkörner ≈60°
- d) Beide etwa 120°
Richtig: a)
Der Ankörner ist mit rund 60° spitzer und markiert fein, der Zentrierkörner mit rund 90° stumpfer und schlägt die Bohr-Vertiefung. Die übrigen Kombinationen sind falsch herum oder unrealistisch.
Frage 6: Beim Setzen eines Körnerpunkts auf eine Linienkreuzung – warum setzt man den Körner zuerst schräg an?
- a) Damit der Hammer besser trifft
- b) Damit die Vertiefung größer wird
- c) Um die Spitze exakt auf den Schnittpunkt einfädeln zu können
- d) Weil senkrechtes Ansetzen den Körner beschädigt
Richtig: c)
Schräg sieht man die Spitze und kann sie exakt auf den Punkt setzen, dann wird aufgerichtet und geschlagen. Der Hammerschlag (a), die Größe (b) und ein angeblicher Werkzeugschaden (d) sind nicht der Grund.
Frage 7: Der pilzartig aufgeworfene Schlagkopf eines Körners ist gefährlich, weil
- a) er das Werkstück verkratzt
- b) der Körner dadurch leitfähig wird
- c) die Spitze dadurch zu lang wird
- d) absplitternde Gratteile wegfliegen und verletzen können
Richtig: d)
Der kaltverfestigte Bart kann beim Schlag absplittern und herumfliegen. Kratzer (a), Leitfähigkeit (b) und Spitzenlänge (c) sind nicht das Problem.
Frage 8: Eine Antriebswelle soll dauerhaft gekennzeichnet werden. Welche Stelle ist geeignet?
- a) Mittig am tragenden Querschnitt mit tiefem Schlagstempel
- b) An der unbelasteten Stirnseite oder einem unbelasteten Absatz
- c) An der Stelle mit der höchsten Biegebeanspruchung
- d) Egal, Schlagstempel sind immer unbedenklich
Richtig: b)
Die Kennzeichnung gehört an eine Stelle ohne nennenswerte Belastung, um Kerbwirkung am tragenden Querschnitt zu vermeiden. a und c platzieren die Kerbe genau dort, wo sie schadet, d verkennt die Kerbgefahr.
Frage 9: Warum verschwindet eine reine Anrisslinie im Lauf der Bearbeitung leichter als ein Körnerpunkt?
- a) Weil die Ritzlinie nur oberflächlich ist und durch Handhabung oder Kühlmittel verwischt
- b) Weil der Körnerpunkt aus Farbe besteht
- c) Weil Ritzlinien nicht ins Metall gehen
- d) Weil Körnerpunkte nachleuchten
Richtig: a)
Die feine Ritzspur ist nur oberflächlich und wird leicht überdeckt, während die kegelige Körnervertiefung dauerhaft bleibt. b, c und d beschreiben die Körnung falsch.
Frage 10: Welche Reihenfolge im Fertigungsablauf ist korrekt?
- a) Bohren, anreißen, körnen, säubern
- b) Anreißen, bohren, körnen, säubern
- c) Säubern, Bezugskante festlegen, anreißen, körnen, bohren
- d) Körnen, anreißen, säubern, bohren
Richtig: c)
Erst wird gesäubert und der Bezug festgelegt, dann angerissen, gekörnt und zuletzt bearbeitet. Alle anderen Reihenfolgen stellen die Vorarbeit hinter die Bearbeitung und ergeben keinen Sinn.
Frage 11: Ein Kreis soll mit dem Reißzirkel angerissen werden. Was geschieht zuerst mit dem Mittelpunkt?
- a) Er wird gebohrt
- b) Er wird mit Lackstift markiert
- c) Er wird mit dem Streichmaß angerissen
- d) Er wird leicht angekörnt, damit die Zirkelspitze hält
Richtig: d)
Ein feiner Körnerpunkt gibt der Zirkelspitze festen Halt. Bohren (a) kommt später, ein Lackstift (b) hält die Spitze nicht, das Streichmaß (c) reißt keine Punkte.
Frage 12: Welche Aussage zum Anreißen von Winkeln ist korrekt?
- a) Schräge Winkel werden mit dem Streichmaß angerissen
- b) Rechte Winkel kommen vom Anreißwinkel, schräge von der verstellbaren Schmiege
- c) Alle Winkel werden mit dem Reißzirkel angerissen
- d) Winkel reißt man grundsätzlich nach Augenmaß an
Richtig: b)
Der Anreißwinkel liefert die 90°-Linie, die Schmiege lässt sich auf beliebige Winkel einstellen. Das Streichmaß (a) reißt Parallelen, der Zirkel (c) Kreise, Augenmaß (d) ist unzulässig ungenau.
Glossar
- Anreißen
- Übertragen der Maße einer technischen Zeichnung auf das Werkstück durch feine Ritzlinien als Begrenzung für die spätere Bearbeitung.
- Bezugskante
- Kante oder Fläche am Werkstück, von der aus alle Maße angetragen werden, um Fehleraddition zu vermeiden.
- Reißnadel
- Gehärteter Stahlstift mit feiner Spitze zum Ziehen der Anrisslinie; mit Werkzeugstahl- oder Hartmetallspitze je nach Werkstoffhärte.
- Schmiege
- Verstellbarer Winkel (Stellwinkel), dessen Schenkel auf einen beliebigen Winkel eingestellt und festgestellt werden kann.
- Streichmaß
- Werkzeug zum Anreißen von Linien parallel zur Bezugskante; der Anschlag gleitet an der Kante entlang.
- Höhenreißer
- Auf der Anreißplatte stehendes Gerät, das waagrechte Linien in einer einstellbaren, ablesbaren Höhe anreißt.
- Tuschierfarbe
- Dünn aufgetragene Anreißfarbe, die feine Ritzlinien kontrastreich sichtbar macht.
- Parallaxefehler
- Ablesefehler durch schräges Draufschauen auf eine Skala; das Maß wird dadurch falsch übertragen.
- Körnen
- Einschlagen einer kegeligen Vertiefung mit dem Körner, um die Anrisslinie zu sichern und den Bohrer zu zentrieren.
- Ankörner
- Körner mit spitzer Spitze (≈60°) zum feinen, exakten Markieren der Linienkreuzung.
- Zentrierkörner
- Körner mit stumpferer Spitze (≈90°), der die Vertiefung zum Zentrieren des Bohrers schlägt.
- Automatikkörner
- Körner, der den Schlag über eine Federmechanik selbst auslöst und ohne Hammer auskommt.
- Kerbwirkung
- Spannungserhöhung an einer Kerbe (z. B. durch Schlagstempel), die an beanspruchten Bauteilen Haarrisse und Dauerbruch begünstigen kann.
